{"id":1873,"date":"2023-04-22T09:34:42","date_gmt":"2023-04-22T09:34:42","guid":{"rendered":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=1873"},"modified":"2023-04-22T09:34:43","modified_gmt":"2023-04-22T09:34:43","slug":"david-cranz-geschichte-der-evangelischen-bruedergemeinen-in-schlesien-insonderheit-der-gemeinde-zu-gnadenfrei","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=1873","title":{"rendered":"David Cranz: Geschichte der evangelischen Br\u00fcdergemeinen in Schlesien, insonderheit der Gemeinde zu Gnadenfrei"},"content":{"rendered":"\n<p>David Cranz: <em>Geschichte der evangelischen Br\u00fcdergemeinen in Schlesien, insonderheit der Gemeinde zu Gnadenfrei. Eine historisch-kritische Edition<\/em>, hg. von Dietrich Meyer, Neuere Forschungen zur schlesischen Geschichte 29, K\u00f6ln\/Wien: B\u00f6hlau, 2021, geb., 422\u00a0S., \u20ac\u00a070,\u2013, ISBN <a href=\"https:\/\/www.vandenhoeck-ruprecht-verlage.com\/themen-entdecken\/theologie-und-religion\/kirchengeschichte\/56589\/geschichte-der-evangelischen-bruedergemeinen-in-schlesien-insonderheit-der-gemeinde-zu-gnadenfrei\" data-type=\"URL\" data-id=\"https:\/\/www.vandenhoeck-ruprecht-verlage.com\/themen-entdecken\/theologie-und-religion\/kirchengeschichte\/56589\/geschichte-der-evangelischen-bruedergemeinen-in-schlesien-insonderheit-der-gemeinde-zu-gnadenfrei\">978-3-412-52261-2<\/a><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p>Die vorliegende Ver\u00f6ffentlichung ist nach Inhalt, Darstellungsweise und Gestalt von herausragender Qualit\u00e4t. Das gilt sowohl im Hinblick auf die \u201eGeschichte der evangelischen Br\u00fcdergemeinen in Schlesien\u201c von David Cranz selbst als auch f\u00fcr die Einleitung von Dietrich Meyer wie auch f\u00fcr dessen editorische Aufarbeitung. Dem Verlag geb\u00fchrt Dank, einem inhaltlich herausragenden Werk die ihm geb\u00fchrende \u00e4u\u00dfere Gestalt gegeben zu haben. Ich h\u00e4tte mir lediglich zus\u00e4tzlich eine Karte Schlesiens gew\u00fcnscht, um besser die Lage der behandelten Br\u00fcdergemeinen vor Augen zu haben. (Dass auch ein Verzeichnis der im Buch enthaltenen Abbildungen fehlt, sei nur am Rande angemerkt.) Dabei bin ich mir bewusst, dass aufgrund der grassierenden Geschichtsvergessenheit ein Buch \u00fcber die Kirchengeschichte Schlesiens, noch dazu mit dem Fokus auf die Geschichte der dortigen Herrnhuter Br\u00fcdergemeinen mit keinem gro\u00dfen Kreis von Leserinnen und Lesern rechnen kann \u2013 im Gegenteil. Umso gr\u00f6\u00dfer das Verdienst des Herausgebers, diesen wichtigen Teil der Geschichte der deutschen evangelischen Kirche und der Erneuerten Br\u00fcder-Unit\u00e4t der Vergessenheit entrissen zu haben. Die schlesischen Br\u00fcdergemeinen bildeten zahlenm\u00e4\u00dfig und von ihrer Finanzkraft her bis zum Zweiten Weltkrieg das R\u00fcckgrat der Herrnhuter Br\u00fcdergemeine in Deutschland. So hatten sie in finanzieller Hinsicht wesentlichen Anteil daran, dass die Br\u00fcder-Unit\u00e4t ihre weltweite Missionsarbeit, etwa auch in Deutsch-Ostafrika, durchf\u00fchren konnte. Im heutigen Tansania befinden sich mittlerweile die zahlenm\u00e4\u00dfig weltweit st\u00e4rksten Unit\u00e4tsprovinzen \u2013 \u00e4hnlich wie die lutherische Kirche Tansanias dicht davor steht, die gr\u00f6\u00dfte lutherische Kirche der Welt zu werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Das zu besprechende Buch gliedert sich in zwei Hauptteile: Eine ausf\u00fchrliche Einleitung des Herausgebers und die Edition der Geschichte der evangelischen Br\u00fcdergemeinen in Schlesien, die David Cranz von 1773 bis 1775 verfasst hat. Dabei enth\u00e4lt die Einleitung neben einem instruktiven Forschungs\u00fcberblick vor allem eine Darstellung von Leben und Werk des au\u00dferhalb der Br\u00fcdergemeine heute weithin unbekannten Cranz. \u201eAngaben zur Quelle\u201c, d.&nbsp;h. zum Buch von Cranz, schlie\u00dfen die Einleitung ab. Man merkt den editorischen Notizen Meyers an, dass er in das Buch sehr viel Arbeit investiert hat. Er erweist sich darin nicht nur als Kenner der br\u00fcderischen, sondern der schlesischen Kirchengeschichte insgesamt. Die Fu\u00dfnoten zum Text bieten viele hilfreiche Entschl\u00fcsselungen von Personen und Orten, die sonst unbekannt blieben. Dazu kommt ein ausf\u00fchrliches Quellen- und Literaturverzeichnis, das zur Weiterarbeit einl\u00e4dt. Abgerundet wird die Edition schlie\u00dflich durch ein \u00e4u\u00dferst hilfreiches Personen- und Ortsverzeichnis. Es bew\u00e4hrt sich etwa, wenn man wissen m\u00f6chte, an welchen Stellen in der Darstellung von Cranz \u00fcberall eine bestimmte schlesische Br\u00fcdergemeine n\u00e4her thematisiert wird. Hervorzuheben ist au\u00dferdem, dass die deutschen Namen zwar die Grundlage des Registers bilden, aber jeweils die polnischen (bzw. anderen) Namen in Klammern hinzugesetzt sind, und im Verzeichnis zus\u00e4tzlich die polnischen Namen aufgef\u00fchrt werden und von dort umgekehrt auf die Fundorte der deutschen Namen verwiesen wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Meyer arbeitet in seiner editorischen Einleitung zur Person von Cranz und zu seiner Konzeption von Geschichtsschreibung heraus, worum es ihm nicht anders als der Herrnhuter Br\u00fcdergemeine insgesamt im 18. Jh. in Schlesien gegangen ist: Menschen zum Glauben an Jesus Christus als den Heiland der S\u00fcnder einzuladen, dass wenigstens einige an allen Orten der Welt errettet werden. Dazu war Cranz bereit, jede Strapaze auf sich zu nehmen. Bemerkenswert ist bei dem studierten Theologen, der sein Studium in Halle an der Saale abgebrochen hatte, um es an der im Aufbau befindlichen Br\u00fcdergemein-Universit\u00e4t in der hessischen Wetterau fortzusetzen, das Verh\u00e4ltnis von schwacher Gesundheit und ungeheurer literarischer Produktivit\u00e4t (er hat neben der Geschichte der schlesischen Br\u00fcdergemeinen auch eine damals weit bekannt gewordene \u00fcber die Missionsarbeit der Br\u00fcder-Unit\u00e4t in Gr\u00f6nland verfasst). Die Erkl\u00e4rung k\u00f6nnte darin bestehen, dass er sich beim Schreiben schonen konnte \u2013 was k\u00f6rperliche und seelische Strapazen betraf. Au\u00dferdem ist deutlich, dass sein Herz weniger im Rahmen der Gemeindearbeit als bei der literarischen Produktion schlug. Eine wichtige Qualit\u00e4t der Einleitung von Meyer besteht darin, dass er sich darum bem\u00fcht, den Autor selbst sprechen zu lassen, seine Intensionen ernst zu nehmen und vor allem die besondere Form von \u2013 ich nenne sie einmal \u2013 geistlicher Geschichtsschreibung nicht von vornherein abzulehnen. Dadurch gelingt es dem Editor, deren Qualit\u00e4t vorurteilsfrei wahrzunehmen und herauszuarbeiten. Das hei\u00dft keineswegs, dass Meyer nicht auch Kritik an Cranz \u00fcben und Schw\u00e4chen seiner Darstellung thematisieren k\u00f6nnte. Der Editor zeigt, dass f\u00fcr das Werk von Cranz neben der besonderen Form br\u00fcderischer Geschichtsvorstellung seine umfassende Bildung und Beobachtungsgabe pr\u00e4gend waren. Nicht zuletzt befand Cranz sich mit seinem f\u00fcr ihn charakteristischen \u201egeschichtlichen Realismus\u201c auf der H\u00f6he der Anforderungen, die zu seiner Zeit an die Geschichtsschreibung gestellt wurden.<\/p>\n\n\n\n<p>Die \u201eGeschichte der evangelischen Br\u00fcdergemeinen in Schlesien\u201c von Cranz selbst umfasst zwei, unterschiedlich ausf\u00fchrliche Teile. Der erste Teil enth\u00e4lt in vier Artikeln eine kurzgefasste Geschichte des Protestantismus und der mit ihm verbundenen Erweckungen in Schlesien bis zur Gr\u00fcndung der ersten Br\u00fcdergemeine in den 1740er Jahren. Bekannterma\u00dfen war Schlesien durch die Reformation zum gro\u00dfen Teil evangelisch geworden. Obwohl das Land zu Habsburg geh\u00f6rte, hatten sie nicht vermocht, es durch die Gegenreformation zur\u00fcck zur r\u00f6misch-katholischen Kirche zu f\u00fchren. Das war letztlich durch das mehrfache Eingreifen des protestantischen Schweden verhindert worden. Aber erst durch die Eroberung Schlesiens durch Friedrich d.Gr. Anfang der 1740er Jahre war die Gefahr der Gegenreformation endg\u00fcltig gebannt. Im zweiten Teil wird in insgesamt f\u00fcnf Abschnitten die Geschichte der Br\u00fcdergemeinen von ihrer Gr\u00fcndung 1743 bis 1775 dokumentiert. Dabei sind besonders die Verhandlungen und Konfessionen aufschlussreich, die die Br\u00fcdergemeine bzw. Zinzendorf mit dem preu\u00dfischen K\u00f6nig im Zusammenhang mit der Ansiedlung der Br\u00fcder f\u00fchrten. Zwar wurde die Br\u00fcdergemeine als \u201eAugsburgische Konfessionsverwandte\u201c anerkannt, bildete aber in Preu\u00dfen \u2013 anders als in Sachsen \u2013 eine staatlich anerkannte Freikirche. Das war damals in Deutschland insgesamt ein absolutes Novum, aber passend zur Toleranzpolitik Friedrichs. Das Buch insgesamt zeigt nicht zuletzt, dass es neben Zinzendorf und seinem Nachfolger Spangenberg als den leitenden Personen in der Br\u00fcdergemeine \u2013 und gerade darin machte sie ihrem Namen alle Ehre \u2013 eine F\u00fclle weiterer hochbegabter und an die Sache hingegebener, dienstbereiter Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen gab. Ohne sie w\u00e4re das weltweite Wirken der Br\u00fcdergemeine nicht denkbar gewesen. Cranz\u2019 Lebenslauf offenbart \u00fcberdies, dass in der Br\u00fcder-Unit\u00e4t keineswegs ein nicht hinterfragbarer autorit\u00e4rer F\u00fchrungsstil den Ton angab. Einw\u00e4nde der Betroffenen gegen\u00fcber einer neuen Aufgabe wurden geh\u00f6rt und besondere Begabungen ber\u00fccksichtigt. Au\u00dferdem stellte die Befragung des Loses vor jeder endg\u00fcltigen Entscheidung als Stimme des auferstandenen Jesus Christus die un\u00fcberschreitbare Grenze jeder menschlichen Autorit\u00e4tsaus\u00fcbung in der Br\u00fcdergemeine dar.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p><em>Dr. Peter Zimmerling, Professor f\u00fcr Praktische Theologie am Institut f\u00fcr Praktische Theologie der Theologischen Fakult\u00e4t, Universit\u00e4t Leipzig<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>David Cranz: Geschichte der evangelischen Br\u00fcdergemeinen in Schlesien, insonderheit der Gemeinde zu Gnadenfrei. 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