{"id":1876,"date":"2023-04-22T09:36:21","date_gmt":"2023-04-22T09:36:21","guid":{"rendered":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=1876"},"modified":"2023-04-22T09:36:22","modified_gmt":"2023-04-22T09:36:22","slug":"stefan-michels-testes-veritatis","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=1876","title":{"rendered":"Stefan Michels: Testes veritatis"},"content":{"rendered":"\n<p>Stefan Michels: <em>Testes veritatis. Studien zur transformativen Entwicklung des Wahrheitszeugenkonzeptes in der Wittenberger Reformation<\/em>, Sp\u00e4tmittelalter, Humanismus, Reformation\u00a0129, T\u00fcbingen: Mohr Siebeck, 2022, Leinen, XI+561\u00a0S., \u20ac\u00a0139,\u2013, ISBN <a href=\"https:\/\/www.mohrsiebeck.com\/buch\/testes-veritatis-9783161615405?no_cache=1\" data-type=\"URL\" data-id=\"https:\/\/www.mohrsiebeck.com\/buch\/testes-veritatis-9783161615405?no_cache=1\">978-3-16-161540-5<\/a><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p>Martin Luther und die Wittenberger Reformatoren hatten schon in den ersten Jahren der reformatorischen Bewegung gegen den Vorwurf zu k\u00e4mpfen, Neues zu lehren. Eine Antwort auf diesen Vorwurf war es, unter den Theologen vorausgehender Jahrhunderte sog. Wahrheitszeugen zu suchen und sich in deren Sukzession zu verstehen. Stefan Michels, seit Oktober 2022 Professor f\u00fcr Kirchengeschichte am Fachbereich Evangelische Theologie der Universit\u00e4t Frankfurt a.&nbsp;M., legt mit der hier zu besprechenden Studie die \u00fcberarbeitete Fassung seiner 2020 an der Philipps-Universit\u00e4t Marburg eingereichten und von Wolf-Friedrich Sch\u00e4ufele betreuten Dissertation vor. Michels untersucht die Entwicklung des Konzepts von Wahrheitszeugen (<em>testes veritatis<\/em>) in der Wittenberger Reformation und verortet seine Untersuchung in den Transformationsprozessen vom Sp\u00e4tmittelalter zur Reformation und damit im aktuellen Diskurs der Reformationsforschung: \u201eDie Wittenberger Theologie l\u00e4sst sich als Transformation des \u00dcberkommenen lesen [&#8230;], als Neufindung ganzer historiographischer Diskurse\u201c (3). Michels identifiziert zu Recht den Wahrheitszeugendiskurs als eine \u201eder wohl bedeutendsten und einflussreichsten Meistererz\u00e4hlungen der Reformationszeit\u201c (3), die sich in vollendeter Form im 16. Jahrhundert in Matthias Flacius Illyricus\u2019 <em>Catalogus testium veritatis<\/em> findet. F\u00fcr Flacius waren Wahrheitszeugen \u201ealle jene Vertreter evangelischer Wahrheit, die bereits vor Luthers Auftreten gegen den r\u00f6mischen Antichrist zu Felde gezogen waren\u201c (3). Michels These ist, dass \u201edieser Diskurs nicht aus sich selbst herausgewachsen ist, sondern wiederum das Ergebnis langfristig laufender Transformationen in der Wittenberger Historiographie wie Ekklesiologie im Kontext der sie umgebenden Ereignisgeschichte war\u201c (3). Diese Entwicklung in der ersten und zweiten Generation der Wittenberger Reformatoren zeichnet Michels in der rund 500 Seiten starken Arbeit detailliert nach.<\/p>\n\n\n\n<p>Prolog und Epilog rahmen die sechs Kapitel der Studie, die den Bogen vom Wittenberger Augustinismus als Ausgangspunkt bis zu Matthias Flacius\u2019 <em>Catalogus<\/em> spannt. Im Prolog (1\u201311) sichtet der Verf. kritisch ausgew\u00e4hlte Studien zum Konzept der Wahrheitszeugen und benennt knapp sein Vorgehen. Leitend ist f\u00fcr ihn der Transformationsbegriff, der die \u201eDynamik historischen Geschehens ernst nimmt und versucht, ihm durch ein angemessenes Forschungsparadigma gerecht zu werden\u201c (10), und zu dem der Verf. bereits einen Sammelband ver\u00f6ffentlicht hat (mit V. Leppin, Reformation als Transformation?, 2022). Mit dem Begriff der Transformation steht gegen\u00fcber der Vorstellung eines Bruchs der Gedanke der Kontinuit\u00e4t und Modifizierung im Zentrum, und unter diesem Leitgedanken stellt der Verfasser die Formierung und Entwicklung des Wahrheitszeugenkonzepts vor.<\/p>\n\n\n\n<p>Anf\u00e4nge des Konzepts sieht Michels in der intensiven Augustinus-Rezeption in Wittenberg (Kap. 1; 13\u201331) und im Wirken Martin Luthers, der 1516 und 1518 die sp\u00e4tmittelalterliche Schrift <em>Theologia Deutsch <\/em>herausgab als \u201eBeginn einer konsequenten theologischen Selbsthistorisierung der reformatorischen Bewegung mit dem Ziel der Herausstreichung der eigenen Legitimit\u00e4t als wahre Kirche Christi\u201c (29f). Luther entdeckt anschlie\u00dfend die Texte von Jan Hus, findet sich damit in der Geschichte der Kirche wieder und \u2013 das stellt Michels stark heraus \u2013 kn\u00fcpft in seiner Ekklesiologie an Jan Hus und dessen Lehre vom Papsttum als Antichrist (\u201eAntichristologie\u201c) an (Kap. 2; 33\u2013171). Luther eignet sich in einem mehrstufigen Prozess zwischen Ende 1518 und Mitte 1520 Jan Hus als Vorl\u00e4ufer-Figur an. Er kritisiert die zeitgen\u00f6ssische Ekklesiologie, indem er sich auf Hus beruft, der sich f\u00fcr ihn \u201evom Vorl\u00e4ufer zur prophetischen Gestalt\u201c (140) wandelt. Das f\u00fchrt, so Michels, zu \u201eTransformationen in der Ekklesiologie Luthers\u201c (141), zu einer ekklesiologischen Fokussierung und eschatologisch-historiographischen Strukturierung (140f). In diesem zweiten, mit rund 140 Seiten umfangreichsten Kapitel der Arbeit erschlie\u00dft Michels detailliert die Grundlagen des Wahrheitszeugendiskurses bei Luther, um von hier aus in den Kapiteln 4 bis 6 dessen Weiterentwicklung in den Blick zu nehmen.<\/p>\n\n\n\n<p>So untersucht er in Kapitel 3 (173\u2013205) die Herausgabe von Schriften von Vorl\u00e4ufern, wie z.\u00a0B. Jan Hus, Savonarola oder John Wycliff, durch die Wittenberger Reformatoren in den 1520er Jahren. Im ebenfalls umfangreichen 4. Kapitel (207\u2013348) zeigt er die \u201eTransformation eines Konzeptes reformatorischer Selbsthistorisierung\u201c (348) bei Philipp Melanchthon, der ein \u201eSchl\u00fcsselkonzept von Kirchen-Geschichte\u201c (211) entwickelte und damit die reformatorische Geschichtsschreibung formte. Die beiden letzten Kapitel sind der Fortf\u00fchrung des Wahrheitszeugenkonzepts bei den Melanchthon-Sch\u00fclern Georg Major und Matthias Flacius Illyricus gewidmet. Ersterer (Kap. 5; 349\u2013388) f\u00fchrt Melanchthons Vorstellung von Zeugen der reinen Lehre, die es durch alle Zeiten gab, fort \u2013 \u201eeine weitere Transformationsstufe aufgrund einer sich intensivierenden Ber\u00fccksichtigung des theologischen Mittelalters\u201c (388). Der <em>Catalogus testium veritatis<\/em> (1556) von Flacius (Kap. 6; 389\u2013482) bildet schlie\u00dflich \u201eSchluss- und zugleich den H\u00f6hepunkt des Wahrheitszeugendiskurses in der Reformationszeit\u201c (480) und ist das \u201eErgebnis eines l\u00e4ngeren Transformationsprozesses innerhalb der Wittenberger Theologie\u201c (480). Flacius verwendet als erster \u201edie Wendung \u201atestes veritatis\u2018 in programmatischer Hinsicht\u201c (450) und Michels analysiert den <em>Catalogus<\/em> exemplarisch in der Perspektive von Ekklesiologie und Antichrist-Lehre. Im Epilog (483\u2013488) fasst Michels die Ergebnisse seiner Studie in 12 Punkten zusammen und ordnet die Studie in eine, u.\u00a0a. von Heiko A. Oberman gepr\u00e4gte, \u201eprozesshermeneutisch orientierte Forschung\u201c (487) ein. Die Bibliographie (489\u2013547) ist einschl\u00e4gig; Bibelstellen-, Namen- und Ortsregister (549\u2013561) bilden den Abschluss der Arbeit. Die Grundthese von Michels, die allm\u00e4hliche Entwicklung des Wahrheitszeugen-Konzepts, ist \u00fcberzeugend. Dass er dabei den Wahrheitszeugendiskurs in dreifacher Perspektive verfolgt, in seinem zeitgen\u00f6ssischen Entstehungs- und Bedingungskontext, als historiographisches Konzept sowie dezidiert als ekklesiologisches Konzept der Wittenberger Reformatoren, macht die Arbeit zugleich komplex wie verdienstvoll, arbeitet er doch durch die Kontextanalyse auch die Geschichte der lutherischen Reformation zwischen ca. 1516 und 1560 auf. Die Studie ist dabei nicht einfach umfangreich, sondern dicht und gehaltvoll. Das schlie\u00dft kleine Desiderate formaler und inhaltlicher Art nicht aus: Vereinzelt finden sich Stileigent\u00fcmlichkeiten (\u201eEntbergung\u201c, 33), einige Schreibfehler wurden \u00fcbersehen und eine st\u00e4rkere Gliederung der umfangreichen Kapitel w\u00e4re m\u00f6glich gewesen. Inhaltlich w\u00e4re an einzelnen Stellen zu diskutieren, ob diese Transformationen den Reformatoren bewusst und intendiert waren, ob sich z.\u00a0B. Martin Luther \u201eim Rahmen seines Ketzerprozesses auch inhaltlich neu erfinden musste\u201c (24)? Diese Kritik \u00e4ndert nichts am Verdienst der Studie: Sie greift eine relevante, bisher nicht n\u00e4her erforschte theologiegeschichtliche Fragestellung auf und verbindet Historiographie und Theologie der Wittenberger Reformation in einer positionsstarken und forschungsges\u00e4ttigten Darstellung, der viele Leser (mit reformationsgeschichtlichen Vorkenntnissen) zu w\u00fcnschen sind.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p><em>Dr. Ulrike Treusch, Professorin f\u00fcr Historische Theologie an der Freien Theologischen Hochschule Gie\u00dfen<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Stefan Michels: Testes veritatis. 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