{"id":1909,"date":"2023-04-22T10:06:44","date_gmt":"2023-04-22T10:06:44","guid":{"rendered":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=1909"},"modified":"2023-04-22T10:06:46","modified_gmt":"2023-04-22T10:06:46","slug":"klaus-berger-schweigen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=1909","title":{"rendered":"Klaus Berger: Schweigen"},"content":{"rendered":"\n<p>Klaus Berger: <em>Schweigen. Eine Theologie der Stille<\/em>, Freiburg \/ Basel \/ Wien: Herder, 2021, geb., 200\u00a0S., \u20ac\u00a022,\u2013, ISBN <a href=\"https:\/\/www.herder.de\/theologie-pastoral\/shop\/p2\/61238-schweigen-gebundene-ausgabe\/\" data-type=\"URL\" data-id=\"https:\/\/www.herder.de\/theologie-pastoral\/shop\/p2\/61238-schweigen-gebundene-ausgabe\/\">978-3-451-38740-1<\/a><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p>\u201eWenn das Wort Gottes im Zentrum der Religion steht, ist die Voraussetzung jeglichen Kontakts mit dem Himmel, dass der Mensch zuvor schweigt\u201c (21). So beginnt das kurz vor seinem Tode fertiggestellte B\u00fcchlein, mit dem Klaus Berger sein Lebensthema b\u00fcndelt. \u201eSchweigen\u201c, so war B. \u00fcberzeugt, \u201eist eine Art von Kommunikation\u201c, die gelernt sein will.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Werk bietet mannigfaltige Gedanken zu diesem Thema aus Antike und Orient, Bibelwissenschaft, Theologie, Geschichte, Spiritualit\u00e4t und Liturgie. Entsprechend stellt sich schon bei der Durchsicht des Inhaltsverzeichnisses eine gewisse \u00dcberforderung ein: Ausgehend von Husserls ph\u00e4nomenologischen Pr\u00e4missen und B.s eigener theologischer \u00dcberzeugung einer Spannung von g\u00f6ttlichem Wort und menschlichem Schweigen (9\u201317) beobachtet B. das Ph\u00e4nomen menschlichen Schweigens in Liturgie, Musik, monastischer und neutestamentlich-altkirchlicher Praxis nicht als Akzidenz, sondern als Essenz der Hingabe zu Gott (18\u201364). Auch in der Liturgie sei das Schweigen nicht einfach das Auslassen von Worten, sondern Teil der abh\u00e4ngig-bittenden Kommunikation mit Gott. Demgegen\u00fcber steht Gottes Schweigen (65\u201375), das besonders angesichts pers\u00f6nlichen Leids zur dr\u00f6hnenden Verborgenheit Gottes werden kann. Doch dieses Schweigen, das zu selten mit der Alten Kirche als Hoheit Gottes und eben nicht als Inaktivit\u00e4t Gottes verstanden wurde, ist eben das Wesen des freimachenden Heiligen Geistes und ging schon immer dem g\u00f6ttlichen Reden (und damit Tun) voraus und folgt auf es (76\u2013122). In dieses Schweigen stimmt der Mensch in der Sabbatstille ein (123\u2013137). Und letztlich steht auch in der Mitte der Nacht des anstehenden Weltendes und -gerichts das gro\u00dfe Schweigen der Kreatur vor Gott in seiner Pracht, das bleiben wird als stille Anbetung Gottes bis in alle Ewigkeit in den himmlischen Sph\u00e4ren (138\u2013147). Den Abschluss dieser heils-, religions- und liturgiegeschichtlichen <em>tour de force<\/em> bildet ein Kapitel zur Korrelation von Schweigen, Geheimnis und Offenbarung (148\u2013185). B. endet mit einem praktisch-theologisch ertragreichen R\u00fcck- und Ausblick zur Bedeutung des Schweigens und der Stille der Kirche (186\u2013189).<\/p>\n\n\n\n<p>Als theologisch arbeitender Historiker in religionswissenschaftlich-komparativer Perspektive beh\u00e4lt B. sein Grundanliegen einer nicht-konfessionellen Theologie der Stille stets im Blick. Keine relevante Quelle scheint dem Autor in seiner Arbeit nicht vor Augen gewesen: von den alten \u00c4gyptern \u00fcber die eigentlich bibelwissenschaftlichen Texte (die B. weiter fasst als unser Kanon) zu den Kirchenv\u00e4tern, der orthodoxen Tradition, den W\u00fcstenv\u00e4tern, der kl\u00f6sterlichen Praxis bis hin zur Liturgie-Topographie unserer Tage.<\/p>\n\n\n\n<p>Und doch findet sich in B.s Werk eine Reihe streitbarer Punkte: So behauptet B. im Sinne einer<em> theologia negativa<\/em>, man k\u00f6nne Gott ohnehin nur in dem korrekt beschreiben (jedoch nie fassen!), was er nicht sei. Dies ist allerdings schon weit vor den Reformatoren als mystizistisch abgelehnt worden. Bei aller lebenswirklichen Gr\u00f6\u00dfe des <em>Deus absconditus<\/em> ist es doch gerade der <em>Deus revelatus<\/em>, der das <em>Te Deum laudamus<\/em> sinnhaft f\u00fcllt. Wie sonst w\u00e4re das un\u00fcberh\u00f6rbare Reden Gottes im Sohn zu verstehen?<\/p>\n\n\n\n<p>Mit diesem Beispiel zeigt sich eine Grundtendenz in B.s Arbeit: Alles, ohne R\u00fccksicht auf Kanonizit\u00e4t, Religion, Geographie oder Epoche wird genommen, um dem Schweigen n\u00e4herzukommen. So tr\u00e4gt das Buch trotz seines recht stringenten Aufbaus stark assoziativen Charakter. Das f\u00fchrt bereits auf den ersten Seiten zu einer nicht unerheblichen Verwirrung im Dschungel von B.s kleiner Weltgeschichte des Schweigens. Au\u00dferdem f\u00e4llt auf, dass trotz der F\u00fclle und Breite an verarbeiteter Literatur keine Interaktion bspw. mit den Theorien des einflussreichen Soziologen Hartmut Rosa oder den systematischen \u00dcberlegungen Helmut Thielickes stattfindet. Anders als die gro\u00dfe Mehrheit der aktuellen popul\u00e4rwissenschaftlichen Werke zum Themenbereich Schweigen bietet B. auch in seinem letzten Buch Impulse f\u00fcr alle Disziplinen der Theologie. Insbesondere f\u00fcr die protestantische Zentralstellung des Wortes fordert B.s Arbeit eine radikale Neuorientierung unserer Denk- und Glaubensrealit\u00e4t: hin zum spannungsreichen Miteinander von actio <em>und<\/em> contemplatio, von Glauben <em>und<\/em> Warten, von Wort <em>und<\/em> Schweigen; eben so, wie es in Sch\u00f6pfung, Neusch\u00f6pfung und Vollendung immer war und ist (vgl. 92ff.). Nun sei theoretisch genug gesagt, konstatiert B. am Ende seines Werkes: \u201eUnd schweigen muss ich schon selber\u201c (189).<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p><em>Magnus Rabel, M.Th., Doktorand bei Prof. Dr. J\u00f6rg Frey am Lehrstuhl f\u00fcr neutestamentliche Wissenschaft an der Universit\u00e4t Z\u00fcrich<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Klaus Berger: Schweigen. 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