{"id":1935,"date":"2023-04-22T11:09:25","date_gmt":"2023-04-22T11:09:25","guid":{"rendered":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=1935"},"modified":"2023-04-22T11:09:27","modified_gmt":"2023-04-22T11:09:27","slug":"bruce-l-mccormack-the-humility-of-the-eternal-son","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=1935","title":{"rendered":"Bruce L. McCormack: The Humility of the Eternal Son"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Bruce L. McCormack: <em>The Humility of the Eternal Son. Reformed Kenoticism and the Repair of Chalcedon<\/em>, Current Isssues in Theology 18, Cambridge: University Press, 2021, geb., 316\u00a0S., \u20ac\u00a034,43, ISBN <a href=\"https:\/\/www.cambridge.org\/core\/books\/abs\/humility-of-the-eternal-son\/humility-of-the-eternal-son\/293D228F7A885CAE00BC6E9028F64BF0\" data-type=\"URL\" data-id=\"https:\/\/www.cambridge.org\/core\/books\/abs\/humility-of-the-eternal-son\/humility-of-the-eternal-son\/293D228F7A885CAE00BC6E9028F64BF0\">978-1-316-51829-8<\/a><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Mit dem vorliegenden <em>opus<\/em> <em>summo<\/em> fasst McCormack seine Arbeit der letzten 30 Jahre als Professor f\u00fcr Systematische Theologie (zuletzt am Princton Theological Seminary) zusammen. Es handelt sich hier um den ersten Band einer Trilogie. Diese beginnt mit der Christologie, worauf die Gotteslehre und schlie\u00dflich eine Abhandlung der S\u00fchne und Theodizee-Frage folgen werden (1). Er schlie\u00dft sich Karl Barth an und beginnt mit der \u00f6konomischen Trinit\u00e4t, um eine Aussage \u00fcber die Beziehung innerhalb der immanenten Trinit\u00e4t treffen zu k\u00f6nnen (2).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ziel seines Projektes ist es, eine christologisch basierte Ontologie zu konstruieren (6). Seine Vorgehensweise gliedert sich (I.) in eine kritische Auseinandersetzung mit der Dogmengeschichte, die sich (II.) am biblischen Befund messen muss und schlie\u00dflich (III.) in seine eigene Rekonstruktion m\u00fcndet. Die vorliegende Rezension konzentriert sich aufgrund der gro\u00dfen Dichte seines Werkes auf die Vorstellung des dritten Teils und endet mit einer kritischen W\u00fcrdigung.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wie der Untertitel schon suggeriert, will der Autor ma\u00dfgebliche Weichenstellungen im Konzil von Chalkedon auf ihre Orthodoxie hin \u00fcberpr\u00fcfen und \u201ereparieren\u201c. Dieser Aufbau macht deutlich, dass er sich als ein Gespr\u00e4chspartner mit der Tradition versteht. Seine produktivsten Quellen sind J\u00fcngel und Barth. Er greift aber \u00fcber die Konfessionsgrenze hinaus auf eine bemerkenswerte Zahl an Theologen zur\u00fcck (mehr als 20!), die ein \u00e4hnliches Problem wie er sahen, aber nicht weiterverfolgten (282). Dabei muss angemerkt werden, dass er von Johannes von Damaskus direkt zur Reformation kommt und somit ca. 1000 Jahre \u00fcberspringt. Es scheint, dass McCormack mit neuem Vokabular bzw. neuen Kategorien wie \u201ePerson\u201c oder \u201eIdentit\u00e4t\u201c auf die Verschiebung der dogmatischen Frage in der Christologie Ende des 19. Jahrhunderts von \u201e<em>was<\/em> ist Jesus?\u201c zu \u201e<em>wer<\/em> ist Jesus?\u201c antworten will. In seiner Auseinandersetzung mit der Dogmengeschichte wird deutlich, dass er das Schriftzeugnis und die zweite Person der Trinit\u00e4t f\u00fcr heutige Christenmenschen besser verst\u00e4ndlich machen m\u00f6chte. Er hinterfragt sodann die Geschichte in post-kantianischer Manier, ohne dabei nur als Modernist aufzutreten. Ihm geht es um eine konstruktive Auseinandersetzung, sodass er sich am Ende selbst in der Geschichte verortet (276\u2013282).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die leitende Frage des Buches lautet, ob auf den ewigen <em>logos<\/em> eingewirkt werden kann, wie auf Jesus von Nazareth eingewirkt wurde (5). Dahinter steht die Diskussion der Lehre der Apathie (lat. <em>impassibilitas<\/em>) Gottes im und nach dem Konzil von Chalkedon. Die vorherrschende Lehrmeinung der Tradition verneint diese Frage und h\u00e4lt an der Apathie Gottes fest. Folglich beharrt sie auf der Unwandelbarkeit und Zeitlosigkeit Gottes, dem die Lehre der Aseit\u00e4t Gottes zugrunde liegt. McCormack sieht dahinter jedoch eine Hellenisierung (Adolf von Harnack) christlicher Lehre, die seines Erachtens nicht mit dem Schriftbeweis der Apostel vereinbar ist (3). Der Autor schl\u00e4gt vor, das Konzept der Apathie Gottes loszulassen und sich zu fragen, was daraus folgt. Wer und wie muss dieser Gott sein, wenn durch Jesus von Nazareth auf Gott eingewirkt wurde? Eine befriedigende Antwort auf diese Frage erfordere eine neue Christologie und eine neue theologische Ontologie (6). Um darauf eine Antwort zu finden, muss die Kenosis-Lehre \u00fcberdacht werden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Sein L\u00f6sungsvorschlag lautet, Kenosis als eine \u201eontologischen Rezeptivit\u00e4t\u201c (eng. <em>ontological receptivity<\/em>) zu verstehen (19). Gott lasse sich affektieren, sei aber nicht ver\u00e4nderbar. Ihm ist wichtig, dass die g\u00f6ttliche und menschliche Integrit\u00e4t in der Einheit vom Gott-Menschen Jesus erhalten bleibt (252f). Dieser Vorschlag l\u00f6se den Widerspruch, dass Jesus von Nazareth nur eine passive Rolle zugesprochen und somit vom <em>logos<\/em> instrumentalisiert wird. Chalkedon mache den Fehler, den <em>logos<\/em> mit der Person gleichzusetzen und somit von einem <em>logos<\/em> <em>asarkos<\/em> zu sprechen (253).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">McCormack arbeitet heraus, dass es einen <em>logos<\/em> <em>asarkos<\/em> an sich nicht gibt und der <em>logos<\/em> schon immer mit der Absicht existierte zu inkarnieren (253). Der biblische Befund mache deutlich, dass Sendung und Mission das Wesen des Sohnes ausmachen, weil die Mission Bestandteil der ewigen Zeugung des Sohnes vom Vater ist. Die Integrit\u00e4t des G\u00f6ttlichen bleibe bewahrt, wenn die Betonung auf die Absicht des ewigen Sohnes zu inkarnieren gelegt wird. Die Menschlichkeit Jesu bleibe integer, wenn von einer Rezeptivit\u00e4t des ewigen Sohnes gesprochen wird, die eine Instrumentalisierung des Jesus von Nazareth verhindert (253\u2013255). Diese Konstruktion wird am Beispiel des Kreuzestodes Jesu nachvollziehbar: Nach Chalkedon k\u00f6nne der <em>logos<\/em> nicht den Tod in der Gottverlassenheit erleiden. Diesem widerspricht McCormack. Im Moment des Todes habe der Heilige Geist Jesu menschliches Bewusstsein verlassen, was zur Abwesenheit des Vaters gef\u00fchrt habe. Aber, weil die Erfahrung des menschlichen Bewusstseins Jesu immer im g\u00f6ttlichen Bewusstsein des <em>logos<\/em> \u201eempfangen\u201c werde, sei das eine menschliche Erfahrung <em>im<\/em> und damit <em>vom<\/em> <em>logos<\/em> (271). Der <em>logos<\/em> empfange diese Erfahrung in Form einer Absorption. Der Tod k\u00f6nne jedoch nicht denjenigen \u201efesthalten\u201c, in dem das unausl\u00f6schliche Leben w\u00e4hrt, was mit der Auferstehung deutlich wird (259).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">McCormacks Arbeitsweise ist positiv zu w\u00fcrdigen, da er nicht nur umfangreich mit der Dogmengeschichte, sondern auch mit den Bibelwissenschaften in Diskussion tritt. Diese Arbeitsweise ist Teil seines Arguments, was zu einem wertsch\u00e4tzenden Umgang mit seinen Opponenten f\u00fchrt. Sie bietet eine erfrischende Abwechslung zu einer teils zu starken Isolierung der Subdisziplinen in der evangelischen Theologie im deutschsprachigen Raum. Im bibelwissenschaftlichen Teil w\u00e4re eine ausf\u00fchrlichere Diskussion seines exegetischen Befundes w\u00fcnschenswert.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Hauptanfrage kann an seine Interpretation von Chalkedon, den Kirchenv\u00e4tern (v.\u00a0a. Cyril von Alexandrien) und ihrem Verst\u00e4ndnis der Apathie Gottes gestellt werden. Weichenstellend f\u00fcr McCormacks Argument ist die Annahme, dass die Entwicklung der Dogmata der Apathie und Unver\u00e4nderlichkeit Gottes einer chronischen Hellenisierung ausgesetzt sind, der entgegengewirkt werden m\u00fcsse (3). Hier stellt sich die erste Nachfrage, ob Harnacks These unhinterfragt vorausgesetzt werden kann. Waren es dar\u00fcber hinaus tats\u00e4chlich nur politische Machtdynamiken im Konzil, die zu der Durchsetzung des Dogmas f\u00fchrten (52f) oder m\u00fcssen weitere Faktoren, wie das bereits etablierte liturgische Leben der Kirche, welches die damaligen Dogma widerspiegelte und in Harmonie mit ihnen stand, f\u00fcr die Entwicklung der Christologie ber\u00fccksichtigt werden? Schlie\u00dflich muss betont werden, dass Gott nach biblischem Zeugnis vom Handeln der Menschen affektiert wird, ihnen aber nicht hilflos unterliegt, sondern das Subjekt ist und somit in Kontrolle bleibt. McCormack stellt einen Gott vor, der neben dem Menschen im Brunnen sitzt, mitf\u00fchlt und mitleidet. Jedoch braucht der Mensch einen Retter, der ihn auch aus dem Brunnen retten kann. So kann gerade die Passion Christi als Ausdruck der <em>impassibilitas<\/em> insofern gesehen werden, als dass es Gottes bewusster Wille war, Fleisch anzunehmen, zu leiden und zu sterben (Mt 26,53; Lk 23,46), anstatt diesem unfreiwillig und ohne Kontrolle unterworfen zu sein. McCormack ist aktuell einer der wichtigsten Gespr\u00e4chspartner in der dogmatischen Diskussion im angels\u00e4chsischen Raum, sodass eine Auseinandersetzung mit ihm f\u00fcr die Fachdiskussion unabdingbar ist. Dar\u00fcber hinaus bietet der dogmengeschichtliche Teil eine ausf\u00fchrliche Einf\u00fchrung in die christologische Diskussion f\u00fcr Studierende und Forschende. Sein reformatorisches Anliegen, die Dogmengeschichte an der Schrift zu pr\u00fcfen, verlangt eine umfangreiche Auseinandersetzung mit den Bibelwissenschaften ab. So l\u00e4dt er mit dieser Arbeitsweise seine Fachkolleginnen und -kollegen dazu ein, \u00fcber die inhaltliche Diskussion hinaus, nochmals neu \u00fcber den Ort der Heiligen Schrift in der evangelischen Theologie zu reflektieren. Auf diese Weise f\u00fchrt der Autor eine Diskussion auf mehreren Ebenen fort, was die Lekt\u00fcre dieses Buches empfehlenswert macht.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>David Giesbrecht, B.A., Masterstudent an der Freien Theologischen Hochschule Gie\u00dfen<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bruce L. 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