{"id":2006,"date":"2023-10-23T12:21:37","date_gmt":"2023-10-23T12:21:37","guid":{"rendered":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=2006"},"modified":"2023-10-23T12:21:39","modified_gmt":"2023-10-23T12:21:39","slug":"karl-moeller-jonahs-story-our-challenge","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=2006","title":{"rendered":"Karl M\u00f6ller: Jonah\u2019s Story, Our Challenge"},"content":{"rendered":"\n<p><span lang=\"EN-US\" style=\"font-size:13.0pt;font-family:\n&quot;Times New Roman&quot;,serif;mso-fareast-font-family:&quot;Times New Roman&quot;;mso-ansi-language:\nEN-US;mso-fareast-language:DE;mso-bidi-language:AR-SA\">Karl M\u00f6ller: <i>Jonah\u2019s Story, Our Challenge. Reading a Biblical Narrative in Today\u2019s Church and World<\/i>, London: SCM Press, 2023, Pb., VII + 213\u00a0S., ca. <\/span><span lang=\"DE\" style=\"font-size:13.0pt;font-family:&quot;Times New Roman&quot;,serif;mso-fareast-font-family:\n&quot;Times New Roman&quot;;mso-ansi-language:DE;mso-fareast-language:DE;mso-bidi-language:\nAR-SA\">\u20ac\u00a035,\u2013, ISBN <a href=\"https:\/\/scmpress.hymnsam.co.uk\/books\/9780334061359\/jonahs-story-our-challenge\" data-type=\"link\" data-id=\"https:\/\/scmpress.hymnsam.co.uk\/books\/9780334061359\/jonahs-story-our-challenge\">978-0-334-06135-9<\/a><\/span><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p>Karl M\u00f6ller hat viele Jahre in England an Universit\u00e4ten (Gloucestershire, Lancaster) und in kirchlichen Bildungseinrichtungen gelehrt. Er hat im renommierten Projekt \u201eScripture and Hermeneutics\u201c mitgearbeitet und einen wichtigen Methodenbeitrag zur Prophetenauslegung vorgelegt (<em>A Prophet in Debate<\/em>, London 2003).<\/p>\n\n\n\n<p>Im vorliegenden Buch stellt Karl M\u00f6ller ma\u00dfgebliche Interpretationsans\u00e4tze in der gegenw\u00e4rtigen Jona-Auslegung vor und verhilft damit seinen Leserinnen und Lesern, mindestens zwei Welten genauer zu erkunden. Zum einen k\u00f6nnen sie auf diesem Weg tiefer in das Buch Jona selbst eintauchen. Zum anderen nimmt das Buch sie mit, die immer weiter sich differenzierende Welt der Bibelinterpretation kennenzulernen. Mit eigenen Bewertungen h\u00e4lt M\u00f6ller sich vielfach zur\u00fcck. Ihm geht es vor allem darum, seine Leserinnen und Leser selbst zum genaueren Hinsehen zu ermutigen, f\u00fcr die Komplexit\u00e4t von Interpretationsvorg\u00e4ngen zu sensibilisieren sowie zu bef\u00e4higen und die Vielfalt der Interpretationsvorschl\u00e4ge nicht als Bedrohung zu sehen, sondern als Chance. Darin kommen die sensible, ansprechende Verwendung von Sprache, die Weite der Wahrnehmung, die Begeisterung f\u00fcr die biblischen Texte aber auch f\u00fcr Literatur \u00fcberhaupt (sowohl \u00fcber die akademische als auch \u00fcber die westliche Welt hinaus) und nicht zuletzt die Verbundenheit mit marginalisierten Menschen, die Karl M\u00f6ller und seine Publikationen auszeichnen, deutlich zum Tragen.<\/p>\n\n\n\n<p>In Kapitel 1 (Jonah\u2019s Readers: Perspectives on Interpretation) benennt M\u00f6ller die Ziele, die er mit seinem Buch verfolgt, stellt Jona als geeignetes Beispiel f\u00fcr die Begegnung mit unterschiedlichen Interpretationsans\u00e4tzen vor und f\u00fchrt in die drei ma\u00dfgeblichen Gr\u00f6\u00dfen \u201eAutor\u201c, \u201eText\u201c und \u201eLeser\u201c im Interpretationsprozess ein.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit Kap. 2 richtet M\u00f6ller das Augenmerk auf den historischen Kontext der Entstehung des Jonab\u00fcchleins. Er skizziert eine forschungsgeschichtliche Entwicklung von der historischen Kritik zur sozialgeschichtlichen Auslegung und stellt dann zwei markante Positionen vor: Ehud Ben Zvi bestimmt das Jonabuch als Produkt von Jerusalemer Schriftkundigen f\u00fcr den begrenzten Kreis der Schriftkundigen (\u201eliterati\u201c) in der persischen Provinz Jehud. In seinem sozialgeschichtlichen Interpretationsansatz bezieht Lowell Handy verschiedene Disziplinen ein, um den Einfluss des sozialen Kontexts auf die Entstehung des Jonabuches sowie umgekehrt den Einfluss dieses Texts auf den sozialen Kontext zu bestimmen. Auf die literargeschichtlich ausgerichtete historische Auslegung, die nach m\u00f6glichen mehrstufigen Prozessen der Buchentstehung fragt (vgl. in j\u00fcngerer Zeit z.&nbsp;B. J. Jeremias, P. Weimar), geht M\u00f6ller nicht weiter ein.<\/p>\n\n\n\n<p>In Kap. 3 (Jonah\u2019s Art and Reception: The Poetics of a Biblical Narrative) wendet sich M\u00f6ller erz\u00e4hltextanalytischen Interpretationsans\u00e4tzen zum Jonabuch zu. Hier verfolgt er weniger einzelne paradigmatische Lekt\u00fcrevorschl\u00e4ge, sondern geht zun\u00e4chst den ma\u00dfgeblichen Aspekten einer Erz\u00e4hlung entlang und was sich dazu im Jonabuch entdecken l\u00e4sst. Dar\u00fcber hinaus betont M\u00f6ller den Wert, das Jonabuches als kunstvolle Erz\u00e4hlung wahrzunehmen, diskutiert die Frage der Gattung und in diesem Zusammenhang die Rolle von Humor im Jonabuch und verweist auf die Rolle der Leser im Interpretationsprozess.<\/p>\n\n\n\n<p>Besonders wertvoll ist in diesem Kapitel die umsichtige Diskussion \u00fcber die humoristischen Anteile im Jonabuch. M\u00f6ller stellt die daf\u00fcr ma\u00dfgeblichen Hinweise (insbesondere ungew\u00f6hnliche Formulierungen und \u00dcbertreibungen) zusammen. Er weist mit anderen auf die gelegentlich impliziten antijudaistischen Tendenzen in einigen satirischen Interpretationen des Jonabuches hin. Schlie\u00dflich stellt er mit der klaren Definition von \u201eSatire\u201c und Erw\u00e4gungen \u00fcber Jona als \u201ekarnevalesker\u201c Literatur (Michail Bachtin aufnehmend) die entscheidenden Weichen f\u00fcr eine differenzierte und ausgewogene Bestimmung der humoristischen Aspekte der Jonaerz\u00e4hlung. Man mag fragen, ob die in diesem Zusammenhang von Yvonne Sherwood vorgeschlagene Sto\u00dfrichtung der karnevalesken Jonaerz\u00e4hlung als kritischer Interaktion mit der prophetischen Tradition nicht wiederum ein viel zu machtvolles, monolithisches Prophetenbild voraussetzt. Doch wer immer der Frage nach \u00dcbertreibungen und humorvollen Z\u00fcgen in der Jonaerz\u00e4hlung nachgehen will oder sich gar dazu zu \u00e4u\u00dfern beabsichtigt, sollte in dieser Behandlung den Ausgangspunkt f\u00fcr eine intensivere Besch\u00e4ftigung nehmen.<\/p>\n\n\n\n<p>In Kap. 4 (Jonah\u2019s Challenge: Contextual, Liberationist and Postcolonial Interpretation) befasst sich M\u00f6ller mit \u201ekontextuellen Hermeneutiken\u201c, befreiungstheologischen und postkolonialen Interpretationen. Unter \u201ekontextuelle Hermeneutiken\u201c geht M\u00f6ller solchen Jona-Auslegungen nach, die nach dem Beitrag ihres spezifischen kulturellen Kontexts im Interpretationsprozess fragen (Interpretationen aus afrikanischer bzw. asiatischer Perspektive, aus der Perspektive von Inselbewohnern). Daran schlie\u00dfen sich Beispiele befreiungstheologischer Interpretationen an, in denen sehr gut deutlich wird, wie problematisch es aus der Perspektive von Unterdr\u00fcckten ist, Jonas Not mit dem Vergebungswillen Gottes so selbstverst\u00e4ndlich (und \u00fcberheblich) negativ zu sehen. Schlie\u00dflich geht M\u00f6ller ausf\u00fchrlicher auf Lekt\u00fcrevorschl\u00e4ge aus postkolonialer Perspektive ein, d.&nbsp;h. aus L\u00e4ndern, die als Kolonien lange Zeit unterdr\u00fcckt wurden und in denen das Weiterwirken kolonialer Vorurteile und Entmachtungsstrategien ideologiekritisch beleuchtet wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Wer sich bisher mit diesen Interpretationsans\u00e4tzen wenig besch\u00e4ftigt hat, findet in diesem Kapitel \u00fcber die aufgeschlossene Darstellung von Jona-Auslegungen aus unterschiedlichen, meist marginalisierten, kulturellen Kontexten eine kundige Hinf\u00fchrung zu diesen oft auch gegens\u00e4tzlichen, vielf\u00e4ltigen Interpretationsvorschl\u00e4gen. Freilich w\u00e4re es gerade um der Verst\u00e4ndigung \u00fcber diese wichtigen Interpretationsans\u00e4tze bisher marginalisierter Interpretationsgemeinschaften willen hilfreich gewesen, doch zun\u00e4chst etwas ausf\u00fchrlicher in die recht unterschiedlichen Theorieans\u00e4tze insbesondere der postkolonialen Interpretation einzuf\u00fchren.<\/p>\n\n\n\n<p>In Kap. 5 (Jonah\u2019s Depths: Psychological Biblical Criticism) stellt M\u00f6ller einige psychologische Interpretationsans\u00e4tze zum Jonabuch vor. Darin geht er zun\u00e4chst auf unterschiedliche Ans\u00e4tze psychologischer Interpretation ein, konzentriert sich dann auf tiefenpsychologische Interpretationen in Ankn\u00fcpfung an C.&nbsp;G. Jung, auf existentialistische psychologische Interpretation, stellt den spezifischen Beitrag von Avivah Zornberg heraus und integriert in dieses Kapitel die schnell anwachsende trauma-hermeneutische Bibelinterpretation (Reading Jonah through the lens of trauma). Mehr als in anderen Kapiteln nimmt M\u00f6ller hier auch kritische Bewertungen der referierten Vorschl\u00e4ge vor \u2013 durchwegs angebracht und nachvollziehbar.<\/p>\n\n\n\n<p>Im abschlie\u00dfenden Kap. 6 (Jonah\u2019s \u2018Otherkind\u2019: Ecological Readings) greift M\u00f6ller eine noch recht junge Entwicklung auf, zu der aber insbesondere in der Auslegung des Jonabuches bereits einige wegweisende Ver\u00f6ffentlichungen vorgelegt wurden. Mit \u201eecological readings\u201c soll der Anthropozentrismus \u00fcberwunden werden, der jegliche Bibelinterpretation bestimmt, und demgegen\u00fcber gr\u00f6\u00dfere Aufmerksamkeit gerichtet wird auf die Rolle, die nicht-menschliche Gesch\u00f6pfe in biblischen Texten spielen. Dieser Ansatz versteht sich als eine Haltung, mit der Bibeltexte angesichts der \u00f6kologischen Herausforderungen gelesen werden. Hier f\u00fchrt M\u00f6ller ausf\u00fchrlicher in die theoretischen Voraussetzungen dieses Interpretationsansatzes und seiner weiteren Ausdifferenzierungen ein, bevor er einige Beispiele zur Jonainterpretation charakterisiert. Im besten Fall kann man die Vielstimmigkeit \u2013 des Jonabuches wie seiner Auslegung\u00a0\u2013, die M\u00f6ller so vorz\u00fcglich erschlie\u00dft, als Einladung annehmen, sich mit den neu gestellten Fragen neu dem Jonabuch selbst zuzuwenden. M\u00f6ller bietet mit seinem Buch daf\u00fcr einen umsichtigen, die verschiedenen Meinungen fair darstellenden und den Bibeltext zutiefst wertsch\u00e4tzenden Wegbegleiter und nicht zuletzt in seiner feinf\u00fchligen Sprache ein regelrechtes Lesevergn\u00fcgen. Unbedingt lesen!<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p><em>Prof. Dr. Torsten Uhlig, Professor f\u00fcr Altes Testament an der Evangelischen Hochschule Tabor, Marburg<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Karl M\u00f6ller: Jonah\u2019s Story, Our Challenge. 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