{"id":2018,"date":"2023-10-23T12:53:51","date_gmt":"2023-10-23T12:53:51","guid":{"rendered":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=2018"},"modified":"2023-10-23T12:54:11","modified_gmt":"2023-10-23T12:54:11","slug":"miriam-von-nordheim-diehl-streit-um-korach","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=2018","title":{"rendered":"Miriam von Nordheim-Diehl: Streit um Korach"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Miriam von Nordheim-Diehl: <em>Streit um Korach. Eine biblische Figur zwischen Numeri, den Psalmen und der Chronik<\/em>, WMANT 176, G\u00f6ttingen: Vandenhoeck &amp; Ruprecht, 2023, Ln., 299&nbsp;S., \u20ac&nbsp;120,\u2013, ISBN 978-3-525-56087-7<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In der Rezension zur Studie von Raik Heckl \u00fcber die Leviten (<a href=\"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=1638\">https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=1638<\/a>) spreche ich von \u201edornigem Gel\u00e4nde\u201c. Entsprechendes gilt auch f\u00fcr die Aussagen rund um Korach und seine Nachfahren. In ihrer Habilitationsschrift (Evangelische Theologie, Frankfurt a.&nbsp;M.) bringt Vfn. das \u201eKorach-Problem\u201c gleich zu Beginn auf den Punkt: \u201eWie kann es sein, dass \u2013 wie Num 16f berichtet \u2013 ein Levit mit Namen Korach einen Aufstand gegen Mose und Aaron anf\u00fchrte, er als Strafe mitsamt allen, die zu ihm geh\u00f6rten, vom Erdboden verschluckt wurde, und trotzdem seine Nachkommen, die S\u00f6hne Korachs, als Psalmendichter Ber\u00fchmtheit erlangten?\u201c (13).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es geht um das innerbiblische Verh\u00e4ltnis und die Spannungsfelder, konkret um das Erscheinen Korachs in drei alttestamentlichen B\u00fcchern, in denen dieser bzw. seine Nachfahren \u2013&nbsp;vereinfacht gesagt \u2013&nbsp;in einem negativ (Numeri) und in zweien positiv (Psalter und Chronik) dargestellt wird. Vfn. erarbeitet die Texte in Numeri (21\u2013108), Psalter (109\u2013165) und Chronik (167\u2013239), bevor zum Schluss eine Gesamtschau (241\u2013255) dargeboten wird. Ein wirkungsgeschichtlicher Ausblick und ein Anhang (Num 16f. in der LXX) runden den Band ab. Eine Bibliografie sowie ein Namen- und Sachregister sind beigegeben.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Gem\u00e4\u00df Vfn. vermittelt die Bibel kein einheitliches Korach-Bild, vielmehr sind die unterschiedlichen Darstellungen Teil eines gro\u00dfen redaktionellen Netzwerks bzw. Verweissystems. Chronologisch-thematisch stellt sich dieses folgenderma\u00dfen dar:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">1. Ein ber\u00fchmtes S\u00e4ngergeschlecht, die \u201eS\u00f6hne Korachs\u201c (Bl\u00fctezeit 4. Jh. v.&nbsp;Chr.), sammelten und edierten Psalmen, n\u00e4mlich Ps 42\u201348.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">2. Danach erfolgte ein Bruch: Die Korach-Bearbeitungsschicht (4. Jh. v.&nbsp;Chr.) wurde in Num 16f eingeschrieben (es existierte nie eine selbst\u00e4ndige Korach-Erz\u00e4hlung). Der Stammvater dieser Gilde wurde als Frevler gegen Mose charakterisiert.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">3a. Aufgrund dieser Diffamierung war diesem S\u00e4ngergeschlecht der Zugang zum Ziontempel versperrt; sie sind isoliert. Diese f\u00fcr sie dunkle Zeiten verarbeiten sie in den Sehnsuchts- und Klagepsalmen 84f, 87f (4.\/3. Jh. v.&nbsp;Chr.; die Korachpsalmen sind nicht einheitlich; diese zweite Gruppe wird sp\u00e4ter in Teilbuch III eingef\u00fcgt).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">3b. Zu \u00e4hnlicher Zeit pr\u00e4sentierte \u201eder Chronist\u201c eine gegen\u00fcber Num \u201ealternative Sicht\u201c: \u201eDie korachitischen S\u00e4nger sind hochzusch\u00e4tzendes Tempelpersonal\u201c (242). Dies geschieht durch modifizerende Techniken innerhalb der Genealogie(n) (\u00dcbergehen, Korrigieren, Neuarrangieren von Personen). Die Korach-Nachfahren werden rehabilitiert: Sie stammen ab von Korach, dem Sohn Amminadabs (auch ein Levit), nicht von Korach, dem Sohn Jizhars, dem Rebellen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">4. Eine weitere Reaktion zu Num 16f bietet Ps 49, diesmal (auch) in negativem Sinn (2. Jh. v.&nbsp;Chr.). Dessen Pr\u00e4skript ist eine Fremdzuschreibung an die S\u00f6hne Korachs (am Ende der ersten Sammlung). Diese werden mit reichen, arroganten Menschen identifiziert, die dem Tod entgegengehen. Die Psalmen der Korachs\u00f6hne reflektieren also dreistufig den Wandel ihrer gesellschaftlichen Stellung. Ps 42\u201348 sind zeitlich vor Num 16f, w\u00e4hrend die zweite Gruppe der Korach-Psalmen und der Redaktor von Ps 49 Kenntnis von dieser Stelle haben.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nach Vfn. steht die Einf\u00fcgung der negativen Korach-Aussagen in Num mit Kompetenzstreitigkeiten am nachexilischen Tempel in Zusammenhang. Die Leviten erleiden einen Verlust ihrer Position, und Korach wird von Mose \u2013&nbsp;im Sinn einer R\u00fcckprojizierung in die W\u00fcstenzeit \u2013&nbsp;Amtsanma\u00dfung und \u00dcberheblichkeit vorgeworfen. Daneben sieht Vfn. eine zweite, symbolische Bedeutungsebene. Sie l\u00e4sst sich als Streit zwischen Tora- (Mose) und Tempeltheologie (Korach) bestimmen; diese wird auch in der Wirkungsgeschichte greifbar (z.&nbsp;B. bei Josephus). Der Chronist hingegen verbindet: Man braucht beides: Tempel und Tora.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Studie besticht durch eingehende Textuntersuchungen. Ein Schl\u00fcssel liegt in den Numeri-Abschnitten, zumal ohne Num 16f die Diskrepanz hinf\u00e4llig w\u00fcrde. Mit der neueren (kontinentaleurop\u00e4ischen) Numeri-Forschung beurteilt Vfn. die Texte im Buch insgesamt als sp\u00e4te, nachdeuteronomistisch-nachpriesterliche Mischtexte mit Diskussionscharakter (keine Quellen). Innerhalb von Num 16f stellen die Korach-Aussagen dabei eine sp\u00e4ter eingeschobene Bearbeitungsschicht dar. Damit ist das Korachiter-Problem umgedreht: Gegen\u00fcber der kanonischen Lesung stellen nicht die (ersten) Korachiterpsalmen eine \u00dcberraschung dar, vielmehr ist das Geschehen in Num 16f, das die unbescholtenen S\u00e4ngerleviten in ein derart schlechtes Bild stellt, erkl\u00e4rungsbed\u00fcrftig.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Abgesehen von der literargeschichtlichen Einordnung von Numeri und deren Konsequenzen, die mir fraglich sind, gibt es auch eine Spannung <em>innerhalb<\/em> des Numeri-Buches: In Num 26,11(.58) hei\u00dft es, dass die \u201eS\u00f6hne\/Nachfahren Korachs\u201c (\u05d1\u05e0\u05d9 \u05e7\u05e8\u05d7) <em>nicht <\/em>starben (auch im Sinn von Num 14,18\u201323.31). Vfn. sieht darin eine die Spannung aufhebende, sp\u00e4tere Korrekturstufe. Vielleicht gibt es aber eine andere, (zu?) einfache L\u00f6sung: In Num 16f werden die Anh\u00e4nger Korachs nie als \u201eS\u00f6hne\/Nachfahren\u201c (oder \u201eKorachiter\u201c) bezeichnet, sondern als \u201e(seine) Schar\/Gemeinde\u201c (\u05e2\u05d3\u05d4) (16,5.11.16.19; 17,4; in 16,32 ist von \u201eallen Menschen, die Korach [zugeh\u00f6rig waren]\u201c, die Rede). F\u00fcr die \u00dcberlebenden des Korach-Frevels wird nie die Begrifflichkeit f\u00fcr die zeitgleiche Anh\u00e4ngerschaft (\u201eSchar\/Gemeinde\u201c), sondern die zeitverschiedene Herkunft (\u201eS\u00f6hne\/Nachfahren, Korachiter\u201c) herausgestellt (vgl. v.&nbsp;a. Psalter und Chronik). Im Psalter f\u00e4llt auf, dass die Psalmen \u2013&nbsp;singul\u00e4r! \u2013 nicht dem Eponym selbst (wie bei Asaph), sondern dessen Nachfahren zugewiesen werden. Damit ist die Irritation der Nachkommenschaft von einem aufst\u00e4ndigen Leviten zwar nicht beseitigt, aber die Nachfahren werden auf das Vergehen nicht behaftet (wie die Einzugsgeneration im Vergleich mit der W\u00fcstengeneration). Die Interpretation der Korachpsalmen 84f, 87f (und 49) als Interaktion mit bzw. Reaktion auf Num 16f ist spannend, aber auch gewagt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ein Letztes: Vfn. spielt die \u201eexternal evidence\u201c, n\u00e4mlich die inschriftliche Erw\u00e4hnung von \u201eNachfahren Korachs\u201c (\u05d1\u05e0\u05d9 \u05e7\u05e8\u05d7, ohne zuweisendes <em>lamed<\/em> wie etwa bei den Psalm-Pr\u00e4skripten), herunter. Die Inschrift findet sich auf dem \u00e4u\u00dferen Boden einer (weitere Inschriften aufweisende) Schale (Arad 49,2; kein Ostrakon!). Sie stammt aus dem letzten Vierteil des 8.&nbsp;Jh.s v.&nbsp;Chr., wurde neben dem Heiligtumsbereich im s\u00fcdjud\u00e4ischen Arad gefunden und diente wahrscheinlich kultischen Zwecken (vgl. dazu Y. Aharoni, <em>Arad Inscriptions<\/em>, 1981; N. Na\u2019aman, <em>Tel Aviv<\/em> 48, 2021, 213\u2013235). Eine sichere Identifikation mit den biblischen Korachiten ist nicht m\u00f6glich; die Wahrscheinlichkeit, dass korachitische Leviten bereits zur K\u00f6nigszeit an Heiligt\u00fcmern wirkten, aber doch erheblich. Vfn. geht davon aus, dass alle biblischen Korach-Belege nachexilisch sind; offen bleibt dabei, woher die Korachiter kamen und weshalb sie hohe Bedeutung erlangten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Vfn. hat eine materialreiche und sorgf\u00e4ltige Studie vorgelegt, die wertvolle Einsichten enth\u00e4lt. Deren Vorannahmen und damit auch das Ergebnis \u00fcberzeugen mich jedoch nicht.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Beat Weber, Pfr. Dr. theol., Basel, Research Associate am Department of Ancient and Modern Languages and Cultures, Universit\u00e4t Pretoria, S\u00fcdafrika<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Miriam von Nordheim-Diehl: Streit um Korach. 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