{"id":2037,"date":"2023-10-23T13:10:33","date_gmt":"2023-10-23T13:10:33","guid":{"rendered":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=2037"},"modified":"2023-10-23T13:19:52","modified_gmt":"2023-10-23T13:19:52","slug":"thorsten-dietz-menschen-mit-mission","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=2037","title":{"rendered":"Thorsten Dietz: Menschen mit Mission"},"content":{"rendered":"\n<p>Thorsten Dietz: <em>Menschen mit Mission. Eine Landkarte der Evangelikalen Welt<\/em>,<em> <\/em>Holzgerlingen: SCM R. Brockhaus, 2022, geb., 496 S., \u20ac 24,99, ISBN <a href=\"https:\/\/www.scm-shop.de\/menschen-mit-mission.html\">978-3-417-00015-3<\/a><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p>Es ist nicht alles Gold, was gl\u00e4nzt; es gl\u00e4nzt aber auch nicht alles, was Gold ist. Die Deutung der Diskrepanz zwischen Ideal und Wirklichkeit der \u201eEvangelikalen\u201c h\u00e4ngt entscheidend an der Position des Autors, die nicht immer leicht zu bestimmen ist. Thorsten Dietz schickt seine Leser in dieser Frage auf eine abenteuerliche Suche, die manchmal ein wenig an ein Versteckspiel erinnert. Dietz wechselte im Herbst 2022 von der Hochschule Tabor zur Projektstelle <em>Fokus Theologie<\/em> (Erwachsenenbildung der reformierten Kirchen) nach Z\u00fcrich und bezeichnet sich selbst als Grenzg\u00e4nger (454f). Er engagiert sich in <em>Worthaus<\/em> von Sigfried Zimmer, welcher sich stark von Evangelikalen abgrenzt (334; vgl. Markus Till, \u201eWorthaus \u2013 Universit\u00e4tstheologie f\u00fcr Evangelikale?\u201c, https:\/\/blog.aigg.de\/?p=3594), und hat sein Buch durch den <em>Worthaus-<\/em>Podcast wort-und-fleisch.de vorbereitet. Dietz vertritt einen klassischen NOMA-Ansatz (Trennung von [theologischer] Wahrheit und [naturwissenschaftlicher] Wirklichkeit, <em>non-overlapping magisteria<\/em>), f\u00fcr den die Bibel in den Wissensbereichen Geschichte\/Natur ein Kind ihrer menschlich-fehlerhaften Zeit ist (268f, 411). Solider Ausgangspunkt zur Deutung von Wirklichkeit und Bibel sind f\u00fcr ihn die Methoden und Fakten moderner Natur- und Bibelwissenschaft (247\u2013250, vgl. 174, 178). \u00c4hnlich positiv steht Dietz grunds\u00e4tzlich zur s\u00e4kular gepr\u00e4gten Kultur des Westens einschlie\u00dflich eines Entwicklungsmodells der Befreiung, an dessen j\u00fcngster Stufe die \u00dcberwindung der \u201eausschlie\u00dflichen Idealisierung der heterosexuellen Einehe\u201c steht (422). Von dieser Position aus erkl\u00e4ren sich manche Wertungen, welche unter \u201eFair, aber nicht neutral\u201c, aber auch sonst im Text eingestreut sind.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Buch soll eine Landkarte der bunten evangelikalen Welt sein und vom Tunnelblick der Verehrer und Ver\u00e4chter befreien (9). Ausgehend von David Bebbingtons vier Merkmalen (Bekehrung, Aktivismus, Biblizismus, Kreuzeszentrierung) stellt Dietz zun\u00e4chst die Geschichte der weltweiten (19\u201352) und deutschen (53\u201364) Evangelikalen dar. Eine gr\u00f6\u00dfere L\u00fccke zeigt die Gesamtschau hinsichtlich der Bedeutung von Russlanddeutschen und Migrationsgemeinden, die bereits heute aus der evangelikalen Bewegung in Deutschland nicht mehr wegzudenken sind und in Zukunft eine entscheidende Rolle spielen werden (451).&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Weiter historisch orientiert untersucht Dietz die Entwicklungen der Kernthemen Evangelisation (69\u201397) und soziale Frage (98\u2013127) sowie die Geschichte von Pfingstbewegung (128\u2013169) und Wohlstandsevangelium (142\u2013151). Dabei verzichtet Dietz auf trockene Exaktheiten und Details, sondern bem\u00fcht sich um eine unterhaltsame, popul\u00e4rwissenschaftliche Darstellung. Immer wieder greift er einzelne Personen oder interessante (symptomatische) Geschichten heraus und stellt sie auf 1\u20132 Seiten dar, etwa das Lied \u201eAmazing Grace\u201c oder das Schicksal Corrie Ten Booms. Eine gute Idee ist die stichpunktartige Darstellung \u201eUnterschiede zwischen deutschen und amerikanischen Evangelikalen\u201c, die jedoch ohne zus\u00e4tzliche Erkl\u00e4rungen nur schwer verst\u00e4ndlich bleibt (63f). F\u00fcr Dietz ist Lausanne 1974 <em>das<\/em> zentrale Ereignis (11f), John Stott <em>der<\/em> zentrale Theologe der Bewegung (77), und dessen Idee des \u201eDouble Listening\u201c (das H\u00f6ren auf Bibel und Kultur; 190) immer wieder Argument gegen kulturelle Abgrenzung.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Nach einer Darstellung des Verh\u00e4ltnisses Evangelikaler zu Theologie (170\u2013202) folgen vier Bereiche, welche Dietz als <em>Krisengebiete<\/em> bezeichnet: Endzeittheorien (207\u2013237), Fundamentalismus (238\u2013277), \u201eDie christliche Rechte\u201c (278\u2013305) und Postevangelikalismus (306\u2013333). Letzteren deutet Dietz zurecht auf dem Hintergrund der Emerging Church-Bewegung. Bemerkenswert sind seine Ratschl\u00e4ge, welche er Postevangelikalen mit auf den Weg gibt im Umgang mit Bibel, Tradition, pers\u00f6nlicher Verortung und Gemeinschaft (326\u2013328). Im Bereich <em>Baustellen<\/em> behandelt Dietz weitere weniger problematische Bereiche: das Verh\u00e4ltnis zur Kultur der Moderne (337\u2013369), evangelikale Spiritualit\u00e4t mit Fokus auf der Lobpreiskultur (370\u2013395) und das Verh\u00e4ltnis zum moralischen Wandel der Gesellschaft (396\u2013424). Der Ausblick in die Zukunft erfolgt recht zur\u00fcckhaltend (425\u2013452).<\/p>\n\n\n\n<p>Ausf\u00fchrlich besch\u00e4ftigt sich Dietz mit dem <em>politischen<\/em> Engagement und \u201eKulturkampf\u201c von Evangelikalen in den USA. Dabei beklagt er das evangelikale Misstrauen und die \u201eEntfremdung von der Gegenwartskultur\u201c: Religionsfreiheit sei doch Teil der Moderne; realit\u00e4tsfremd die Angst, in einer s\u00e4kularen Gesellschaft f\u00fcr seinen Glauben verfolgt zu werden (365). Dabei verschwimmt mitunter der Unterschied zwischen dem positiven Anliegen, Teil einer Kultur zu sein (Inkulturation, Kontextualisierung) und einer (mancher w\u00fcrde wohl sagen: naiven) Offenheit f\u00fcr s\u00e4kulare Weltanschauungen und Ideologien, deren geistlicher Machtanspruch nicht wirklich ernst genommen wird (354, 357f). Die Suche von Christen nach politischer Einflussnahme im Sinne von <em>Invading Babylon <\/em>(Bill Johnson) enttarnt Dietz recht (zu?) schnell als Versuchung zur Macht in Analogie zum \u201ekonstantinischen Zeitalter\u201c (345f; 447). Die geschichtliche Darstellung der US-Evangelikalen erscheint hier wie ein schwer belasteter Bus, der unaufhaltsam gegen eine Wand rollt. Denn sie l\u00e4uft auf das eine Ereignis hinaus: die Wahl von Donald Trump, welche Dietz ausf\u00fchrlich mit Hilfe von Kristin Kobes Du Mez (47\u201351) und Philip Gorski (280f) analysiert: \u201eTrump war kein Missverst\u00e4ndnis der Geschichte. Die Begeisterung f\u00fcr ihn war die logische Konsequenz einer langen Entwicklung\u201c (50). Es wird sich zeigen, ob die Bedeutung dieses Ereignisses aufgrund seiner Aktualit\u00e4t hier nicht \u00fcberbewertet und mit Abstand st\u00e4rker relativiert werden wird, etwa als Symptom der gegenw\u00e4rtigen Politisierung von Heilserwartungen in den USA.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch die Auseinandersetzung mit <em>theologischen<\/em> Fragen (liberale Theologie, Apologetik, Fundamentalismus, Kreationismus, Ethik) erfolgt gr\u00f6\u00dftenteils historisch-soziologisch. Eine tiefere theologische oder gar biblisch-theologische Auseinandersetzung findet nicht statt (die Bibel wird fast nie zitiert; Ausnahme: 411, 414 zur Argumentation <em>gegen<\/em> eine biblisch-theologische Begr\u00fcndung ethischer Entscheidung), bzw. hat bereits stattgefunden in <em>Weiterglauben. Warum man einen gro\u00dfen Gott nicht kleindenken kann<\/em> (2018).&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Bei der Darstellung der evangelikalen Theologie in Deutschland w\u00e4re zu erg\u00e4nzen, dass einige Evangelikale noch bis Ende des 20. Jh. aufgrund ihres Bekenntnisses f\u00fcr wissenschaftliche Qualifikationsarbeiten nicht zugelassen oder ihre Arbeiten in der Beurteilungsphase aus angeblich \u201eformalen Gr\u00fcnden\u201c nicht angenommen wurden. Viele deutsche evangelikale Promovenden fanden Zuflucht in England, den Niederlanden, den USA und vor allem an der ETF Leuven, vgl. der geschichtliche R\u00fcckblick in Andreas J. Beck u.&nbsp;a., (Hg.), <em>The Vitality of Evangelical Theology. Celebrating ETF Leuven at 40, <\/em>Leuven: Peeters,<em> <\/em>2022.<\/p>\n\n\n\n<p>Dietz ist einer der wenigen Theologen, welche die Begriffe \u201efundamentalistisch\u201c und \u201eliberal\u201c trotz anf\u00e4nglicher Vorbehalte weiterhin recht unbek\u00fcmmert verwenden. Er verzichtet dabei bewusst auf eindeutige Definitionen (238\u2013241, 270f) und kann die Begriffe so recht flexibel einsetzen. Wenn er sich selbst in einem Kreis von Theologen positioniert, von denen \u201eso gut wie kaum jemand liberal im engeren Sinne ist\u201c (334), bekommt man bestenfalls eine Ahnung davon, wo er stehen mag. Auf der anderen Seite: trifft die Fundamentalismus-\u201eKeule\u201c auch denjenigen, der Glaube, Geschichte und Natur nicht trennen m\u00f6chte, aber mit aufrichtigem Interesse und nicht mit \u201eaggressiver Ablehnung\u201c der modernen Wissenschaft begegnet (271)? Sicherlich ist die Offenheit des hier gemalten Zerrbildes eines Fundamentalisten nicht als Machtinstrument zur Stigmatisierung angelegt \u2013 der Gefahr wird jedoch auch nicht wirklich entgegengetreten. \u00c4hnlich schwierig ist das Verh\u00e4ltnis des Autors zu Intelligent Design und den Kreationisten, denen er eine \u00e4u\u00dferst einf\u00e4ltige Hermeneutik bescheinigt, etwa die Weigerung, zwischen w\u00f6rtlicher und metaphorischer Rede zu unterscheiden (242). Doch weckt nicht gerade die Gattungsfrage in historisch-kritischer Hinsicht ([proto]wissenschaftlicher Baubericht, der [pseudo]mythische Elemente fast vollst\u00e4ndig vermissen l\u00e4sst) ernsthafte Zweifel daran, ob der Weltentwurf in Genesis 1 vom Erz\u00e4hler als metaphorische Rede intendiert ist? Sicherlich, es gibt auch einen primitiven Kreationismus. Doch ist es ein echtes Manko, dass Dietz hier die 40-j\u00e4hrige wissenschaftliche Arbeit der <em>Studiengemeinschaft<\/em> <em>Wort und Wissen<\/em> vollst\u00e4ndig ausblendet, selbst Reinhard Junker taucht mit keinem Werk in der Bibliographie auf. Dietz endet mit dem Ergebnis, dass man nur dann Kurzzeitkreationist sein k\u00f6nne, wenn man Verschw\u00f6rungstheoretiker sei, da Menschen unterschiedlichster Kulturen die Evolutionstheorie mit langen Zeitr\u00e4umen vertreten und diese von daher als gesicherte Wahrheit gelten d\u00fcrfe (247f). Beide Erkl\u00e4rungen sind nat\u00fcrlich gleicherma\u00dfen absurd. Die Evolutionstheorie ist weder Verschw\u00f6rung noch unhinterfragbar, sondern ein Paradigma (Thomas Kuhn), welches den Rahmen der (kultur\u00fcbergreifenden) wissenschaftlichen Forschungsgemeinschaft bildet und weiterhin bilden wird, solange sie nicht durch ein verhei\u00dfungsvolleres Paradigma abgel\u00f6st wird. Nicht selten bahnen gerade Forscher, die au\u00dferhalb eines vorherrschenden Paradigmas arbeiten, den Weg in eine solche Zukunft.<\/p>\n\n\n\n<p>Trotz der erw\u00e4hnten L\u00fccken bietet das Werk einen gut informierten \u00dcberblick \u00fcber die Welt der Evangelikalen, der vor allem durch seine Aktualit\u00e4t besticht. Die Belege deutscher und englischsprachiger Literatur sind beachtlich, die meisten der zitierten B\u00fccher sind keine zehn Jahre alt. Dass manches h\u00e4tte klarer oder pr\u00e4ziser formuliert werden k\u00f6nnen, l\u00e4sst sich verschmerzen, zumal das Werk aufgrund der interessanten Geschichten und eingestreuten Wertungen alles andere als langweilig ist. Die prachtvoll goldene Aufmachung des Bandes kann die M\u00e4ngel im Lektorat nur bedingt entsch\u00e4digen (\u201eJohn Carson\u201c, 187; \u201eMagna Charta\u201c, 351 usw.); insbesondere das Fehlen einiger Kurzbelege in der Bibliographie begrenzt die Pr\u00fcfbarkeit der Quellen (etwa auf S.&nbsp;477: Glock, o.&nbsp;A.; Till, 2018; Noll, 2010; Stanley, 2013; Noll, 2003 usw.).<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p><em>Dr. Siegbert Riecker ist Lehrer an der Bibelschule Kirchberg und Affiliated Researcher an der Evangelischen Theologischen Faculteit in Leuven.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Thorsten Dietz: Menschen mit Mission. Eine Landkarte der Evangelikalen Welt, Holzgerlingen: SCM R. 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