{"id":2043,"date":"2023-10-23T13:23:00","date_gmt":"2023-10-23T13:23:00","guid":{"rendered":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=2043"},"modified":"2023-10-23T13:23:02","modified_gmt":"2023-10-23T13:23:02","slug":"james-louis-kautt-die-schrift-contra-judaeos-des-syrischen-kirchenschriftstellers-bar-%e1%b9%a3alibi","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=2043","title":{"rendered":"James Louis Kautt: Die Schrift Contra Judaeos des syrischen Kirchenschriftstellers Bar \u1e62alibi"},"content":{"rendered":"\n<p>James Louis Kautt: <em>Die Schrift <\/em>Contra Judaeos<em> des syrischen Kirchenschriftstellers Bar \u1e62alibi<\/em>, T\u00fcbinger Judaistische Studien 4, Berlin: Lit-Verlag, 2021, br., 512 S., \u20ac\u00a039,90, ISBN <a href=\"https:\/\/www.lit-verlag.de\/isbn\/978-3-643-14172-9\">978-3-643-14172-9<\/a><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p>Dionysios Bar \u1e62alibi (\u2020 1161) war als Bischof der syrisch-orthodoxen Kirche im Gebiet der heutigen L\u00e4nder T\u00fcrkei und Syrien mit Kirchen anderer Konfession, au\u00dferdem mit Armeniern, Juden, Kreuzfahrern und Muslimen konfrontiert. In der Auseinandersetzung mit ihnen verfasste er mehrere polemische Schriften. \u00dcber diese urteilt James Louis Kautt als \u00dcbersetzer der Schrift <em>\u201eContra Judaeos\u201c<\/em> so: \u201eSeine polemischen Schriften k\u00f6nnten [\u2026] einen \u00e4hnlichen Anlass gehabt haben: Anfragen von Gl\u00e4ubigen seiner Kirche, die sich durch Andersgl\u00e4ubige herausgefordert f\u00fchlten und Antworten brauchten\u201c (10). Erg\u00e4nzend bemerkt Kautt: \u201eAls Anlass f\u00fcr Bar \u1e62alibis <em>Gegen die Juden <\/em>kann wohl nicht von einem physischen Angriff seitens der Juden gegen\u00fcber den Christen in dieser Gegend die Rede sein. Jedoch kannten sicherlich Bar \u1e62alibi und viele seiner syrisch-orthodoxen Mitchristen das Gef\u00fchl, von allen Seiten angefeindet zu sein [\u2026]. Dazu stellten Muslime Anfragen [\u2026], die \u00e4hnliche (aber auch andere) Vorbehalte gegen\u00fcber dem Christentum hatten wie die Juden\u201c (102). Bar \u1e62alibi lebte am Rande des byzantinischen Reichs, in dem die Anh\u00e4nger des Chalcedonense, der Lehre von der g\u00f6ttlichen und menschlichen Natur Christi, eine beherrschende Stellung hatten. Die syrisch-orthodoxe Kirche betont hingegen bis heute, dass in Christus das G\u00f6ttliche und das Menschliche&nbsp;<em>eine<\/em>&nbsp;Natur bilden.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Seiner \u00dcbersetzung von <em>Contra Judaeos<\/em> stellt Kautt eine ausf\u00fchrliche Einf\u00fchrung voran, in der auch auf die \u00dcbersetzungen des Werkes ins Franz\u00f6sische (1985) und Englische (1906, 1964, 2019) eingegangen wird. Die syrisch-orthodoxe Kirche ordnet Kautt so in das Geschehen im byzantinischen Reich ein: \u201eDa das byzantinische Reich die Einheit des Glaubens f\u00f6rderte und forderte, kam es aufgrund des Druckes der Staatskirche der Chalkedonenser zur aktiven Verfolgung der syrisch-orthodoxen und anderer nicht-chalkedonensischer Kirchen. Erst die islamische Eroberung im 7. Jahrhundert brachte die Befreiung von byzantinischer Unterdr\u00fcckung sowie Schutz und Gleichberechtigung aller christlichen Kirchen unter muslimischer Herrschaft\u201c (11). Das 12. Jahrhundert, in dem Bar \u1e62alibi wirkte, geh\u00f6rt in die Zeit der sog. \u201esyrischen Renaissance\u201c, von Kautt als \u201etheologische und literarische Bl\u00fctezeit\u201c bezeichnet, wozu Bar \u1e62alibi durch seine schriftstellerische T\u00e4tigkeit beitrug (12).<\/p>\n\n\n\n<p>Aus Kapitel 1, \u00a7&nbsp;2 ein programmatischer Satz aus der Schrift des Bischofs: \u201e\u2026jetzt haben wir den [Punkt] einer Begegnung erreicht, d. h. wir sollen den Juden und dem Volk der Israeliten der Hebr\u00e4er widersprechen. Dem Geschlecht Abrahams entsprossen, wurden [sie] durch Mose von der Knechtschaft befreit und haben die Gesetze und Gebote empfangen. Zur Zeit Josuas, des Sohnes Nuns, haben sie das Land der Verhei\u00dfung geerbt. Obwohl sie stark wurden, gl\u00e4nzten, viel wurden, durch Zeichen und Wunder, durch Propheten, K\u00f6nige, Priester und Verhei\u00dfungen gest\u00e4rkt wurden, wandten sie sich wieder dem Irrtum der Ungl\u00e4ubigen zu. Die Propheten haben sie gesteinigt und den geliebten Sohn gekreuzigt. Deswegen sind sie zerstreut worden und ihre Stadt und der Tempel wurden entwurzelt\u201c (zitiert 134f). Bar \u1e62alibi stellt einen einfachen Tun-Ergehen-Zusammenhang her: Er erhebt einen pauschalen Vorwurf an das gesamte j\u00fcdische Volk, den Tod Jesu verschuldet zu haben. Dies sei der Grund f\u00fcr die Vertreibung aus dem Land der V\u00e4ter.<\/p>\n\n\n\n<p>Immer wieder tritt Bar \u1e62alibi seinen fiktiven oder tats\u00e4chlichen j\u00fcdischen Adressaten mit Zitaten aus ihrer eigenen Bibel gegen\u00fcber. Einige Kostproben:<\/p>\n\n\n\n<p>Zugunsten der Dreieinigkeit Gottes formuliert Bar \u1e62alibi angesichts j\u00fcdischer Einw\u00e4nde so: \u201eWenn sie sagen: \u201aGott ist eine Person\u2018, argumentieren wir: \u201aWenn er [nur] eine Person ist, zu wem hat er gesprochen: \u201aLasst uns den Menschen nach unserem Bilde machen\u2018 (Gen 1,26) und \u201aKommt, lasst uns hinabgehen und lasst uns die Sprachen teilen\u2018 (Gen 11,7) und \u201ader Mensch ist geworden wie einer von uns\u2018?\u2018 (Gen 3,22). Denn einer hat nicht zu sich selbst gesprochen: \u201aKommt, lasst uns machen\u2018, \u201aKommt, lasst uns hinabgehen\u2018\u2026\u201c (Kapitel 2, \u00a7 8, zitiert 165f).<\/p>\n\n\n\n<p>An j\u00fcdische Kontrahenten, die Jesus als \u201eBetr\u00fcger\u201c verstanden haben, wendet sich Bar \u1e62alibi mit diesen Worten: \u201eSchaut Mose an: Obwohl er einen \u00c4gypter get\u00f6tet hat (Ex 2,12) wird er gefeiert und wurde Begleiter f\u00fcr seine Br\u00fcder. Elia hat die Propheten Baals get\u00f6tet (1K\u00f6n 18,40) und er ist, [so] wie [es scheint], in den Himmel hinaufgestiegen (2K\u00f6n 2,11). Aber ihr, wenn ihr den \u201aBetr\u00fcger\u2018 get\u00f6tet habt, zeigt [doch], welchen Gewinn ihr von eurem Eifer erhalten habt. [Stattdessen habt ihr] die Aufl\u00f6sung des K\u00f6nigtums und des Priestertums und des Prophetentums und die Entwurzelung der Stadt und des Tempels [gewonnen]!\u201c (Kapitel 3, \u00a7 23, zitiert 214f).<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Zitat aus dem Schlusswort der gesamten Schrift: \u201eDabei haben wir bis hier(her) das Wort dargelegt, das gegen euch [ist], das von den Schriften [entnommen wird, die ihr besitzt]. [Oh dass] ihr zur Wahrheit umkehren w\u00fcrdet, obwohl eine Decke \u00fcber eurem Herz liegt (s. hier 2. Kor 3,15)! Und durch die Wahrheit seid ihr nicht \u00fcberzeugt, und ihr glaubt dann nicht an den Messias, wenn alle St\u00e4mme der Erde trauern, wenn sie ihn sehen, wie er [als] Richter kommt, werdet ihr [zusammen] mit den Ungl\u00e4ubigen an ihn glauben, wenn der Glaube euch keinen Gewinn bringt. Sondern [stattdessen] werdet ihr k\u00fcnftig [zusammen] mit den Ungl\u00e4ubigen gequ\u00e4lt werden, die seine G\u00fcte zum Zorn gereizt haben. Aber wir Christen, die [wir] geglaubt haben, sind gerettet worden\u201c (Kapitel 9, \u00a7 13, zitiert 411f).<\/p>\n\n\n\n<p>Was auff\u00e4llt: An keiner Stelle nimmt Bar \u1e62alibi die Kapitel 9\u201311 aus dem Brief des Paulus an die Christen in Rom auf. Dort bringt der Apostel sein Einerseits und sein Andererseits zum Ausdruck: dass er einerseits mit aller Dringlichkeit unter seinem eigenen Volk darum wirbt, den von den Toten auferweckten Jesus als den von Gott beglaubigten Messias zu erkennen; dass er andererseits anerkennt: Gott wird mit seinen M\u00f6glichkeiten daf\u00fcr sorgen, dass Israel, sein Eigentumsvolk, schlussendlich zu dieser Erkenntnis gelangt. Dies hilft dem Apostel zur Gelassenheit im Umgang mit der ablehnenden Haltung zur Botschaft von Jesus, dem K\u00f6nig der Juden. Worauf Bar \u1e62alibi ebenso wenig Bezug nimmt, ist das vers\u00f6hnte Miteinander von Juden und Nichtjuden in der einen weltweiten Gemeinde Jesu Christi gem\u00e4\u00df Epheser 2. Anders gesagt: Bar \u1e62alibi geht nicht darauf ein, dass diese Gemeinde grunds\u00e4tzlich eine j\u00fcdische \u201eAbteilung\u201c hat. In seinem Schlusswort urteilt James Louis Kautt: \u201eBar \u1e62alibis <em>Gegen die Juden<\/em>, wie auch seine anderen polemischen Schriften, sind [\u2026] keine reine Schreibtischtheologie, sondern gezielte Erbauung und St\u00e4rkung f\u00fcr den Glauben der Mitchristen in seiner Herde als Bischof und seiner Kirche insgesamt\u201c (418). Worauf der Autor nicht eingeht: Bar \u1e62alibis Schrift ist ein eindr\u00fcckliches Beispiel f\u00fcr die \u00fcber Jahrhunderte in der Christenheit verbreitete Ansicht, dass das j\u00fcdische Volk von der Christenheit als dem \u201eneuen Israel\u201c als Volk Gottes abgel\u00f6st worden ist. \u00dcber Konfessionsgrenzen hinweg ist aber seit Jahrzehnten die Einsicht gewachsen, dass das j\u00fcdische Volk bleibend erw\u00e4hlt ist \u2013 was nicht im Gegensatz dazu steht, dass das Evangelium von Jesus, dem K\u00f6nig der Juden, von Anfang an und bis heute an das Volk Israel gerichtet ist (R\u00f6m 1,16).<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p><em>Pfarrer em. Martin R\u00f6sch, Schopfheim<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>James Louis Kautt: Die Schrift Contra Judaeos des syrischen Kirchenschriftstellers Bar \u1e62alibi, T\u00fcbinger Judaistische Studien 4, Berlin: Lit-Verlag, 2021, br.,<\/p>\n","protected":false},"author":41,"featured_media":2045,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"colormag_page_container_layout":"default_layout","colormag_page_sidebar_layout":"default_layout","inline_featured_image":false,"footnotes":""},"categories":[7],"tags":[],"class_list":["post-2043","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-historische-theologie"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2043","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/41"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=2043"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2043\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2046,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2043\/revisions\/2046"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/2045"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=2043"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=2043"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=2043"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}