{"id":2047,"date":"2023-10-23T13:25:35","date_gmt":"2023-10-23T13:25:35","guid":{"rendered":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=2047"},"modified":"2023-10-23T13:25:36","modified_gmt":"2023-10-23T13:25:36","slug":"david-schulz-die-natur-der-geschichte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=2047","title":{"rendered":"David Schulz: Die Natur der Geschichte"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">David Schulz: <em>Die Natur der Geschichte. Die Entdeckung der geologischen Tiefenzeit und die Geschichtskonzeptionen zwischen Aufkl\u00e4rung und Moderne<\/em>, Berlin: De\u00a0Gruyter, 2020, geb., 368\u00a0S., \u20ac\u00a069,95, ISBN\u00a0<a href=\"https:\/\/www.degruyter.com\/document\/doi\/10.1515\/9783110650518\/html\" data-type=\"link\" data-id=\"https:\/\/www.degruyter.com\/document\/doi\/10.1515\/9783110650518\/html\">978-3-11-064622-1<\/a><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wer heute \u00fcber Zeit und Zeitr\u00e4ume nachdenkt, wird ob der kaum vorstellbaren Dimensionen staunend innehalten. Im Vergleich zu den im Denkmodell des Aktualismus angenommenen Millionen bzw. Milliarden von Jahren erscheint die bisherige Menschheitsgeschichte als winzige Episode am Rande. Der US-Pal\u00e4ontologe Stephen Jay Gould bezeichnete diese Erkenntnis in Anlehnung an Sigmund Freuds ber\u00fchmte drei Kr\u00e4nkungen als vierte \u201egeologische\u201c Kr\u00e4nkung (<em>Die Entdeckung der Tiefenzeit<\/em>, M\u00fcnchen: Hanser, 1990). Der Begriff \u201eTiefenzeit\u201c bzw. \u201edeep time\u201c entwickelte sich zum Grundbegriff, der diese unermesslichen Zeitdimensionen zum Ausdruck bringt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In seiner im De&nbsp;Gruyter-Verlag erschienenen Studie \u201eDie Natur der Geschichte\u201c untersucht David Schulz die Auswirkungen der Entdeckung der Tiefenzeit auf die Entwicklung von Geschichtskonzeptionen im Zeitraum der Aufkl\u00e4rung bis zur Moderne. Seine Studie wurde 2017 an der Philosophischen Fakult\u00e4t der Universit\u00e4t T\u00fcbingen als Dissertation eingereicht.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die der Studie zugrunde liegende Hypothese ist, dass die \u201eEntdeckung der geologischen Tiefenzeit in der zweiten H\u00e4lfte des 18. Jahrhunderts nicht nur das Selbstverst\u00e4ndnis des Menschen, sondern auch sein Geschichtsbewusstsein radikal ver\u00e4nderte. Die quantitativen Dimensionen der geologischen Tiefenzeit erweiterten den Geschichtshorizont und erh\u00f6hten das Zeitbewusstsein entscheidend. F\u00fcr die Herausbildung des modernen historischen Denkens, welches simultan begr\u00fcndet wurde, ist das \u201aDurchbrechen der Zeitschranken\u2018 in Vergangenheit und Zukunft durch die Geologie eine der bedeutsamsten Pr\u00e4missen\u201c (6). Die Erdwissenschaften h\u00e4tten so auf entscheidende Weise das Entstehen des modernen historischen Denkens beeinflusst.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Schulz argumentiert dabei, dass die Ersch\u00fctterung der chronologischen Grundlagen durch die Geologie Auswirkungen auf alle historisch arbeitenden Wissenschaften hatte, insbesondere auch auf die Geschichtsschreibung der Aufkl\u00e4rung sowie auf die geschichtsphilosophischen Diskurse, die sich im selben Zeitraum herausgebildet haben. Geologische Modelle, Konzepte, Begriffe, Methoden und Konventionen aus der Geschichtswissenschaft seien \u00fcbernommen worden, wodurch die Geologie entscheidend zur Entstehung des modernen Geschichtsdenkens beitrug. Ihre Entdeckungen seien sowohl f\u00fcr die Vorgeschichte als auch f\u00fcr die Zukunft relevant geworden, da diese Zeitr\u00e4ume nicht \u00fcber die menschliche \u00dcberlieferung zug\u00e4nglich seien. Das moderne Geschichtsdenken k\u00f6nne daher als Produkt eines \u201eDiskursraums\u201c betrachtet werden, der naturwissenschaftliche F\u00e4cher wie die Geologie und geisteswissenschaftliche F\u00e4cher wie die Geschichtsschreibung der Aufkl\u00e4rung und die Geschichtsphilosophie umfasste (6f).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das Buch ist in drei gro\u00dfe Teile gegliedert. In Teil I (\u201eDie Marginalisierung des Menschen durch die Entdeckung der geologischen Tiefenzeit und seine Apotheose im Anthropoz\u00e4n\u201c) werden das Thema und die damit verbundene Fragestellung dargestellt. Ebenso werden Probleme der Forschung und die methodischen Vor\u00fcberlegungen dargelegt. Teil II (\u201eDie Naturalisierung der Geschichte in der Sp\u00e4taufkl\u00e4rung\u201c) ist der eigentliche Analyseteil der Studie und umfasst 5 Kapitel. Das erste Kapitel beinhaltet eine begriffsgeschichtliche Analyse zum Revolutionsbegriff \u2013 ein Begriff, der die gro\u00dfe Bedeutung der Geologie f\u00fcr die Begriffskategorien und f\u00fcr die Geschichtskonzepte der Moderne beispielhaft aufzeigt. Im zweiten Kapitel wird die Rolle der Geologie in der Delegitimierung der <em>historia sacra<\/em> untersucht, wodurch die biblischen Zeitvorstellungen und -ma\u00dfst\u00e4be ihre Deutungshoheit einb\u00fc\u00dften. Im dritten Kapitel wird der Einfluss der Geologie auf die Herausbildung geschichtsphilosophischer Entw\u00fcrfe in der zweiten H\u00e4lfte des 18. Jahrhunderts analysiert. Kennzeichen solcher Entw\u00fcrfe ist der Versuch, Erdgeschichte und Menschengeschichte als Kontinuum zu verstehen. Im vierten Kapitel wird die Bedeutung der Geologie \u2013 und gem\u00e4\u00df der These auch die Entdeckung der Tiefenzeit \u2013 bei der Entstehung der Weltgeschichtsschreibung untersucht. Das f\u00fcnfte, den Teil II abschlie\u00dfende Kapitel, nimmt Entwicklungen im 19. Jahrhundert im Kontext des Historismus in den Blick: man versuchte, die Natur zu enthistorisieren bzw. zu entzeitlichen. Im abschlie\u00dfenden Teil III (\u201eSind Steine die besseren Historiker? Die Geologie als Quelle moderner Zeitkonzepte\u201c) wird der Ertrag in einer Schlussbetrachtung nochmals gewichtet.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Im Ergebnis liefert David Schulz eine nachvollziehbare Analyse. Sie baut auf einem durchdachten methodischen Vorgehen auf. Er verarbeitet dabei eine F\u00fclle von geologischen, historiographischen und geschichtsphilosophischen Quellen aus dem 18. und fr\u00fchen 19. Jahrhundert. Dabei wird der Gedankengang durch an wichtigen Stellen immer wieder angebrachte untersuchungsleitende Hypothesen unterst\u00fctzt. In der Summe kann Schulz seine Hauptthese deshalb meines Erachtens nachvollziehbar und gut begr\u00fcnden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Aus theologischer Sicht ist gerade das Kapitel \u00fcber die Delegitimierung der <em>historia sacra<\/em> durch die geologische Tiefenzeit (Teil II, Kap. 2) von besonderem Interesse. Die durch die Geologie beeinflusste Geschichtsschreibung f\u00fchrte zu einer Trennung von Menschheitsgeschichte und Erdgeschichte. Damit wurden g\u00e4ngige biblische Vorstellungen \u00fcber die Entstehung der Erde in Frage gestellt. Das Konzept der Tiefenzeit legte damit die Grundlage, auf der Charles Darwin mit seiner Abstammungslehre (<em>On the Origin of Species,<\/em>1859 und <em>The Descent of Men<\/em>, 1871) auch die biblische Vorstellung der Entstehung des Menschen radikal in Frage stellen konnte. Die von Schulz verarbeiteten Quellen zeigen, dass die Theologie durchaus in der Lage war, auf die geologischen Anfragen Antworten zu finden. Schulz zeigt aber auch auf, dass durch die Geologie nicht nur das Denken \u00fcber Vergangenheit, sondern auch \u00fcber die Zukunft bzw. Apokalypse beeinflusst wurde (Kap. 2.6). Auch wenn der Einfluss der Geologie auf die S\u00e4kularisierung der Apokalypse noch wenig erforscht sei, so d\u00fcrfte die Geologie \u2013 so lautet die Hypothese von David Schulz \u2013 ebenfalls die im 17. Jahrhundert vorherrschende Auffassung eines nahen Weltendes hinterfragt und delegitimiert haben.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Mit <em>Die Natur der Geschichte<\/em> liefert David Schulz ein facettenreiches und spannendes Buch, dessen Lekt\u00fcre sich lohnt und das nicht nur f\u00fcr Historiker und Geologen von Interesse sein d\u00fcrfte. Es zeigt exemplarisch eindr\u00fccklich auf, welche Bedeutung und Auswirkung das interdisziplin\u00e4re Zusammenspiel verschiedener wissenschaftlicher Disziplinen auf zeitgen\u00f6ssische Vorstellungen und \u00dcberzeugungen haben kann.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Dr. Dr. Beat Schweitzer, Dozent f\u00fcr Ethik am Theologischen Seminar St. Chrischona<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>David Schulz: Die Natur der Geschichte. 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