{"id":2050,"date":"2023-10-23T13:29:29","date_gmt":"2023-10-23T13:29:29","guid":{"rendered":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=2050"},"modified":"2023-10-24T06:25:10","modified_gmt":"2023-10-24T06:25:10","slug":"reinhard-junker-markus-widenmeyer-hg-schoepfung-ohne-schoepfer","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=2050","title":{"rendered":"Reinhard Junker \/ Markus Widenmeyer (Hg.): Sch\u00f6pfung ohne Sch\u00f6pfer?"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Reinhard Junker \/ Markus Widenmeyer (Hg.): <em>Sch\u00f6pfung ohne Sch\u00f6pfer? Eine Verteidigung des Design-Arguments in der Biologie<\/em>, Holzgerlingen: SCM H\u00e4nssler, 2021, geb., 328 S., \u20ac 19,99, ISBN <a href=\"https:\/\/www.scm-shop.de\/schoepfung-ohne-schoepfer.html\">978-3-7751-6110-7<\/a><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dieses Buch hinterfragt die verbreitete Ansicht, dass die Evolutionstheorie naturwissenschaftlich bewiesen sei und dass eine Sch\u00f6pfungstheorie von vornherein au\u00dferhalb der Wissenschaft l\u00e4ge. Die wissenschaftstheoretische Auseinandersetzung damit ist Reinhard Junker seit langem ein Anliegen. Junker kommt von der Biologie her und war bis 2021 bei der <em>Studiengemeinschaft Wort und Wissen <\/em>besch\u00e4ftigt. Auf ihn gehen etwa zwei Drittel der Beitr\u00e4ge dieses Bandes zur\u00fcck, der von ihm und dem Chemiker Widenmeyer herausgegeben wurde. Die \u2013 zweifellos vorhandene \u2013 theologische Relevanz dieses Themas tritt in diesem Band nur punktuell hervor. Ein Register fehlt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">An wen wendet sich dieser Band? Die 20 Beitr\u00e4ge behandeln Einzelaspekte auf anspruchsvollem Niveau, aber mit vielen Abbildungen. Es w\u00e4re zu w\u00fcnschen, dass Fachleute, die von der Evolution \u00fcberzeugt sind, diese Beitr\u00e4ge lesen. Das geschieht jedoch kaum, weil in der \u00d6ffentlichkeit grunds\u00e4tzliche Kritik an der Evolutionstheorie mit der Ablehnung der Wissenschaft gleichgesetzt wird. Diese Gleichsetzung ist nicht gerechtfertigt, aber derzeit die g\u00e4ngige Praxis. Also bleiben als potentielle Leser vor allem Sympathisanten einer Sch\u00f6pfungstheorie. Die Argumente werden hier aber kaum in komprimierter Form dargelegt; die Einleitung (7\u201310) erl\u00e4utert das Anliegen grunds\u00e4tzlich.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die einzelnen Beitr\u00e4ge beginnen jeweils mit einer Hinf\u00fchrung zum Thema, wobei vor allem die Ausgangsfrage erl\u00e4utert wird, teilweise auch die Antwort. In meiner Rezension m\u00f6chte ich anhand dieser Einstiege den Inhalt der Beitr\u00e4ge kurz umrei\u00dfen, ohne den Namen des jeweiligen Autors des Beitrages anzugeben (genannte Namen sind die Autoren von Publikationen, auf die sich der jeweilige Beitrag stark bezieht).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In Teil I wird die der Evolutionsbiologie zugrunde liegende Beweisf\u00fchrung hinterfragt. \u201eFehldarstellungen naturalistischer Ursprungsmodelle\u201c (13) \u2013 weil diese ihre eigenen erkenntnistheoretischen Voraussetzungen nicht offenlegen und jede Kritik an der Evolutionstheorie als Angriff auf die Wissenschaft verurteilen (13\u201334). In der Naturwissenschaft werden \u201eempirisch gehaltvolle Gesetzm\u00e4\u00dfigkeiten\u201c (35) \u00fcberpr\u00fcft, was Evolutionstheorien jedoch nicht tun, wenn sie z.&nbsp;B. neue Baupl\u00e4ne erkl\u00e4ren wollen (35\u201364). Carol Cleland thematisierte den Unterschied zwischen experimenteller und naturhistorischer Forschung, etwa in Bezug auf die Falsifizierbarkeit (65\u201381). F\u00fcr die \u201eEntstehung von Vogelfeder und Vogelflug\u201c (83) werden von Evolutionstheoretikern unterschiedliche, einander widersprechende Hypothesen vorgebracht, was zeigt, wie wenig gesichert evolutionstheoretische Erkl\u00e4rungen sind (83\u2013107). Welchen Platz hat Sch\u00f6pfung, also \u201ewillentliche, zielorientierte Handlung\u201c (109), im Rahmen der Naturwissenschaft? Diese Frage wird in Auseinandersetzung mit Martin Neukamm besprochen (109\u2013124). \u201eEvolution \u201aerkl\u00e4rt\u2018 Sachverhalte und ihr Gegenteil\u201c (125), woraus sich Zweifel an der Erkl\u00e4rungskraft der Evolutionstheorie ergeben (125\u2013138). Die \u201ePlastizit\u00e4t\u201c ist kein Evolutionsfaktor, da hier blo\u00df genetisch bereits Vorhandenes zur Entfaltung kommt (139\u2013165). Durch die Konvergenz \u2013 nicht selten kommt es zu \u00e4hnlichen Konstruktionen von nicht n\u00e4her verwandten Lebewesen \u2013 wird \u00c4hnlichkeit als Hinweis auf gemeinsame Abstammung hinf\u00e4llig (167\u2013176). Die Zeitschrift <em>Nature<\/em> publizierte <a href=\"https:\/\/www.nature.com\/articles\/514161a\">2014<\/a> eine Diskussion \u00fcber einen etwaigen \u00c4nderungsbedarf bei der Evolutionstheorie. Manche Biologen setzten eine Zielorientierung in der Natur voraus, womit sie dem Design-Ansatz nahekommen (177\u2013180). Nach einer ber\u00fchmten Aussage von Theodosius Dobzhansky (<a href=\"https:\/\/online.ucpress.edu\/abt\/article-abstract\/35\/3\/125\/9833\/Nothing-in-Biology-Makes-Sense-except-in-the-Light?redirectedFrom=fulltext\">1973<\/a>) ergibt in der Biologie nichts Sinn au\u00dfer im Licht der Evolution. Die Begr\u00fcndung dieser Aussage st\u00fctzt sich auf eine Reihe theologischer \u00dcberlegungen (so der Philosoph Stephen Dilley). Dobzhansky meinte z.&nbsp;B., dass ein frei waltender Gott nicht f\u00fcr alle Lebewesen einen einheitlichen genetischen Code erschaffen, sondern variiert h\u00e4tte (181\u2013184).&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Teil II argumentiert f\u00fcr die Ber\u00fccksichtigung des Design-Ansatzes im Rahmen der Wissenschaft. Der Design-Ansatz rechnet mit geistiger Verursachung von Naturgegenst\u00e4nden, ist also eine Alternative zum Naturalismus, der alles mittels innerweltlicher Prinzipien erkl\u00e4ren will. Bei der Beschreibung biologischer Strukturen wird oft von \u201eFunktion\u201c oder \u201eZweck\u201c gesprochen, was den R\u00fcckschluss auf \u201eDesign\u201c nahelegt (187\u2013200). Gegen den Design-Ansatz werden zwei Argumente vorgebracht: \u201eSeit Darwin sei ein nat\u00fcrlicher Entstehungsmechanismus bekannt\u201c (201), und es g\u00e4be bei den Lebewesen Design-Fehler (201\u2013218). Mit Hilfe des sog. Bayes-Schlussverfahrens (zur Absch\u00e4tzung von Wahrscheinlichkeit von Hypothesen unter Ber\u00fccksichtigung vorhandener Evidenz) l\u00e4sst sich eher f\u00fcr als gegen einen Sch\u00f6pfer argumentieren: \u201eDesign-Indizien als Evidenzen\u201c w\u00fcrden \u201eauch gleichzeitig eine hinreichend hohe Wahrscheinlichkeit eines geeigneten Sch\u00f6pfers voraussetzen\u201c (219; 219\u2013227). Mathias Gutmann und Willem Warnecke (2011; Rezension des Sammelbandes in <em>JETh <\/em>28, 2014, 272\u2013275) vertraten die Ansicht, dass \u201eZwecke\u201c nicht in der Natur liegen, sondern blo\u00df vom Betrachter zugeschrieben werden, wobei sie das Zweckdienliche in der Natur nicht bestreiten (229\u2013234). Hansj\u00f6rg Hemminger vertrat die Ansicht, dass Design-Spuren \u201edurch nat\u00fcrliche Prozesse nachtr\u00e4glich verwischt\u201c (235) werden, wobei er f\u00e4lschlich auch blo\u00dfe Muster als Design-Spuren wertet (235\u2013243). Bei der Beschreibung biologischer Strukturen werden oft teleologische Begriffe verwendet, z.&nbsp;B. \u201eRekrutierung\u201c oder \u201eDesign\u201c. Eine solche Ausdrucksweise legt einen kreativen Ursprung nahe (245\u2013262). Beim Versuch, die Entstehung der Lebewesen durch Evolution zu erkl\u00e4ren, bleiben wesentliche R\u00e4tsel, die als Hinweis auf einen sch\u00f6pferischen Ursprung betrachtet werden k\u00f6nnen. Aber ein solcher Einwand kann bei solchen R\u00e4tseln gegen jede Art von Erkl\u00e4rung vorgebracht werden, auch gegen die Festlegung darauf, dass dieses R\u00e4tsel sich irgendwann rein naturwissenschaftlich werde erkl\u00e4ren lassen (263\u2013273). Manchmal wird in der Biologie von \u201eFehlkonstruktionen\u201c gesprochen und generell von einem \u201eunintelligenten Design\u201c (275; 275\u2013288).&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Teil III bringt f\u00fcnf ausf\u00fchrliche Buchbesprechungen; ich nenne die Namen der Autoren der besprochenen B\u00fccher: Michael Denton sieht sich 2016 in seiner schon fr\u00fcher dargelegten Einsch\u00e4tzung einer Krise der Evolutionstheorie best\u00e4tigt: \u201e<em>Die Natur ist im Wesentlichen diskontinuierlich<\/em>\u201c (291, Hervorhebung im Original; 291\u2013298). Jerry Fodor und Massimo Piattelli-Palmarini (2010) meinen: \u201eDie Selektionstheorie scheitere darin, die Entstehung neuer Formen zu erkl\u00e4ren\u201c (299; 299\u2013303). Jonathan B. Losos (2018) widmet sich einer oft diskutierten Frage: \u201eVerl\u00e4uft Evolution langfristig in vorhersehbaren Bahnen\u201c? (305; 305\u2013308). Thomas Nagel (2012) kritisiert den Materialismus als Grundlage der Evolutionstheorie und st\u00fctzt sich stattdessen auf den Pantheismus (311\u2013315). Erkki V.&nbsp;R. Kojonen (2014) analysiert das Konzept des \u201eIntelligent Design\u201c (317\u2013323).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Fazit: Die Beitr\u00e4ge des Sammelbandes \u201eSch\u00f6pfung ohne Sch\u00f6pfer?\u201c argumentieren in mehreren sorgf\u00e4ltig reflektierten Anl\u00e4ufen f\u00fcr den Miteinbezug des auf einen Sch\u00f6pfer hinweisenden Design-Ansatzes in der Biologie.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Dr. Franz Graf-Stuhlhofer BSc, Lehrbeauftragter an der KPH Wien\/Krems f\u00fcr Kirchengeschichte und Dogmatik<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Reinhard Junker \/ Markus Widenmeyer (Hg.): Sch\u00f6pfung ohne Sch\u00f6pfer? 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