{"id":2080,"date":"2023-10-23T14:01:20","date_gmt":"2023-10-23T14:01:20","guid":{"rendered":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=2080"},"modified":"2023-10-23T14:01:59","modified_gmt":"2023-10-23T14:01:59","slug":"michael-klessmann-verschwiegene-macht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=2080","title":{"rendered":"Michael Klessmann: Verschwiegene Macht"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Michael Klessmann: <em>Verschwiegene Macht. Figurationen von Macht und Ohnmacht in der Kirche, <\/em>G\u00f6ttingen: Vandenhoeck &amp; Ruprecht, 2023, kt., 280&nbsp;S., \u20ac&nbsp;35,\u2013, ISBN <a href=\"https:\/\/www.vandenhoeck-ruprecht-verlage.com\/themen-entdecken\/gemeindepraxis\/diakonie-und-soziale-arbeit\/58068\/verschwiegene-macht?number=VUR0009114\">978-3-525-60015-3<\/a><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Auf die popul\u00e4re Frage nach Macht und Ohnmacht der Kirche in unserer Zeit als ambivalentes Ph\u00e4nomen m\u00f6chte Michael Klessmann einen differenzierten und transparenteren Blick bieten. Sein Ziel ist es, zu einem bewussteren Umgang in den praktischen kirchlichen Handlungsfeldern anzuregen. Dabei greift der em. Professor f\u00fcr Praktische Theologie an der Kirchlichen Hochschule Wuppertal mit den Schwerpunkten Seelsorge, Pastoralpsychologie und Supervision in seinen Grundlagen vor allem auf soziologische Ans\u00e4tze zur\u00fcck. Besonders betont er dabei, neben dem im Titel genannten Begriff der \u201eFigurationen der Macht\u201c (Prozesssoziologie nach Norbert Elias), auch die von Foucault als besondere Form benannte \u201ePastoralmacht\u201c, die als Reflexionsreferenz durchg\u00e4ngig kritisch eingebracht wird.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Mit den Kapiteln 1 bis 3 als Grundlegung beginnend bildet Klessmann einen Spannungsbogen, der Konkretionen in Kapitel 4 bis 8 in praktisch-theologischen Handlungsfeldern aufzeigt und in Anregungen zu neuen Figurationen im Abschlusskapitel 9 m\u00fcndet. Die Grundlegung f\u00fchrt neben Ambivalenzen von Macht und Ohnmacht auch Theorien und Definitionen an. Im Blick auf \u201edas Heilige\u201c findet sich die Perspektive, wie kirchliche Vertreter am Heiligen und dessen Macht partizipieren. Sie seien Stellvertreter und m\u00fcssten gleichzeitig verantwortlich zwischen sich und dem Heiligen unterscheiden k\u00f6nnen. In den Ausf\u00fchrungen zur Kirchentheorie geschieht die Reflexion auf Grundlage der drei Dimensionen von Kirche als Bewegung bzw. Gemeinschaft, Institution und Organisation.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die praktisch-theologischen Handlungsfelder sind auf die Schwerpunkte Pastoraltheologie (konkret: Pfarramt), Diakonik, Liturgik, Homiletik und Poimenik fokussiert. Die \u00dcberlegungen zum Amt und seinen Interaktionen mit ritueller, institutioneller und pers\u00f6nlicher Auspr\u00e4gung schlie\u00dfen sich an die Grundlegungen an und sind verbunden durch den Gedanken der Hierarchie und die aktuellen Ohnmachtserfahrungen. Der Autor beschreibt darin Narzissmus und Minderwertigkeitsempfinden bei Pfarrpersonen als m\u00f6gliche Machtfallen. Die spannungsvollen Dynamiken von Macht und Dienst werden in Bezug auf Diakonie deutlich: auch Dienen bleibt ambivalent mit Macht und Hierarchie verbunden. Dabei verweist der Autor auf die \u201eMacht des Helfens\u201c. Eine L\u00f6sung allgemein sieht er in Bezug auf Leitung im Ansatz des \u201eEmpowerments\u201c, bei dem andere integriert und bef\u00e4higt werden: Das bedeutet, sich selbst zur\u00fcckzunehmen. Der k\u00fcrzere Abschnitt zur Diakonik umfasst auch die medial aktuellen Themen um sexuellen Missbrauch. Es stellt sich die Frage, ob die Thematik hier eine richtige Ein- bzw. Unterordnung findet \u2013 auch in dieser K\u00fcrze. Weiter erf\u00e4hrt das Ritual im Bereich der Liturgik im Gottesdienst eine breite Reflexion. Es werden neben Sozialisation und Raumfragen auch die Aspekte von Gemeinschaft und auch insbesondere der stoffliche Charakter mit allen Sinnen (Klang, Ger\u00fcche, Farben, Bilder \u2026) einbezogen und unter entwicklungspsychologischen und kommunikationspsychologischen Gesichtspunkten ber\u00fccksichtigt. Klessmann pl\u00e4diert in der Umsetzung f\u00fcr Augenh\u00f6he und Beteiligung. Anschlie\u00dfend kommt die Macht der Worte im Bereich von Homiletik in den Blick und auch hier vertritt der Autor aufgrund der Deutungsmacht eine plurale Umsetzung, die sich vor allem in interaktiven Zug\u00e4ngen, wie z.&nbsp;B. dem Bibliolog zeigt. F\u00fcr den Bereich Seelsorge spricht sich Klessmann f\u00fcr die Kraft der Begegnung aus. F\u00fcr ihn kommt der Wahrnehmungsschulung in Seelsorgeausbildungen und -weiterbildungen gro\u00dfe Bedeutung zu. Ebenso betont er die Markierung von Grenzen in der Begleitung als Schutz f\u00fcr beide Seiten und auch um vor Allmachtsphantasien zu bewahren.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Gegen Ende gibt Klessmann im Kapitel 9 durch Anregung zu neuen Figurationen einen Ausblick, wie die bewusste Umsetzung gelingen k\u00f6nnte und regt zur Perspektive des Netzwerkcharakters von Kirche an. Dabei f\u00fchrt er ins Feld, st\u00e4rker als bisher die Bed\u00fcrfnisse der Kundinnen und Kunden wirklich ernst zu nehmen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Insgesamt sind die Ausf\u00fchrungen eine wahre Fundgrube f\u00fcr Konzepte und Reflexionsfolien, die zum Weiterdenken und Forschen anregen. Besonders die Definitionen von Macht in ihrer Bandbreite und die ver\u00e4nderte Perspektive, st\u00e4rker die Interaktionsebene als die Personenebene (Eigenschaftstheorie) zu reflektieren, bieten hilfreiche Zug\u00e4nge f\u00fcr einen sensibleren Umgang. Als eine St\u00e4rke zeigt sich, wie bekannte Konzepte auch reflektierte Aktualisierung erfahren (Bsp. \u201eHelfer-Syndrom\u201c, 165). Der Textfluss wird immer wieder durch Exkurse unterbrochen und mit Definitionen, Konzepterl\u00e4uterungen oder Beispielen in gerahmten K\u00e4sten dargeboten (bspw. \u201eDeutungsmacht der Religion\u201c, S. 62). Das erleichtert ein schnelles Wiederfinden. Hilfreich erweisen sich auch die im Buch vorgenommenen Verweise zu Ausf\u00fchrungen zum gleichen Thema (mit Kapitel-Nummerierung).&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Auch wenn man andere theologische Standpunkte vertritt und nicht allen Deutungen folgen mag, so stellen die Ausf\u00fchrungen zu Macht-Figurationen f\u00fcr Theorie und Praxis eine unterst\u00fctzende Hilfe zur Selbstreflexion dar. Der freikirchliche Bereich erf\u00e4hrt hier und da eine Ber\u00fccksichtigung oder Erw\u00e4hnung, bleibt jedoch insgesamt unterbelichtet. \u00c4hnlich verh\u00e4lt es sich bei Aspekten wie \u201eMacht von unten\u201c und dabei z.&nbsp;B. die Figuration \u201eFamilienstrukturen\u201c in Gemeinden, die au\u00dfen vor bleiben. Einerseits geben solche Familienverb\u00fcnde Halt und gew\u00e4hren Integration. Andererseits k\u00f6nnen sie in gleicher Weise ausschlie\u00dfen und Integration verhindern. Sie k\u00f6nnen durch ihre informelle Macht auch Pastoren in Bedr\u00e4ngnis bringen. Vertiefende Reflexion von Gruppenph\u00e4nomenen sollte hier noch st\u00e4rker ber\u00fccksichtigt werden (Bsp. Richtungsk\u00e4mpfe etc.). Denn es bleibt nicht nur die Frage, was der Hirte mit den Schafen macht, sondern auch, was die Schafe mit dem Hirten machen (ganz in der aufgegriffenen Hirtenmetapher von Foucault). Daher bleiben weitere Reflexionen w\u00fcnschenswert.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Joachim Klein, Studienleiter am Theologischen Seminar Adelshofen und Supervisor<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Michael Klessmann: Verschwiegene Macht. 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