{"id":2099,"date":"2023-10-23T15:22:53","date_gmt":"2023-10-23T15:22:53","guid":{"rendered":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=2099"},"modified":"2023-10-23T15:22:54","modified_gmt":"2023-10-23T15:22:54","slug":"matthias-konradt-ethik-im-neuen-testament","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=2099","title":{"rendered":"Matthias Konradt: Ethik im Neuen Testament"},"content":{"rendered":"\n<p>Matthias Konradt: <em>Ethik im Neuen Testament<\/em>,<em> <\/em>Grundrisse zum Neuen Testament. Das Neue Testament Deutsch \u2013 Erg\u00e4nzungsreihe 4,<em> <\/em>G\u00f6ttingen: Vandenhoeck &amp; Ruprecht, 2022, geb., 540\u00a0S., \u20ac\u00a085,\u2212, ISBN <a href=\"https:\/\/www.vandenhoeck-ruprecht-verlage.com\/themen-entdecken\/schule-und-unterricht\/ethik-werte-und-normen\/57587\/ethik-im-neuen-testament?number=VUR0001193\">978-3-525-51364-4<\/a><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p>Matthias Konradt ist Inhaber des Lehrstuhls f\u00fcr Neutestamentliche Theologie an der Universit\u00e4t Heidelberg. Seit langer Zeit liegt mit diesem Buch wieder eine Gesamtdarstellung neutestamentlicher Ethik im deutschsprachigen Raum vor. Konradt definiert die Aufgabe des Buchs knapp so: \u201eGegenstand einer neutestamentlichen Ethik ist die Analyse der theologischen Grundlegung, der leitenden Kriterien und der inhaltlichen Bestimmtheit christlichen Lebenswandels, wie sie in den neutestamentlichen Schriften zutage treten. Um ethische Aussagen im NT ad\u00e4quat verstehen zu k\u00f6nnen, ist es dabei unerl\u00e4sslich, sie traditionsgeschichtlich zu kontextualisieren und im Lichte der antiken Lebenswelt zu betrachten\u201c (1). Untersucht werden Paulus, die Deuteropaulinen, Markus, Matth\u00e4us, das lukanische Doppelwerk und das Corpus Johanneum, Hebr\u00e4er, Jakobus, 1. Petrus und die Offenbarung.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Im 2. Kapitel geht Konradt unter der \u00dcberschrift \u201eKontexte und Voraussetzungen\u201c (17\u201360) n\u00e4her auf den traditionsgeschichtlichen Zusammenhang sowie die antike Lebenswelt der ntl. Ethik ein. Dazu untersucht er 1. verschiedene hellenistische philosophische Ans\u00e4tze: Platon und die Akademie in Athen, Aristoteles, den Kynismus, den Epikureismus sowie die Stoa. Er geht auch auf popularisierte philosophische Anschauungen und die Alltagsmoral ein. 2. Gro\u00dfe Bedeutung hat die an der Tora orientierte ethische Unterweisung im Fr\u00fchjudentum, deren Traditionen er differenziert darstellt und auf die alltagsrelevanten Bereiche konzentriert. Sie werden durch weisheitliche und pagane philosophisch-ethische Traditionen angereichert. 3. Die ethische Unterweisung Jesu versteht Konradt als Grundimpuls f\u00fcr die fr\u00fchchristliche Ethik. Inhaltlich werden dabei acht Themenbereiche hervorgehoben.<\/p>\n\n\n\n<p>Am umfangreichsten ist das 3. Kapitel \u201ePaulus: Handeln als lebenspraktische Dimension der Christusteilhabe in der Kraft des Geistes\u201c (61\u2013183). Grundlage sind die sieben Briefe, die unbestritten von <em>Paulus<\/em> stammen. Der Glaube ist \u201ef\u00fcr Paulus wesenhaft handlungsorientierter Glaube\u201c (63). Christliches Verhalten ist christologisch fundiert; die pneumatologische Dimension und der ekklesiologische Horizont sind dem christologischen Fokus zugeordnet. Dies wird im Abschnitt \u201eTheologische Grundlagen\u201c \u00fcberzeugend begr\u00fcndet und entfaltet (63\u201383). Traditionen, die Paulus in seiner Ethik aufnimmt, sind vor allem die Tora, aber auch ethische Traditionen der griechisch-r\u00f6mischen Antike sowie die Jesustradition und die fr\u00fchchristliche Gemeindepar\u00e4nese. Nach Konradt ist die Liebe (\u1f00\u03b3\u03ac\u03c0\u03b7) Leitmotiv paulinischer Ethik. Sie hat die zentrale Rolle sowohl in der grundlegenden Gemeindeunterweisung (1Thess; R\u00f6m 12\u201313) als auch in der Er\u00f6rterung konkreter ethischer Herausforderungen (94). Dies wird unter den Themen \u201eDie Agape und die R\u00fccksicht auf die Schwachen\u201c, \u201eDie Agape und die Auferbauung der Gemeinde in 1Kor 12\u201314\u201c, \u201eDie Annahme des Onesimus als Manifestation der Agape im Phlm\u201c und \u201eDie Kollekte f\u00fcr Jerusalem als Manifestation der Agape\u201c \u00fcberzeugend exegetisch begr\u00fcndet. Ein eigener Abschnitt ist dem Verh\u00e4ltnis der Liebe zum Gesetz gewidmet (114\u2013120). Als Ergebnis stellt Konradt fest, dass Paulus die Betonung der Agape als ethischen Leitwert nicht erfunden hat, sondern \u201eer hat das auf dem Boden j\u00fcdischer Ethik in den nach\u00f6sterlichen Gemeinden virulente Agapekonzept \u00fcbernommen und zeigt <em>Ans\u00e4tze<\/em> zur christologischen Vertiefung und Transformation dieses Konzepts\u201c (121). Ein weiteres Leitmotiv ist die Demut, sodass gesellschaftliche Statusunterschiede in der Gemeinde keine Rolle spielen. \u201eLeitend ist vielmehr das Bild einer Gemeinschaft, deren Glieder sich in der Achtung der jeweils anderen zuvorkommen\u201c (122). Die Leitmotive werden in ethischen Konkretionen angewandt, und zwar in den Bereichen: Sexualit\u00e4t und Ehe; Besitzethik, Wohlt\u00e4tigkeit und Arbeit; Sklaverei sowie Unterordnung unter die Obrigkeiten. Das Kapitel wird mit einem \u201eR\u00fcckblick: Ethische Orientierung und Urteilsfindung bei Paulus\u201c abgeschlossen. F\u00fcr die Christen geht es nach R\u00f6m 12,2 \u201eum die Gewinnung und Auspr\u00e4gung ethischer Urteilsf\u00e4higkeit und das Verm\u00f6gen, die christusf\u00f6rmige Ausrichtung an den Belangen der Mitmenschen situativ angemessen zu praktizieren\u201c (171).<\/p>\n\n\n\n<p>Im 4. Kapitel geht es um die Weiterf\u00fchrung und Transformation der paulinischen Ethik in den <em>deuteropaulinischen Briefen<\/em> (184\u2013241), und zwar in drei Abschnitten: \u201eKolosserbrief: Leben unter der Herrschaft Christi\u201c, \u201eEpheserbrief: Leben als Glieder des einen Gottesvolkes\u201c und \u201ePastoralbriefe: Der universale Heilswille Gottes und die gesellschaftliche Kompatibilit\u00e4t christlicher ethischer \u00dcberzeugungen\u201c. Der christologische und soteriologische Ansatz der ethischen Aussagen entspricht im Kolosser- und Epheserbrief im Wesentlichen den unumstrittenen Paulusbriefen, ebenso der hohe Stellenwert der Handlungsdimension des Glaubens und das Leitmotiv der Agape. Ein Novum stellen die Haustafeln in Kol 3,18\u20134,1 und Eph 5,21\u20136,9 dar. In ihnen wird die bestehende Gesellschaftsordnung vorausgesetzt, aber das Verhalten in diesem Rahmen christlich qualifiziert. Insbesondere wird ein respektvoller und liebevoller Umgang der Ehepartner miteinander angemahnt, wobei dies im Epheserbrief durch den Vergleich zwischen Christus und der Gemeinde und durch die Aufforderung zur wechselseitigen Unterordnung in Eph 5,20 st\u00e4rker profiliert wird. Betont hervorgehoben sind im Epheserbrief \u201edie Gestaltung der kirchlichen Einheit und die Abgrenzung von der ,heidnischen\u2018 Welt\u201c (210). In den Pastoralbriefen sieht Konradt als zentralen ethischen Aspekt die \u201eUniversalit\u00e4t des Heilswillens Gottes\u201c (220). Indem die Au\u00dfenwirkung der Lebensgestaltung st\u00e4rker im Blick ist, ist der Einfluss der gesellschaftlichen Konventionen st\u00e4rker. Nach Konradt liegt in den Pastoralbriefen \u201eeine einseitige, konservative Transformation des paulinischen Erbes vor\u201c (230).<\/p>\n\n\n\n<p>In den Kapiteln 5\u20137 werden die synoptischen Evangelien behandelt; Lukas wird um die Apostelgeschichte zum lukanischen Doppelwerk erg\u00e4nzt. Den ethischen Ausf\u00fchrungen werden jeweils die theologischen Grundlagen vorangestellt. Im <em>Markusevangelium<\/em> (242\u2013259) wird die Nachfolge der J\u00fcnger zur Kreuzesnachfolge vertieft. \u201eHinsichtlich des zwischenmenschlichen Verhaltens erf\u00e4hrt die Nachfolge ihre grundlegende Bestimmung durch den Aspekt des Dienens\u201c (252). Bei den Fragen des Lebensalltags werden die Unaufl\u00f6slichkeit der Ehe sowie die Wertsch\u00e4tzung der Kinder betont sowie die Besitzfrage und die Vergebungsthematik angesprochen. \u2013 Im <em>Matth\u00e4usevangelium<\/em> stellt Konradt das gro\u00dfe Gewicht der Handlungsdimension christlichen Lebens heraus. \u201eMatth\u00e4us\u2019 ethischer Ansatz ist fundamental durch den konstitutiven Bezug auf die Willenskundgabe Gottes in der Tora gekennzeichnet\u201c (267). Dabei gewichtet er die Gebote, d.&nbsp;h. das Liebesgebot und die Gebote \u2013 insbesondere des Dekalogs \u2013, die den zwischenmenschlichen Bereich betreffen, sind wichtiger als kultische Gebote. Das Doppelgebot der Liebe und die Barmherzigkeit sind die ethischen Leitperspektiven f\u00fcr die Interpretation des Gotteswillens. Die Gottesliebe und die N\u00e4chstenliebe fungieren \u201einsofern als oberste Prinzipien, als die Befolgung anderer Gebote mit dem Doppelgebot der Liebe nicht in Konflikt geraten darf\u201c (285). \u201eDie Befolgung der Tora <em>in ihrem von Jesus vermittelten Verst\u00e4ndnis<\/em>\u201c und die Nachfolge Jesu bilden eine Einheit (281). Unter dem Schwerpunkt \u201eNachfolge und Nachahmung Jesu subsumiert Konradt als weitere Aspekte der matth\u00e4ischen Ethik Jesus als ethisches Vorbild sowie Selbsterniedrigung und Vergebungsbereitschaft als ethische Leitaspekte. \u2013 Bei <em>Lukas<\/em> ist \u201edie Barmherzigkeit Gottes \u2026 das Fundament, auf dem Leitthemen der lk Ethik, die Zuwendung zu den S\u00fcndern und zu den Bed\u00fcrftigen, ruhen\u201c (327). Im Zentrum der christlichen Lebensf\u00fchrung steht die Orientierung an Jesus und seiner Unterweisung. Darin sind Liebe und Barmherzigkeit ethische Leitperspektiven, die auch die Feindesliebe einschlie\u00dfen. Als zentrale ethische Anliegen im lukanischen Doppelwerk nennt Konradt das \u201emit der Zuwendung zu den S\u00fcndern verbundene Vergebungsethos\u201c und die \u201ekaritative Verwendung von Besitz\u201c (344). Ausf\u00fchrlich geht Konradt auf die Besitzethik ein (348\u2013374). Er kommt dabei zu dem Ergebnis: \u201eBesitz verpflichtet zu karitativem Engagement, und f\u00fcr Lukas ist es ein <em>Wesensmerkmal<\/em> des Christseins, dass es in Erf\u00fcllung des Liebesgebots und in Entsprechung zur Sorge Gottes f\u00fcr die Armen zu karitativ ausgerichtetem Besitzverzicht kommt\u201c (372f), so \u201edass von denen, die dazu in der Lage waren, gro\u00dfz\u00fcgige Unterst\u00fctzungsleistungen erwartet wurden\u201c (373).&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Im 8. Kapitel wird von der Theologie und Ethik der Liebe im <em>Corpus Johanneum<\/em> (Evangelium und Briefe) gesprochen (385\u2013412). \u201eDie Liebe zueinander basiert auf und ist Entsprechung zur Liebe Christi\u201c (400). \u201eDer Ton lieg in den joh Schriften auf der Liebe in ihrer innergemeindlichen Dimension, in der sie durch ihre christologische Verankerung zu einer sich selbst hingebenden Liebe intensiviert ist\u201c (407), und zwar vor allem gegen\u00fcber den Glaubensgeschwistern. Von Joh 3,16, der universalen Zuwendung Gottes, und der Sendung der J\u00fcnger in die Welt ist sie nicht exklusiv zu verstehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Kapitel 9\u201312 untersuchen den Hebr\u00e4er- (413\u2013424), den Jakobus- (425\u2013452) und den 1.&nbsp;Petrusbrief (453\u2013470) sowie die Offenbarung (471\u2013486); darauf kann angesichts des begrenzten Umfangs der Rezension hier nicht eingegangen werden. Im letzten Kapitel bietet Konradt einen R\u00fcckblick und ein Res\u00fcmee: \u201ePluralit\u00e4t, Komplementarit\u00e4t und Leitperspektiven neutestamentlicher Ethik\u201c (487\u2013502).&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Es lohnt sich, das Buch gr\u00fcndlich zu studieren. Durch die Aufnahme der atl.-fr\u00fchj\u00fcdischen Traditionen und den Vergleich mit der antiken Lebenswelt und ihren ethischen Traditionen treten die Aussageintentionen der ntl. ethischen Aussagen deutlich hervor. Zu loben ist die gr\u00fcndliche exegetische Arbeit, die zu differenzierten Urteilen f\u00fchrt. Die wesentlichen Motive und Leitperspektiven der ntl. Schriften werden herausgearbeitet und pr\u00e4gnant formuliert. Das Ziel des Buchs, zu zeigen, dass \u201ees sich auch im Blick auf heutige Fragen christlicher Lebensorientierung lohnt, sich mit\u201c den ethischen Vorstellungen im NT \u201ezu befassen und auch die hermeneutischen M\u00fchen der \u00dcbersetzungsarbeit auf sich zu nehmen\u201c (502), hat Konradt meiner Meinung nach erreicht. Daher kann ich das Buch nur empfehlen.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p><em>Dr. Wilfrid Haubeck, Professor em. f\u00fcr Neues Testament und Griechisch an der Theologischen Hochschule Ewersbach in Dietzh\u00f6lztal<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Matthias Konradt: Ethik im Neuen Testament, Grundrisse zum Neuen Testament. 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