{"id":2102,"date":"2023-10-23T15:27:36","date_gmt":"2023-10-23T15:27:36","guid":{"rendered":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=2102"},"modified":"2023-10-23T15:27:37","modified_gmt":"2023-10-23T15:27:37","slug":"paul-gerhard-klumbies-neutestamentliche-debatten-von-1900-bis-zur-gegenwart","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=2102","title":{"rendered":"Paul-Gerhard Klumbies: Neutestamentliche Debatten von 1900 bis zur Gegenwart"},"content":{"rendered":"\n<p>Paul-Gerhard Klumbies: <em>Neutestamentliche Debatten von 1900 bis zur Gegenwart<\/em>, T\u00fcbingen: Mohr Siebeck 2022, Br., XI+214\u00a0S., \u20ac\u00a019,\u2212, ISBN <a href=\"https:\/\/www.mohrsiebeck.com\/buch\/neutestamentliche-debatten-von-1900-bis-zur-gegenwart-9783161615351?no_cache=1\">978-3-16-161535-1<\/a><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p>Klumbies ist Professor mit dem Schwerpunkt <em>Neues Testament<\/em> an der Universit\u00e4t Kassel. Sein Buch \u00fcber neutestamentliche Debatten hat ein kleines Format; in einem f\u00fcr wissenschaftliche Publikationen verwendeten gr\u00f6\u00dferen Format (etwa 17&#215;24 cm) w\u00fcrde es nur etwa 150 Seiten umfassen. F\u00fcr Klumbies war Bultmann der zentrale Neutestamentler im 20. Jh.; das zeigt sich bereits daran, dass dessen Name in der \u00dcberschrift von vier Kapiteln vorkommt, w\u00e4hrend andere Namen maximal in einer einzigen \u00dcberschrift erscheinen, n\u00e4mlich: Albert Schweitzer, Wrede, Harnack, K\u00e4semann sowie der Philosoph Schopenhauer, dem Klumbies einen gro\u00dfen Einfluss zuschreibt, auch wenn er in der Theologie nur selten erw\u00e4hnt wurde (132\u2013139). Auch durch das Sachregister und insb. durch das Personenregister werden Klumbies\u2018 Bewertungen deutlich: Von den mehr als 160 Namen kommt Bultmann am weitaus h\u00e4ufigsten vor, gefolgt von Harnack, dessen konservative \u201eGegenspieler\u201c Theodor Zahn und Adolf Schlatter nie erw\u00e4hnt werden. In der H\u00e4ufigkeit folgt K\u00e4semann. Nie erw\u00e4hnt werden die einflussreichen Neutestamentler Joachim Jeremias, Alfred Wikenhauser, Martin Hengel, Klaus Berger, Kurt Aland. Auch die britischen Theologen F.&nbsp;F. Bruce, John A.&nbsp;T. Robinson, N.&nbsp;T. Wright oder Richard Bauckham fehlen. Die Darstellung beschr\u00e4nkt sich weitgehend auf den evangelischen deutschen Sprachraum.<\/p>\n\n\n\n<p>Als Kritiker der Formgeschichte werden die Schweden Riesenfeld und Gerhardsson sowie Rainer Riesner besprochen. Dieser Richtung unterstellt Klumbies eingangs, dass sie nicht aus sachlichen Gr\u00fcnden kritisiert, sondern aus einem psychologischen Motiv heraus: \u201eAus einem theologisch konservativen Lager wurden Einw\u00e4nde aus der Bef\u00fcrchtung heraus vorgetragen, der historische Jesus w\u00fcrde in fragmentarisierte Erz\u00e4hlungen aus nach\u00f6sterlicher Zeit aufgel\u00f6st.\u201c (152) Die Ansicht, dass die m\u00fcndliche Weitergabe durch das Auswendiglernen \u201eim Ergebnis wesentlich wortgetreuer als schriftliche \u00dcberlieferungen\u201c w\u00e4re, wobei \u201edie Vielzahl der Abschreibefehler\u201c bei der Weitergabe der ntl. Schriften \u201eden Qualit\u00e4tsunterschied der beiden \u00dcberlieferungsmodi dokumentiere\u201c (154), vertritt jedenfalls Riesner nicht. Klumbies gibt hier nicht an, bei wem er eine solche Sichtweise gefunden hat. Dass Jesu Worte von seinen Anh\u00e4ngern auswendig gelernt wurden, meint Klumbies dadurch widerlegen zu k\u00f6nnen, dass Mt und Lk \u201edas Zentralgebet der Christusglaubenden, das Vaterunser\u201c, \u201ein zwei voneinander abweichenden Fassungen\u201c wiedergeben (154). Dieser Befund wird \u2013 was Klumbies nicht erw\u00e4hnt \u2013 von Riesner damit erkl\u00e4rt, dass die Mt-Fassung aus liturgischen Gr\u00fcnden durch in anderen Situationen gesprochene Jesusworte (z.&nbsp;B. \u201edein Wille geschehe\u201c in Gethsemane) erg\u00e4nzt wurde (genau erl\u00e4utert von Riesner bereits in der 1.Auflage seines Buches \u201eJesus als Lehrer\u201c, 1981, 446). Klumbies meint: \u201eDie Hypothese der stabilen Kontinuit\u00e4t m\u00fcndlicher Jesus\u00fcberlieferung hat sich nicht breit durchgesetzt.\u201c (154) Aber etwa Lukas Bormann meint zur Wirkung Jesu, \u201edass von Anfang an seine Worte festgehalten, memoriert und aufgezeichnet wurden\u201c (so in dem von ihm hgg. Band \u201eNeues Testament. Zentrale Themen\u201c, 2014, S.&nbsp;1).<\/p>\n\n\n\n<p>Aufschlussreich sind manche eingestreute Anekdoten. Kurz vor 1980 hatte Klumbies als Student in M\u00fcnster\/Westfalen nach einer Paulus-Vorlesung von G\u00fcnter Klein diesen gefragt, welche ntl. amerikanische Literatur er zum Lesen empfehle. Darauf Klein: \u201eWas wollen Sie denn da lesen? Das sind doch alles Fundamentalisten!\u201c (163) Fundamentalisten werden von Klumbies einige Male erw\u00e4hnt, etwa bei der Reaktion auf Bultmanns Entmythologisierungs-Aufsatz von 1941: \u201edie Auferstehung Christi ist kein historisches Ereignis\u201c, hatte Bultmann geschrieben (140). Klumbies weiter: \u201eViele fundamentalistisch und neopietistisch orientierte Gruppen in den evangelischen Landeskirchen reagierten emp\u00f6rt auf das, was sie als Angriff auf ihre angestammten traditionellen \u00dcberzeugungen ansahen, und formierten sich zum Kampf f\u00fcr die Wahrheit, wie sie sie verstanden.\u201c Dass damals von Konservativen auch theologische Argumente gegen Bultmanns Sichtweise vorgebracht wurden, erf\u00e4hrt der Leser nicht. Der Widerstand gegen Bultmann erscheint als emotional, starr und k\u00e4mpferisch, jedenfalls nicht als rational.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Ende seines Buches erw\u00e4hnt Klumbies den Verweis-Charakter der ntl. Schriften. Deren \u201eGegenstand ist das Glaubensgeschehen, das der Textentstehung vorausliegt\u201c (187). Worin besteht dieses \u201eGlaubensgeschehen\u201c? Das historische Wirken Jesu wird hier ja nicht gemeint sein \u2013 von einem Theologen, der in der Tradition Bultmanns steht. Gemeint ist wohl der nach\u00f6sterliche Glaube der J\u00fcnger: <em>An diesen Glauben glaubt der Exeget<\/em>; dessen \u201egegenw\u00e4rtiger Glaube erkennt, dass in den Schriften des Neuen Testaments sich Gott als Gott zu Wort meldet\u201c (188). Die ntl. Wissenschaft sollte nicht nur \u201edie Analyse tradierter antiker Gottesverst\u00e4ndnisse\u201c im NT ermitteln (189), sondern \u201estatt Gottesvorstellungen allein historisch zu rekonstruieren, Gott als bleibenden Bezugspunkt der Textinterpretation in den Blick\u201c nehmen. Damit ist ein wichtiges Anliegen angesprochen, das sich aber im Rahmen der historisch-kritischen Theologie, die bei Klumbies eine Monopolstellung hat, kaum verwirklichen l\u00e4sst. Diese Richtung betrachtet die ntl. Schriften in einem naturalistischen Rahmen, also unter Ausklammerung von Gottes Wirken. Es handelt sich demnach um die Ergebnisse menschlicher Erfahrungen und \u00dcberlegungen, die dann im Anschluss kaum zu einer zuverl\u00e4ssigen Erkenntnis Gottes f\u00fchren. Wenn wir den Evangelien \u2013 wie auch Klumbies meint \u2013 kaum entnehmen k\u00f6nnen, was der historische Jesus sagte und tat, k\u00f6nnen wir durch solche Texte Gott, der sich besonders in seinem Sohn offenbarte, kaum besser kennenlernen.<\/p>\n\n\n\n<p>Nebenbei meint Klumbies in Bezug auf den Trialog der monotheistischen Religionen, es sei ein \u201eKurzschluss\u201c, dass die Anh\u00e4nger dieser drei Religionen \u201ealle an denselben Gott\u201c glauben (190).&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Fazit: Klumbies konzentriert sich bei seiner Darstellung der wesentlichen ntl. Debatten seit 1900 auf die historisch-kritische Richtung, wobei er insbesondere Bultmann stark herausstellt und konservative Neutestamentler kaum zu Wort kommen l\u00e4sst. Insofern liegt hier nur ein einseitiger Ausschnitt aus dem Ringen um theologische Erkenntnis vor.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p><em>Dr. Franz Graf-Stuhlhofer BSc, Lehrbeauftragter an der KPH Wien\/Krems f\u00fcr Kirchengeschichte und Dogmatik<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Paul-Gerhard Klumbies: Neutestamentliche Debatten von 1900 bis zur Gegenwart, T\u00fcbingen: Mohr Siebeck 2022, Br., XI+214\u00a0S., \u20ac\u00a019,\u2212, ISBN 978-3-16-161535-1 Klumbies ist<\/p>\n","protected":false},"author":15,"featured_media":2103,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"colormag_page_container_layout":"default_layout","colormag_page_sidebar_layout":"default_layout","inline_featured_image":false,"footnotes":""},"categories":[3],"tags":[],"class_list":["post-2102","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-neues-testament"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2102","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/15"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=2102"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2102\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2104,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2102\/revisions\/2104"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/2103"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=2102"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=2102"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=2102"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}