{"id":2105,"date":"2023-10-23T15:29:46","date_gmt":"2023-10-23T15:29:46","guid":{"rendered":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=2105"},"modified":"2023-10-23T15:29:48","modified_gmt":"2023-10-23T15:29:48","slug":"wolfgang-kraus-michael-tilly-axel-toellner-hg-das-neue-testament-juedisch-erklaert","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=2105","title":{"rendered":"Wolfgang Kraus \/ Michael Tilly \/ Axel T\u00f6llner (Hg.): Das Neue Testament \u2013 j\u00fcdisch erkl\u00e4rt"},"content":{"rendered":"\n<p>Wolfgang Kraus \/ Michael Tilly \/ Axel T\u00f6llner (Hg.): <em>Das Neue Testament \u2013 j\u00fcdisch erkl\u00e4rt<\/em>. Luther\u00fcbersetzung, Stuttgart: Deutsche Bibelgesellschaft, 2021, geb., XXXVIII+912\u00a0S., \u20ac\u00a068,\u2212, ISBN <a href=\"https:\/\/shop.die-bibel.de\/Das-Neue-Testament-juedisch-erklaert\/3384\">978-3-438-03384-0<\/a><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p>Dieser umfangreiche Kommentarband ist die \u00dcbersetzung eines englischen Originals, das in zweiter Auflage 2017 erschienen war (in erster Auflage 2011). Die beiden Herausgeber des Originals waren die j\u00fcdischen Gelehrten Amy-Jill Levine (Hartford, Connecticut) und Marc Zvi Brettler (Durham, North Carolina). Die drei Herausgeber der deutschen \u00dcbersetzung sind evangelische Theologen, denen der christlich-j\u00fcdische Dialog ein gro\u00dfes Anliegen ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Mehr als 600 Seiten umfassen Einleitungen und Kommentare zu den 27 NT-Schriften, danach folgen fast 300 Seiten mit \u00fcber 50 \u201eEssays\u201c zu vielen Einzelthemen (etwa \u00fcber \u201eJudaisierer, Judenchristen und andere\u201c, oder \u201eJesus in der mittelalterlich-j\u00fcdischen Tradition\u201c).<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr den Druck wurde leider eine kleine Schriftgr\u00f6\u00dfe verwendet, so wie sie sonst in Fu\u00dfnoten gebr\u00e4uchlich ist. Das erschwert die Lekt\u00fcre. Nur der vollst\u00e4ndig abgedruckte NT-Text in der \u00dcbersetzung Luthers steht in normaler Schriftgr\u00f6\u00dfe. Das Umgekehrte f\u00e4nde ich besser, denn einen NT-Text kann jeder Interessierte anderswo finden, dazu braucht er nicht diese Ausgabe. Der informative Thementeil (\u201eEssays\u201c) h\u00e4tte \u2013 in normaler Schriftgr\u00f6\u00dfe \u2013 einen eigenen 400-Seiten-Band ergeben, den man gesondert vertreiben k\u00f6nnte.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Insgesamt waren etwa 80 j\u00fcdische Gelehrte beteiligt. Deren Wirkungsorte und Funktionen sind leider nicht angegeben. Wenn ich z.&nbsp;B. mehr \u00fcber die Autorin von Einleitung und Kommentar zum JohEv wissen will, dann finde ich im Autorenverzeichnis (XXIIf) beim Namen Adele Reinhartz blo\u00df die Angabe, dass sie den JohEv-Beitrag dieses Bandes verfasste \u2013 was ich ja ohnehin schon wei\u00df. Bei mehreren Namen versuchte ich deren Wirkungsorte herauszufinden; demnach sind die Autoren vor allem in den USA t\u00e4tig (tw. in Kanada, z.&nbsp;B. die eben genannte Reinhartz in Ottawa); viele hatten fr\u00fcher in Jerusalem studiert oder gewirkt. Ich setze den mutma\u00dflichen Wirkungsort in Klammern hinter den jeweiligen Namen des Autors.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich hoffte, in diesem Band eine auf gr\u00fcndliche Kenntnis der j\u00fcdischen Geschichte und Literatur des Altertums gegr\u00fcndete Einsch\u00e4tzung der Entstehung der einzelnen NT-Schriften zu lesen. Eine solche wird jedoch kaum geboten. Die Einleitungen zu den NT-Schriften basieren auf der historisch-kritischen Sicht evangelischer und katholischer Neutestamentler. Diese wird anscheinend nicht hinterfragt, und die Autoren begn\u00fcgen sich mit knappen Begr\u00fcndungen f\u00fcr das jeweilige Datierungs- oder Echtheits-Urteil. Konservative Sichtweisen und ihre Argumente werden ignoriert.<\/p>\n\n\n\n<p>Manchmal greifen die Autoren extrem skeptische Ansichten auf, wie sie in Nordamerika manchmal vertreten werden. Z.&nbsp;B. meint Gary Gilbert (Claremont, Kalifornien), die Apg wurde \u201evermutlich im fr\u00fchen 2. Jahrhundert verfasst\u201c (233). Die Begr\u00fcndung daf\u00fcr ist d\u00fcnn: Das LkEv spiele wahrscheinlich auf die Zerst\u00f6rung des Tempels an, und m\u00f6glicherweise hatte der Apg-Autor Zugang zu den Schriften des Flavius Josephus, die \u201enach 70 abgefasst wurden\u201c. Gilbert weiter: \u201eViele der Worte und Taten des Petrus, Paulus und der anderen Apostel k\u00f6nnen nicht belegt werden, und in vielen F\u00e4llen widersprechen die Informationen, die die Apostelgeschichte gibt, dem, was wir aus anderen Quellen wie den Paulusbriefen wissen.\u201c Hier zeigt sich eine unrealistische Erwartung, denn viele als zuverl\u00e4ssig eingesch\u00e4tzte historische Quellen des Altertums berichten von Taten und Worten, die nicht zus\u00e4tzlich durch andere Quellen zu belegen sind. Und der behauptete Widerspruch \u201ein vielen F\u00e4llen\u201c ist jedenfalls weit \u00fcbertrieben, denn es gibt nur einige wenige F\u00e4lle mit Diskrepanzen. Die Mitherausgeberin Levine schreibt, dass \u201eLukas j\u00fcdische Praktiken erl\u00e4utert [\u2026] \u2013 manchmal sogar falsch (z.&nbsp;B. Lk 2,22)\u201c (116); sie bezieht sich darauf, dass Lukas nach Jesu Geburt von \u201eihrer Reinigung\u201c in der Mehrzahl schreibt, also au\u00dfer an Maria noch an eine zweite Person denkt, w\u00e4hrend <em>Lev 12<\/em> nur die Reinigung der Mutter erw\u00e4hnt (123). Rainer Riesner (Jesus als Lehrer, T\u00fcbingen, 4. Auflage 2023, S.&nbsp;337) verweist aber auf einen Qumran-Text (4Q265), der auch die Reinigung des Kindes vorsieht. Dieser Text legt eine gewisse Verbreitung der \u2013 dann auch bei Lukas anklingende \u2013 Idee nahe, dass neben der Mutter noch eine weitere Person eine Reinigung ben\u00f6tigt. Bei Levine fehlt ein Verweis auf diesen Qumran-Text jedoch.<\/p>\n\n\n\n<p>Manche Aussagen sind sehr ungenau. Die erste Missionsreise von Paulus und Barnabas war etwa 46 n.&nbsp;Chr.; Claudia Setzer (Manhattan, New York) meint in ihrem Essay \u201eJ\u00fcdische Reaktionen auf die Anh\u00e4nger Jesu\u201c, dass die Apg diese Reise \u201ein der Zeit Jesu [also um 30 n.&nbsp;Chr.] angesiedelt\u201c habe (796), w\u00e4hrend der Bericht eher die Verh\u00e4ltnisse nach 70 n.&nbsp;Chr. widerspiegle. Das ist eine seltsame Behauptung. Diese Berichte der Apg w\u00fcrden laut Setzer zeigen, \u201ewie man sich im 2. Jahrhundert u.Z. die Anf\u00e4nge der Kirche vorgestellt hat\u201c. An dieser Stelle f\u00fcgen die Herausgeber der deutschen Ausgabe eine Anmerkung ein (was sie nur selten tun): Dass n\u00e4mlich diese Autorin die Apg im 2.Jh. ansetzt, was \u201eeine Minderheitenmeinung in der Forschung\u201c ist (800). Die Berichte der Apg, so Setzer weiter, \u201estellen vermutlich eine Mischung aus Erinnerung und Erfindung dar\u201c. Gest\u00fctzt auf eine solche Abwertung des historischen Werts der Apg (sowie auf Fehlinterpretationen der Paulusbriefe) kommt es dann mitunter zu schr\u00e4gen Ideen, etwa in Bezug auf den R\u00f6merbrief, den Paulus an die aus Heiden- und Judenchristen bestehende Gemeinde in Rom schrieb. Mark D. Nanos (Kansas) meint jedoch, Paulus schrieb an Heidenchristen, die sich bem\u00fchen sollten, \u201eVollmitglieder der j\u00fcdischen Gemeinde [= Synagoge] zu sein\u201c (304). Die \u201eSchwachen\u201c in R\u00f6m 14 bezieht Nanos auf die Juden in Rom, nicht speziell auf Judenchristen (336).<\/p>\n\n\n\n<p>Im Zusammenhang mit der behaupteten Unechtheit der Pastoralbriefe nennt Naomi Koltun-Fromm (Haverford, Philadelphia) Beispiele f\u00fcr \u201eeine Zuschreibung von Texten an vergangene Gr\u00f6\u00dfen\u201c, z.&nbsp;B. das Thomas-Evangelium (461). Dass es solche Zuschreibungs-Versuche gab, bestreitet ohnehin niemand; wichtiger w\u00e4re zu zeigen, dass falsche Zuschreibungen im Judentum oder im Christentum als akzeptabel galten. Das war wohl nicht der Fall, was eher dagegen spricht, dass unechte Schriften ins NT gelangten.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Kommentare beinhalten auch Bezugnahmen auf Schriften aus dem j\u00fcdischen Umfeld, etwa aus dem Talmud. Hier kommt tats\u00e4chlich j\u00fcdische Gelehrsamkeit zum Tragen. Wertvoll finde ich z.&nbsp;B. die Erl\u00e4uterung zu Apg 1,11, wie lange ein \u201eSabbatweg\u201c ist; dazu nennt Gary Gilbert konkrete Stellen aus einer Schriftrolle vom Toten Meer sowie aus der rabbinischen Tradition (237f); das AT erkl\u00e4rt diese L\u00e4nge nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Angabe \u201ej\u00fcdisch erkl\u00e4rt\u201c im Buchtitel bedeutet blo\u00df, \u201evon einzelnen j\u00fcdischen Theologen erkl\u00e4rt\u201c. Denn die Beitr\u00e4ge wurden von einzelnen Autoren (oder Autoren-Duos) eigenverantwortlich verfasst. Es bleibt dabei offen, inwieweit eine hier ge\u00e4u\u00dferte Ansicht der Mehrheitsmeinung der j\u00fcdischen Fachwelt entspricht.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Hinblick auf den christlich-j\u00fcdischen Dialog ist es wertvoll, wenn sich j\u00fcdische Gelehrte mit den NT-Schriften befassen und ihre Eindr\u00fccke festhalten, was dann von Juden und Christen gelesen \u2013 und mitunter kritisiert \u2013 werden kann. Der Dialog sollte weitergehen.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p><em>Dr. Franz Graf-Stuhlhofer BSc, Lehrbeauftragter an der KPH Wien\/Krems f\u00fcr Kirchengeschichte und Dogmatik<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wolfgang Kraus \/ Michael Tilly \/ Axel T\u00f6llner (Hg.): Das Neue Testament \u2013 j\u00fcdisch erkl\u00e4rt. Luther\u00fcbersetzung, Stuttgart: Deutsche Bibelgesellschaft, 2021,<\/p>\n","protected":false},"author":15,"featured_media":2106,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"colormag_page_container_layout":"default_layout","colormag_page_sidebar_layout":"default_layout","inline_featured_image":false,"footnotes":""},"categories":[3],"tags":[],"class_list":["post-2105","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-neues-testament"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2105","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/15"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=2105"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2105\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2107,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2105\/revisions\/2107"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/2106"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=2105"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=2105"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=2105"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}