{"id":2117,"date":"2023-10-23T15:38:16","date_gmt":"2023-10-23T15:38:16","guid":{"rendered":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=2117"},"modified":"2023-10-23T15:38:18","modified_gmt":"2023-10-23T15:38:18","slug":"jan-heilmann-lesen-in-antike-und-fruehem-christentum","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=2117","title":{"rendered":"Jan Heilmann: Lesen in Antike und fr\u00fchem Christentum"},"content":{"rendered":"\n<p>Jan Heilmann: <em>Lesen in Antike und fr\u00fchem Christentum. Kulturgeschichtliche, philologische sowie kognitionswissenschaftliche Perspektiven und deren Bedeutung f\u00fcr die neutestamentliche Exegese<\/em>, TANZ 66, T\u00fcbingen: Narr Francke Attempto, 2021, geb., 707\u00a0S., \u20ac\u00a0128,\u2212, ISBN <a href=\"https:\/\/www.narr.de\/lesen-in-antike-und-fr%C3%BChem-christentum-38729\/\">978-3-7720-8729-5<\/a><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p>Mit seiner 2021 erschienenen Habilitationsschrift \u201eLesen in Antike und fr\u00fchem Christentum\u201c will Jan Heilmann den Grundstein f\u00fcr die \u201eEtablierung eines umfassenden Forschungsfeldes\u201c legen, \u201edas die Multidimensionalit\u00e4t des Lesens [\u2026] in der griechisch-r\u00f6mischen Welt und insbesondere den Leseakt selbst sowie seine spezifische Wahrnehmung in der Antike ins Zentrum des Forschungsinteresses r\u00fcckt\u201c (484). Welch ein Mammutprojekt diese selbstgesteckte Aufgabe darstellt, wird bereits in der 76 Seiten umfassenden kritischen Auseinandersetzung mit dem Forschungsstand (Kap. 1) deutlich, die die Voraussetzungen und Engf\u00fchrungen der bisherigen Forschung aufzeigt.<\/p>\n\n\n\n<p>Als besonders problematisch wird dabei die weit verbreitete Annahme herausgestellt, Lesen in der griechisch-r\u00f6mischen Antike (und umso mehr im fr\u00fchen Christentum) sei grunds\u00e4tzlich als lautes Lesen konzeptualisiert worden, das prim\u00e4r im kollektiven Rahmen stattfand. Die Voraussetzungen, auf die sich diese Annahme gr\u00fcndet, werden zun\u00e4chst skizziert, um dann im weiteren Verlauf der Studie immer wieder aufgegriffen und anhand der Daten hinterfragt zu werden. Ziel der von Heilmann durchgef\u00fchrten Studie ist es, diesen Status quo mithilfe umfangreicher Daten aus den antiken Quellen, die durch aktuelle Erkenntnisse aus verschiedenen Referenzwissenschaften gest\u00fctzt werden, zur Diskussion zu stellen und die \u201emonosituative Verortung des Lesens\u201c (19) als Engf\u00fchrung und Vereinfachung zu entlarven, die der Selbstwahrnehmung und -beschreibung der antiken Lesepraxis in den Quellen nicht gerecht wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Hierzu f\u00e4hrt Heilmann schwere Gesch\u00fctze auf: Allein f\u00fcr das griechische Hauptleseverb \u1f00\u03bd\u03b1\u03b3\u03b9\u03b3\u03bd\u03ce\u03c3\u03ba\u03c9 hat er mithilfe digitaler korpuslinguistischer Methoden weit mehr als 3.500 Belegstellen gesichtet (85). F\u00fcr die Analyse seiner Daten etabliert er zudem eine \u00e4u\u00dferst pr\u00e4zise Metasprache zur koh\u00e4renten und differenzierten Klassifizierung der zu beschreibenden Leseszenen anhand der <em>Lesesituation<\/em>, der <em>Leseweise<\/em> und des <em>Leseziels<\/em> (87\u201394), die sich in der anschlie\u00dfenden Untersuchung bew\u00e4hrt (Kap. 1.5).<\/p>\n\n\n\n<p>Die eigentliche Studie gliedert sich in zwei Hauptteile und beginnt mit einer umfassenden lexikologischen Untersuchung der wichtigsten Lexeme, die das Lesen im Griechischen denotieren, sowie h\u00e4ufig auftretender Metaphern und Metonymien, die Einblick in die antike Reflexion \u00fcber den Leseprozess geben (Kap. 3). Eingeflochten werden dabei Vergleiche zwischen der griechischen und der lateinischen Leseterminologie. Diese Untersuchung bildet gewisserma\u00dfen das R\u00fcckgrat der gesamten Arbeit und ist als ihr wichtigster Beitrag zu werten. Die F\u00fclle relevanter Belegstellen, die Heilmann aufgrund seiner Vorarbeit in seine Argumentation einflie\u00dfen lassen kann, verleiht dieser das notwendige Gewicht. Er hat hier eine fast unersch\u00f6pflich erscheinende Fundgrube geschaffen, die sich als Ausgangsbasis f\u00fcr weitere Nachforschungen zum Thema sicherlich als h\u00f6chst n\u00fctzlich erweisen wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Mitunter wirkt die F\u00fclle an Daten jedoch \u00fcberw\u00e4ltigend \u2013 der Leser ist st\u00e4ndig herausgefordert, sich angesichts nicht ganz \u00fcbersichtlicher Gedankeng\u00e4nge, die Vieles nur anrei\u00dfen und deren Strukturierung typografisch leider nur wenig unterst\u00fctzt wird, zu orientieren und zwischen Argumentationsstr\u00e4ngen, Prim\u00e4rquellen und Ergebnissen zu unterscheiden. Hier zeigt sich ein generelles Problem, das es im Zusammenhang mit dem Einzug der Digital Humanities und der Verf\u00fcgbarkeit gro\u00dfer Datenmengen f\u00fcr die philologische Analyse zu reflektieren gilt: Wie k\u00f6nnen die Ergebnisse aus der Untersuchung umfangreicher Textkorpora einerseits so transparent pr\u00e4sentiert werden, dass sowohl die methodische Vorgehensweise als auch der Erkenntnisgewinn anhand der Daten nachvollzogen und ggf. repliziert werden kann, und wie k\u00f6nnen diese Ergebnisse andererseits so kommuniziert werden, dass der Leser durch den Datendschungel gef\u00fchrt wird und dabei nicht den eigentlichen Argumentationsverlauf aus den Augen verliert?<\/p>\n\n\n\n<p>Erg\u00e4nzt wird die lexikologische Untersuchung der Leseterminologie durch zwei k\u00fcrzere Kapitel, die der monosituativen Verortung des Lesens in der Antike weiter den Boden entziehen. Beide Kapitel sind eher als ausf\u00fchrliche (sehr interessante) Einsch\u00fcbe zu verstehen, deren Ziel weniger darin besteht, umfassend zu sein, als zu demonstrieren, dass aktuelle kognitions- und kulturwissenschaftliche Erkenntnisse sich mit dem aus den Quellendaten entstehenden Bild decken, wohingegen sie die Vorstellung einer Dominanz des lauten (Vor-)Lesens im kollektiven Rahmen und des Lesens als Elitenph\u00e4nomen infrage stellen.<\/p>\n\n\n\n<p>Im zweiten Hauptteil werden sodann die aus der korpuslinguistischen lexikologischen Untersuchung gewonnenen Erkenntnisse \u00fcber die Verwendung und Konnotation verschiedener Leseausdr\u00fccke und -metaphern auf Texte des antiken Judentums (Kap. 7) und des fr\u00fchen Christentums (Kap. 8) angewendet. Hier erntet der Autor einige sehr sch\u00f6ne exegetische und einleitungswissenschaftliche Fr\u00fcchte. So kann er beispielsweise die Erwartung einer individuell-direkten Lekt\u00fcre, ja sogar einer intensiven Auseinandersetzung mit dem Text und Mehrfachlekt\u00fcre f\u00fcr das Mk-Evangelium fundiert begr\u00fcnden. Gest\u00fctzt durch seine Erkenntnisse aus der korpuslinguistischen Untersuchung verschiedener Lesemetaphern gelangt er zu einer sehr plausiblen Deutung des kurzen Mk-Schlusses als Aufforderung zur erneuten, intensiven Lekt\u00fcre unter dem Vorzeichen einer christologischen Hermeneutik, die eine individuell-direkte, studierende Auseinandersetzung mit dem Text impliziert.<\/p>\n\n\n\n<p>Bedauerlich ist m.\u00a0E. folgende Tatsache: Die Beobachtungen zu den sog. Deuteropaulinen h\u00e4ngen v\u00f6llig davon ab, dass es sich bei den Pastoralbriefen sowie Eph und Kol tats\u00e4chlich um pseudepigraphe Schriften handelt, was vom Autor vorausgesetzt wird. Andernfalls w\u00e4ren s\u00e4mtliche Deutungsversuche im Hinblick auf intendierte Rezeptionsformen, Authentifizierungsstrategien etc. hinf\u00e4llig.Das Buch schlie\u00dft mit einem R\u00fcck- und Ausblick auf die Implikationen der neu gewonnenen Erkenntnisse f\u00fcr unser Bild der antiken griechisch-r\u00f6mischen Lesekultur generell, f\u00fcr Modelle der Entstehung, Erstrezeption und Kanonwerdung der neutestamentlichen Schriften sowie f\u00fcr unsere Vorstellung fr\u00fchchristlicher Gemeinden und ihrer Lesekultur. Heilmann kommt zu dem Fazit: \u201eDas Christentum war von fr\u00fcher Zeit an <em>auch<\/em> eine Buch-, vor allem aber eine Lesereligion\u201c (538). Dank der gr\u00fcndlichen und umfangreichen Quellenarbeit, die der Autor geleistet hat, d\u00fcrfte es schwierig werden, dieses Ergebnis zu bestreiten. Heilmann kann die Vielfalt und den Facettenreichtum der antiken Lesekultur sowie das hohe Ma\u00df an Reflexion \u00fcber die kognitiven Prozesse im Zusammenhang mit der Kulturtechnik \u201eLesen\u201c und praktische Lesetechniken wie Exzerpieren, diskontinuierliche Lekt\u00fcre ebenso wie Stufen des Erwerbs der Lesekompetenz in den Quellen als breit bezeugt nachweisen. Im Hinblick auf andere von ihm in der Einleitung angek\u00fcndigte Punkte, insbesondere was die Implikationen f\u00fcr Forschungsfelder der neutestamentlichen Wissenschaft wie bspw. die Kommunikationsbeziehungen zwischen Paulus und seinen Gemeinden, fr\u00fchchristliche Ritualgeschichte, Kanonwerdung, etc. betrifft, (siehe seine Auflistung auf den Seiten 20\u201321), bleibt er eine ausf\u00fchrliche Abhandlung schuldig und muss sich mit exemplarischen Darstellungen begn\u00fcgen.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p><em>Svenja Lueg, M.A., Doktorandin, Amsterdam<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Jan Heilmann: Lesen in Antike und fr\u00fchem Christentum. Kulturgeschichtliche, philologische sowie kognitionswissenschaftliche Perspektiven und deren Bedeutung f\u00fcr die neutestamentliche Exegese,<\/p>\n","protected":false},"author":125,"featured_media":2118,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"colormag_page_container_layout":"default_layout","colormag_page_sidebar_layout":"default_layout","inline_featured_image":false,"footnotes":""},"categories":[3],"tags":[],"class_list":["post-2117","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-neues-testament"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2117","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/125"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=2117"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2117\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2119,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2117\/revisions\/2119"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/2118"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=2117"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=2117"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=2117"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}