{"id":2129,"date":"2023-10-23T06:23:04","date_gmt":"2023-10-23T06:23:04","guid":{"rendered":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=2129"},"modified":"2023-10-24T06:23:25","modified_gmt":"2023-10-24T06:23:25","slug":"roland-fleischer-franz-graf-stuhlhofer-hg-theologie-und-politik-bei-deutschsprachigen-baptisten-in-suedosteuropa","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=2129","title":{"rendered":"Roland Fleischer \/ Franz Graf-Stuhlhofer (Hg.): Theologie und Politik bei deutschsprachigen Baptisten in S\u00fcdosteuropa"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Roland Fleischer \/ Franz Graf-Stuhlhofer (Hg.): <em>Theologie und Politik bei deutschsprachigen Baptisten in S\u00fcdosteuropa. Dokumentation aus der Zeitschrift \u201eT\u00e4ufer-Bote\u201c 1930\u201342<\/em>, Studien zur Geschichte christlicher Bewegungen reformatorischer Tradition in \u00d6sterreich 13, Bonn: Verlag f\u00fcr Kultur und Wissenschaft, 2021, geb., 348 S., \u20ac&nbsp;22,\u2013, ISBN <a href=\"https:\/\/vkwonline.com\/Theologie-und-Politik-bei-deutschsprachigen-Baptisten-in-Suedosteuropa_1\">978-3-86269-230-9<\/a><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die beiden baptistischen Theologen Roland Fleischer und Franz Graf-Stuhlhofer haben mit ihrer Dokumentation des T\u00e4ufer-Boten \u201eeine vergangene Welt\u201c (Cover) wieder lebendig werden lassen. Die Quellenlage zur Geschichte der deutschsprachigen Baptisten in S\u00fcdosteuropa ist aufgrund der Wirren der Nachkriegsgeschichte oft sehr schwierig. Umso verdienstvoller ist die hier erfolgte Auswahl wesentlicher Texte aus dem zentralen Publikationsorgan dieser Bewegung, dem \u201eT\u00e4ufer-Boten\u201c.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ganz zu Beginn muss zun\u00e4chst eine Klarstellung erfolgen: W\u00e4hrend der Titel von \u201eS\u00fcdosteuropa\u201c spricht, ist auf dem Cover lediglich der Umriss des heutigen \u00d6sterreich abgebildet, wie es auch der Reihe entspricht. Diese erste Irritation l\u00f6st sich aber schon auf den ersten Seiten auf. Der \u201eT\u00e4ufer-Bote\u201c wandte sich an die \u201eDonaul\u00e4nder\u201c, konkret: \u00d6sterreich, die Tschechoslowakei, Ungarn, Jugoslawien, Rum\u00e4nien und Bulgarien (2). Bis zum Anschluss \u00d6sterreichs 1938 ist dabei Wien das wohl wichtigste Zentrum der Bewegung. Nach 1938 spielt \u00d6sterreich keine Rolle mehr \u2013 und auch die T\u00e4tigkeit des Wiener Baptistenpredigers K\u00f6sters endete (bis auf wenige Ausnahmen; 8).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Komplexit\u00e4t der behandelten Jahre 1930\u20131942, sowie die kaum erforschte Situation der Baptisten in den \u201eDonaul\u00e4ndern\u201c machen also eine ausf\u00fchrliche Einleitung des Quellenmaterials vorab unabdingbar. Auf wenigen Seiten wird dabei nicht nur die Situation der betreffenden Bewegung, sondern auch die Intention sowie die Verbreitung des Publikationsorgans dargestellt. Dabei werden erste theologische Linien bereits in der Einf\u00fchrung deutlich. Etwa das auf allen Ausgaben der monatlich erscheinenden Zeitschrift prominent auf der ersten Seite abgedruckte Motto: \u201eDie Wahrheit ist unt\u00f6dlich!\u201c Es geht auf den t\u00e4uferischen Theologen Balthasar Hubmaier (1485\u20131528) zur\u00fcck, der in Wien als \u201eAufr\u00fchrer\u201c auf dem Scheiterhaufen verbrannt wurde. Der R\u00fcckgriff auf die T\u00e4uferbewegung der Reformationszeit erscheint damit als eine Form der Selbstvergewisserung und Identit\u00e4tsbildung f\u00fcr die recht junge baptistische Bewegung im engeren Sinn, zumal diese nur als kleine Minderheit an verschiedenen Orten existierte.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Herausgeber erl\u00e4utern in der Einf\u00fchrung auch die Kriterien der Edition, die s\u00e4mtlich nachvollziehbar sind. Eine vollst\u00e4ndige Wiedergabe aller erhaltenen Ausgaben h\u00e4tte bis zu 4.000 Seiten umgefasst und w\u00e4re in der Tat \u201ekaum sinnvoll\u201c (2) gewesen. Stattdessen unterteilen die Herausgeber aus Ihrer Sicht wesentliche und repr\u00e4sentative Beitr\u00e4ge in zehn Rubriken, in welchen dann chronologisch die verschiedenen Artikel und Miszellen geordnet sind. Diese Einteilung vermag nicht immer zu \u00fcberzeugen, da die systematischen Gr\u00fcnde nicht hinreichend reflektiert sind. Der \u201eUmgang mit der Bibel\u201c scheint etwa inhaltlich als Oberthema auch gut geeignet f\u00fcr die beiden weiteren Einheiten zu \u201eThemen von Bibelkursen f\u00fcr Prediger\u201c und \u201eBibeltext-Predigten\u201c. Auch der Abschnitt \u201eTheologische Zug\u00e4nge\u201c lie\u00dfe sich problemlos f\u00fcr eine Vielzahl weiterer Artikel aus anderen Abschnitten anwenden.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Auswahl der Texte insgesamt ist jedoch stimmig, besonders der Schwerpunkt auf die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus und (weniger stark ausgepr\u00e4gt) mit dem Kommunismus bzw. Sozialismus und die baptistische Identit\u00e4tsbildung im Verh\u00e4ltnis zu anderen Konfessionen. Immer wieder lassen sich in diesen Abschnitten wirkliche Sch\u00e4tze finden. Es darf allerdings nicht verschwiegen werden, dass ein Register am Ende des Bandes mehr als hilfreich gewesen w\u00e4re. So l\u00e4sst sich weder nach Stichworten, Personen, Orten, Ereignissen o.&nbsp;\u00e4. ein Text finden \u2013 und die mangelnde Systematik der Oberkategorien wird umso schmerzhafter empfunden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Lobend hervorzuheben sind in der Einleitung auf jeden Fall noch die drei pr\u00e4zisen Kurzbiographien \u00fcber die Herausgeber des \u201eT\u00e4ufer-Boten\u201c: Fleischer, F\u00fcllbrandt und K\u00f6ster. Aus meiner Sicht ragt in seiner historischen Bedeutung und seiner theologischen Klarheit der Wiener Baptistenprediger Arnold K\u00f6ster in dieser Dreiergruppe heraus. Er stammt geb\u00fcrtig aus Wiedenest bei K\u00f6ln und hatte sich intensiv mit den gro\u00dfen Denkern der Theologie auseinandergesetzt. Vieles erinnert etwa an die dialektische Theologie eines Karl Barth (8), zugleich grenzt sich K\u00f6ster von Sozialismus und <em>social gospel <\/em>(45; 149)<em> <\/em>deutlich st\u00e4rker ab. Neben Kierkegaard, Nietzsche und Spengler (vgl. 8) w\u00e4ren auch noch Adolf Schlatter (vgl. 26f, 91 u.&nbsp;\u00f6.) und der Jugendpfarrer Wilhelm Busch (140) als wichtige Gespr\u00e4chspartner zu nennen. Neben seiner theologischen Bildung ragt auch sein Mut in der Bewertung der Zeitereignisse heraus (vgl. 8f). So verurteilt er etwa schon 1933 den Nationalsozialismus als antichristlich.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Bei aller Rede von der Endzeit und aller dialektischen Rhetorik bleibt K\u00f6ster jedoch selbstkritisch. Das gilt sogar vom Baptismus insgesamt: \u201eWenn der Baptismus versagt, in kirchlicher Erstarrung endet und Gott uns ruft -, dann ziehen wir!\u201c (98). Zudem ist K\u00f6ster auch immer wieder ein Mann der leisen, mystischen T\u00f6ne. So betont er durch alle Jahrg\u00e4nge hinweg unabl\u00e4ssig die Notwendigkeit der \u201eStille vor dem Herrn\u201c (vgl. 139). Christen sind \u201eMenschen einer gro\u00dfen Ruhe\u201c (149). Auch seine Begegnungen mit Otto Dibelius (90) oder der Oxford-Gruppen-Bewegung (286f) sind nicht nur f\u00fcr den Historiker interessant.&nbsp;Wer sich die M\u00fche macht, die entsprechenden Texte in der Edition zu suchen, wird also durchaus mit vielerlei historischen und theologischen Erkenntnissen belohnt. Mit der kundigen Einleitung vor jedem Text, hilfreichen Angaben in eckigen Klammern und unter Zuhilfenahme des Historischen Lexikons des BEFG bei unbekannteren Pers\u00f6nlichkeiten (<a href=\"https:\/\/lexikon.befg.de\">https:\/\/lexikon.befg.de<\/a>) findet man sich gut zurecht. Als Vergleichspunkt jenseits der gro\u00dfen Zentren deutschsprachiger Theologie, sowie als Quelle f\u00fcr die historische Verfasstheit der Baptisten in S\u00fcdosteuropa, sowie f\u00fcr die Theologie ihrer bedeutendsten Repr\u00e4sentanten hat der Band seine Aufmerksamkeit verdient. Den beiden Herausgebern ist daher f\u00fcr die Erschlie\u00dfung dieses Quellenmaterials sowie seine kundige Einleitung herzlich zu danken.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Dr. Jan Reitzner, Vikar der Hannoverschen Landeskirche, Mitglied im Kammernetzwerk der EKD (Fachbereich Theologie I) sowie im Ausbildungsbeirat der Hannoverschen Landeskirche und stellv. Mitglied der EKD- und der VELKD-Synode<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Roland Fleischer \/ Franz Graf-Stuhlhofer (Hg.): Theologie und Politik bei deutschsprachigen Baptisten in S\u00fcdosteuropa. 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