{"id":2156,"date":"2024-04-30T13:17:42","date_gmt":"2024-04-30T13:17:42","guid":{"rendered":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=2156"},"modified":"2024-04-30T13:17:42","modified_gmt":"2024-04-30T13:17:42","slug":"carolin-neuber-israel-im-liminalen-raum-das-babylonische-exil-als-uebergangsprozess-im-ezechielbuch","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=2156","title":{"rendered":"Carolin Neuber: Israel im liminalen Raum. Das Babylonische Exil als \u00dcbergangsprozess im Ezechielbuch"},"content":{"rendered":"\n<p>Carolin Neuber: <em>Israel im liminalen Raum. Das Babylonische Exil als \u00dcbergangsprozess im Ezechielbuch<\/em>, Studies in Cultural Contexts of the Bible, Paderborn: Brill Sch\u00f6ningh, 2023, geb., X+267\u00a0S., \u20ac\u00a0115,89, ISBN <a href=\"https:\/\/brill.com\/display\/title\/64390\" data-type=\"link\" data-id=\"https:\/\/brill.com\/display\/title\/64390\">978-3-506-79097-2<\/a><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p>Prof. Dr. Carolin Neuber wurde auf das akademische Jahr 2022\/23 auf das Ordinariat f\u00fcr Altes Testament der Theologischen Fakult\u00e4t Trier berufen. Ihre vorausgehende Habilitationsschrift bei Prof. Dr. Ulrich Dahmen (Freiburg i.&nbsp;Br.) und Prof. Dr. Franz Sedlmeier (Augsburg) ist nun in leichter \u00dcberarbeitung gedruckt worden.<\/p>\n\n\n\n<p>Neuber pr\u00fcft in ihrer Lesung des Ezechielbuchs (EB), inwiefern dieser Text in seiner gesamten Dynamik als ritueller\u201c Text, genauer: als \u201e\u00dcbergangsritual\u201c gelesen werden kann. Darin enthalten ist insbesondere die These, dass das j\u00fcdische Exil (die Gola \/ Diaspora) des 6. Jh. v.&nbsp;Chr. als \u201eliminale Phase\u201c oder \u201eliminaler Raum\u201c betrachtet werden k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Es geht also letztlich darum, ob und wie die Botschaft des EB als ein (literarischer) Prozess zu betrachten ist, und ob dieser Prozess auch in der Kategorie ritueller Prozesse gesehen werden kann.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Studie von Neuber widmet dieser ersten Frage gr\u00fcndliche und verdienstvolle Vor\u00fcberlegungen in Kap. 1: <em>Methodische Grundlegung<\/em>. Dabei sind aus literaturwissenschaftlicher Perspektive die Annahmen bedeutsam, dass Texte als semiotische Gewebe zu betrachten sind, die mit anderen kulturellen \u00c4u\u00dferungen \u201emultimodal\u201c verkn\u00fcpft sind (Clifford Geertz). Auf der anderen Seite wird vor allem Jurij M. Lotmans Raumsemiotik als \u201eMetasprache zur Beschreibung von Kultur\u201c (7) fruchtbar gemacht.<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr das Verst\u00e4ndnis des EB spielt dann vor allem das \u00dcbergangsritual (<em>rite de passage<\/em>, Arnold van Gennep) und sein plausibler Dreischritt von Abl\u00f6sung \u2013 Umwandlung (\u201eliminale Phase\u201c) \u2013 Angliederung (15) eine Rolle. Das Ritualmodell ist von Victor Turner vertieft und definitorisch gekl\u00e4rt worden (17ff). Es l\u00e4sst sich sowohl in der strukturierten Form von Ritualen finden, wie auch in der spontanen Krisenbew\u00e4ltigung im \u201esozialen Drama\u201c (20f). Dabei erweist sich die \u201eliminale Phase\u201c als die analytisch ergiebigste Phase (21\u201324).<\/p>\n\n\n\n<p>Das Modell des \u00dcbergangsrituals hat sich bei der Analyse altorientalischer Riten bereits mehrfach bew\u00e4hrt (35\u201339). Es l\u00e4sst sich auch auf \u201enicht-rituelle Kontexte\u201c (also z.&nbsp;B. Texte \/ Bilder \/ geschichtliche Prozesse, vgl. oben \u201esoziales Drama\u201c) \u00fcbertragen, wie bereits Turner erkannt hat (29\u201335). Und das Schema wurde \u2013 wie die Beispiele 40\u201353 zeigen \u2013 auch schon auf alt- (und neu-)testamentliche Texte angewandt. So etwa Susan Niditch auf die Ursprungsgeschichten (<em>Chaos to Cosmos<\/em>, SPHS 6, Chico\/CA: Scholars, 1985) oder Casey A. Strine im Vergleich des babylonischen Mundwaschung-Rituals mit dem Ezechieltext (\u201eImitation, Subversion, and Transformation of the Mesopotamian M\u012bsP\u00ee Ritual in the Book of Ezekiel&#8217;s Description of Holy Space.\u201c In: J. Flebbe (Hg.): <em>Holy Places in Biblical and Extrabiblical Traditions<\/em>, BBB 179, G\u00f6ttingen: V&amp;R, 2016). Hier argumentiert Neuber vollst\u00e4ndig und sauber und erschlie\u00dft damit ein analytisches Instrumentarium f\u00fcr die alttestamentliche Exegese \u2013 aus meiner Sicht der <em>strong point<\/em> und die wichtigste Leistung dieser Promotionsarbeit.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Ausrichtung auf das EB beginnt 55 mit <em>Exegetisch-methodischen Vorentscheidungen<\/em>. Dazu geh\u00f6ren der literarisch-fiktionale Charakter des Buches (55\u201359), was die Aufmerksamkeit auf \u201eSymbole und Metaphern\u201c rechtfertigt, und die Konzentration auf den kanonischen Text, den hebr\u00e4ischen Grundtext (59f).<\/p>\n\n\n\n<p>Das Kap. 2: <em>Spuren eines \u00dcbergangsprozesses<\/em> beginnt mit einer kurzen, heuristischen Anwendung der drei Prozessphasen auf das Ezechielbuch als Ganzes (66\u201368). Die Abl\u00f6sung (a) erweist sich dabei als n\u00f6tig aufgrund der Spannung zwischen Israels Erw\u00e4hlung durch JHWH und seiner Abwendung von ihm. Dieser \u201ealte Status\u201c muss abgelegt und neu ausgerichtet werden. R\u00e4umliche Bewegungen \u2013 \u201ezerstreuen\u201c, \u201eausziehen\u201c u.&nbsp;a.&nbsp;m. \u2013 zeigen die Abl\u00f6sung an. Die Umwandlung in der liminalen Phase (b) \u201efindet nach dem EB im Exil statt\u201c, in Form von \u201eReinigung und Erneuerung\u201c. Das Exil ist ein \u201eperipherer\u201c Raum, bisweilen mit symbolbeladenen Begriffen wie \u201eEbene\u201c (\u05d1\u05e7\u05e2\u05d4, ausf\u00fchrlich 141f) oder \u201eW\u00fcste\u201c (\u05de\u05d3\u05d1\u05e8, ausf\u00fchrlich 83f) bezeichnet. Darauf folgt die erneute Angliederung (c), der Eintritt in den \u201eneuen Status\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Unter dieser Voraussetzung analysiert Neuber nun mehrere repr\u00e4sentative Textstellen des EB, so Ez 20 (Israels erneute W\u00fcstenwanderung), Ez 8\u201311 (IHWHs Auszug aus Jerusalem), Ez 36,16\u201338 (Erneuerung Israels), Ez 37 (1\u201314: Neubelebung \/ 15\u201328 Angliederung) und Ez 40\u201348 (Tempelvision). In diesem exegetischen Teil f\u00e4llt vor allem die kl\u00e4rende Arbeit an der Struktur des Grundtextes auf. Besonderes Augenmerk wird auf r\u00e4umliche Aspekte \u2013 Orte und Bewegungen \u2013 wie auf die Periodisierung gelegt.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie Neuber bereits angek\u00fcndigt hat, sind dabei die Betrachtungen zur \u201eliminalen Phase\u201c besonders erhellend. Das Gericht etwa erh\u00e4lt seinen Sinn durch seine transformative Wirkung, wie die Symboliken von \u201eSchwelle\u201c (Ez 9,3; 10,4), \u201eTor\u201c (10,9) und \u201eGrenze\u201c (\u05d2\u05d1\u05d5\u05dc; 11,10) beim Auszug JHWHs aus Jerusalem anzeigen (106ff). Gerade in den Begriffen \u05dc\u05d1 \u201eHerz\u201c und \u05e8\u05d5\u05d7 \u201eGeist\u201c (11,14ff) wird die theologische Komponente des \u00dcbergangsprozesses fassbar. Es gibt dabei auch Unsch\u00e4rfen \u2013 etwa zwischen Ez 11 und 20 am Punkt, <em>wann<\/em> die Transformation stattfindet (nach Ez 11 erst nach der neuen Landgabe; 119). Die rituellen Stufen \u00fcberschneiden sich bisweilen auch, so \u201eLiminalit\u00e4t\u201c und \u201eAngliederung\u201c in Ez 36 (135). Neubers Beobachtung, dass in der Schlussvision (Ez 40\u201348), durch die weiterhin pr\u00e4sente \u201eScham\u201c, auch im \u201eneuen Status\u201c nach der Angliederung \u201eeine liminale Qualit\u00e4t und Dynamik erhalten\u201c bleibt (205; vgl. 135), geh\u00f6rt zu den tiefsten und sch\u00e4rfsten theologischen Erkenntnissen der Arbeit!<\/p>\n\n\n\n<p>Obwohl verdienstreich, scheint mir insgesamt die Analyse von Kap. 40\u201348 im Verh\u00e4ltnis zu den anderen Texten etwas zu breit ausgefallen zu sein. Etwas \u00fcberraschend scheint mir, dass angesichts der N\u00e4he zur Traumabew\u00e4ltigung die Arbeit von Dereck Daschke: <em>City of Ruins. <\/em><em>Mourning the Destruction of Jerusalem Through Jewish Apocalypse<\/em>, Leiden: Brill, 2010, nicht erscheint.<\/p>\n\n\n\n<p>Insgesamt ist der Text durchwegs gut lesbar, es wird exegetisch gr\u00fcndlich und in sauberem Aufbau argumentiert. Leserfreundlich ist die Entscheidung Neubers (68, Anm.\u00a0251), die Terminologie \u201eV\u00e4ter\u201c und \u201eS\u00f6hne\u201c nicht zu \u201egendern\u201c, sondern aus Gr\u00fcnden sprachlicher Konkordanz beizubehalten. Die \u201eArbeits\u00fcbersetzung\u201c der untersuchten Texte des EB (219\u2013229), das Literaturverzeichnis (231\u2013256), ein Sachregister (255f) und ein Bibelstellenregister (257\u2013267) f\u00fchren auch bei punktuellen Nachforschungen schnell zum Ziel.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p><em>Giancarlo Voellmy, Pfarrer in CH-Linden und Doktorand am Institut f\u00fcr Bibelwissenschaften der Universit\u00e4t Bern<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Carolin Neuber: Israel im liminalen Raum. 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