{"id":2168,"date":"2024-04-30T13:26:06","date_gmt":"2024-04-30T13:26:06","guid":{"rendered":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=2168"},"modified":"2024-04-30T13:26:07","modified_gmt":"2024-04-30T13:26:07","slug":"sandra-huebenthal-gedaechtnistheorie-und-neues-testament","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=2168","title":{"rendered":"Sandra Huebenthal: Ged\u00e4chtnistheorie und Neues Testament"},"content":{"rendered":"\n<p>Sandra Huebenthal: <em>Ged\u00e4chtnistheorie und Neues Testament. Eine methodisch-hermeneutische Einf\u00fchrung<\/em>, utb 5904, T\u00fcbingen: Narr Francke Attempto Verlag, 2022, Pb., 371\u00a0S., \u20ac\u00a026,90, ISBN <a href=\"https:\/\/www.narr.de\/ged%C3%A4chtnistheorie-und-neues-testament-45904\/\" data-type=\"link\" data-id=\"https:\/\/www.narr.de\/ged%C3%A4chtnistheorie-und-neues-testament-45904\/\">978-3-8252-5904-4<\/a><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p>Sandra Huebenthal, Professorin f\u00fcr Exegese und Biblische Theologie an der geistes- und kulturwissenschaftlichen Fakult\u00e4t der Universit\u00e4t Passau, fasst mit diesem Buch die Ergebnisse mehrerer universit\u00e4rer Veranstaltungen zusammen. Ihr Anliegen ist es, Erkenntnisse der kulturwissenschaftlichen Ged\u00e4chtnistheorie in die Exegese des Neuen Testaments miteinzubeziehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Im ersten Hauptteil erl\u00e4utert Huebenthal die hermeneutische Grundlegung und Methodik ihrer Darstellung. Sie stellt fest, dass es mit dem Begriff der Erinnerung in der Antike nicht um das geht, was geschehen ist, sondern darum, wie etwas Vergangenes in der jeweiligen Gegenwart verstanden wurde (18). Aus kulturwissenschaftlicher Perspektive ergebe sich, dass Erinnerung den aktiven Prozess des Entstehens von Erinnerungen meint, w\u00e4hrend sich Ged\u00e4chtnis auf den bestimmten Zustand und die Struktur einer Erinnerung zu einem bestimmten Zeitpunkt bezieht (21). Im Anschluss nimmt die Autorin die Vorstellungen eines sozialen, kollektiven und kulturellen Ged\u00e4chtnisses auf. W\u00e4hrend das soziale Ged\u00e4chtnis noch in einem unmittelbaren Bezug zur Vergangenheit stehe, habe sich das kollektive Ged\u00e4chtnis etwas weiter davon entfernt. Im Unterschied zum sozialen Ged\u00e4chtnis zeichne sich das kollektive Ged\u00e4chtnis au\u00dferdem dadurch aus, dass es bewusst geformt und weitergegeben werde. F\u00fcr das kulturelle Ged\u00e4chtnis liege die Vergangenheit weit zur\u00fcck und werde durch eine vorgegebene Tradition erlebt (57). Der Wandel von einer Ged\u00e4chtnisart zur N\u00e4chsten kommt durch Generationenwechsel, Krisenerfahrungen und Medienwechsel zu Stande, so Huebenthal. Im Anschluss zieht die Autorin erste Schlussfolgerungen f\u00fcr das Verst\u00e4ndnis der ntl. Schriften: Zum einen ordnet sie die neutestamentlichen Schriften den Ged\u00e4chtnisarten (sozial, kollektiv oder kulturell) zu und diskutiert in diesem Zusammenhang vor allem die Auswirkungen von Krisenerfahrungen auf die Entstehung der Schriften. Zum anderen stellt Huebenthal dar, welche exegetischen Methodenschritte sich aus einer kulturwissenschaftlichen Lekt\u00fcre biblischer Texte ergeben (Erz\u00e4hltextanalyse, Analyse der Erz\u00e4hlinstanz, Beziehungsgeflecht von Erz\u00e4hler und Leser, Motivanalyse).<\/p>\n\n\n\n<p>Der zweite Hauptteil wendet die im ersten Kapitel erarbeiteten Methodenschritte auf sechs Schriften des Neuen Testaments an. So untersucht die Autorin beispielsweise das Markusevangelium und beschr\u00e4nkt sich hierbei vor allem auf Mk 1,1-3,6. Auf eine erste Darstellung der Struktur des Markusevangeliums folgen Ausf\u00fchrungen zu seinen Erz\u00e4hlgattungen. Ein etwas umfassenderer Teil ist dem Anfang des Evangeliums gewidmet (Mk 1,1-15). Huebenthal zeigt anhand diverser Stichwortverbindungen zum AT, dass Markus vor allem ein j\u00fcdisches kulturelles Ged\u00e4chtnis voraussetzt, auch wenn es vereinzelte Ankn\u00fcpfungspunkte f\u00fcr heidnische oder bereits getaufte Leser gibt (176-177). Insgesamt ist das Markusevangelium Zeugnis eines kollektiven Ged\u00e4chtnisses, so Huebenthal. Es hat nicht mehr die N\u00e4he zu den Ursprungsereignissen wie dies im Falle eines sozialen Ged\u00e4chtnisses w\u00e4re. Markus unternehme den bewussten Versuch, die Jesusgeschichte so zu erz\u00e4hlen, dass die Adressatengemeinde darauf ihre Identit\u00e4t gr\u00fcnden kann. S\u00e4mtliche von Huebenthal im zweiten Kapitel analysierten Schriften haben gemeinsam, dass es in ihnen um eine Identit\u00e4tsbestimmung der Adressatengemeinde geht. Die Identit\u00e4tsbestimmung werde dadurch erm\u00f6glicht, dass das soziale oder kollektive Ged\u00e4chtnis der Adressaten in Beziehung gesetzt wird zu ihrem j\u00fcdischen kulturellen Ged\u00e4chtnis (248-250).<\/p>\n\n\n\n<p>Im dritten Hauptteil geht Huebenthal der Frage nach, wie eine kulturwissenschaftliche Ged\u00e4chtnistheorie andere bibelwissenschaftliche Teildisziplinen gepr\u00e4gt hat und pr\u00e4gen kann (251). Die historische Jesusforschung beispielsweise habe dank der kulturwissenschaftlichen Ged\u00e4chtnistheorie einen zweifachen Paradigmenwechsel hinter sich: den Wechsel vom historischen zum erinnerten Jesus (Jesus Remembered) und den Wechsel, die Evangelien nicht nur als Erinnerungen an die Vergangenheit, sondern als in ihrer Gegenwart vollzogene Identit\u00e4tsbildung zu lesen (253-257). Au\u00dferdem k\u00f6nne die kulturwissenschaftliche Ged\u00e4chtnistheorie weiter dabei helfen, Entstehungsszenarien ntl. Schriften zu beleuchten (285). Mit Blick auf die sog. \u201eFlavierthese\u201c und die Entstehung des Markusevangeliums helfe die kulturwissenschaftliche Ged\u00e4chtnistheorie beispielsweise, zwischen dem Rezeptionspotential eines Textes und seinen Produktionsbedingungen zu unterscheiden. So ist es nach Huebenthal denkbar, das Markusevangeliums am Ende des ersten Jahrhunderts vor dem Hintergrund des Aufstiegs der flavischen Dynastie als imperiumskritisches Anti-Evangelium zu lesen. \u00c4u\u00dferst unwahrscheinlich sei es jedoch, dass Markus Anfang der 70er Jahre des ersten Jahrhunderts sein Evangelium bewusst als Gegengeschichte zum r\u00f6mischen Imperium und der flavischen Herrschaft geschrieben hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Huebenthal bietet im ersten Hauptteil ihrer Monographie eine gut lesbare Orientierung im interdisziplin\u00e4ren Feld von kulturwissenschaftlicher Ged\u00e4chtnistheorie und Neuem Testament. Der zweite und dritte Hauptteil konzentriert sich auf die Folgen dieses Ansatzes f\u00fcr die Arbeit mit dem Neuen Testament und enth\u00e4lt manch \u00fcberraschende Einsichten, wenn man bereit ist, die ntl. Schriften als Ged\u00e4chtnistexte zu lesen. Manches im Buch ist erkl\u00e4rungsbed\u00fcrftig: 1) Titel und Untertitel des Buches sind etwas irref\u00fchrend. Man erwartet m\u00f6glicherweise eine Einf\u00fchrung in die Ged\u00e4chtnistheorie und das Neue Testament, erh\u00e4lt aber eine Einf\u00fchrung in die kulturwissenschaftliche (!) Ged\u00e4chtnistheorie und das Neue Testament. Forschungen zum Ged\u00e4chtnis aus dem Bereich der kognitiven Psychologie wurden und werden in der ntl. Wissenschaft rezipiert, spielen in diesem Buch jedoch keine Rolle. 2) Die Anordnung der einzelnen Kapitel im zweiten und dritten Hauptteil ist verwirrend. Nachdem der zweite Hauptteil gegen Ende eine exemplarische Lekt\u00fcre ntl. Texte vor dem Hintergrund kulturwissenschaftlicher Ged\u00e4chtnistheorie bietet, wendet sich auch der dritte Hauptteil den Folgen f\u00fcr die ntl. Lekt\u00fcre zu. Dabei ist nicht immer ersichtlich, warum die Textbeispiele ausgerechnet im zweiten bzw. im dritten Hauptteil vorkommen. 3) Manche im Buch dargestellten Methodenschritte klingen im Rahmen des Buches wie eine neue Errungenschaft, sind aber bereits Teil des exegetischen Methodenkanons. So wird beispielsweise die Erz\u00e4hltextanalyse auch ohne ausdr\u00fcckliche Verortung in der kulturwissenschaftlichen Ged\u00e4chtnistheorie l\u00e4ngst gewinnbringend in der Exegese ber\u00fccksichtigt. 4) An manchen Stellen behauptet Huebenthal etwas, ohne den m.\u00a0E. \u00fcberzeugenden Nachweis zu erbringen. So geht sie beispielsweise in ihrer Darstellung des Erinnerungsbegriffs in der Antike zu Beginn des Buches zu schnell dazu \u00fcber, Ged\u00e4chtnis und Erinnerung als hermeneutische und nicht als historische Kategorie zu verstehen. Trotz dieser kleineren Vorbehalte bleibt das Buch f\u00fcr jene unumg\u00e4nglich, die das Neue Testament aus der Perspektive kulturwissenschaftlicher Ged\u00e4chtnistheorie lesen wollen. <\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p><em>Dr. Torben Plitt, Pastor FeG Bad Endbach<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sandra Huebenthal: Ged\u00e4chtnistheorie und Neues Testament. 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