{"id":2171,"date":"2024-04-30T13:29:36","date_gmt":"2024-04-30T13:29:36","guid":{"rendered":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=2171"},"modified":"2024-04-30T13:29:38","modified_gmt":"2024-04-30T13:29:38","slug":"matthias-becker-ehe-familie-und-agamie-die-begruendung-von-lebensformen-angesichts-gesellschaftlicher-pluralitaet-im-neuen-testament-und-heute","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=2171","title":{"rendered":"Matthias Becker: Ehe, Familie und Agamie. Die Begr\u00fcndung von Lebensformen angesichts gesellschaftlicher Pluralit\u00e4t im Neuen Testament und heute"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Matthias Becker: <em>Ehe, Familie und Agamie. Die Begr\u00fcndung von Lebensformen angesichts gesellschaftlicher Pluralit\u00e4t im Neuen Testament und heute<\/em>, T\u00fcbingen: Mohr Siebeck, 2024, Br., X+239 S., \u20ac 29,\u2013, ISBN <a href=\"https:\/\/www.mohrsiebeck.com\/buch\/ehe-familie-und-agamie-9783161625428\" data-type=\"link\" data-id=\"https:\/\/www.mohrsiebeck.com\/buch\/ehe-familie-und-agamie-9783161625428\">978-3-16-162542-8<\/a><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Matthias Becker ist promovierter Gr\u00e4zist und nach Promotion und Habilitation in Theologie (habilitiert in G\u00f6ttingen 2019) seit 2020 ordentlicher Professor f\u00fcr Neutestamentliche Theologie an der Universit\u00e4t Heidelberg. Mit seiner doppelten Expertise analysiert Becker, welche Begr\u00fcndungen vor dem zeitgen\u00f6ssischen Hintergrund in den neutestamentlichen Diskursen zu Ehe, Familie und Ehelosigkeit besonders relevant sind, und er setzt seine Ergebnisse in Beziehung zu den gegenw\u00e4rtigen Debatten um diese Themen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Studie folgt einem dreiteiligen Aufbau. Teil 1 stellt die Pluralit\u00e4t der Lebenswelt im R\u00f6mischen Reich mit ihren unterschiedlichen Ehe-, Familien- und Sexualdiskursen dar (1\u201342). Der Hauptteil nimmt die Begr\u00fcndungen der verschiedenen neutestamentlichen Autoren f\u00fcr Ehe, Familie und Ehelosigkeit in den Blick (43\u2013162). In Teil 3 werden hermeneutische Impulse f\u00fcr die gegenw\u00e4rtigen Debatten \u00fcber Lebensformen in Theologie und Kirche formuliert (163\u2013191).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Unter der \u00dcberschrift \u201eI. Lebensformen im Kontext\u201c skizziert Becker mit zahlreichen Referenzen auf griechische und lateinische Texte des 1.&nbsp;Jh. v.&nbsp;Chr. bis zum 2.&nbsp;Jh. n.&nbsp;Chr. (u.&nbsp;a. Epiktet, Plutarch, Martial, Musonius Rufus, Sueton, Tacitus) sowie im Gespr\u00e4ch mit der klassisch-philologischen und historischen Forschung die Pluralit\u00e4t der Lebensformen und Sexualit\u00e4t in der antiken Gesellschaft. Becker stellt in methodischer Hinsicht klar, dass die antike Literatur nicht unbedingt einfach nur die sozial-historischen Verh\u00e4ltnisse abbildet, sondern von anderen Interessen geleitet gewesen sein kann, dass andererseits die Texte gleichwohl \u201eals Zeitzeugen jeder paganen Mehrheitsgesellschaft zu lesen\u201c (41) sind, die sexual- und familienethisch heterogen war und in der die neutestamentlichen Autoren ihre Schriften verfassten. Becker zeichnet ein Bild einer antiken multiethnischen, multikulturellen und multireligi\u00f6sen Gesellschaft, in der \u00e4hnliche Themen und Lebensformen wie in unserer heutigen pr\u00e4sent waren, u.&nbsp;a. Ehe auf Grundlage von Liebe, Scheidungen, au\u00dfereheliche Beziehungen, Patchworkfamilien, unverheiratetes Zusammenleben, homosexuelle Partnerschaften auf Augenh\u00f6he, Bisexualit\u00e4t, Transsexualit\u00e4t, Diskurse um homosexuelle Veranlagung und um sexuelle Orientierung.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In Teil II bietet Becker einen empirischen Durchgang durch die Schriften des Neuen Testaments, gegliedert nach den Autoren (Paulus, Evangelien bzw. Jesus, Deuteropaulinen, Pastoralbriefe, Hebr\u00e4er, 1.&nbsp;Petrus, Apokalypse). Die einschl\u00e4gigen Stellen zu Ehe, Familie und Agamie werden gr\u00fcndlich analysiert und auf ihre in Anspruch genommenen Begr\u00fcndungsinstanzen hin befragt. Wenige Beispiele seien an dieser Stelle genannt:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nach Becker schildert Paulus Ehe als \u201eAnti-Lebensform\u201c (44) zu den diversen Auspr\u00e4gungen von \u03c0\u03bf\u03c1\u03bd\u03b5\u03af\u03b1. Unter dem Begriff <em>porneia<\/em> verstehe Paulus \u201eau\u00dferehelichen Geschlechtsverkehr\u201c sowie \u201ehomoerotische Sexualhandlungen\u201c (44).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In 1Thess 4,1.3 verwendet Paulus \u201eeine theozentrische Begr\u00fcndungsstrategie der Ehe- und Sexualethik\u201c (48), wenn er dazu mahnt, Gott zu gefallen (V. 1), und wenn er auf den Willen Gottes rekurriert (V. 3). Mit der Gef\u00e4\u00dfmetapher (V. 4) umschreibe Paulus eine respektvolle Sexualit\u00e4t und einen wertsch\u00e4tzenden Umgang in der Ehe. Ob vor dem Hintergrund der Vorstellung von Gott als T\u00f6pfer damit zugleich \u201eEhe als Resultat einer g\u00f6ttlich beeinflussten Partnerzuteilung\u201c (53) gedacht ist, bleibt jedoch kritisch zu hinterfragen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In 2Kor 6,14\u20137,1 und 1Kor 7,10f begr\u00fcnde Paulus auch mit einem Kyriosrekurs die Lebensform der Ehe zwischen zwei christlichen Partnern, deren Scheidung grunds\u00e4tzlich untersagt sei, sowie die Lebensform der Ehelosigkeit, wobei er f\u00fcr Letztere wegen der st\u00e4rkeren Fokussierung auf den Kyrios besonders werbe (64\u201368).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In Mk 10,2\u201312 begr\u00fcnde Jesus ein Verst\u00e4ndnis \u201eder Ehe als eines grunds\u00e4tzlich unverbr\u00fcchlichen Bundes\u201c (91), das durch die Schrift (Gen 2,24) inspiriert sei.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In Eph 5,22\u201333 wird mit Kyriosrekursen und einem (sch\u00f6pfungstheologischen) Schriftzitat argumentiert. Becker stellt dabei heraus, dass hier nicht ein Patriarchat, sondern ein Christusarchat vertreten wird, weil beide Ehepartner Geliebte und Untergebene Christi seien (111).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ein thesenartiger \u00dcberblick der Begr\u00fcndungsrekurse f\u00fcr Ehe und Familie einerseits und Ehelosigkeit andererseits fasst den Hauptteil zusammen (151\u2013160). Insgesamt zeigt Becker, dass theozentrischen, christusfokussierten und schriftbezogenen Begr\u00fcndungen die entscheidende Rolle zukommt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In dem Schlusskapitel gibt Becker hermeneutische Impulse f\u00fcr Theologie, Kirche und Lebensformen heute. Die Quintessenz ist dabei, dass die theozentrischen, christusfokussierten und schriftbezogenen Begr\u00fcndungen des Neuen Testaments auch heute noch relevant sind, zumal hinsichtlich der Pluralit\u00e4t der Lebensformen und der sexuellen Vielfalt die Verh\u00e4ltnisse in der Entstehungszeit des Neuen Testaments denen in der unsrigen Zeit \u201enicht ganz un\u00e4hnlich\u201c (172) sind. Becker konstatiert f\u00fcr das Neue Testament, dass es f\u00fcr die Glaubenden nur \u201ef\u00fcr die monogame Ehe zwischen einem Mann und einer Frau\u2026 sowie f\u00fcr eine auf Sexualit\u00e4t verzichtende Ehelosigkeit\u201c (174) eintritt. Und dies werde letztlich mit der Gotteslehre und Christologie und gerade nicht mit gesellschaftlichen Konventionen begr\u00fcndet. Diesen Grundansatz h\u00e4lt Becker angesichts der vergleichbaren antiken und aktuellen Diversit\u00e4t der Lebensformen f\u00fcr weiterhin wegweisend und pl\u00e4diert in den ehe-, familien- und sexualethischen Diskursen f\u00fcr ein Festhalten an den neutestamentlichen Begr\u00fcndungsrekursen auf Gott, Christus und die Schrift (174f). In den heutigen Debatten sei zu ber\u00fccksichtigen, dass sich das Neue Testament selbst schon mit ehe- und sexualethischer Pluralit\u00e4t auseinandersetzen musste und dass die neutestamentlichen \u201eAussagen \u00fcber Ehe, Familie und Ehelosigkeit auch die innerbiblische Hermeneutik, die Christologie und die christliche Gotteslehre betreffen\u2026 Theozentrische, christusorientierte und schriftbezogene Gr\u00fcnde sind in jeder Auspr\u00e4gung und gesellschaftlicher Diversit\u00e4t relevant \u2013 im 1. Jahrhundert ebenso wie heute.\u201c (190).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ein Stellen-, ein Namens- und ein Sachregister sind beigef\u00fcgt, mit Hilfe derer sich sehr gut relevante Informationen erschlie\u00dfen lassen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Lekt\u00fcre von Beckers Studie ist \u00e4u\u00dferst lohnend, weil diese ein fundiertes Bild der antiken Gesellschaft zeichnet und damit das Potenzial hat, die gegenw\u00e4rtigen sexualethischen Debatten auf eine solide Basis hinsichtlich des historischen Umfelds des Neuen Testaments zu stellen. Zugleich arbeitet Becker durch die Exegese der einschl\u00e4gigen neutestamentlichen Stellen hermeneutisch reflektiert deren Beitrag f\u00fcr heutige Diskurse heraus. Die Begr\u00fcndung sexualethischer Positionen in der Gegenwart kann von der Rezeption von Beckers Studie und der kritischen Reflexion der von ihm herausgearbeiteten neutestamentlichen Begr\u00fcndungsrekurse enorm profitieren und so an Profil gewinnen.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Dr. Detlef H\u00e4u\u00dfer, Professor f\u00fcr Neues Testament an der Evangelischen Hochschule Tabor in Marburg<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Matthias Becker: Ehe, Familie und Agamie. 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