{"id":2174,"date":"2024-04-30T13:32:55","date_gmt":"2024-04-30T13:32:55","guid":{"rendered":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=2174"},"modified":"2024-04-30T13:32:56","modified_gmt":"2024-04-30T13:32:56","slug":"ruben-a-buehner-paulus-im-kontext-des-diasporajudentum","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=2174","title":{"rendered":"Ruben A. B\u00fchner: Paulus im Kontext des Diasporajudentum"},"content":{"rendered":"\n<p>Ruben A. B\u00fchner: <em>Paulus im Kontext des Diasporajudentum<\/em>, WUNT I\/551, T\u00fcbingen: Mohr Siebeck, 2023, 435\u00a0S., \u20ac\u00a0159, \u2013, ISBN <a href=\"https:\/\/www.mohrsiebeck.com\/buch\/paulus-im-kontext-des-diasporajudentums-9783161627491\" data-type=\"link\" data-id=\"https:\/\/www.mohrsiebeck.com\/buch\/paulus-im-kontext-des-diasporajudentums-9783161627491\">978-3-16-162749-1<\/a><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p>Ruben A. B\u00fchner ver\u00f6ffentlicht mit \u201ePaulus im Kontext des Diasporajudentums\u201c seine Habilitationsschrift, die 2023 von der Theologischen Fakult\u00e4t der Universit\u00e4t Z\u00fcrich angenommen wurde. Die Studie m\u00f6chte der Kontinuit\u00e4t j\u00fcdischer Lebensweise christusgl\u00e4ubiger Juden in den paulinischen Briefen nachsp\u00fcren. In diesem Zusammenhang will der Autor sich auf das \u201ePaul within Judaism\u201c-Paradigma beziehen, wobei wesentliche Grundannahmen \u00fcbernommen und gleichzeitig \u00fcberpr\u00fcft, pr\u00e4zisiert bzw. modifiziert werden sollen. Der Unterschied zu vorherigen Untersuchungen bestehe darin, dem diasporaj\u00fcdischen Kontext, in dem Paulus und seine Briefe zu verorten seien, mehr Beachtung zu schenken (2).<\/p>\n\n\n\n<p>Diesem Unterfangen widmet sich B\u00fchner in drei Schritten: Ein kurzer Forschungs\u00fcberblick (Kap. 2), die Er\u00f6rterung des diasporaj\u00fcdischen Kontextes mit Blick auf die Interaktion von Juden und Nichtjuden (Kap. 3) und eine Untersuchung j\u00fcdischer Lebensweise christusgl\u00e4ubiger Juden in den paulinischen Briefen (Kap. 4). Abgerundet wird die Studie durch eine Synthese der Ergebnisse (Kap 5.).<\/p>\n\n\n\n<p>Der Forschungs\u00fcberblick zeichnet zun\u00e4chst die Entwicklung zum \u201ePaul within Judaism\u201c-Paradigma anhand einiger Vorl\u00e4ufer nach (14\u201320). Daraufhin werden Gesamtentw\u00fcrfe aktueller Vertreter untersucht, die ein gewisses Spektrum innerhalb des \u201ePaul within Judaism\u201c-Paradigmas abbilden. Hierf\u00fcr werden die Entw\u00fcrfe von Paula Fredriksen (23\u201334), Mark D. Nanos (35\u201345), Magnus Zetterholm (46\u201354) und Caroline J. Hodge (55\u201363) im \u201ePaul within Judaism\u201c-Diskurs eingeordnet. Die jeweiligen Gesamtentw\u00fcrfe werden im Anschluss auf ihre Sicht zur judenchristlichen Existenz und Lebensweise befragt. Dabei sei zu bemerken, dass jeder Vertreter die diasporaj\u00fcdischen Verh\u00e4ltnisse unterschiedlich konstruiere. Obgleich dem diasporaj\u00fcdischen Kontext erhebliches argumentatives Gewicht zukomme, werde dieser von den Vertretern kaum thematisiert (66f).<\/p>\n\n\n\n<p>Ausgehend von diesem Fazit f\u00e4hrt der Autor mit der Untersuchung des diasporaj\u00fcdischen Kontextes fort. Nachdem B\u00fchner durch die komplexe Auseinandersetzung mit dem Verh\u00e4ltnis von Ethnizit\u00e4t und Identit\u00e4t im antiken Kontext zu einem differenzierten Modell der \u201esituationsabh\u00e4ngigen Ethnizit\u00e4t\u201c kommt (92f), werden verschiedene Quellen hinzugezogen. Die Quellen griechisch-r\u00f6mischer Autoren werden kurz umrissen, wobei ihnen aufgrund des polemischen Einschlags kaum Relevanz zuzusprechen sei (95ff). Das Hauptaugenmerk der Studie liegt hingegen auf den Beschreibungen von Tischgemeinschaften in Diasporanovellen des antiken Judentums (98\u2013172) sowie bei Philo (173ff), Josephus (177ff) und in urkundlichen Zeugnissen (181\u2013226). Die Ergebnisse werden anschlie\u00dfend zusammengefasst, was auf die nachfolgende Darstellung j\u00fcdischer Lebensweisen christusgl\u00e4ubiger Juden innerhalb der paulinischen Briefe vorbereitet. Gerade in diesem Abschnitt zeigt sich B\u00fchners Expertise in Bezug auf die Zeitgeschichte des antiken Judentums. Durch eine akribische Untersuchung einer Vielzahl von Quellen gelangt der Autor zu der Annahme, dass sich das Diasporajudentum nicht als oft postuliertes \u201eJudentum light\u201c verstehen lasse, \u201e[s]ondern umgekehrt zeigen die hier untersuchten literarischen Texte gerade durch die komplexe Bearbeitung des Gegenstandes ein intensives und ernsthaftes halachisches Ringen \u2013 auch und gerade in der Diaspora\u201c (233).<\/p>\n\n\n\n<p>Im Untersuchungsteil zu den paulinischen Briefen fokussiert B\u00fchner vor allem auf 1Kor 9,19\u201323 (245\u2013301), den antiochenischen Zwischenfall in Gal 2 (302\u2013356) und 2Kor 11,24 (357\u2013368). In den jeweiligen Abschnitten gelingt es dem Autor die Lesarten, die sich innerhalb des \u201ePaul within Judaism\u201c-Paradigmas zu etablieren scheinen, infrage zu stellen bzw. zu pr\u00e4zisieren. Es f\u00e4llt auf, dass sich durch B\u00fchners Betrachtung, die die Texte mit einem Bewusstsein f\u00fcr die Interaktion von Juden und Nichtjuden im Diasporakontext versteht, eine vermittelnde Deutung entwickelt, die einseitige Interpretationen zu \u00fcberwinden versucht.<\/p>\n\n\n\n<p>Dies zeigt sich exemplarisch an B\u00fchners Untersuchung von Gal 2. W\u00e4hrend \u201eklassische\u201c Paulusausleger in der beschriebenen Auseinandersetzung eine eindeutige Diskontinuit\u00e4t zur j\u00fcdischen Lebensweise des Paulus sehen, konstatiert B\u00fchner, dass sich in der Begr\u00fcndung des Evangeliums Kontinuit\u00e4t und Diskontinuit\u00e4t verbinden lie\u00dfen (vgl. auch das Fazit 353f). Dar\u00fcber hinaus zeichnet sich dieser Abschnitt dadurch aus, dass die einzelnen Texte nicht nur \u201ef\u00fcr sich\u201c untersucht, sondern auch vergleichend in Beziehung zueinander gesetzt werden. In diesem Zusammenhang er\u00f6ffnet der Vergleich der Begr\u00fcndungsstrukturen von 1Kor 9 und Gal 2 neue Einsichten zum Verh\u00e4ltnis von Kontinuit\u00e4t und Diskontinuit\u00e4t j\u00fcdischer Lebensweise in den Augen des Paulus (355ff).<\/p>\n\n\n\n<p>Die Studie schlie\u00dft mit einer Synthese. Hier gelangt B\u00fchner zu einer nuancierten Neubetrachtung der j\u00fcdischen Identit\u00e4t des Paulus. Seine Beurteilung gehen dabei \u00fcber das Verst\u00e4ndnis von \u201ePaul within Judaism\u201c hinaus, indem das ganze Spektrum j\u00fcdischer Lebensweise bei dem Versuch Paulus zu verorten, ber\u00fccksichtigt werde. Insofern w\u00e4re es, nach B\u00fchners Beurteilung, unzureichend, Paulus eine Dichotomie von \u201einnerhalb\u201c und \u201eau\u00dferhalb\u201c aufzuzwingen (371ff). Somit gelangt der Autor zu einer differenzierten Beschreibung der paulinischen Identit\u00e4t im Sinne einer \u201enested identity\u201c, wobei die vorchristliche Identit\u00e4t des Paulus durch seine Hinwendung zu Christus nicht abgelegt, sondern erweitert werde (382f).<\/p>\n\n\n\n<p>Ruben B\u00fchner liefert mit dieser Monographie einen beeindruckenden Forschungsbeitrag, der dazu einl\u00e4dt, dass paulinische Verst\u00e4ndnis von Identit\u00e4t erneut und vor allem differenziert in der Welt des antiken Judentums zu verorten. Ebenfalls gelingt es ihm die \u201eKluft\u201c zwischen dem englischsprachigen Diskurs und der deutschsprachigen Paulusforschung zu \u00fcberwinden. Dies macht Hoffnung auf mehr Rezeption und Interaktion zwischen zwei Forschungsfeldern, die heutzutage noch zu oft im stillen Nebeneinander verharren.<\/p>\n\n\n\n<p>Kritisch w\u00e4re anzufragen, weshalb die Selbstdarstellung des Paulus in Philipper 3 beinahe ausgeklammert wird. Gerade mit Blick auf Reflexion der paulinischen Sicht auf seine eigene Identit\u00e4t und Zugeh\u00f6rigkeit zum Judentum w\u00e4re eine Auseinandersetzung mit dem besagten Text w\u00fcnschenswert, sowie vielversprechend. Zudem lie\u00dfe sich diskutierten, ob angesichts der neutestamentlichen Auslegungsgeschichte die verwendete Bezeichnung \u201eFr\u00fchjudentum\u201c sinnvoll ist. Hier w\u00e4re m.&nbsp;E. eine kurze Diskussion der Terminologie hilfreich.<\/p>\n\n\n\n<p>Dennoch liefert das Werk eine in jedem Sinne beachtliche Studie zur \u201ePaul within Judaism\u201c-Debatte, die nicht nur spannende und erfrischende Impulse f\u00fcr die Paulusforschung setzt, sondern das Eintauchen in die Lebensweise christusgl\u00e4ubiger Juden in der Antike erm\u00f6glicht.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p><em>Simeon Redinger, M.A., wissenschaftliche Hilfskraft bei Jun.-Prof. Dr. Jan R\u00fcggemeier an der Evangelisch-Theologischen Fakult\u00e4t der Universit\u00e4t Bonn<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ruben A. 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