{"id":2189,"date":"2024-04-30T14:37:00","date_gmt":"2024-04-30T14:37:00","guid":{"rendered":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=2189"},"modified":"2024-04-30T14:37:01","modified_gmt":"2024-04-30T14:37:01","slug":"folker-siegert-hg-rechtsgeschichtlicher-kommentar-zum-neuen-testament","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=2189","title":{"rendered":"Folker Siegert (Hg.): Rechtsgeschichtlicher Kommentar zum Neuen Testament"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Folker Siegert (Hg.): <em>Rechtsgeschichtlicher Kommentar zum Neuen Testament<\/em>. Band I: <em>Einleitung. Arbeitsmittel und Voraussetzungen<\/em>, Berlin: De Gruyter, 2023, geb., XIII+720\u00a0S., \u20ac\u00a0140,14, ISBN <a href=\"https:\/\/www.degruyter.com\/document\/doi\/10.1515\/9783110658347\/html\" data-type=\"link\" data-id=\"https:\/\/www.degruyter.com\/document\/doi\/10.1515\/9783110658347\/html\">978-3-11-065606-0<\/a><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der <em>Rechtsgeschichtliche Kommentar zum Neuen<\/em> (RKNT) will \u201eRechtsfragen und Rechtsg\u00fcter des Neuen Testaments genauer [&#8230;] benennen, u.z. auf dem Hintergrund der sie definierenden Rechtsordnungen\u201c (https:\/\/rknt.uni-muenster.de\/dasprojekt.php). Das Projekt begann mit einem Autorenkolloquium in M\u00fcnster im Juni 2005. Der erste Band ist 2023 erschienen, der n\u00e4chste Band ist f\u00fcr 2024 angek\u00fcndigt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der von Volker Siegert (Institutum Judaicum Delitzschianum, M\u00fcnster) heraus\u00adgegebene erste Band ist in drei Teile gegliedert. Teil A (3\u2013122; Folker Siegert) behandelt in sechs Kapiteln das Anliegen des Kommentars, eine Einf\u00fchrung in den Begriff des Rechts und in die Charakteristika des r\u00f6mischen Rechts, die Jurisprudenz der protestantischen Barockjuristen (Hugo Grotius, Samuel Pufendorf, Christian Wolff) sowie die Vorarbeiten und den Aufbau des Kommentars. Der Rechtsbegr\u00fcndung aus dem Naturrecht anstatt aus der Bibel, wie sie Grotius, Pufendorf und andere beschrieben (77\u201384, sowie 435\u2013443, 478\u2013484, 627\u2013628), wird von Siegert eine weitreichende Bedeutung f\u00fcr den Kommentar zugeschrieben (6).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Teil B (125\u2013267) behandelt in sechs Kapiteln die Verfassungsgeschichte Jud\u00e4as und die Quellen des j\u00fcdischen Rechts (Einf\u00fchrung und bibliographische \u00dcbersicht; Johann Maier), die Papyri aus der W\u00fcste Juda (Siegert) und die r\u00f6mischen Rechtsquellen in \u00dcbersicht (Martin Schermaier); am Ende steht ein Glossar der wichtigsten Fachausdr\u00fccke (Siegert).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Teil C (271\u2013465) behandelt \u00fcbergreifende Themen: \u201eBuchstabe und Geist in j\u00fcdischem und r\u00f6mischem Recht\u201c (Boaz Cohen); \u201eSchw\u00f6ren im Recht des antiken Judentums\u201c (Maier); \u201eWitwen und Waisen in Judentum und Christentum\u201c (Ulrich Kellermann); \u201eBibel und Recht. Ein Durchgang vom Dekalog bis zur Gegenwart\u201c (Siegert). Es bleibt unklar, weshalb gerade diese vier Themen ausgew\u00e4hlt wurden. W\u00e4hrend das erste und das vierte Thema allgemeiner Natur sind und sich als \u201e\u00fcbergreifende\u201c Themen eignen, ist das zweite und dritte Thema konkret, was die Frage veranlasst, weshalb nicht auch Themen wie Gesetz und Sitte, Wille und Verantwortung, Eigentum und Besitz, Schuldigkeiten und Forderungen, Schenkung und Zins, Botenrecht und Vollmacht, Freiheit und Sklaverei, B\u00fcrger und B\u00fcrgerrecht, Eherecht und Sexualvorschriften, Familie und Vereine, Regierung und Verwaltung, Steuern und Besatzungsrecht, Gerichtswesen und Prozessrecht, Kalender und Feiertage behandelt werden \u2013 alles Themen, die in der Liste der Rechtsthemen (699\u2013720) aufgef\u00fchrt werden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es folgen siebzehn von F. Siegert verfasste Exkurse (467\u2013626) zu Themen wie Gesetz und Evangelium, Bibel und Geschichte, kosmisches und menschliches Naturrecht, der Begriff der Evidenz, Leibnitz\u2019 Kritik an Pufendorf, Theologie und Jurisprudenz. Nach einer Konkordanztabelle zu Pufendorf\u2019s <em>Eris Scandica<\/em> findet man Zitierkonventionen und Transkriptionsregeln, ein Abk\u00fcrzungsverzeichnis, ein Literaturverzeichnis (641\u2013688), und Listen der behandelten Perikopen in den B\u00e4nden II\u2013VI (insgesamt 395 Perikopen) sowie der Rechtsthemen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Unter der \u00dcberschrift \u201eVorarbeiten\u201c behandelt Siegert zun\u00e4chst die \u201eSichtung der Quellen. Einleitungswissenschaft\u201c (85\u201399) im Anschluss an eigene Arbeiten zu diversen Einleitungsfragen, deren Ergebnisse offenkundig als Grundlage des RKNT gelten sollen. Zu der postulierten Phase A geh\u00f6ren die Quellen der Synoptiker (vor allem die Logienquelle und nichtsynoptisches vorjohanneisches Traditionsgut im Johannesevangelium), die als echt akzeptierten Paulusbriefe, der Hebr\u00e4erbrief, und das Markusevangelium. Der Phase B werden die Evangelien des Lukas und Matth\u00e4us sowie die \u201eunechten\u201c Briefe an die Kolosser und Epheser und der erste Petrusbrief zugewiesen, ebenfalls die \u201eMontage\u201c des 2Kor; f\u00fcr diese Phase wird auch der erste anzunehmende Gesamtwurf des Johannesevangeliums als noch nicht edierter Text angenommen, sowie 2Joh und 3Joh. In der Phase C wird das Johannesevangelium, 1Joh, die Johannesapokalypse (Zeit Hadrians), sowie 2Thess, 1Tim, 2Tim, und Titus angesetzt. Die \u201epseudepigraphen\u201c Briefe der Br\u00fcder Jesu \u2013 Jakobus und Judas \u2013 sind entweder der Phase B oder C zuzuordnen. Siegert meint, das in Phase A Gesagte sei \u201ejedenfalls ernst zu nehmen, au\u00dfer wo es allzu deutlich den Eindruck des Konstruierten macht (so im Mk das Itinerar Jesu und die erste Phase des Prozesses Jesu, Mk 14)\u201c, w\u00e4hrend das in Phase B gesagte \u201emeist Kommentarcharakter\u201c hat und die Phase C \u201eStreitigkeiten\u201c bezeugt (97). Alternative Bewertungen der Einleitungsfragen werden ausgeblendet, was Siegerts \u201eVorarbeiten\u201c einen einseitigen ideologischen Anstrich gibt. Was etwa Rainer Riesner und Richard Bauckham zu den Evangelien und Craig Keener und Armin Baum zur Apostelgeschichte und zur Frage der Pseudepigraphie geschrieben haben \u2013 um nur einige wenige Forscher zu erw\u00e4hnen, die gegen die von Siegert postulierten Positionen argumentieren \u2013 kann man nur mutwillig (im buchst\u00e4blichen Sinn des Wortes) ignorieren. Siegert hat sicher Recht wenn er feststellt: \u201eDie hier [d.&nbsp;h. im RKNT] untersuchten Texte waren alle einmal klarer, als sie es heute sind; sie hatten Leser und H\u00f6rer, die die Verh\u00e4ltnisse kannten, besser als wir\u201c (5). Dies trifft m.&nbsp;E. auch auf die Entstehungsbedingungen der neutestamentlichen Texte zu: ein Dokument \u201eQ\u201c ist hypothetisch konstruiert und nirgends als existierender Text nachgewiesen; die Evangelien wurden in den Gemeinden als B\u00fccher gelesen, die von Markus, Matth\u00e4us, Lukas und Johannes verfasst wurden; die Pastoralbriefe sowie Kol, Eph, und 2Thess wurden als Paulusbriefe kopiert und gelesen. Wenn der RKNT \u201edie sog. Realien des Neuen Testaments\u201c darstellen und \u201evon freien Erfindungen der erz\u00e4hlenden Phantasie oder von den unhistorischen Annahmen seitheriger \u00dcbersetzer\u201c unterscheiden will (5), dann sollte man den RKNT nicht von der literargeschichtlichen Phantasie einiger Neutestamentler abh\u00e4ngig machen, sondern die \u201eRealien\u201c der textlichen Bezeugung der Autorschaft der neutestamentlichen Texte ernst nehmen, die von den leitenden Theologen und Autoren des sp\u00e4ten ersten Jahrhunderts sowie des zweiten und dritten Jahrhunderts akzeptiert wurden. Wir warten auf die folgenden B\u00e4nde des RKNT, um bewerten zu k\u00f6nnen, ob und wie die Position Siegerts in den Einleitungsfragen die Behandlungen neutestamentlicher Stellen beeinflusst, gleichfalls, in welchem Ma\u00dfe der Rechtsansatz von Grotius, Pufendorf und Wolff aus dem 17. Jahrhundert angewandt wird.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der erste Band des RKNT weckt jedenfalls die Erwartung, dass die n\u00e4chsten B\u00e4nde vieles Relevante \u00fcber die \u201eRealien\u201c der neutestamentlichen Texte bieten werden.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Prof Dr.<\/em><em>Eckhard J. Schnabel<\/em>, <em>Gordon-Conwell Theological Seminary<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Folker Siegert (Hg.): Rechtsgeschichtlicher Kommentar zum Neuen Testament. Band I: Einleitung. 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