{"id":2192,"date":"2024-04-30T14:45:21","date_gmt":"2024-04-30T14:45:21","guid":{"rendered":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=2192"},"modified":"2024-04-30T14:45:22","modified_gmt":"2024-04-30T14:45:22","slug":"martin-chemnitz-examen-concilii-tridentini-nach-der-deutschen-uebersetzung-1576-des-georg-nigrius-bearb-durch-martin-hamel-hg","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=2192","title":{"rendered":"Martin Chemnitz: Examen Concilii Tridentini nach der deutschen \u00dcbersetzung (1576) des Georg Nigrius bearb. durch Martin Hamel (Hg.)"},"content":{"rendered":"\n<p>Martin Chemnitz: <em>Examen Concilii Tridentini nach der deutschen \u00dcbersetzung (1576) des Georg Nigrius bearb. durch Martin Hamel (Hg.)<\/em>, Bibliothek lutherischer Klassiker\u00a04, Teilb\u00e4nde\u00a01\u20134, Neuendettelsau: Freimund, 2022, geb., 3.168\u00a0S., \u20ac\u00a0139,\u2013, ISBN <a href=\"https:\/\/webshop.freimund-verlag.de\/produkt\/examen-concilii-tridentini-martin-chemnitz-baende-1-4\/\" data-type=\"link\" data-id=\"https:\/\/webshop.freimund-verlag.de\/produkt\/examen-concilii-tridentini-martin-chemnitz-baende-1-4\/\">978-3-946083-73-3<\/a><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p>Die Ver\u00f6ffentlichung der deutschen \u00dcbersetzung von Martin Chemnitz\u2019 (1522\u20131586) <em>Examen Concilii Tridentini<\/em> im kleinen lutherischen Freimund-Verlag in Neuendettelsau stellt einen au\u00dferordentlichen Kraftakt dar, man kann sagen: Eine Sensation!<\/p>\n\n\n\n<p>Die umfangreiche Originalausgabe (EA 1565\u20131573) wurde von Fachtheologen gelesen und deshalb im 16. und 17. Jahrhundert auf Lateinisch mehrfach nachgedruckt. \u2013 Heute wird das lateinische <em>Examen <\/em>nach der Ausgabe zitiert, die Eduard Preuss nach den Auflagen von 1578 und 1707 in Berlin 1861 (Verl. Gustav Schlawitz) neu veranstaltet hat. Diese Neuausgabe in einem Band wurde 1915 in Leipzig (Hinrichs\u2019sche Buchhandlung), 1972 in Darmstadt (Wissenschaftliche Buchgesellschaft) und in den letzten Jahren bei W. de Gruyter Berlin nachgedruckt (2021, als E-Book und mit Online-Zugang 2023: <a href=\"https:\/\/doi.org\/10.1515\/9783112491720\">https:\/\/doi.org\/10.1515\/9783112491720<\/a>; auch bei Google books).<\/p>\n\n\n\n<p>Eine deutschsprachige \u00dcbersetzung des monumentalen Werkes durch den Gie\u00dfener Pfarrer Georg Nigrinus (1530\u20131602) erschien schon 1576. Sie wurde aber seither nicht mehr neu aufgelegt. Wahrscheinlich war die Zielgruppe der deutschen Ausgabe zu klein. So fand sie bisher nur die Aufmerksamkeit von Experten. Eine deutschsprachige Auswahlausgabe durch den Cloditzer Diakonus Rudolf Bendixen (Leipzig 1884) wurde von einem der seinerzeit f\u00fchrenden lutherischen Theologen, dem Leipziger Ordinarius Christoph Ernst Luthardt, lobend begleitet und mit einem Vorwort bedacht. Das Opus magnum von Chemnitz sei wertvoll f\u00fcr die Apologetik. Es stehe \u201eunter den klassischen Werken der theologischen Literatur unserer Kirche [\u2026] in erster Linie\u201c, enthalte allerdings mannigfach historisches Material, das \u201ef\u00fcr unsere Zeit seine Bedeutung mehr oder minder verloren hat\u201c (III, unpag.). Doch sei die Zusammenfassung durch Bendixen am Ende des 19. Jahrhunderts doppelt bedeutsam, weil der r\u00f6mische Katholizismus wieder offensiv vorangehe und Chemnitz die St\u00e4rke der evangelischen Position klar herausarbeite (IV).<\/p>\n\n\n\n<p>Nun hat sich der Bad Salzuflener Ruhest\u00e4ndler Pfarrer Dr. Martin Hamel der au\u00dferordentlichen Anstrengung unterzogen, die komplette \u00dcbersetzung des Examens durch Nigrinus zu erfassen, mit dem lateinischen Original zu vergleichen und sie mit erl\u00e4uternden historischen und weiterf\u00fchrenden themenbezogenen Anmerkungen und Erg\u00e4nzungen herauszugeben. Die Neuedition zum 500. Geburtstag von Martin Chemnitz im Jahr 2022 ist ein w\u00fcrdiger Beitrag zum Gedenken an diesen hochgebildeten Braunschweiger Gelehrten. Zugleich macht es zurecht den nicht weniger klugen hessischen Theologen (Lebensstationen u.&nbsp;a. Homberg\/Ohm, Gie\u00dfen, Superintendent in Alsfeld und Nidda) bekannt, der vor fast 450 Jahren den Text \u00fcbersetzte und publizierte.<\/p>\n\n\n\n<p>Heute beherrschen nur wenige Theologen die lateinische Sprache so sicher, dass sie sich in einem lateinischen Fachbuch so gut wie in einem deutschen Text orientieren k\u00f6nnen. Wir leben in lateinarmen Zeiten \u2013 die Lage wird sich wahrscheinlich nicht verbessern. Daher hat die deutschsprachige Ausgabe des \u201eExamens\u201c einen bleibenden Wert f\u00fcr das Studium von Quellentexten aus der Zeit der Gegenreformation und der Fr\u00fchorthodoxie.<\/p>\n\n\n\n<p>Der erste Teilband des \u201eExamens\u201c (Bibliothek lutherischer Klassiker 4,1) behandelt in zehn Loci die Grundlagen von Lehre und Praxis der r\u00f6misch-katholischen Kirche in Hl. Schrift <em>und <\/em>Tradition sowie die zentralen Themen S\u00fcnde und Erl\u00f6sung. Wenn man von den biblischen Aussagen allein ausgeht, k\u00f6nnten diese r\u00f6misch-katholischen Lehren nicht begr\u00fcndet werden. Die zehn Abschnitte lauten: Von der heiligen Schrift; Von den Traditionen; Von der Erbs\u00fcnde; Von der (nach der Taufe im Gl\u00e4ubigen) \u00fcbrigen Erbs\u00fcnde; Maria ohne Erbs\u00fcnde; Werke der Ungl\u00e4ubigen; Vom freien Willen; Von der Rechtfertigung; Vom Glauben; Von guten Werken (1,76\u2013770).<\/p>\n\n\n\n<p>Im besonders umfangreichen zweiten Band (2,11\u2013902) besch\u00e4ftigt sich Chemnitz in vierzehn Lehrpunkten mit der tridentinischen Sakramentenlehre. Sie erweitere das biblische Zeugnis durch zahllose Traditionen und mache es dadurch unsichtbar. Teilthemen sind hier: Von den Sakramenten; Von der Taufe; Von der Firmung; Vom Sakrament der Eucharistie; Von der Kommunion unter beiderlei Gestalt; Von der Messe; Von der Bu\u00dfe; Von der Reue; Von der Beichte; Von der Absolution; Von der Notwendigkeit und Frucht der Genugtuung; Von der letzten \u00d6lung; Vom Sakrament der Ordinierung oder der Weihe; Vom Ehestand.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit den Loci des dritten und vierten Bandes sieht Martin Chemnitz massive Irrt\u00fcmer der Papstkirche angesprochen (vgl. ausf\u00fchrlich 3,50), in Band 3: Keuschheit, Z\u00f6libat und Jungfrauschaft; Z\u00f6libat der Priester; Vom Fegfeuer; Anrufung der Heiligen (3,49\u2013742); in Band 4: Reliquien der Heiligen; Von den Bildern; Vom Ablass; Vom Fasten; Von den Festen (4,48\u2013542).<\/p>\n\n\n\n<p>Den Textseiten sind Vorworte und Anh\u00e4nge beigegeben. Besonders wichtig sind im Anhang des vierten Bandes (4,643\u2013734) das Personenverzeichnis (4,559\u2013601), das Verzeichnis der von Chemnitz zitierten Autoren und Dokumente (4,603\u2013657) und die \u00dcbersicht \u00fcber die behandelten Konzilstexte (4,658\u2013666). Die ausf\u00fchrlichen Inhaltsverzeichnisse im jeweiligen Band, zusammengestellt im vierten (4,692\u2013719), sind eine praktische Hilfe bei der Auffindung von Themen. Weitere historische Vorreden und Anh\u00e4nge (zum Beispiel der Chemnitz-Lebenslauf des Erlanger Ordinarius im 19. Jh., Heinrich Schmid, 4,543\u2013557) machen die B\u00e4nde eher un\u00fcbersichtlich. Mehrere Beitr\u00e4ge und Anmerkungen des Herausgebers weisen interpretatorisch nur in die eine Richtung, dass alle Lehrs\u00e4tze von Trient heute noch g\u00fcltig sind und folglich die r\u00f6misch-katholische Kirche mit Martin Chemnitz in Bausch und Bogen zu verurteilen sei.<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist richtig, dass eine Kirche in erster Linie nach den von ihr als grundlegend benannten und g\u00fcltigen Lehrdokumenten zu beurteilen ist. Doch muss in einem zweiten Durchgang auch ermessen werden, inwiefern der Anspruch der in Geltung stehenden Lehre auch eingel\u00f6st wird. Es ist ein Unterschied, ob ein in evangelischem Sinn Gl\u00e4ubiger in seinem Glauben leben, ihn weitersagen und im Gemeindeleben einbringen, ja damit sogar Bischof von Passau werden kann <em>oder<\/em> ob er so schnell wie m\u00f6glich festgenommen und auf den Scheiterhaufen gebracht wird. Wenn Lehrcorpora der Vergangenheit so \u201eunangetastet\u201c in Geltung bleiben, dass sie kaum noch bekannt sind und weder positiv-leitende noch negativ-strafende Wirkung entfalten, sind sie dann nicht de facto ung\u00fcltig? (Diese Frage stellte sich auch der Bekennenden Kirche in der Reichskirche w\u00e4hrend des Dritten Reichs.) Die konziliaren Bem\u00fchungen um <em>Aggiornamento <\/em>lassen im r\u00f6mischen Katholizismus einen breiten Spielraum f\u00fcr neue Arbeitsformen und Modernisierungsbem\u00fchungen. Erneuerungsbewegungen l\u00e4sst die katholische Weltkirche nicht nur leben, sondern bringt ihnen auch Wertsch\u00e4tzung entgegen; \u201eevangelische\u201c Katholiken werden geduldet oder gebilligt.<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr die katholische Lehrbildung ist es typisch, dass sie sich nicht auf <em>ein <\/em>bestimmtes normatives Dokument beschr\u00e4nkt \u2013 im Gegensatz zur evangelischen, die sich in Lehrfragen seit der Reformationszeit auf die <em>unica norma et regula<\/em> der Bibel beruft. Besonders das Zweiten Vatikanische Konzil hat katholischerseits dem Tridentinum Texte zur Seite gestellt, die ihm klar widersprechen, aber ohne es aufzuheben.<\/p>\n\n\n\n<p>So hei\u00dft es in \u00a755 der<em> Konstitution \u00fcber die Heilige Liturgie <\/em>vom 4.12.1963 \u00fcber die Eucharistie mit Brot und Wein: \u201eUnbeschadet der durch das Konzil von Trient festgelegten dogmatischen Prinzipien kann in F\u00e4llen, die vom Apostolischen Stuhl zu umschreiben sind, nach Ermessen der Bisch\u00f6fe sowohl Klerikern und Ordensleuten wie auch Laien die Kommunion unter beiden Gestalten gew\u00e4hrt werden \u2026\u201c. Damit wird auch die <em>eigentliche <\/em>Lehrnorm der katholischen Kirche jenseits von Bibel und Tradition bzw. Kirchenv\u00e4terlehren und Synodalentscheidungen benannt: Der \u201eApostolische Stuhl\u201c, die oberste Lehrautorit\u00e4t des Bischofs von Rom, der zugleich letztg\u00fcltig Lehrer der weltweiten Kirche ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Die r\u00f6misch-katholische Kirche hat also seit dem Konzil von Trient in Lehre und Leben eine beachtliche Entwicklung erlebt (s. o. die \u00c4u\u00dferung von Luthardt), die man bei aller Widerspr\u00fcchlichkeit der Ergebnisse als ebenso geltend oder zumindest als \u201evon oben\u201c gebilligt wahrnehmen muss wie die tridentinischen Lehrdefinitionen.<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr pietistische Leser wird au\u00dferdem wichtig sein, auf Speners sechs Vorschl\u00e4ge zur Kirchenreform in den <em>Pia Desideria<\/em> (1675) hinzuweisen. Spener empfiehlt ein friedliches Vorgehen und herzliche Liebe gegen\u00fcber den anderen Kirchen; streits\u00fcchtiges Disputieren k\u00f6nne \u201enicht das einzige Mittel der Erhaltung der Wahrheit sein, sondern erfordert andere neben sich\u201c (Ausg. von Kurt Aland, KlT 170, 62\u201367, Ratschlag 4).<\/p>\n\n\n\n<p>Diese Buchbesprechung kann auf begrenztem Raum nur einen Eindruck von dem umfangreichen Werk, das Martin Chemnitz geschaffen hat, geben. Dass es sich bei dieser Edition nicht um eine kritische Ausgabe handelt, wird durch den bekannten Sachverhalt relativiert, dass f\u00fcr wissenschaftliche Zwecke auf alle F\u00e4lle die Ausgabe von Preu\u00df herangezogen werden muss. Dennoch wird das von der <em>Lutheran Heritage Foundation<\/em> bezuschusste gewaltige Werk unter Pfarrern, Studierenden und Professoren seine Leser finden, vgl. das oben zu Lateinkenntnissen Gesagte. Dem Freimund-Verlag sei f\u00fcr dieses au\u00dferordentliche, wagemutige Editionsprojekt gedankt!<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p><em>Pfarrer Dr. Jochen Eber, Schriesheim<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Martin Chemnitz: Examen Concilii Tridentini nach der deutschen \u00dcbersetzung (1576) des Georg Nigrius bearb. durch Martin Hamel (Hg.), Bibliothek lutherischer<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":2193,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"colormag_page_container_layout":"default_layout","colormag_page_sidebar_layout":"default_layout","inline_featured_image":false,"footnotes":""},"categories":[7],"tags":[],"class_list":["post-2192","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-historische-theologie"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2192","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=2192"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2192\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2194,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2192\/revisions\/2194"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/2193"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=2192"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=2192"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=2192"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}