{"id":2195,"date":"2024-04-30T14:48:15","date_gmt":"2024-04-30T14:48:15","guid":{"rendered":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=2195"},"modified":"2024-04-30T14:48:16","modified_gmt":"2024-04-30T14:48:16","slug":"frank-luedke-norbert-schmidt-hg-kopf-und-herz-vereint-zusammen-grundlinien-pietistischer-hochschulbildung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=2195","title":{"rendered":"Frank L\u00fcdke \/ Norbert Schmidt (Hg.): Kopf und Herz vereint zusammen. Grundlinien pietistischer Hochschulbildung"},"content":{"rendered":"\n<p>Frank L\u00fcdke \/ Norbert Schmidt (Hg.):<em> Kopf und Herz vereint zusammen. Grundlinien pietistischer Hochschulbildung<\/em>, Pietas et Scientia, 2, Darmstadt: WGB Academic \/ Herder, 2023, geb., 195\u00a0S., \u20ac\u00a038,\u2013, ISBN <a href=\"https:\/\/www.isbn.de\/buch\/9783534407422\/kopf-und-herz-vereint-zusammen\" data-type=\"link\" data-id=\"https:\/\/www.isbn.de\/buch\/9783534407422\/kopf-und-herz-vereint-zusammen\">978-3-534-40743-9<\/a><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p>\u201ePietas et Scientia\u201c, Fr\u00f6mmigkeit und Wissenschaft sollen in der neuen Reihe der Evangelischen Hochschule Tabor miteinander ins Gespr\u00e4ch gebracht werden. Pietas et Scientia kann somit als inhaltlich n\u00e4her bestimmte Fortsetzung der \u201eSchriften der Evangelischen Hochschule Tabor (SEHT)\u201c (M\u00fcnster: Lit Verlag) gelten. Im Rahmen von SEHT erschienen von 2010 bis 2020 zehn Sammelb\u00e4nde und Monographien.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch in den Ver\u00f6ffentlichungstypen \u2013 Monographien und Konferenzschriften \u2013 bleibt die neue Schriftenreihe der alten treu: Als Band 1 von \u201ePietas et Scientia\u201c erschien eine Dissertation von Eduard Ferderer \u00fcber den Eisenacher Bund und sein Verh\u00e4ltnis zur Gemeinschaftsbewegung (2022). Der vorliegende zweite Band ist ein Sammelband, in dem die Referate des 7. Neupietismus-Symposiums der EH Tabor vom Januar 2021 ver\u00f6ffentlicht werden. Der Titel \u201eKopf und Herz vereint zusammen\u201c spielt auf Graf Nikolaus von Zinzendorfs Lied \u201eHerz und Herz vereint zusammen\u201c an. Wegen der Corona-Reisebeschr\u00e4nkungen fand die Konferenz ausschlie\u00dflich online statt (8). Das Ergebnis der acht Vortr\u00e4ge (14\u2013133) wird abschlie\u00dfend von Herausgeber Frank L\u00fcdke zusammengefasst (134\u2013138). Vier weitere Beitr\u00e4ge, die mit dem Thema zu tun haben, sind dem Sammelband beigegeben (139\u2013193).<\/p>\n\n\n\n<p>Frank L\u00fcdke bietet in seinem ersten Beitrag (14\u201318) einen \u00dcberblick \u00fcber das Thema \u201eKopf und Herz\u201c im Pietismus. L\u00fcdke lokalisiert st\u00e4rkere \u201epietistische\u201c Bem\u00fchungen um die Einheit von wissenschaftlicher Arbeit und Fr\u00f6mmigkeit in der Kernzeit des klassischen Pietismus im ausgehenden 17. und beginnenden 18. Jahrhundert. Nach 300 Jahren komme es seit dem 20. Jh. zu einer neuen Bl\u00fcte, aber weitgehend in vereinsm\u00e4\u00dfig organisierten Zusatzangeboten zur Universit\u00e4tsausbildung und in den letzten zwanzig Jahren an Hochschulen in privater Tr\u00e4gerschaft.<\/p>\n\n\n\n<p>Die drei n\u00e4chsten Vortr\u00e4ge vertiefen das Thema am Beispiel der Theologen Philipp Jakob Spener (19\u201336) und Adolf Schlatter (52\u201371) sowie des Philosophen Christian Wolff (37\u201351). Ulrike Treusch stellt Speners Vorschl\u00e4ge zur Reform des Theologiestudiums als Teil der Kirchenreform vor. Eruditio und pietas geh\u00f6rten im Studium und bei der \u00dcbernahme eines kirchlichen Amtes zusammen. In Predigerseminaren, akademischen Collegia Pietatis sowie in der Umsetzung von Reformvorschl\u00e4ge an der Universit\u00e4t Halle sei es gelungen, die pietistische Bildungsvorstellung zu verwirklichen. Speners Ratschl\u00e4ge enthielten Ansatzpunkte f\u00fcr die heutige Fr\u00f6mmigkeit und Ausbildung (33\u201335).<\/p>\n\n\n\n<p>Norbert Schmidt referiert \u00fcber die \u201eCausa Wolffiana\u201c, also \u00fcber die Aufnahme des aufgekl\u00e4rten und 1723 von der pietistischen Universit\u00e4t Halle vertriebenen Universalprofessors Christian Wolff in Marburg. Auch diese Vertreibung habe mit dem Verh\u00e4ltnis von Wissenschaft und Fr\u00f6mmigkeit zu tun, meinten doch die Hallenser Pietisten, durch Wolffs rationalistische Neubegr\u00fcndung der christlichen Lehre w\u00fcrde der \u201eAtheisterey\u201c Vorschub geleistet (41f). So zeige die Causa Wolffiana exemplarisch, wie pietistisch betriebene Wissenschaft an einer \u00f6ffentlichen Universit\u00e4t in Turbulenzen kommen kann, die \u2013 damals vom Standpunkt eines spinozistisch begr\u00fcndeten Determinismus aus \u2013 ihr auf Dauer den Platz an der Universit\u00e4t streitig machen w\u00fcrden.<\/p>\n\n\n\n<p>Adolf Schlatters von Pietisten seiner Zeit dankbar aufgenommene Theologie wird von Thorsten Dietz in seinem Aufsatz zur \u201eOffenbarung Gottes in der Geschichte\u201c als Beispiel f\u00fcr die Wasserscheide in der neueren pietistischen und evangelikalen Theologie vorgestellt (53). Schlatter kritisiere den atheistischen Wissenschaftsbegriff der Epoche und stelle diesem \u2013 so Dietz \u2013 eine \u201eTheologie der Wahrnehmung\u201c entgegen. Offenheit f\u00fcr die geschichtliche Erkenntnis, auch Gotteserkenntnis, stehe im Zentrum der Rezeption von Schlatters Lebenswerk, das Fr\u00f6mmigkeit und Wissenschaft verbindet und bis heute \u201eErbe und Ansporn\u201c (70) sein k\u00f6nne.<\/p>\n\n\n\n<p>Erfrischend unabh\u00e4ngig von innnerevangelikalen Meinungsverschiedenheiten in Deutschland geht die Sammlung mit dem englischsprachigen Beitrag von Christopher Gehrz \u00fcber pietistisch orientierte <em>Christian Higher Education<\/em> innerhalb des <em>Council for Christian Colleges and Universities<\/em> in den USA weiter (72\u201379, Lit.: 35, Anm 58). Die pietistisch gepr\u00e4gten Hochschulen wie Bethel University in St. Paul seien im allgemein-evangelikalen Kontext der anderen Institute durch ihren Fokus auf Fr\u00f6mmigkeit, christuszentrierte Gemeinschaft (<em>ecclesiola<\/em>) und ihre \u00fcberkonfessionelle und auch auf die gesellschaftlichen Auseinandersetzungen bezogene Irenik ausgezeichnet. Mit dieser Zielsetzung bezieht sich Gehrz auf Speners Reformvorschl\u00e4ge, die in der \u00fcberbordenden theologischen Disputationswut des ausgehenden 17. Jahrhunderts Friedfertigkeit anmahnten.<\/p>\n\n\n\n<p>Die drei letzten Beitr\u00e4ge des Neupietismus-Symposiums sind praktisch-theologisch ausgerichtet. Johannes Zimmermann entwickelt ein Modell pietistischer Hochschulbildung, das nach Speners Vorbild die \u201eFrommen\u201c f\u00f6rdern und fachliche Ausbildung mit pers\u00f6nlicher und geistlicher F\u00f6rderung verbinden soll (94). \u2013 \u201eF\u00fcr Fr\u00f6mmigkeit und Wissenschaft\u201c (<em>pietati et scientiae<\/em>) lautet das Motto der katholischen Philosophisch-Theologischen Hochschule in Frankfurt am Main. Der Jesuit Bernhard Knorn erl\u00e4utert, wie diese beiden Begriffe im Zusammenhang der Ausbildung in der Verbindung von akademischem Studium und Ausrichtung des Lebens auf Gott zugeordnet werden. Dies geschehe in der R\u00fcckbindung an die weltweite katholische Kirche; sie werde erg\u00e4nzt von einer Weltfr\u00f6mmigkeit, welche \u201edie Aufmerksamkeit auf benachteiligte Menschen, kulturelle Pr\u00e4gungen und andere Religionen lenkt\u201c (95\u2013108, Zit. 103). \u2013 Heinzpeter Hempelmann weist in seinem Aufsatz nach, dass auf Seiten der Wissenschaft als auch der Fr\u00f6mmigkeit in der Neuzeit erhebliche Kritik am jeweiligen Gegen\u00fcber besteht. Er pl\u00e4diert dagegen f\u00fcr eine komplement\u00e4re Erg\u00e4nzung von pietas und scientia (109\u2013133).<\/p>\n\n\n\n<p>Im Anschluss an die acht Vortr\u00e4ge des Symposiums und Frank L\u00fcdkes Zusammenfassung der Ergebnisse wurden vier weitere Themen aufgenommen. L\u00fcdke macht auch hier den Auftakt, indem er die pietistische Hochschulbildung an der Evangelischen Hochschule Tabor vorstellt, deren Grunds\u00e4tze <em>scientia, pietas, communio<\/em> und <em>caritas<\/em> auch in die Gestaltung des Hochschul-Siegels eingegangen sind (139\u2013143). \u2013 Eduard Ferderer behandelt die Vernetzung von eher wissenschaftskritischen Gemeinschaftskreisen auf den Gnadauer und Blankenburger Konferenzen sowie eher universit\u00e4tsorientierten, dem Pietismus nicht abgeneigten Theologen des Eisenacher Bundes auf ihren jeweiligen Konferenzen. Als Ergebnis h\u00e4lt er fest, dass ein Bed\u00fcrfnis nach Verst\u00e4ndigung zwar vorhanden war, Mitglieder des Eisenacher Bundes aber auf den Gnadauer und Blankenburger Konferenzen nicht als zentrale Akteure in Erscheinung traten (144\u2013161). \u2013 Zwei Aufs\u00e4tze des methodistischen Kirchengeschichtlers Karl Hein Voigt stehen am Ende des Sammelbandes: In der Diskussion mit Werner Schm\u00fcckle (SEHT 9) pl\u00e4diert Voigt f\u00fcr eine st\u00e4rkere Gewichtung des angels\u00e4chsisch-methodistischen Einflusses auf die Evangelisationspraxis (162\u2013189). In einer beigegebenen Miszelle kl\u00e4rt Voigt die Herkunft des Begriffs \u201eBekehrungsmethodismus (190\u2013193).<\/p>\n\n\n\n<p>Der Sammelband pr\u00e4sentiert dankenswerterweise Aspekte des Verh\u00e4ltnisses von Fr\u00f6mmigkeit und Wissenschaft im Kontext pietistischer Ausbildung, die besonders im 19. und 20. Jahrhundert kaum erarbeitet worden sind. Allerdings w\u00e4re es interessant gewesen, zumindest in einem Impulsreferat geschichtlich noch weiter zur\u00fcckzufragen als bis zu den Reformbem\u00fchungen der altprotestantischen Orthodoxie (vgl. 81). Der Beitrag des Jesuiten Bernhard Knorn ist in dieser Hinsicht ein positives Beispiel: Der Unterricht an den im Mittelalter entstehenden Universit\u00e4ten wurde von Gelehrten der Ordensgemeinschaften getragen. Sie verbanden auf nat\u00fcrliche Weise geistliches Leben: Stundengebet und t\u00e4gliche Gottesdienste mit gemeinsamem Leben und dem Unterricht. Auch die Kirchenv\u00e4ter strukturieren ihren Alltag als Geistliche, Bisch\u00f6fe und Lehrer der Kirche wie selbstverst\u00e4ndlich durch Gebete und Gottesdienste. So steht das heutige \u201epietistische\u201c Bem\u00fchen um<em> Pietas et Scientia <\/em>in einer langen christlichen Bildungstradition, die in Priesterseminaren und Ordensschulen weltweit bis heute ganz selbstverst\u00e4ndlich gepflegt wird. \u2013 \u00dcber diesen ermutigenden historischen Hintergrund sollte der Leser mehr erfahren! <\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p><em>Pfarrer Dr. Jochen Eber, Schriesheim<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Frank L\u00fcdke \/ Norbert Schmidt (Hg.): Kopf und Herz vereint zusammen. 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