{"id":2198,"date":"2024-04-30T14:50:43","date_gmt":"2024-04-30T14:50:43","guid":{"rendered":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=2198"},"modified":"2024-04-30T14:50:45","modified_gmt":"2024-04-30T14:50:45","slug":"august-ebrard-lebensfuehrungen-in-den-jahren-des-berufes","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=2198","title":{"rendered":"August Ebrard: Lebensf\u00fchrungen. In den Jahren des Berufes"},"content":{"rendered":"\n<p>August Ebrard: <em>Lebensf\u00fchrungen. In den Jahren des Berufes<\/em>, hg. v. Wolf, Gerhard Philipp; Blaufu\u00df, Dietrich; Ehmann, Johannes,Ver\u00f6ffentlichungen des Vereins f\u00fcr Pf\u00e4lzische Kirchengeschichte 38, Ubstadt-Weiher: Verlag Regionalkultur; Speyer: Verein f\u00fcr Pf\u00e4lzische Kirchengeschichte, 2022, Hb., 544\u00a0S., \u20ac\u00a038,\u2013, ISBN <a href=\"https:\/\/verlag-regionalkultur.de\/buecher\/kirchengeschichte\/august-ebrard.-lebensfuehrungen\" data-type=\"link\" data-id=\"https:\/\/verlag-regionalkultur.de\/buecher\/kirchengeschichte\/august-ebrard.-lebensfuehrungen\">978-3-95505-276-8<\/a><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p>Wer sich mit der Erweckungsbewegung in dem seit 1806 zu Bayern geh\u00f6renden evangelischen Franken besch\u00e4ftigt, wird in der damals beschaulich-kleinen Universit\u00e4tsstadt Erlangen neben dem reformierten Pfarrer und a.&nbsp;o. Professor Johann Christian G. L. Krafft (1784\u20131845) und dem Professor f\u00fcr Naturgeschichte Karl L. Georg von Raumer (1783\u20131865) bald auf den Namen des reformierten Gelehrten Johann Heinrich August Ebrard (1818\u20131888) sto\u00dfen.<\/p>\n\n\n\n<p>Aufgrund von Tagebuchnotizen und Aufzeichnungen der Familie erstellte Ebrard ein umfangreiches biographisches Manuskript. Doch nach seinem Tod am 23. Juli 1888 konnte nur der erste Teil des Lebenslaufs erscheinen. Ein Grund war, dass seine Ehefrau die Ver\u00f6ffentlichung nicht bef\u00fcrwortet hat (Bd. II, 519) . Der erste Teil, der aus drei B\u00fcchern besteht (\u201eLebensf\u00fchrungen. In jungen Jahren\u201c, G\u00fctersloh: Bertelsmann, 1888, VIII+ 562 S.), wird nur sehr selten auf Antiquariatsplattformen angeboten. Doch haben die Universit\u00e4ts- und Landesbibliothek M\u00fcnster (2013) und die Bayerische Staatsbibliothek (= Google, 2022) inzwischen zwei Exemplare als Digitalisate zug\u00e4nglich gemacht. So k\u00f6nnen Interessenten Ebrards Lebenslauf komplett studieren. Zus\u00e4tzlich hat der Ordinarius einige Lebensstationen poetisch verarbeitet; seine ebenfalls digitalisiert vorliegenden und unter dem Pseudonym \u201eGottfried Flammberg\u201c publizierten Gedichte fanden offensichtlich so gro\u00dfen Anklang, dass sie nach vier Jahren in zweiter Auflage erschienen (\u201eEin Leben in Liedern\u201c Erlangen: Deichert, 1. Aufl., VIII+240&nbsp;S., 1868 [mit Vorwort]; 2. Auflage, IV+ 274&nbsp;S., 1872).<\/p>\n\n\n\n<p>Aus dem ersten Band soll nur erw\u00e4hnt werden: Der reformierte Erlanger Pfarrersohn August Ebrard wurde am 18. Januar 1818 in Erlangen geboren. Mit gro\u00dfem Interesse an Geschichte und noch gr\u00f6\u00dferem Eifer f\u00fcr die Ahnenforschung hat er die Herkunft seiner Familie erforscht: Sein Vater Fran\u00e7ois Elie Ebrard stammte aus einem alten Hugenottengeschlecht, das in den Cevennen in der Region Languedoc bis ins Fr\u00fchmittelalter dokumentiert ist und den Namen \u201eEber-Herz\u201c trug. Seine Frau Luise geborene von Loewenich stammte m\u00fctterlicherseits ebenfalls aus einer Hugenottenfamilie (de la Rue; I, 231).<\/p>\n\n\n\n<p>Durch den pietistisch gepr\u00e4gten Gymnasialprofessor Friedrich Wilhelm von R\u00fccker wird Ebrard \u201ezur entschiedenen Hingabe an den Herrn, zum Leben in Gott\u201c gef\u00fchrt (Bd. I, 101). R\u00fccker geh\u00f6rte zu den Erweckten, deren bedeutendster Vertreter der Erlanger reformierte Pfarrer und a. o. Professor Christian Krafft war. Nach Schul- und Gymnasialzeit studierte Ebrard ab 1835 in Erlangen. Er l\u00e4sst es sich in dieser Zeit nicht entgehen, bei der Einweihung der ersten Eisenbahn in N\u00fcrnberg dabei zu sein und f\u00e4hrt am Er\u00f6ffnungstag schwarz (!) in elf Minuten nach F\u00fcrth (269f). Weil er kein Retourbillet bekommt, muss er bis tief in die Nacht hinein nach Erlangen zur\u00fcckwandern. \u2013 Uns Sp\u00e4tgeborenen ist nicht mehr bekannt, aber verst\u00e4ndlich, warum die Bahnfahrt eine gro\u00dfe Verbesserung gegen\u00fcber der Postkutschenfahrt darstellt: Im gleisgebundenen Zug wird es dem Fahrgast auf der Fahrt nicht \u00fcbel (vgl. 243).<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Ausw\u00e4rtsstudienjahr verbringt Ebrard von 1838 bis 1839 in Berlin. Danach legt er im September 1839 in Ansbach seine Examina ab.<\/p>\n\n\n\n<p>Aus Theologensicht ist das Interessante an seinen Schilderungen, dass er \u2013 wie auch im neuen zweiten Band seiner Lebensgeschichte \u2013 in seinen Studienjahren sowie auf den Reisen nach Berlin und zur\u00fcck viele noch heute bekannte Theologen und andere Gelehrte kennenlernt. Er schildert die Begegnungen mit ihnen teilweise ausf\u00fchrlich und nicht ohne Humor. So entsteht ein lebendiges Bild f\u00fcr die Zielgruppe seiner Biographie, die diese Pers\u00f6nlichkeiten nicht mehr pers\u00f6nlich kannte. Um nur einige zu nennen: Adolf Harle\u00df, Johann Konrad Hofmann, Hermann Olshausen, Theodosius Harnack, Ludwig Feuerbach, Friedrich R\u00fcckert, August Neander, August Twesten, Hans Ernst von Kottwitz (Bd. I, 399), Carl Ritter, Leopold von Ranke, Wilhelm H\u00f6fling, Heinrich W.&nbsp;J. Thiersch, Christian Carl Josias von Bunsen, Julius Schnorr von Karolsfeld, schlie\u00dflich auch Friedrich August G. Tholuck in Halle (Bd. I, 474) \u2013 und das sind nur die wichtigsten.<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr Freunde des studentischen Verbindungswesens ist aufschlussreich, dass Ebrards die Gr\u00fcndung und weitere Entwicklung der christlichen Studentenverbindung Uttenruthia in Uttenreuth bei Erlangen als erste nichtschlagende Verbindung Deutschlands im Jahr 1836 ausf\u00fchrlich darstellt (Bd. I, 2. Buch, 1. und 3. Abschnitt).<\/p>\n\n\n\n<p>Der erste Band von Ebrards Lebensbeschreibung endet mit dem dritten Buch (Bd. I, 511\u2013562) \u00fcber seine zweij\u00e4hrige Zeit als Hauslehrer im reformierten Pfarrhaus des von Hugenotten gegr\u00fcndeten Ortes Friedrichsdorf (n\u00f6rdlich von Frankfurt). Dort entschlie\u00dft er sich, eine Promotion zum Dr. phil. (vgl. Bd. II, 13) und eine theologische Habilitation anzustreben (561, vgl. Bd. II, 15 und 25).<\/p>\n\n\n\n<p>Nach 134 Jahren findet seine ver\u00f6ffentlichte Lebensgeschichte ihre Fortsetzung im vorliegenden 2. Band, der f\u00fcnf B\u00fccher und einen kurzen Schlussabschnitt enth\u00e4lt. Vorangestellt ist ein zusammenfassender R\u00fcckblick auf den vergriffenen 1. Band von Gerhard Philipp Wolf (VII-VIII). Das ausf\u00fchrliches Inhaltsverzeichnis (Bd. II, 3\u201310) sowie Anmerkungen zur Edition, zu Ebrards Leben und Werk (von Dietrich Blaufu\u00df und G.&nbsp;P. Wolf), schlie\u00dflich Orts- und Personenregister (Bd. II, 528\u2013544) erleichtern den Zugriff auf die 500 Textseiten des Bandes.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach Promotion 1841 und Habilitation 1842 heiratet Ebrard 1844 Luise von Loewenich (Bd. II, 58). Ihnen wurden drei S\u00f6hne geboren. Ebrard wird aufgrund seiner klaren Analyse und Kritik der Theologie von David Friedrich Strau\u00df (\u201eWissenschaftliche Kritik der evangelischen Geschichte\u201c, 1842) 1844 als a.&nbsp;o. Professor an die Universit\u00e4t Z\u00fcrich berufen. Als f\u00fcr ihn in Erlangen in der Nachfolge von Krafft eine ordentliche Professur eingerichtet wird (Bd. II, 151), wechselt Ebrard 1847 in seine Heimatstadt. Seine Berufung als Konsistorialrat und Hauptprediger ins pf\u00e4lzische Speyer im Jahr 1853 ist stark von der Faszination einer einzurichtenden reformierten Synode mit Presbyterialverfassung gepr\u00e4gt (Bd. II, 240), Ebrard reibt sich dann aber im Kirchenstreit um die erstrebte konservativere Theologie in Fragen des Katechismus und des Gesangbuchs auf (Bd. II, 7. Buch). Als Ebrard miterleben muss, dass der K\u00f6nig die Generalsynode aufl\u00f6st und Gesangbuch und Katechismus wieder abschafft, reicht er sein Gesuch um Zurruhesetzung ein und zieht 1861 wieder nach Erlangen. Dort kann er aufgrund seiner venia legendi wieder private Vorlesungen halten (Bd. II, 365f, 374), lesen und dichten, forschen und Ver\u00f6ffentlichungen zum Druck bef\u00f6rdern. Mit 57 Jahren wird Ebrard als f\u00fcnfter Nachfolger seines Vaters Pfarrer der Erlanger franz\u00f6sisch-reformierten Gemeinde (Bd. II, 493f), die 270 Gemeindeglieder z\u00e4hlte (Bd. II, 496). Zum Amt als Pr\u00e4ses des Synodalmoderamens (ebd.) von Bayern geh\u00f6rten ausgedehnte Reisen und zahlreiche weitere Aufgaben.<\/p>\n\n\n\n<p>Nachdem er schon an der ersten weltweiten Vollversammlung der Evangelischen Allianz 1851 in London teilgenommen hat, besucht er auch die siebente Weltversammlung in Basel 1879 und erlebte dort \u201eTage der edelsten Freude\u201c (Bd. II, 501).<\/p>\n\n\n\n<p>Mit 70 Jahren denkt Ebrard daran, vom Pfarramt zur\u00fcckzutreten (Bd. II, 515). Er stirbt in Erlangen am 23. Juli 1888.<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist dem Verein f\u00fcr Pf\u00e4lzische Kirchengeschichte zu danken, dass er diese wichtige umfangreiche Biographie in gediegener Fadenheftung zu einem fairen Preis ver\u00f6ffentlicht hat! Sie ist nicht nur f\u00fcr die Pfalz, sondern in gleicher Weise auch f\u00fcr bayerische und besonders die Erlanger Kirchengeschichte von Bedeutung. Dar\u00fcber hinaus werden Interessierte auf den Gebieten der reformierten Theologie, der lutherischen Theologie und der pietistischen Erweckungsbewegung im 19. Jahrhundert die vielf\u00e4ltigen Bez\u00fcge zu Personen ihres Themas zu sch\u00e4tzen wissen.<\/p>\n\n\n\n<p>Allein schon Ebrards ausf\u00fchrliche Darstellung des gro\u00dfb\u00fcrgerlichen Familienlebens seiner Zeit in den beiden B\u00e4nden lohnt sich zu lesen, da sie Bilder einer l\u00e4ngst vergangenen Zeit lebendig vor Augen stellt. Das starke Interesse Ebrards an allgemeinbildenden Themen und seine Ver\u00f6ffentlichungen auf verschiedenen Gebieten, seine zahlreichen Kontakte zu Gemeindegliedern und Kollegen machen das Buch zu einer abwechslungsreichen Lekt\u00fcre nicht nur f\u00fcr Theologen. Unterhaltsam ist Ebrards Gabe, besonders auf Reisen Fremdes, Skurriles und Lustiges zu notieren und damit den Leser zum Schmunzeln zu bringen. Auf seiner ersten Fahrt in die Pfalz macht er Rast in Ludwigshafen, \u201edas aus dem Bahnhof und zwei Gasth\u00e4usern bestand\u201c. Er durchquert die Stadt Mannheim und findet sie \u201eunendlich langweilig\u201c (Bd. II, 190, 192). Bei der Darstellung seines Besuchs der Millionenstadt London erl\u00e4utert er \u201eDie englische Kost und E\u00dfweise\u201c (das Beste war der gesch\u00e4tzt halbe Liter Portwein nach dem Essen) und schildert eindr\u00fccklich u.&nbsp;a. nicht nur die Allianzversammlung, sondern auch die Armut in der Stadt (Bd. II, 218\u2013225).<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Wermutstropfen zum Schluss: Die Register des Werkes wurden anscheinend mit einer hei\u00dfen Nadel gestrickt. Es finden sich Fehler in der alphabetischen Reihenfolge, und wichtige Personen wie Adolf Sarasin (\u201eSarafin\u201c), Pfarrer gro\u00dfb\u00fcrgerlich-Basler Herkunft und Herausgeber des christlichen <em>Basler Volksboten<\/em>, kommen zwar im Text, aber nicht im Register vor (Bd. II, 157). <\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p><em>Pfarrer Dr. Jochen Eber, Schriesheim<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>August Ebrard: Lebensf\u00fchrungen. 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