{"id":220,"date":"2017-05-01T17:07:53","date_gmt":"2017-05-01T17:07:53","guid":{"rendered":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=220"},"modified":"2017-05-09T15:48:04","modified_gmt":"2017-05-09T15:48:04","slug":"hansjoerg-hemminger-evangelikal","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=220","title":{"rendered":"Hansj\u00f6rg Hemminger: Evangelikal"},"content":{"rendered":"<p>Hansj\u00f6rg Hemminger: <em>Evangelikal. Von Gotteskindern und Rechthabern<\/em>, Gie\u00dfen: Brunnen, 2016, Pb., 240\u00a0S., \u20ac 15,\u2013, <a href=\"http:\/\/brunnen-verlag.de\/evangelikal-von-gotteskindern-und-rechthabern.html\">ISBN 978-3-7655-2049-5<\/a><br \/>\n<a href=\"https:\/\/rezensionen.afet.de\/wp-content\/uploads\/2017\/05\/Hemminger_Evangelikal.pdf\"><\/p>\n<div class=\"dwnldbtn\">Download PDF<\/div>\n<p><\/a><\/p>\n<hr \/>\n<p>Der ehemalige Weltanschauungsbeauftragte der Evangelischen Kirche in W\u00fcrttemberg hat ein Buch \u00fcber die evangelikale Bewegung vorgelegt, dass erkl\u00e4rterma\u00dfen kein Fachbuch sein will, sondern ein pers\u00f6nliches Buch, in dem Sachinformationen \u201evon eigenen Eindr\u00fccken und Meinungen begleitet\u201c werden (7). Anders gesagt handelt es sich um die Au\u00dfenwahrnehmung eines \u2013 nach Einsch\u00e4tzung des Rezensenten \u2013 freundlich-kritischen Beobachters, der sich seinem Forschungsgegenstand durch die Methode der teilnehmenden Beobachtung aus der Perspektive eines landeskirchlichen Lutheraners ann\u00e4hert.<\/p>\n<p>Das Buch gliedert sich in drei Hauptteile, die durch die fiktive Geschichte von einem Wissenschaftler, der den \u201eStamm der Evangelikalen\u201c erforschen m\u00f6chte, verbunden sind. Die kurzen Intermezzi, in denen der Leser diesem Wissenschaftler begegnet, scheinen in der Sache wenig auszutragen; vermutlich sollen sie den popul\u00e4ren Charakter des Buches unterstreichen. Freilich sind sie eine Form der indirekten Kommunikation des Autors.<\/p>\n<p>Im ersten Hauptteil wird die evangelikale Bewegung in ihrer historisch gewachsenen Vielfalt und in den sie verbindenden Anliegen vorgestellt. Es folgt ein Teil zu Grund\u00fcberzeugungen der Evangelikalen und schlie\u00dflich eine Analyse ausgew\u00e4hlter Konfliktfelder f\u00fcr Evangelikale heute. Im Folgenden werde ich zu zeigen versuchen, dass der (evangelikale) Leser eine f\u00fcr das geistliche Leben in Deutschland wichtige Bewegung besser kennenlernt, in kritisch-konstruktiver Weise zur (Selbst-)Reflexion herausgefordert wird und \u2013 in einer Reihe von Passagen \u2013 einiges \u00fcber die Positionierungen des Verfassers erf\u00e4hrt.<\/p>\n<p>Beginnen wir mit den informativen Aspekten des Buches. Der Verfasser arbeitet (in Teil I) in gut verst\u00e4ndlicher Weise die historisch-theologischen Bedingungen heraus, die zur Entstehung zun\u00e4chst der Allianz-, dann der pfingstlich-charismatischen und schlie\u00dflich der Bekenntnisevangelikalen f\u00fchrte (wie der Verfasser sie im Anschluss an eine in der deutschsprachigen Diskussion verbreitete Typologie nennt). Er arbeitet \u00fcberzeugend heraus, dass die evangelikale Bewegung sich von ihrem Ursprungsimpuls her dem Zeitgeist und dem theologischen Rationalismus mit einem Bekenntnis zum \u00fcbernat\u00fcrlichen Charakter der Bibel und zu Gottes Eingreifen in der Geschichte entgegenstellte. In diesem Zusammenhang wird das Verh\u00e4ltnis der Evangelikalen zur wissenschaftlichen Bibelauslegung erfreulich differenziert erl\u00e4utert. Laut Hemminger widersetzten sich ihre gelehrten Vertreter nicht einer methodisch kontrollierten Auslegung der biblischen Texte, sondern vielmehr der \u201eMischung aus aufgekl\u00e4rter Dogmatik, naivem Spekulieren und mangelnder Einsicht in die M\u00f6glichkeiten und Grenzen der historischen Erkenntnis\u201c (38). Wenn, wie der Verfasser anmerkt, in der evangelikalen Kritik des historisch-kritischen Arbeitens an der Bibel die Methode einerseits und ihre weltanschaulichen Voraussetzungen andererseits nicht immer klar unterschieden wurden, dann spiegelt dieser Umstand m. E. letztlich die auch in der \u201emodernen\u201c Theologie mangelnde Reflexion auf die weltanschauliche \u201eImpr\u00e4gnierung\u201c der eigenen Forschungsergebnisse wieder. Differenziert wird auch das Verh\u00e4ltnis der Evangelikalen zur Theologie als Wissenschaft beschrieben. Nach Hemminger gibt es diesbez\u00fcglich bis heute keine einheitliche Position. Neben der Ablehnung jedweder universit\u00e4rer Theologie finde sich das Bem\u00fchen um akademisch-theologisches Arbeiten auf der Basis evangelikaler Grund\u00fcberzeugungen. Allerdings werde die Theologie, wie sie seit der Aufkl\u00e4rung an den Universit\u00e4ten betrieben wird, von den Evangelikalen als Quelle von Religionskritik und Unglaube \u00fcberbewertet. Denn die S\u00e4kularisierung sei Folge eines tiefgreifenden Paradigmenwechsels hin zum \u201ehomo oeconomicus\u201c, was die Axt an die Wurzel eines religi\u00f6sen Weltverst\u00e4ndnisses \u00fcberhaupt gelegt (und auch die Theologie betroffen) habe. Zugleich erkennt der Verfasser an, dass ein nur unzureichend reflektierter Vernunftoptimismus der akademischen Theologie der evangelikalen Kritik durchaus Vorschub geleistet habe. Insgesamt wird deutlich, dass der Verfasser der Bewegung durchaus mit einer Grundsympathie begegnet, die \u2013 auch das wird deutlich \u2013 vor allem dem pietistischen Moment der Pflege einer lebendigen Gottesbeziehung gilt.<\/p>\n<p>Andere Aspekte sieht Hemminger demgegen\u00fcber kritischer und einige der von ihm ausgef\u00fchrten Beobachtungen werden mit Sicherheit zur Diskussion herausfordern. So zeigt der Verfasser im historischen Teil, dass die Evangelische Allianz sich als Verteidiger des \u00fcberlieferten christlichen Glaubens in reformatorischer Gestalt sah, dabei aber eine Reihe von theologischen Akzentverschiebungen vornahm. Zum Beispiel bekenne sich die Evangelische Allianz zur \u201ev\u00f6lligen S\u00fcndhaftigkeit und Schuld des gefallenen Menschen, die ihn Gottes Zorn und Verdammnis aussetzen\u201c (20) \u2013 eine \u00dcberzeugung, die in der Glaubensbasis der Allianz \u201eBekenntnisrang\u201c erhalte und dem \u201eWortlaut nach\u201c meine, dass im Menschen nichts Gutes wohne (vgl. 89). Diese Einsch\u00e4tzung aber widerspreche jeder Lebenserfahrung und Seelsorge. Wenn man freilich bedenkt, dass die von Hemminger bevorzugte Interpretation bis in den Wortlaut hinein an R\u00f6m 7,18 erinnert, dann w\u00e4re es besser zu fragen, was diese Aussage im Kontext der paulinischen und dann auch der evangelikalen Theologie genau meint, anstatt ihr pauschal zu unterstellen, lebensfern zu sein. Zudem kommt die Glaubensbasis nur an wenigen Punkten dem lutherischen Bekenntnis so nahe wie in diesem Artikel, lehrt doch das Luthertum nach Confessio Augustana Art. II, dass alle Menschen \u201evon mutter leibe an voller b\u00f6ser lust und neigung sind und keine ware Gottes forcht, keine ware Gottes lieb, keinen waren glauben an Gott von natur haben k\u00f6nnen\u201c (BSELK 94,19f\u201395,1). Historisch unzutreffend ist, die Glaubensbasis der Evangelischen Allianz als \u201eBekenntnis\u201c zu bezeichnen, wurde diese Deutung doch bereits 1846 in einem Anhang zur Glaubensbasis explizit ausgeschlossen (vgl. H. Hauzenberger, <em>Einheit auf evangelischer Grundlage,<\/em> 1986, 455f). Hemmingers \u2013 f\u00fcr einen Lutheraner wohl naheliegende \u2013 Deutung der Basis als Bekenntnis l\u00e4sst sich im \u00dcbrigen nur schwer in Einklang bringen mit seiner zutreffenden wiederholt ge\u00e4u\u00dferten Beobachtung, dass die evangelikale Bewegung sehr heterogen sei und es bei zentralen Grund\u00fcberzeugungen wie dem Schriftverst\u00e4ndnis erhebliche innerevangelikale Spannungen gebe.<\/p>\n<p>Die Analysen des dritten Hauptteils sind m.\u00a0E. die f\u00fcr eine weitergehende Diskussion anregendsten Passagen des Buches, denn hier fragt der Verfasser nach der Identit\u00e4t der evangelikalen Bewegung und ihrer Selbstverortung in der heutigen pluralistischen Gesellschaft. Die spannendste These des Buches zur evangelikalen Bewegung lautet, dass das \u201eeher geringe Gewicht der gemeinsamen, inhaltlichen \u00dcberzeugungen [\u2026] die Gefahr mit sich [bringt], dass die Abgrenzung nach au\u00dfen ein problematisches \u00dcbergewicht erh\u00e4lt\u201c (161). F\u00fcr eine emotional positiv besetzte Identit\u00e4tsbildung fehlten einfach die Einheit stiftenden \u201eErinnerungsorte\u201c, was nicht von der Hand zu weisen ist, wenn man bedenkt, dass Allianz-, pfingstlich-charismatische und Bekenntnisevangelikale, was ihre eigentlich identit\u00e4tsstiftenden Programmformate und pr\u00e4gende Pers\u00f6nlichkeiten angeht, weithin eigenst\u00e4ndig agieren. Der Schulterschluss wird am ehesten sichtbar, wenn Abgrenzung nach au\u00dfen demonstriert werden soll (was heute \u00fcberwiegend bei ethischen Fragen der Fall ist).<\/p>\n<p>Der Verfasser hebt weiter hervor, dass Evangelikale landauf, landab, h\u00e4ufig Hervorragendes leisteten, wenn es darum geht, aus ihrem lebendigen Glauben heraus Verantwortung in Kirche und Gesellschaft zu \u00fcbernehmen. Sobald sie sich jedoch mit Kritik von au\u00dfen auseinander zu setzen h\u00e4tten, w\u00fcrde diese St\u00e4rke verblassen. H. spricht in diesem Zusammenhang von einem \u201e\u00fcberkompensatorischen Kampf\u201c (163), was bedeutet, dass auf Missst\u00e4nde reagiert wird, die tats\u00e4chlich vorhanden sind, dies aber \u201eunangemessen\u201c geschieht und somit keine Abhilfe schafft (ebd.). So bedenkenswert diese Analyse scheint, so ungl\u00fccklich wirkt die Entscheidung, diese These an der Auseinandersetzung zwischen Michael Diener und Ulrich Parzany \u00fcber die Mitarbeit homosexueller Menschen in evangelikalen Gemeinden zu illustrieren. Die Interpretation dieser Debatte scheint mir doch sehr von der Parteinahme f\u00fcr Michael Diener her und einer zeitlichen N\u00e4he zum Ereignis bestimmt, die der kritischen Analyse eher abtr\u00e4glich ist. Mit etwas gr\u00f6\u00dferem Abstand w\u00fcrde vielleicht deutlich werden, dass es hier nicht in erster Linie um einen Konflikt zwischen zwei Personen geht, wie es in diesem Buch den Anschein hat.<\/p>\n<p>Damit sind wir abschlie\u00dfend bei dem, was der Leser \u00fcber die in allen diesen Beobachtungen leitenden \u00dcberzeugungen des Verfasser erf\u00e4hrt. Als Naturwissenschaftler und theologisch geschulter Weltanschauungsbeauftragter ist Hemminger in vielen Grundsatzfragen gut orientiert und hinreichend reflektiert, um den Evangelikalen immer wieder gegen\u00fcber ungerechtfertigten Vorw\u00fcrfen beizustehen. So zeigt sich der Verfasser in der f\u00fcr die Entstehung der Bekenntnisbewegung wichtigen Diskussion um Rudolf Bultmanns Entmythologisierungsprogramm als engagierter Kritiker einer Theologie, die \u2013 wie das laut Hemminger bei Bultmann der Fall war \u2013 von einem naiven, im Kern \u201eprovinziellen\u201c Vertrauen in die Selbstverst\u00e4ndlichkeit und Endg\u00fcltigkeit des eigenen Weltbildes beherrscht war, anstatt erkenntniskritisch Grund und Grenzen des eigenen Arbeitens zu reflektieren. Die Absolutsetzung des eigenen Weltbildes sei \u201eskurril\u201c, mit Sicherheit aber nicht wissenschaftlich. Als \u00fcberzeugter landeskirchlicher Lutheraner erweist sich Hemminger, wenn er den Ruf zur Bekehrung bzw. Lebens\u00fcbergabe als Ausdruck eines neuzeitlichen Individualismus sieht, der \u2013 und erst das scheint mir die wenig \u00fcberzeugende Pointe dieser Kritik \u2013 die Praxis der S\u00e4uglingstaufe infrage stelle, die mit Hinweis auf die \u201eoikos\u201c-Formel im Neuen Testament verteidigt wird. Dem Verfasser will auch nicht einleuchten, warum Evangelikale (v.a. freikirchliche!) die Christianisierung der V\u00f6lker Europas durch Zwangsmittel kritisch sehen. Dieser Vorgang erscheint hier in einem irritierend milden Licht. Die \u201eSchuldgeschichte\u201c evangelikaler Missionswerke etc. erh\u00e4lt (zu Recht) ihren eigenen Abschnitt, die Verfolgung und Vertreibung von Glaubens-Dissentern im sog. christlichen Abendland dagegen wird nicht einmal erw\u00e4hnt \u2013 obwohl sie definitiv zur Identit\u00e4tsbildung der Evangelikalen beigetragen hat (vgl. Niklas Luhmann zur \u201eExklusionsidentit\u00e4t\u201c). Beim Biologen Hemminger findet auch die evangelikale Kritik an der Evolutionstheorie besondere Aufmerksamkeit (vgl. auch H. Hemminger, <em>Und Gott schuf Darwins Welt,<\/em> 2009). Hier entsteht gelegentlich der Eindruck, als sei jede Form von Kritik an Evolutionsprinzipien mit der Zustimmung zum Kurzzeit-Kreationismus gleichzusetzen (vor allem in der \u201eZusammenfassung\u201c, 209f). Das aber ist nicht der Fall (wie der Verfasser am Beispiel von John Lennox korrekterweise auch zugesteht) und war in der Auseinandersetzung der Erweckten mit dem Darwinismus seit den 1860er Jahren nie so (wie S. Holthaus gezeigt hat; vgl. <em>Fundamentalismus in Deutschland,<\/em> <sup>2<\/sup>2003, 326\u2013372). Was Evangelikale bewegt, ist die gef\u00fchlte \u201eBedrohung des christlichen Glaubens durch das \u201awissenschaftliche Weltbild\u2018 und durch die autonome, nat\u00fcrliche Vernunft\u201c (207). Was das f\u00fcr die Beurteilung der Evolutionstheorie bedeutet, scheint mir im Blick auf alle drei Typen der evangelikalen Bewegung viel offener als hier dargestellt und im \u00dcbrigen proportional weit weniger evangelikale Christen zu besch\u00e4ftigen als das z.B. in den USA der Fall ist.<\/p>\n<p>Fazit: Dieses gut lesbare Buch vermittelt eine von kritischer Sympathie getragene Au\u00dfenwahrnehmung der vielgestaltigen evangelikalen Bewegung, die als geistliche Erneuerungs- und neuzeitliche Protestbewegung ernst genommen wird. Insbesondere die \u00dcberlegungen zur (dem Verfasser zufolge schwach ausgepr\u00e4gten) Identit\u00e4t der Evangelikalen laden zum Nachdenken und kritischer Selbstreflexion ein. In einigen Punkten, an denen der Verfasser erkennbar von seiner Identit\u00e4t als landeskirchlicher Lutheraner bestimmt ist, wird man Widerspruch \u00fcben m\u00fcssen. Exemplarisch verweise ich auf den am Ende ge\u00e4u\u00dferten Ratschlag, dass die Evangelikalen um des eigenen \u00dcberlebens willen zu einer h\u00f6heren Akzeptanz der Institution Landeskirche finden m\u00f6gen. Dass dies tats\u00e4chlich der Schl\u00fcssel in die Zukunft ist, scheint mir allerdings zum Mindesten fragw\u00fcrdig.<\/p>\n<p><em>\u00a0<\/em><\/p>\n<p><em>Prof. Dr. Christoph Raedel, Professor f\u00fcr Systematische Theologie an der Freien Theologischen Hochschule Gie\u00dfen <\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/creativecommons.org\/licenses\/by-nd\/4.0\/\" rel=\"license\"><img decoding=\"async\" style=\"border-width: 0;\" src=\"https:\/\/i.creativecommons.org\/l\/by-nd\/4.0\/88x31.png\" alt=\"Creative Commons Lizenzvertrag\" \/><\/a><br \/>\nDieses Werk ist lizenziert unter einer <a href=\"http:\/\/creativecommons.org\/licenses\/by-nd\/4.0\/\" rel=\"license\">Creative Commons Namensnennung &#8211; Keine Bearbeitungen 4.0 International Lizenz<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Hansj\u00f6rg Hemminger: Evangelikal. 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