{"id":2210,"date":"2024-04-30T15:06:22","date_gmt":"2024-04-30T15:06:22","guid":{"rendered":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=2210"},"modified":"2024-04-30T15:06:22","modified_gmt":"2024-04-30T15:06:22","slug":"mischa-meier-die-neronische-christenverfolgung-und-ihre-kontexte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=2210","title":{"rendered":"Mischa Meier: Die neronische Christenverfolgung und ihre Kontexte"},"content":{"rendered":"\n<p>Mischa Meier: <em>Die neronische Christenverfolgung und ihre Kontexte<\/em>, Schriften der Philosophisch-historischen Klasse der Heidelberger Akademie der Wissenschaften 62, Heidelberg: Universit\u00e4tsverlag Winter, 2021, Pb., 73 S., \u20ac 22,\u2013, ISBN <a href=\"https:\/\/www.winter-verlag.de\/de\/detail\/978-3-8253-4805-2\/Meier_Die_neronische_Christenverfolgung\/\" data-type=\"link\" data-id=\"https:\/\/www.winter-verlag.de\/de\/detail\/978-3-8253-4805-2\/Meier_Die_neronische_Christenverfolgung\/\">978-3-8253-4805-2<\/a><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p>Mischa Meier ist Professor f\u00fcr Alte Geschichte an der Universit\u00e4t T\u00fcbingen. Aufgrund seiner umfassenden Darstellung der V\u00f6lkerwanderung erhielt er 2022 den Leibniz-Preis. Das schmale B\u00fcchlein \u00fcber <em>die neronische Christenverfolgung<\/em> greift den Stand der Forschung (und der Meinungen von Forschern) auf, und m\u00f6chte einige Zusammenh\u00e4nge vertiefen.<\/p>\n\n\n\n<p>Erstens will Meier zeigen, wie die damals neue j\u00fcdische Bewegung der Judenchristen in der Stadt Rom zunehmend beachtet wurde, erkennbar in den Jahren 41, 49 und 64, und zweitens f\u00fchrt Meier aus, wie Nero bestimmte Hinrichtungsarten f\u00fcr (Juden-)Christen in Anlehnung an die antike Mythologie w\u00e4hlte.<\/p>\n\n\n\n<p>Viele Althistoriker gehen von bestimmten fixen Vorstellungen (Dogmen?) aus, so auch Meier: Die Mitgliederzahl der christlichen Gemeinde in der Stadt Rom um 64&nbsp;n.&nbsp;Chr. war noch gering (61), wobei er nicht sagt, was er mit \u201egering\u201c meint.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich versuche eine Sch\u00e4tzung der Gr\u00f6\u00dfenordnung: Vermutlich gab es damals in der Stadt Rom ungef\u00e4hr 1000 Christen, von denen etwa 100 durch Neros Massaker get\u00f6tet wurden. F\u00fcr die Beziehungen der Christen zu ihrer Umwelt im 1.&nbsp;Jahrhundert in den einzelnen Regionen gibt es \u00fcbrigens ein \u00e4u\u00dferst informatives 1800seitiges Buch von Eckhard J. Schnabel: <em>Urchristliche Mission<\/em>, Wuppertal: R.&nbsp;Brockhaus, 2002.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00c4hnlich wie andere Althistoriker meint auch Meier: Von Christen und vom Christentum konnte Nero \u201enoch keinen Begriff und keine Vorstellung haben\u201c (63). Daraus ergibt sich die Frage, \u201ewer in den 60er Jahren in Rom \u00fcberhaupt in der Lage gewesen sein soll, die <em>Christiani<\/em>\/<em>Chrestiani<\/em> als eigenst\u00e4ndige Gruppe zu identifizieren\u201c (14). Gem\u00e4\u00df Meier \u201ekann es auf diese Frage nur eine plausible Antwort geben: diejenigen, von denen die fr\u00fchen Christen sich separiert [\u2026] hatten \u2013 die Juden.\u201c Meier sieht die neronische Christenverfolgung im Kontext von Spannungen zwischen Juden und Judenchristen. Wohl wegen solcher Spannungen schritt bereits Kaiser Claudius ein, der vielleicht durch Hinweise aus j\u00fcdischen Kreisen auf die Christen aufmerksam gemacht wurde; \u201evermutlich hegte man die Hoffnung, durch Appelle an den Herrscher die Aktivit\u00e4ten der aus j\u00fcdischer Perspektive sektiererischen Kleingruppe einzud\u00e4mmen\u201c (14).<\/p>\n\n\n\n<p>Im Jahr 41 verbot Kaiser Claudius den Juden in der Stadt Rom, sich weiterhin zu versammeln, und befahl, dass \u201esie ihre ererbte Lebensweise beibehalten sollten\u201c \u2013 so formuliert von Cassius Dio. Meier (23f) vermutet als Hintergrund dieser Anordnung Tumulte in den Synagogen aufgrund der Missionsversuche von Judenchristen; es sollte zu keinen, mit Unruhen verbundenen \u00c4nderungen in der bisherigen Glaubenspraxis der Juden kommen, veranlasst durch eine neue Gruppe, n\u00e4mlich den Judenchristen.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine \u00e4hnliche Situation vermutet Meier f\u00fcr die von Sueton berichtete Ausweisung von Juden aus Rom im Jahr 49: Sie galt \u2013 so Meier \u2013 nicht f\u00fcr s\u00e4mtliche Juden, sondern nur f\u00fcr (einige?) Judenchristen, also den Unruhestiftern (29). Meier verweist auf Apg 18,2: Paulus begegnete in Korinth den aus Rom vertriebenen Judenchristen Aquila und Priscilla; daraus ist zu schlie\u00dfen, dass mit dem von Sueton genannten \u201eChrestus\u201c, als dem Ausl\u00f6ser der Unruhen, Jesus Christus gemeint ist (17\u201319). Die Apg ist f\u00fcr Meier eine wichtige, gro\u00dfenteils zuverl\u00e4ssige historische Quelle: \u201eDass die Predigten der fr\u00fchen Christen in der Tat zu heftigen Reaktionen im Umfeld der Synagogen f\u00fchren konnten, wissen wir aus der Apostelgeschichte und dem paulinischen Corpus\u201c (24); konkret nennt Meier Apg 6 und 12\u201318 sowie 2Kor 11,24f, au\u00dferdem 1Thess 2,2 und 2,15f (dagegen wird die zuletzt genannte Stelle in Antisemitismus-Studien oft als sachlich unzutreffend und daher als Ausdruck einer antisemitischen Haltung eingesch\u00e4tzt). Meier sieht hier Parallelen und h\u00e4lt es f\u00fcr \u201eleicht vorstellbar, dass in derselben Weise, wie Paulus in Kaisareia vor [\u2026] Felix [Apg&nbsp;24] angeklagt wurde, auch in Rom Christusanh\u00e4nger durch ihre Gegner im Judentum des Aufruhrs und der Unruhestiftung bezichtigt und vor die Amtstr\u00e4ger, m\u00f6glicherweise sogar vor den Kaiser gezerrt worden sind\u201c (25). Eine solche plausibel klingende Vermutung wird aber in den Quellen nicht direkt belegt. Laut Meier waren es Juden, \u201edie \u2013 das wusste man seit den Zeiten des Claudius \u2013 offenbar wiederholt am Kaiserhof Beschwerde \u00fcber die Chrestus\/Christus-Leute f\u00fchrten und dadurch \u2013 aus r\u00f6mischer Perspektive \u2013 auf Unruhen innerhalb der eigenen Gemeinden aufmerksam machten\u201c (61).<\/p>\n\n\n\n<p>Das Ger\u00fccht, dass der gro\u00dfe Brand in Rom auf einen Befehl Neros zur\u00fcckging, war laut Meier nur in senatorischen Kreisen Roms verbreitet (41f, 65). Christliche Quellen sagen nichts \u00fcber eine Verkn\u00fcpfung des Brandes mit der Christenverfolgung (36\u201338, 65). Dass Nero diesem Ger\u00fccht entgegentreten wollte, indem er Christen zu S\u00fcndenb\u00f6cken machte, finden wir nur bei Tacitus (39). Die von Tacitus berichteten Gest\u00e4ndnisse der Beschuldigten versteht Meier so, dass die Betreffenden zugaben, zur Chrestus-Gruppe zu geh\u00f6ren (44) \u2013 aber nicht, Rom angez\u00fcndet zu haben.<\/p>\n\n\n\n<p>Meier widerspricht dem Sp\u00e4tdatierungs-Versuch des 1.&nbsp;Klemensbriefes (um 125&nbsp;n.&nbsp;Chr.): \u201ein der Datierungsfrage vermag [Otto] Zwierlein keine \u00fcberzeugenden Argumente vorzubringen, die eine Revision der zuletzt von Tassilo Schmitt erneut fundiert begr\u00fcndeten Ansetzung in die Sp\u00e4tzeit Domitians (81\u201396) erzwingen w\u00fcrden\u201c (34). <em>1Klemens 5<\/em> verweist auf christliche M\u00e4rtyrerinnen, die \u201eals Danaiden und Dirken\u201c get\u00f6tet wurden, was zu Neros Christenverfolgung passen w\u00fcrde (35f). Diese mythologische Anlehnung nahm, wie Tassilo Schmitt darlegte, \u201edirekten Bezug auf entsprechende Skulpturen und Statuen, die in Rom aufgestellt waren und gro\u00dfe Ber\u00fchmtheit genossen\u201c (49). Beim Bericht des Tacitus denkt Schmitt an die Mythen des von 50 Hunden zerrissenen Aktaion sowie der Selbstverbrennung des Herakles. \u201eGemeinsam ist all diesen Mythen, dass sie das Thema des Verwandtenmords reflektieren\u201c (66). Warum Nero zu dieser Darstellung ausgerechnet Christen ausw\u00e4hlte, um sie so brutal zu bestrafen, kann Meier nicht kl\u00e4ren, auch wenn er verschiedene \u00dcberlegungen anstellt. Jedenfalls flossen f\u00fcr Nero \u201ezunehmend Mythos und Realit\u00e4t\u201c ineinander (54). In Bezug auf die von Nero ebenfalls angewandte Kreuzigung mehrerer Christen l\u00e4sst sich keine mythische Parallele finden (51). M.&nbsp;E. ist das ein Hinweis darauf, dass Nero doch mehr \u00fcber die Christen wusste, als Althistoriker \u2013 wie Meier \u2013 annehmen.<\/p>\n\n\n\n<p>Fazit: Mischa Meier entnimmt historischen Quellen wie der Apostelgeschichte, dass die fr\u00fchen judenchristlichen Missionare von Juden bek\u00e4mpft wurden, u.\u00a0a. indem diese an r\u00f6mische Amtstr\u00e4ger appellierten. \u00c4hnliche Vorg\u00e4nge k\u00f6nnten, so Meier, zu Ma\u00dfnahmen der Kaiser Claudius (41 und 49) sowie Nero (64 oder bald danach) gef\u00fchrt haben. Das w\u00e4re m\u00f6glich, ist aber nicht direkt durch Aussagen von Quellen belegt. Ein solches Spannungsfeld zwischen Empirie (= Quellen) und Theorie (der Althistoriker) zeigt sich auch bei der Einsch\u00e4tzung des Berichtes von Tacitus (in <em>Annalen 15,44<\/em>) \u00fcber die neronische Christenverfolgung. Fixe Vorstellungen von Althistorikern (z.\u00a0B. dass es damals nur wenige Christen in Rom gab) f\u00fchren \u2013 auch Meier \u2013 dazu, mehrere Aussagen von Tacitus zu bezweifeln: Dass das Ger\u00fccht von Nero als Brandstifter weit verbreitet war (Meier: nur in senatorischen Kreisen), dass \u201edie Christen\u201c vom Volk so bezeichnet wurden (Meier: erst viel sp\u00e4ter), dass diese von Nero als S\u00fcndenb\u00f6cke herangezogen (Meier: nur eine Idee von Tacitus) und in \u201eungeheurer Anzahl\u201c (Meier: Tacitus \u00fcbertreibt) get\u00f6tet wurden. Allerdings bewegen sich Meiers Ausf\u00fchrungen weitgehend auf der Ebene von Vermutungen. Deren Lekt\u00fcre verst\u00e4rkte meinen Respekt vor dem Bericht von Tacitus eher noch, und ich halte ihn auch in seinen Einzelheiten f\u00fcr zutreffend. Wo heutige fixe Vorstellungen von Althistorikern im Widerspruch zu Tacitus stehen, hinterfrage ich eher diese Vorstellungen. Solche sollten zumindest sorgf\u00e4ltig begr\u00fcndet werden.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p><em>Dr. Franz Graf-Stuhlhofer, BSc, Lehrbeauftragter an der KPH Wien\/Krems f\u00fcr Kirchengeschichte und Dogmatik<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mischa Meier: Die neronische Christenverfolgung und ihre Kontexte, Schriften der Philosophisch-historischen Klasse der Heidelberger Akademie der Wissenschaften 62, Heidelberg: Universit\u00e4tsverlag<\/p>\n","protected":false},"author":15,"featured_media":2211,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"colormag_page_container_layout":"default_layout","colormag_page_sidebar_layout":"default_layout","inline_featured_image":false,"footnotes":""},"categories":[7],"tags":[],"class_list":["post-2210","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-historische-theologie"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2210","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/15"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=2210"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2210\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2212,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2210\/revisions\/2212"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/2211"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=2210"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=2210"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=2210"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}