{"id":2216,"date":"2024-04-30T15:26:09","date_gmt":"2024-04-30T15:26:09","guid":{"rendered":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=2216"},"modified":"2024-04-30T15:26:10","modified_gmt":"2024-04-30T15:26:10","slug":"christopher-watkin-biblical-critical-theory-how-the-bibles-unfolding-story-makes-sense-of-modern-life-and-culture","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=2216","title":{"rendered":"Christopher Watkin: Biblical Critical Theory. How the Bible\u2019s Unfolding Story Makes Sense of Modern Life and Culture"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Christopher Watkin: <em>Biblical Critical Theory. How the Bible\u2019s Unfolding Story Makes Sense of Modern Life and Culture<\/em>, Grand Rapids: Zondervan Academic, 2022, geb., 672\u00a0S., \u20ac\u00a033,55, ISBN <a href=\"https:\/\/zondervanacademic.com\/products\/biblical-critical-theory\" data-type=\"link\" data-id=\"https:\/\/zondervanacademic.com\/products\/biblical-critical-theory\">978-0-310-12872-4<\/a><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich nehme das Pr\u00e4dikat f\u00fcr meine Bewertung vorweg: \u201ebahnbrechend\u201c. Vor Jahren r\u00fchmte ich die auf sechs B\u00e4nde geratene (urspr\u00fcnglich nicht angelegte) Kulturanalyse von David F. Wells, der in Anlehnung an Augustins Werk \u201eVom Gottesstaat\u201c eine Art Systematische Theologie im Dialog mit der Gegenwartskultur entlang der Schwerpunkte Wahrheit \u2013 Gott \u2013 Mensch \u2013 Christus \u2013 Kirche entwickelt hatte (\u201eBuchbesprechungen: Eine monumentale Kulturkritik des Westens und des Evangelikalismus\u201c. <a href=\"https:\/\/hanniel.ch\/2017\/02\/17\">https:\/\/hanniel.ch\/2017\/02\/17<\/a>).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ein Blick in die Biografie des Autors ist hilfreich, um dessen Ansatz zu verstehen: Watkin berichtet in dem Podcast <em>Grace in Common<\/em> (\u201eBiblical Critical Theory with Christopher Watkin, Part I\u201c, 7\u201900\u02ee\u20138\u201900\u02ee. <a href=\"https:\/\/www.thinkingthroughthebible.com\/audio-grace-in-common-podcast-episodes-on-biblical-critical-theory\">https:\/\/www.thinkingthroughthebible.com\/audio-grace-in-common-podcast-episodes-on-biblical-critical-theory<\/a>), dass er als Student in Cambridge in der Bibliothek der christlichen Studentenorganisation \u201eThe Christian Heritage\u201c auf 200\u2013300 Werke stie\u00df, die f\u00fcr ihn das Tor zur Auseinandersetzung mit der Ideengeschichte des Westens auf dem Hintergrund einer biblischen Weltsicht aufstie\u00dfen. Mit dem ihm eigenen Hunger las er Werk um Werk, dies parallel zu seinem intensiven Studium im Fachgebiet der Philosophie und franz\u00f6sischen Literatur. Der von einem weiten Blick zeugende Umgang mit Quellen wie etwa Gilles Deleuze (1925\u20131995), Bruno Latour (1947\u20132022), Jacques Derrida (1930\u20132004) oder auch Jacques Ellul (1912\u20131994) oder Paul Ricoeur (1913\u20132005) verleiht dem Buch die Frische eines neugierigen Autors, die \u00fcber angestammte Herrschaftsgebiete oder theologische Demarkationslinien hinausgeht.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nun habe ich mir selbst die Aufgabe zugespielt, das Pr\u00e4dikat \u201ebahnbrechend\u201c zu begr\u00fcnden: Zun\u00e4chst arbeitet Christopher Watkin den Kulturbegriff \u00e4u\u00dferst klug und umfassend aus (vgl. 4\u201313), wobei er die Spannweite an bestehenden Konzepten so zusammenfasst: Einige Ans\u00e4tze betonen den kognitiven Aspekt der Kultur \u2013 Ideen, Konzepte und Weltanschauungen. Andere konzentrieren sich auf Erz\u00e4hlungen und Symbole. Wieder andere unterstreichen die verhaltensbezogene, k\u00f6rperliche, gewohnheitsm\u00e4\u00dfige Dimension oder stellen die Objekte und Artefakte einer Kultur in den Vordergrund.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Watkin verfolgt einen holistischen Ansatz und kombiniert Sprache, Zeit, Raum, Wirklichkeitsstruktur, Verhaltensweisen, Beziehungsweisen und Objekte in seiner Definition. Dabei sind die einzelnen Figuren nicht vergleichbar mit Kleidern, die wir uns an- und ausziehen, sondern \u201esind so etwas wie unsere Nahrung, die wir in uns aufnehmen und aus der unser K\u00f6rper gemacht ist\u201d. Jede von ihnen ist \u201eumfassend\u201d, aber keine von ihnen ist \u201eersch\u00f6pfend\u201d (8). Die Bibel sieht er in diesem Rahmen als g\u00f6ttliche Ansprache mit demselben Set an Figuren, die unsere bestehende innere Landschaft in Frage stellt und rekonfiguriert.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Daraus leitet sich die Grundidee des Werkes ab. Entlang dem Erz\u00e4hlstrang der Bibel zeichnet Watkin ein biblisches Bild von der Welt und Menschheit und vergleicht es mit anderen Sichtweisen. Der Autor m\u00f6chte die Tiefenstrukturen einer Kultur a) sichtbar werden lassen, um sie b) blo\u00dfzustellen und zu ver\u00e4ndern. \u00c4hnlich dem oben genannten David F. Wells nimmt Watkin dabei Ma\u00df an Augustins apologetischem Mammutwerk \u201eVom Gottesstaat\u201c, in dem der Kirchenvater zuerst die r\u00f6mische Kultur beschrieb, um dann aufgrund der Heilsgeschichte von Genesis bis Apokalypse einen biblischen Denk- und Handlungsrahmen zu entwickeln.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">F\u00fcr seine Methodologie w\u00e4hlte Watkin bewusst den Begriff der Diagonalisierung. Er sp\u00fcrt die im s\u00e4kularisierten Westen gel\u00e4ufigen Dichotomien auf, um diese dann durch den \u201edritten Weg\u201c der Bibel abzul\u00f6sen. Dabei ist es wichtig zu betonen, dass es sich nicht wie bei Aristoteles um die Suche einer Mitte zwischen zwei Extremen handelt, sondern um die Transzendierung bestehender ideengeschichtlicher Konzepte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Schwerpunktsetzung erscheint einfach, ist jedoch klug gew\u00e4hlt. Watkin legt die Grundlagen aufgrund des Berichts am Anfang von Genesis, indem er \u00fcber Trinit\u00e4t, Sch\u00f6pfung der Welt und die Erschaffung des Menschen spricht. Die n\u00e4chsten drei Kapitel nimmt die tiefgreifende und der von der s\u00e4kularisierten Kultur konsequent umgedeutete Z\u00e4sur der S\u00fcnde ein. Die folgenden sieben Kapitel folgen dem \u201eFlusslauf\u201c des Ersten Testaments (Lamech bis Noah, Babel, Abraham, Exodus\/Tora, Propheten, Weisheitsliteratur).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das Zentralereignis der Menschwerdung von Jesus wird in zwei Kapiteln beleuchtet, erg\u00e4nzt um eines \u00fcber den dreij\u00e4hrigen Dienst von Jesus. Kreuzigung, Tod und Auferstehung sind in drei weiteren Abschnitten festgehalten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Eine \u00fcberaus interessante Wendung nimmt Watkin im letzten Teil. Wie so mancher Systematische Theologe wusste er anfangs nicht, wie er die biblische Eschatologie fruchtbar f\u00fcr sein Vorhaben nutzen konnte. Aus diesem gedanklichen Engpass entstand ein magistraler letzter Teil mit sieben Kapiteln, davon drei zu Figuren aus der Offenbarung, die ihrerseits in gewissem Sinn eine Kritik der damaligen von Rom gepr\u00e4gten Gesellschaft vornahm. \u00dcberaus passend schlie\u00dft der Epilog mit dem, worauf alle Theologie zielen soll: auf die Doxologie \u2013 das Gotteslob.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ein wiederkehrend auftauchendes Thema ist die Mentalit\u00e4t der Vermarktung (\u201emarket society\u201c). Watkin wird nicht m\u00fcde herauszuarbeiten, wie die Konsumgesellschaft mit ihrer Logik des Tausches unseren Alltag und unsere Beziehungen pr\u00e4gt. Wir gehen in Vorleistung gegen\u00fcber Gott und N\u00e4chsten, um im Gegenzug Bed\u00fcrfnisse und Erwartungen einfordern zu k\u00f6nnen. Dem stellt Watkin den Zentralgedanken, genannt U-Shape, entgegen: Gott kommt zu uns und ver\u00e4ndert uns; wir reagieren in Dankbarkeit darauf. Allein deshalb schon lohnt sich die Lekt\u00fcre.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die monumentale Leistung kann ich nur mit untergeordneten Kritikpunkten erg\u00e4nzen. Ich bin mir nicht sicher, ob die schiere L\u00e4nge des Buches dazu f\u00fchrte, dass ich bei einzelnen Kapiteln mehrmals zum Lesen ansetzen musste (oder durfte). Ebenso musste ich \u00f6fter in fr\u00fchere Kapitel zur\u00fcckbl\u00e4ttern, weil ich mich in einer einzelnen Figur oder Argumentation verloren hatte. Dem kann entgegengehalten werden, dass sich die einzelnen Kapitel mit der klaren Struktur, den einfachen Grafiken zu Diagonalisierung sowie den Fragen zur Vertiefung eher f\u00fcr das abschnittsweise Studium als f\u00fcr das Lesen in einem Zug eignen. Jedenfalls lie\u00df mich trotz des klaren Aufbaus und Gesamtverlaufs phasenweise das Gef\u00fchl der <em>Unverbundenheit<\/em> nicht los. Mit dem Titel, der zuerst f\u00fcr Verwirrung sorgen kann, bekunde ich indessen keine M\u00fche. Es geht um die St\u00e4rkung der Kritikf\u00e4higkeit aufgrund einer inneren S\u00e4ttigung mit der biblischen Weltsicht. Deshalb ist das Studium eines solchen Werks gerade f\u00fcr Pastoren Pflicht: Unsere t\u00e4gliche \u201eKatechese\u201c \u2013 die Vermittlung zeitgen\u00f6ssischer, s\u00e4kularer Ideen \u2013 dominiert den t\u00e4glichen geistlichen Men\u00fcplan. Ebenso wenig kann ich mit der \u2013 platten \u2013 Kritik der Diagonalisierungsmethode durch andere Rezensenten anfangen. Watkin ist ein auf der Metaebene \u00e4u\u00dferst bedacht vorgehender Denker; es geht bei ihm nie um Zentrierung der Argumente, sondern um das Sichtbarmachen der biblischen Ideen. Das erscheint mir als ein Vorgehen, welches vergleichbare Ans\u00e4tze weit \u00fcbertrifft.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Hanniel Strebel, PhD (USA) in Systematischer Theologie zur Theologie des Lernens bei Herman Bavinck, Projektleiter und Berater<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Christopher Watkin: Biblical Critical Theory. 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