{"id":2222,"date":"2024-04-30T15:39:00","date_gmt":"2024-04-30T15:39:00","guid":{"rendered":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=2222"},"modified":"2024-04-30T15:39:01","modified_gmt":"2024-04-30T15:39:01","slug":"james-ambrose-lee-ii-confessional-lutheranism-and-german-theological-wissenschaft-adolf-harless-august-vilmar-and-johannes-christian-konrad-von-hofmann","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=2222","title":{"rendered":"James Ambrose Lee II: Confessional Lutheranism and German Theological Wissenschaft. Adolf Harless, August Vilmar, and Johannes Christian Konrad von Hofmann"},"content":{"rendered":"\n<p>James Ambrose Lee II: <em>Confessional Lutheranism and German Theological <\/em>Wissenschaft<em>. Adolf Harless, August Vilmar, and Johannes Christian Konrad von Hofmann<\/em>, Theologische Bibliothek T\u00f6pelmann 198, Berlin: De Gruyter, 2022, geb., X+307\u00a0S.,\u00a0\u20ac\u00a089,95, ISBN <a href=\"https:\/\/www.degruyter.com\/document\/doi\/10.1515\/9783110760781\/html\" data-type=\"link\" data-id=\"https:\/\/www.degruyter.com\/document\/doi\/10.1515\/9783110760781\/html\">978-3-11-076053-8<\/a><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p>Die vorliegende Arbeit ist eine kirchengeschichtliche Dissertation bei Michael McClymond an der University of St. Louis. Der Verfasser ist als \u201eAssociate Professor of Theology\u201c an der Concordia University, Chicago, t\u00e4tig. Gegenstand der Untersuchung ist die Frage der Verh\u00e4ltnisbestimmung zwischen Kirche und wissenschaftlicher Theologie. Lee ist Glied der \u201eLutheran Church-Missouri Synod\u201c. So \u00fcberrascht es nicht, dass er seine Untersuchung am Beispiel von drei Vertretern des aus der Erweckungsbewegung hervorgegangenen lutherischen \u201eKonfessionalismus\u201c durchf\u00fchrt.<\/p>\n\n\n\n<p>In seiner Einleitung skizziert Verf. die wissenschaftsgeschichtlichen Paradigmenwechsel in der ersten H\u00e4lfte des 19. Jahrhunderts. So wurde zun\u00e4chst im Gefolge der Aufkl\u00e4rung die Theologie durch die Philosophie als Leitwissenschaft verdr\u00e4ngt, bevor ab 1840 auch diese durch die Dominanz der Naturwissenschaften als Paradigma ersetzt wurde. Damit geriet die Stellung der Theologie an der Universit\u00e4t in die Defensive. Noch nicht untersucht sei, wie sich die Vertreter des konfessionellen Luthertums hierzu verhalten h\u00e4tten. Lee w\u00e4hlt f\u00fcr seine Untersuchung mit den Erlanger Theologieprofessoren Johann Christian Konrad Hofmann (1810\u20131877) und Adolf Harle\u00df (1806\u20131879), sowie dem hessischen Kirchenmann August Vilmar (1800\u20131868) drei Vertreter aus der ersten Generation des \u201eNeuluthertums\u201c aus, die durch einen je spezifischen Ansatz gekennzeichnet seien. So habe sich Hofmann um einen systematischen Gesamtentwurf bem\u00fcht, w\u00e4hrend Harle\u00df an der Verbindung zwischen Universit\u00e4t und Kirche gelegen war und er seinen erfahrungstheologischen Ansatz mit methodologischen Fragestellungen zu verbinden suchte. Dem gegen\u00fcber stehe Vilmar f\u00fcr einen dezidiert wissenschaftskritischen Ansatz.<\/p>\n\n\n\n<p>Zun\u00e4chst zeichnet Verf. nach, was er \u201eThe Emergence and Development of German Theological <em>Wissenschaft<\/em>\u201c (17) nennt. Kant und Schelling werden gew\u00fcrdigt in ihrem Bem\u00fchen, der Theologie im Rahmen einer philosophischen Gesamtschau ihren Ort an der Universit\u00e4t zu belassen. Wirkm\u00e4chtig wurde Schleiermacher durch seinen Ansatz, die Theologie als \u201epositive\u201c Wissenschaft zu legitimieren. Die Symbiose von Theologie und Wissenschaft wurde aber durch weitere Paradigmenwechsel wieder in Frage gestellt.<\/p>\n\n\n\n<p>In seinem zweiten Hauptteil skizziert Verf. den Entstehungsprozess der Erweckungsbewegung. Was deren <em>status nascendi<\/em> betrifft, so vermisst man den Hinweis auf Hamanns \u00dcberwindung der Kantschen Dichotomien. Beyschlags <em>Erlanger Theologie<\/em> wird zwar im Literaturverzeichnis erw\u00e4hnt, aber in der Untersuchung selbst nicht fruchtbar gemacht.<\/p>\n\n\n\n<p>Harle\u00df ist insofern ein dankbarer Untersuchungsgegenstand, als er eine <em>Theologische Encyklop\u00e4die und Methodologie vom Standpunkte der protestantischen Kirche<\/em> ver\u00f6ffentlichte (N\u00fcrnberg: Schrag, 1837). Darin verortete er die Wissenschaftlichkeit der Theologie in ihrer methodischen Rechenschaftsf\u00e4higkeit, nahm aber die Eigenst\u00e4ndigkeit der Theologie f\u00fcr diese in Anspruch. Demnach liege die Einheit der Theologie als Wissenschaft in ihrem zu untersuchenden Objekt. Die \u201eEnzyklop\u00e4die\u201c schafft die Einheit nicht, sondern beschreibt sie. Harle\u00df ist dabei mehr an einer Bestimmung des Propriums der Theologie als einer kirchlichen Wissenschaft gelegen als an einer Vermittlung mit einem allgemeinen Wissenschaftsbegriff, den er gleichwohl nicht aufgeben will. Mit Kant lehnt Harle\u00df die Konstruktion der Theologie auf der Basis von \u201ea prioris\u201c ab und will sie lieber mit Schleiermacher auf die Erfahrung gr\u00fcnden, die Christus mit den Gl\u00e4ubigen verbinde. Dem Subjektivismus sucht er durch die Betonung der objektiven Erkenntnisprinzipien zu entkommen. Mit Christus und der Kirchengeschichte hat die Theologie ihren eigenen Untersuchungsgegenstand, dessen Erforschung keineswegs abgeschlossen ist, zumal die Kirche als Organismus in ihrem Wachstum unabgeschlossen ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf den ersten Blick bietet Vilmars Ansatz einen Gegenentwurf auch zur Harle\u00df\u2019schen Synthese dar. Denn er legt mit seiner Programmschrift <em>Theologie der Thatsachen wider die Theologie der Rhetorik<\/em> (Marburg: Elwert, 1856) eine Abrechnung mit der Universit\u00e4tstheologie seiner Zeit vor. Den Grundfehler erkennt er darin, sich auf eine Diskussion \u00fcber die vermeintliche Voraussetzungslosigkeit \u00fcberhaupt einzulassen. F\u00fcr die Theologie ist das deshalb eine Unm\u00f6glichkeit, weil es in ihr um die Heilsfrage geht. Vilmar definiert den Theologen durch seine Aufgabe: Er hat Hirte zu sein, weil er k\u00fcnftige Hirten ausbilden soll. Kriterien f\u00fcr eine rechenschaftsf\u00e4hige Theologie stellt freilich auch Vilmar auf. Diese soll nicht spekulativ, sondern biblisch strukturiert sein, historisch orientiert, aber nicht reduktiv, pers\u00f6nlich, aber nicht subjektiv. Lessings Kritik sticht nicht, da es bei den \u201eTatsachen\u201c der Theologie nicht um geschichtlich bedingte Gedanken geht, sondern um die Grunddaten der Soteriologie. Insofern die kirchliche Dogmatik als Abschreiten des durch das Gef\u00fcge von Christus, Schrift und Bekenntnis er\u00f6ffneten Erfahrungsraums autonom, methodisch und koh\u00e4rent vorgeht, tr\u00e4gt sie Z\u00fcge der Wissenschaftlichkeit, entzieht sich aber einem \u00fcbergeordneten Wissenschaftsbegriff.<\/p>\n\n\n\n<p>Hofmann schlie\u00dflich ist davon beseelt, dass die Wissenschaft der Menschheit zu dienen hat und dabei auch transformativ wirken soll, zum Besten von Kirche und Staat. Dabei sei bei dem Erlanger, wie Lee betont, leichter erkennbar, was er kritisiert als was er konstruktiv beizutragen hat. So lehnt Hofmann Rationalismus, \u201eMysticismus\u201c und Supernaturalismus ab. Theologische Wissenschaft gr\u00fcndet f\u00fcr ihn nicht auf externen Garantien (auch nicht auf einem Schriftprinzip), sondern sucht eine innere Verb\u00fcrgung. Letztlich geht es ihr um die in Christus realisierte und in der Kirche verallgemeinerte Gottesbeziehung. Wichtig ist ihm allein der gegenw\u00e4rtig in der Kirche wirkende Christus. Insofern teilt Hofmann nicht die Harle\u00df\u2019sche Priorisierung der Exegese. Auch Hofmann definiert die Theologie nicht von einem \u00fcbergeordneten Wissenschaftsbegriff her, sondern allein von der Besonderheit ihres Objekts. Anhand der Gotteslehre versucht Lee Hofmanns Ansatz vertieft darzustellen. Ausgangspunkt ist die \u00f6konomische Trinit\u00e4t. Die Erl\u00f6sung wird als durch Christus erm\u00f6glichte participatio des Menschen an Gott definiert.<\/p>\n\n\n\n<p>Lee fasst im letzten Kapitel seine Befunde zusammen und betont die Gemeinsamkeiten der drei Protagonisten. Keiner von ihnen sei ein Repristinationstheologe gewesen. Alle drei \u00fcbten Kritik an ihren Zeitgenossen, von deren Einfl\u00fcssen sie selbst nicht frei waren, ohne das immer sehen zu k\u00f6nnen. Alle drei begegneten dialogisch der sie umgebenden Kultur. Deutlich wird freilich in der Gesamtschau: Zu Wissenschafts- und Methodenfragen gab es keine einheitliche konfessionelle Linie.<\/p>\n\n\n\n<p>Verf. arbeitet in Teilen prim\u00e4r auf der Basis von Sekund\u00e4rliteratur, in anderen auf Quellenbasis. Die deutschen Originalzitate, die Verf. zumeist in englischer \u00dcbersetzung darbietet, sind bedauerlicherweise nicht mit abgedruckt. Schade ist es, dass Werner Elerts \u00e4hnlich gelagerte Untersuchung \u00fcber die Theologiegeschichte des 19. Jahrhunderts (<a><em>Der Kampf um das Christentum. Geschichte der Beziehungen zwischen dem evangelischen Christentum in Deutschland und dem allgemeinen Denken seit Schleiermacher und Hegel<\/em>, M\u00fcnchen: Beck, 1921<\/a>) nicht ausgewertet wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Gleichwohl ist Lees Arbeit in doppelter Hinsicht verdienstvoll. So \u00f6ffnet er die Augen f\u00fcr die Vielfalt der lutherischen Theologie des 19. Jahrhunderts. Und er stellt mit der Frage nach der Wissenschaftlichkeit der Theologie ein Thema in den Mittelpunkt, zu welchem eine konfessionell orientierte Theologie auch im Zeitalter der Postmoderne ihren eigenen Beitrag einzubringen hat. Arbeitet man dabei konsequent historisch, k\u00f6nnte sich herausstellen, dass die hilfreichsten Ans\u00e4tze tats\u00e4chlich am Anfang und nicht am Ende des 19. Jahrhunderts zu finden sind, n\u00e4mlich dort, wo man unter R\u00fcckgriff auf Einsichten der Reformation <em>und <\/em>der lutherischen Orthodoxie das metakritische Potential einer schrift- und bekenntnisgebundenen Theologie wiederentdeckte, wie das bei Hamann beispielgebend zu beobachten ist. <\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p><em>Prof. Dr. Armin Wenz, Lutherische Theologische Hochschule Oberursel<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>James Ambrose Lee II: Confessional Lutheranism and German Theological Wissenschaft. 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