{"id":2228,"date":"2024-04-30T15:43:16","date_gmt":"2024-04-30T15:43:16","guid":{"rendered":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=2228"},"modified":"2024-04-30T15:43:17","modified_gmt":"2024-04-30T15:43:17","slug":"gesine-domroese-religiositaet-in-saekularen-gesellschaften-zur-synthese-von-freiheit-und-religion-in-europa","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=2228","title":{"rendered":"Gesine Domr\u00f6se: Religiosit\u00e4t in s\u00e4kularen Gesellschaften. Zur Synthese von Freiheit und Religion in Europa"},"content":{"rendered":"\n<p>Gesine Domr\u00f6se: <em>Religiosit\u00e4t in s\u00e4kularen Gesellschaften. Zur Synthese von Freiheit und Religion in Europa<\/em>, Frankfurt am Main: Campus, 2023, kt., 192\u00a0S.,\u00a0\u20ac\u00a038,\u2013, ISBN <a href=\"https:\/\/www.campus.de\/buecher-campus-verlag\/wissenschaft\/philosophie\/religiositaet_in_saekularen_gesellschaften-17472.html#\" data-type=\"link\" data-id=\"https:\/\/www.campus.de\/buecher-campus-verlag\/wissenschaft\/philosophie\/religiositaet_in_saekularen_gesellschaften-17472.html#\">978-3-5935-1677-6<\/a><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p>Welchen Platz hat die Religion legitimerweise in den s\u00e4kularisierten Gesellschaften Europas? Gesine Domr\u00f6se ist freiberufliche Autorin bzw. Philosophin und legt mit <em>Religiosit\u00e4t in s\u00e4kularen Gesellschaften<\/em> ihre Dissertation an der TU Dortmund vor. Die Monografie hat eine philosophisch-politikwissenschaftliche Ausrichtung, greift aber auch auf religionssoziologische und kirchliche Fragestellungen zur\u00fcck, was die Arbeit umso interessanter f\u00fcr Theologen macht.<\/p>\n\n\n\n<p>In dem ersten, einleitenden Kapitel skizziert die Autorin griffig das spannungsreiche Verh\u00e4ltnis von Glaube und Rationalit\u00e4t, von Freiheit und Religion, ebenso von Pluralismus und Toleranz, was ihrer Untersuchung einen hilfreichen Rahmen gibt.<\/p>\n\n\n\n<p>Das zweite Kapitel geht zun\u00e4chst kl\u00e4rend auf das politische Prinzip der S\u00e4kularit\u00e4t und auf seine unterschiedlichen Ausdrucksformen ein, wobei die Leitthese deutlich wird, \u201edass eine s\u00e4kulare Gesellschaft das Fundament f\u00fcr gelebte Religionsfreiheit zu sein scheint und nicht notwendigerweise der s\u00e4kulare Staat\u201c (31). Anschlie\u00dfend werden die Konzepte von s\u00e4kularen Weltanschauungen und Gesellschaften beleuchtet, wobei der Begriff der Weltanschauung rehabilitiert und fr\u00fchere S\u00e4kularisierungstheorien kritisiert werden. Statt eines Antagonismus zeigt sich aus Sicht der Forschung, \u201edass europ\u00e4ische Gesellschaften durchaus s\u00e4kular <em>und<\/em> religi\u00f6s vital sein k\u00f6nnen, und zwar ohne notwendigerweise der Moderne entsagen zu m\u00fcssen\u201c (67f).<\/p>\n\n\n\n<p>In ihrem dritten Kapitel wagt sich die Autorin an eine Tiefenanalyse zur Transformation des Religi\u00f6sen im Europa der Moderne. Aufbauend auf religionsphilosophischen Grundfragen zum Heiligen fragt sie akteursorientiert danach, welche Gef\u00fchle Menschen besonders dem Numin\u00f6sen entgegenbringen, und ob es heutzutage so etwas wie das <em>immanent Heilige<\/em> gibt. Dies geht in eine hochspannende Diskussion \u00fcber das Spektrum einer Sakralisierung des Profanen \u00fcber, die Hinweise auf das heutige Verh\u00e4ltnis von Religion und Freiheit bietet.<\/p>\n\n\n\n<p>Exemplarisch wendet sich die Autorin dann in einem gesellschaftsphilosophischen Unterkapitel dem Umgang der Menschen mit dem Digitalen zu. Die Stellung und der Einfluss des Internets, der rasende technologische Fortschritt (man denke an die KI-Diskussion) sowie die Sakralisierung von Technik angesichts trans- oder posthumaner Utopien und Erl\u00f6sungsmotive weisen laut Domr\u00f6se, trotz aller Immanenz, einen massiven Transzendenzbezug auf. Auch wenn organisierte Religion abnimmt, das Religi\u00f6se ist nicht verschwunden. Im Gegenteil: Der beinahe symbiotische Umgang mit dem Digitalen stellt ein philosophisch markantes Beispiel f\u00fcr eine neue, immanente Religiosit\u00e4t innerhalb s\u00e4kularer Gesellschaften dar. Mit R\u00fcckgriff auf die urspr\u00fcngliche Forschungsfrage wendet sich Domr\u00f6se im vierten Kapitel dem Verh\u00e4ltnis von Freiheit und Religion zu.<\/p>\n\n\n\n<p>Aufbauend auf die Analyse engerer und weit gefasster Konzeptionen von positiver und negativer Religionsfreiheit geht die Autorin auf aktuellere Debatten \u00fcber die Grenzen der Religionsaus\u00fcbung ein (religi\u00f6se Beschneidung, Kopft\u00fccher im \u00f6ffentlichen Dienst, usw.). Sie argumentiert verst\u00e4rkt daf\u00fcr, dass Freiheit und Religion in s\u00e4kularen Gesellschaften eine Synthese eingegangen sind und sich dies nicht nur in der Politik, sondern vor allem in der Kultur niederschl\u00e4gt. Mit Blick auf den letztgenannten Aspekt geht sie im vierten Kapitel der Frage nach, inwiefern sich eine Interdependenz von S\u00e4kularisierung, Individualisierung und Pluralisierung in Europa finden l\u00e4sst. Gerade die wirkm\u00e4chtige Vermengung s\u00e4kularer Faktoren hat laut Domr\u00f6se sowohl zur Transformation des Religi\u00f6sen, als auch zu einer umfassenden Liberalisierung von Religion in Europa gef\u00fchrt, d.&nbsp;h. grunds\u00e4tzlich \u201ezu einem freiheitsorientierten Verst\u00e4ndnis von Religiosit\u00e4t und einer gem\u00e4\u00dfigten Umsetzung religi\u00f6ser Dogmen unter Akzeptanz religi\u00f6s-weltanschaulicher Vielfalt in der Gesellschaft\u201c (140).<\/p>\n\n\n\n<p>Im Lichte all dieser \u00dcberlegungen besch\u00e4ftigt sich die Philosophin im f\u00fcnften Kapitel schlie\u00dflich mit dem Paradox der liberalen Selbstabschaffung. Einerseits ist die Toleranz in s\u00e4kularen Gesellschaften von h\u00f6chster Bedeutung, andererseits besteht die Herausforderung einer notwendigen Grenzziehung seitens der Politik und der Gesellschaft angesichts extremistischer Positionen. Zudem fragt Domr\u00f6se nach der Reichweite der Meinungsfreiheit, z.&nbsp;B. wenn der gesellschaftliche Diskurs mit seinem Aushandeln von Argumenten zersetzend ausgenutzt werden, um die liberale Demokratie zu unterwandern.<\/p>\n\n\n\n<p>Abschlie\u00dfend er\u00f6rtert die Autorin die Basis s\u00e4kularer Gesellschaften und betont, dass nicht die Religionsfreiheit die Grundlage f\u00fcr eine freiere Gesellschaft war, sondern erst \u201edas Zusammenspiel aus S\u00e4kularisierung, Individualisierung und Pluralisierung, auf dem die Synthese von Freiheit und Religion ruht\u201c (166). Pl\u00e4doyerhaft spricht sich die Autorin f\u00fcr Religionsfreiheit als Ausdruck einer freiheitsorientierten Lebensgestaltung, f\u00fcr Menschenw\u00fcrde, Individualit\u00e4t und Pluralismus als Eckpfeiler s\u00e4kularer heterogener Gesellschaften aus, f\u00fcr die es sich reflektiert und engagiert einzusetzen gilt. Das sechste Kapitel fungiert als Res\u00fcmee und fasst den Gedankengang sowie zentrale Argumentationen der Studie noch einmal zusammen, wobei am Ende f\u00fcr die Autorin feststeht: \u201eDas Religi\u00f6se darf und muss Teil der \u00d6ffentlichkeit sein, damit wir als Gesellschaft dem Anspruch der Religionsfreiheit gerecht werden k\u00f6nnen\u201c (174).<\/p>\n\n\n\n<p>Welchen Platz hat die Religion legitimerweise in den s\u00e4kularisierten Gesellschaften Europas? Gesine Domr\u00f6se n\u00e4hert sich gekonnt einem spannenden und vielschichtigen Themenfeld, das auch Kirchen, Gemeinschaften und Freikirchen zu einer gewissen Positionierung herausfordert. Dabei geht die Autorin auf philosophische, soziologische, religions- sowie politikwissenschaftliche Dimensionen ein und zeigt nachvollziehbar, welche Grundfragen und Dynamiken hier zu ber\u00fccksichtigen sind. Ihre \u00dcberlegungen zum <em>immanenten Heiligen<\/em> und der Bedeutsamkeit des Digitalen verdienen dar\u00fcber hinaus besondere Aufmerksamkeit.<\/p>\n\n\n\n<p>Stellenweise h\u00e4tte man sich jedoch weitere Vertiefungen und Differenzierungen gew\u00fcnscht, z.&nbsp;B. wenn religi\u00f6se Dogmen nicht als legitime Grund\u00fcberzeugungen verstanden, sondern als ideologisch problematisch konnotiert werden. Umgekehrt wird deutlich, in welchem Spannungsverh\u00e4ltnis die politische S\u00e4kularisierung und die weltanschauliche S\u00e4kularisierung zueinanderstehen. Zwar spricht sich die Autorin f\u00fcr eine gem\u00e4\u00dfigt s\u00e4kulare Weltanschauung aus, ansonsten vermeidet sie aber metaphysisch-normative Fragestellungen. Die s\u00e4kulare Grundausrichtung Europas auf politischer und gesellschaftlicher Ebene sieht sie dank der grunds\u00e4tzlichen Wahrung von Menschenrechten vor allem ethisch-funktional. Darin erweist sich die S\u00e4kularisierung bei Domr\u00f6se auf der metaphysisch-normativen Ebene aber wiederum als axiomatisch, weil ethisch scheinbar alternativlos.<\/p>\n\n\n\n<p>Inwiefern das Christentum einen positiven Beitrag f\u00fcr die Entwicklung Europas lieferte, inwiefern es \u00fcberhaupt erst eine weltanschauliche Grundlage f\u00fcr das Verst\u00e4ndnis von Menschenw\u00fcrde, Individualit\u00e4t und Pluralismus bot (vgl. Damien Tricoire, <em>Die Aufkl\u00e4rung<\/em>, K\u00f6ln: B\u00f6hlau, 2023), und inwiefern das Christentum noch heute einen legitimen Beitrag f\u00fcr die Gesellschaft leisten k\u00f6nnte, ohne sich weltanschaulich s\u00e4kularisieren zu m\u00fcssen \u2013 dies bleibt den Lesern zur weiteren Kl\u00e4rung selbst \u00fcberlassen.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p><em>Daniel Vullriede, M.A., Dozent am Bibelseminar Bonn und IBEI Rom<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gesine Domr\u00f6se: Religiosit\u00e4t in s\u00e4kularen Gesellschaften. 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