{"id":2234,"date":"2024-04-30T15:51:40","date_gmt":"2024-04-30T15:51:40","guid":{"rendered":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=2234"},"modified":"2024-04-30T15:51:41","modified_gmt":"2024-04-30T15:51:41","slug":"willibald-sandler-charismatisch-evangelikal-und-katholisch-eine-theologische-unterscheidung-der-geister","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=2234","title":{"rendered":"Willibald Sandler: Charismatisch, evangelikal und katholisch. Eine theologische Unterscheidung der Geister"},"content":{"rendered":"\n<p>Willibald Sandler: <em>Charismatisch, evangelikal <\/em>und<em> katholisch. Eine theologische Unterscheidung der Geister<\/em>, Freiburg: Herder, 2021, geb., 360\u00a0S., \u20ac\u00a028,\u2013, ISBN <a href=\"https:\/\/www.herder.de\/theologie-pastoral\/shop\/p2\/60756-charismatisch-evangelikal-und-katholisch-gebundene-ausgabe\/\" data-type=\"link\" data-id=\"https:\/\/www.herder.de\/theologie-pastoral\/shop\/p2\/60756-charismatisch-evangelikal-und-katholisch-gebundene-ausgabe\/\">978-3-451-38703-6<\/a><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p>Willibald Sandler, Prof. f\u00fcr Dogmatik am Institut f\u00fcr Systematische Theologie der Universit\u00e4t Innsbruck, nimmt die Mehr-Konferenz in Augsburg im Januar 2018, veranstaltet vom Gebetshaus Augsburg, und das dort erarbeitete Mission Manifest als Ausgangspunkt, um mit diesem Buch \u201ePotenziale und auch Gef\u00e4hrdungen von charismatischen und evangelikalen Bewegungen sichtbar machen: f\u00fcr die Menschen innerhalb der Bewegung und f\u00fcr die katholische Kirche, wenn sie sich auf diese Bewegung einl\u00e4sst\u201c (35). Er tut das in exemplarisch-geschichtlicher Perspektive, kenntnisreich und mit wohlwollender Kritik. Sandlers Darstellung beabsichtigt Br\u00fccken zu schlagen und Dialog zu erm\u00f6glichen. Dazu dienen die eingestreuten Reflexionskapitel zur theologischen Unterscheidung \u2013 mit einer biblisch orientierten \u201eTheologie des Kairos\u201c. Sandlers Fokus auf die von Gott geschenkten Gnadenereignisse (Kairoi) als eschatologische Zeichen f\u00fcr das Gottesreich, l\u00e4sst ihn grunds\u00e4tzlich offen auf die Schwerpunkte evangelikaler und charismatischer Bewegungen blicken. F\u00fcr ihn beruhen die Erfahrungen der Evangelikalen, Pfingstler und Charismatiker auf \u201eauthentisch christlichen Gnadenerfahrungen, in denen Gottes Sch\u00f6nheit und Herrlichkeit aufstrahlt\u201c (248). Zugleich benennt er als Hauptfehler solcher Erneuerungsbewegungen deren \u00fcberzogenen Optimismus, als ob ein Kairos ewig w\u00e4hren w\u00fcrde.<\/p>\n\n\n\n<p>In drei ausf\u00fchrlichen Teilen entwickelt er durch geschichtliche und begriffliche Kl\u00e4rungen ein Verst\u00e4ndnis der evangelikalen (43\u2013100), der charismatischen (101\u2013178) und ihrer affinen innerkatholischen Str\u00f6mungen (179\u2013218). Sandler nennt bei den evangelikalen Bewegungen den Pietismus der Herrnhuter, den Methodismus und die Heiligungsbewegung, die amerikanischen Erweckungen um Jonathan Edwards und Charles Finney und den Fundamentalismus und Dispensationalismus. Bei den charismatischen Str\u00f6mungen nennt er die Anf\u00e4nge in den USA um 1900, die \u201eKatastrophe\u201c um die Ereignisse in Kassel und die Berliner Erkl\u00e4rung, den charismatischen Neuaufbruch nach dem 2. Weltkrieg, die Dritte Welle, die Prophetenbewegung und den Toronto-Segen. Auch wenn diese geschichtlichen Eckpunkte in der j\u00fcngeren Kirchengeschichte reichlich bekannt sein d\u00fcrften, so setzt Sandler im Zuge seiner Kairos-Theologie immer wieder bedenkenswerte theologische Reflexionspunkte, beispielsweise die Folgen calvinistischer bzw. wesleyanischer Soteriologie f\u00fcr die Fragen um Bekehrung, Heiligung und Geistestaufe.<\/p>\n\n\n\n<p>In einem weiteren Teil (219\u2013304) setzt sich Sandler im Einzelnen mit den Thesen des Mission Manifest auseinander (dabei fehlt die These 9). Einerseits relativiert er Angriffe der Gegendarstellung <em>Einfach nur Jesus? Eine Kritik am \u201eMission Manifest\u201c<\/em>, herausgegeben von Ursula Nothelle-Wildfeuer und Magnus Striet (Freiburg: Herder, 2018). Andererseits zeigt er einseitige Betonungen des Mission Manifest auf und will sie durch einen weiten theologischen Kontext auffangen und f\u00fcr das kirchliche Leben fruchtbar machen. Ein wiederkehrendes Motiv ist dabei der erw\u00e4hnte Kairos. Sandler sieht in der Theologie des Mission Manifest die Tendenz, die geschenkten Gnadenerfahrungen im Schon-Jetzt zu verstetigen. Dagegen betont er den Wert der Flauten, die einer Hoch-Zeit folgen. \u201eJeder \u201aKairos\u2018 \u2013 ob lang oder kurz, gro\u00df oder klein \u2013 hebt sich ab von Phasen einer vergleichsweisen Verborgenheit Gottes davor und danach\u201c (312). In den Zeiten nach solchen Gnadenereignissen gelte \u201enicht sehen und doch glauben\u201c. Diese Perspektive bewahre vor einem triumphalistischen Missionsverst\u00e4ndnis. Weiter stellt Sandler eine evangelikale Bekehrungs-Mission in Bezug zur \u201eDiskretion und Gastfreundlichkeit Jesu\u201c, der als Weltenrichter auch die unbewusste Zuwendung zu ihm im geringsten Bruder anerkennt. So fragt er: \u201eBeschr\u00e4nkt sich das, was Christen \u2026 teilen und \u2026 mitteilen, auf die Jesusbotschaft, oder ist sie auch offen f\u00fcr die umfassende Tragweite dieser Jesusbotschaft, einschlie\u00dflich konkreter Hilfe und Unterst\u00fctzung der Angesprochenen in ihren schwierigen Lebenslagen?\u201c (253). Den hohen Stellenwert des Gebets beim Mission Manifest verteidigt Sandler gegen eine \u201eFreiheits-Theologie\u201c (Pr\u00f6pper-Schule), wonach sich Gott darauf beschr\u00e4nke, die \u201eautonome Freiheit des Menschen zu einer radikalen Selbstbestimmung\u201c zu erm\u00f6glichen. Gebetserh\u00f6rungen seien demnach pass\u00e9. Im Zuge einer \u201emehrperspektivischen Theologie\u201c formuliert Sandler sein Missionsverst\u00e4ndnis: \u201eEs gilt, Menschen und V\u00f6lkern auf Augenh\u00f6he zu begegnen, ihnen zuzuh\u00f6ren, sich auf ihr Leben einlassen und sich selber davon verst\u00f6ren zu lassen. So dass wir ihnen nicht nur \u201aJesus bringen\u2018, sondern unter Gottes F\u00fchrung dazu beitragen k\u00f6nnen, dass sie sich selbst neu gegeben werden und irgendwann beides ausrufen k\u00f6nnen: \u201aDanke, dass du dich mir gibst\u2018 und \u201aDanke, dass du mich mir gibst\u2018\u201c (268).<\/p>\n\n\n\n<p>\u00dcberhaupt liegt f\u00fcr den Rezensenten eine der Hauptanregungen des Buches nicht bei den geschichtlichen und theologischen Einzelaspekten, sondern bei der Art, wie Sandler den \u201eDienst der Theologie\u201c beschreibt. Als \u201eh\u00f6rende\u201c Theologie dient sie der Kirche und den Erweckungsbewegungen. Sie wirkt nicht nur am Schreibtisch, um die Puzzleteile zusammenzusetzen, sondern muss existenziell und \u201ekniend\u201c errungen werden. \u201eDas geht nicht ohne TheologInnen, die bereit sind, sich und ihre Lieblingsideen auch existenziell zerbrechen zu lassen\u201c (332). \u201eSie lassen sich dabei leiten von einer mehr als zweitausendj\u00e4hrigen Erfahrungsgeschichte von Christen, christlichen Gemeinschaften, Kirche \u2013 und auch von sich selbst. Und damit betreiben sie wesentlich kirchliche Theologie. F\u00fcr eine solche Theologie ist es ganz nat\u00fcrlich, die Erfahrungen von geistlichen Bewegungen zu ber\u00fccksichtigen. Sie wird sie nicht von au\u00dfen \u2013 nach den Ma\u00dfst\u00e4ben eines vorgegebenen theologischen Systems \u2013 beurteilen, oder jedenfalls nicht nur. Sie wird zugleich davon lernen, neue Puzzleteile gewinnen, die die eigene Theologie bereichern und erneuern \u2013 und mit der Theologie das Leben\u201c (335).<\/p>\n\n\n\n<p>Dieser herausfordernde Ansatz f\u00fcr theologisches Wirken, verbunden mit der soliden geschichtlichen Kenntnis der beschriebenen Erneuerungsbewegungen und ihrer theologischen Reflexion in einer Theologie des Kairos, machen Sanders Buch zu einer bereichernden Lekt\u00fcre. Dass er darin unverhohlen auch Grundmuster katholischer Theologie vertritt, mag f\u00fcr evangelikale und charismatische Leser befremdlich sein. Dazu abschlie\u00dfend ein Beispiel: Sandler sieht es positiv, wenn ein kirchliches Gewohnheitschristentum durch geistgewirkte Erneuerungserfahrungen aufgebrochen und belebt wird. Im direkten Vergleich lobt er dann die sozusagen objektive Qualit\u00e4t der Gegenwart Christi im Sakrament und schlussfolgert: \u201eAuf diese Weise ist die m\u00f6glicherweise nicht gef\u00fchlte sakramentale Gegenwart Gottes der gef\u00fchlten Salbung \u00fcberlegen \u2013 und zwar ohne dass beides zueinander in Konkurrenz stehen w\u00fcrde. Denn die sichere Zusage im Sakrament kann der gef\u00fchlten Salbung ein Fundament geben: Ich wei\u00df dann, dass die erlebte Salbung nicht nur ein eindrucksvolles Gef\u00fchl ist, sondern die Entfaltung dessen, was Christus uns im Sakrament zugesagt hat\u201c (324). Der Rezensent neigt hier dazu, \u201eSakrament\u201c mit biblischem Gotteswort zu ersetzen und die Anregungen Sandlers weiterzudenken.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p><em>Dr. Roland Scharfenberg ist Pfarrer in St. Georgen im Schwarzwald.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Willibald Sandler: Charismatisch, evangelikal und katholisch. 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