{"id":2243,"date":"2024-04-30T16:01:52","date_gmt":"2024-04-30T16:01:52","guid":{"rendered":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=2243"},"modified":"2024-04-30T16:01:53","modified_gmt":"2024-04-30T16:01:53","slug":"ingolf-dalferth-auferweckung-plaedoyer-fuer-ein-anderes-paradigma-der-christologie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=2243","title":{"rendered":"Ingolf Dalferth: Auferweckung. Pl\u00e4doyer f\u00fcr ein anderes Paradigma der Christologie"},"content":{"rendered":"\n<p>Ingolf Dalferth: <em>Auferweckung. Pl\u00e4doyer f\u00fcr ein anderes Paradigma der Christologie<\/em>, Forum Theologische Literaturzeitung 39, Leipzig: Evangelische Verlagsanstalt, 2023, Pb., 184\u00a0S., \u20ac\u00a028,\u2013, ISBN <a href=\"https:\/\/www.eva-leipzig.de\/product_info.php?info=p5403_Auferweckung.html\" data-type=\"link\" data-id=\"https:\/\/www.eva-leipzig.de\/product_info.php?info=p5403_Auferweckung.html\">978-3-374-07360-3<\/a><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p>Der emeritierte evangelische Theologe und Religionsphilosoph Ingolf Dalferth kn\u00fcpft mit seinem vierzehn Kapitel umfassenden, sehr dicht geschriebenen Essay an seine Studie <em>Der auferweckte Gekreuzigte<\/em> aus dem Jahr 1994 an. Zudem greift er vor allem im hinteren Teil das Verst\u00e4ndnis von Menschlichkeit auf, das er bereits in seinem Entwurf <em>S\u00fcnde. Die Entdeckung der Menschlichkeit<\/em> im Jahr 2019 entfaltet hat. Dalferths Ziel liegt darin, das christologische Paradigma der Auferweckung gegen\u00fcber dem Inkarnationsparadigma zu st\u00e4rken und Christologie damit konsequent von der Auferweckung her zu denken. Das Inkarnationsparadigma habe viele \u201eAbirrungen und Sackgassen\u201c (7) des christologischen Denkens zur Folge gehabt, weil in diesem \u00fcbersehen wurde, dass die Rede von der Inkarnation immer nur als \u201ehermeneutische R\u00fcckprojektion von der Auferweckung des Gekreuzigten her\u201c (6) gef\u00fchrt werden k\u00f6nne.<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr seine Argumentationsf\u00fchrung zeichnet der Vf. in den Kapiteln I\u2013III nach, wie aus seiner Sicht der Weg vom anf\u00e4nglich zentralen Auferweckungsbekenntnis zu einer Fokussierung auf eine Kreuzestheologie und die Betonung der Inkarnation verlaufen sei. Er pl\u00e4diert bereits hier daf\u00fcr, nicht von Auferstehung, sondern von Auferweckung zu sprechen. Dadurch werde deutlich, dass es sich um ein g\u00f6ttliches Geschehen handle, das allein in Gottes Verf\u00fcgungsgewalt stehe und sich als Akt sch\u00f6pferischer Liebe am Gekreuzigten als etwas Neues vollziehe und sodann an allen, die diese Auferweckung bekennen (15\u201318). Das entscheidende theologiegeschichtliche Problem liege in den Entscheidungen des Konzils von Chalcedon und dessen Formel der zwei Naturen Jesu Christi. Diese urspr\u00fcnglich als Bekenntnis gedachte Formel, die \u2013 wie jedes Bekenntnis \u2013 innerhalb ihres historischen, (religions)politischen und gesellschaftlichen Kontexts verstanden werden m\u00fcsse, habe sich zunehmend zum normativen Dogma entwickelt, womit sich auch die Problematik der zwei Naturen in einer Person zu einer auf das Inkarnationsparadigma fokussierten Christologie verfestigt habe.<\/p>\n\n\n\n<p>Diese Problematik aufgreifend skizziert der Vf. in den Kapiteln IV\u2013VIII die Schwierigkeiten einer auf die Inkarnation fokussierten Christologie und ihrer Folgen f\u00fcr die Soteriologie. Er setzt sich mit der Art und Weise auseinander, wie Bekenntnisse zu verstehen sind, was sie leisten k\u00f6nnen, wo aber auch ihre Grenzen zu sehen sind. Dies f\u00fchrt ihn zu einer Auseinandersetzung mit Problemen der klassischen Christologie. Er charakterisiert drei Denkrichtungen, die die Schwierigkeiten von Chalcedon zu l\u00f6sen versuchten: eine erste, in der Jesus Gottmensch ist, eine zweite, die ihn als den wahren Menschen sieht, sowie eine dritte, die ihn als exemplarisches Vorbild sieht. Allen dreien sei gemeinsam, dass sie einen soteriologischen Bezug \u00fcber die \u201egemeinsame Menschheit denken, die Jesus Christus mit uns allen teilt\u201c (89). Diese \u201eAnthropologisierung des Heils\u201c (94) verdunkle aber, dass es viel weniger um Jesus an sich gehe, schon gar nicht um Fragen rund um den historischen Jesus. Die eigentliche soteriologische Pointe liege darin, dass sich in ihm Gott als erbarmende und sch\u00f6pferische Liebe offenbare, die f\u00fcr das Heil seiner Sch\u00f6pfung handle (93).<\/p>\n\n\n\n<p>In den verbleibenden Kapiteln IX\u2013XIV entfaltet Dalferth nun sein Verst\u00e4ndnis des Auferweckungsparadigmas, wobei ihm das Paradigma der Inkarnation weiterhin als Hintergrundfolie dient, von der er sich kritisch abgrenzt. Er entwickelt darin den Leitgedanken, dass nicht die Inkarnation, beschrieben z.&nbsp;B. mit Hilfe historischer Zeugnisse, Gottes Gegenwart erschlie\u00dfe. Vielmehr erschlie\u00dfe Gott selbst seine Gegenwart durch die Auferweckung des Gekreuzigten, womit sich r\u00fcckwirkend zeige, wie ein Leben aussehe, das so lebt, wie Gott es sich gedacht habe. Vf. nennt dies das <em>menschliche <\/em>Leben. Mit Verweis auf den h\u00e4ufig f\u00fcr die Begr\u00fcndung der Inkarnation herangezogenen Christushymnus des Philipperbriefs sowie den Johannesprolog formuliert er, dass es dort eben nicht um die Menschwerdung Gottes gehe, sondern um den \u201eWechsel von der Unmenschlichkeit zur Menschlichkeit\u201c also der Menschlichwerdung Gottes (105). Das bedeute, dass Jesus sein Leben als Mensch so gelebt habe, wie Gott sich ein menschliches Leben vorstellt. Durch die Auferweckung des Gekreuzigten nun habe Gott den Menschen von der Blindheit f\u00fcr Gott und f\u00fcr das wahre menschliche Leben befreit und damit die Kluft der S\u00fcnde \u00fcberwunden (125\u2013128). Damit zeige das Auferweckungsparadigma, dass \u201edie M\u00f6glichkeit der Menschlichkeit [..] Wirklichkeit werden k\u00f6nne\u201c, weil Jesus Christus ganz aus Gottes Gegenwart gelebt habe \u201eund damit anderen den Weg bahnt, auch so leben zu k\u00f6nnen: ganz aus Gott und ganz f\u00fcr andere\u201c (174).<\/p>\n\n\n\n<p>Dalferths Entwurf ist \u00e4u\u00dferst lesenswert. Dabei liegt die St\u00e4rke des Essays weniger in der theologischen \u00dcberzeugungskraft, als vielmehr in der Herausforderung, tradierte Denkweisen zu \u00fcberpr\u00fcfen. Die Unklarheiten bzw. Fragestellungen, die sich aus den Beschl\u00fcssen von Chalcedon ergeben, sind ja tats\u00e4chlich vorhanden und Dalferth deckt sie schonungslos auf. Auch seine Einordnung der Bekenntnisse und die grunds\u00e4tzliche Fragestellung, welchen normativen Stellenwert diese haben, m\u00fcssen ernstgenommen werden. Fraglich erscheint jedoch, ob ein neues Paradigma tats\u00e4chlich der einzige Ausweg ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Essay wirft aber auch eine Reihe von Fragen auf, von denen einige hier genannt werden: Seine exegetischen Erkenntnisse zum Philipperhymnus und dem Johannesprolog scheinen innerhalb seiner hermeneutischen Pr\u00e4missen schl\u00fcssig, stehen aber in Sachen Inkarnation einer gr\u00f6\u00dferen Gruppe anderer exegetischer Erkenntnisse entgegen. Seine Kritik an einer Christologie, die Jesus als nachahmenswertes Vorbild des guten Menschen sieht, ist deutlich. Allerdings wird dem Leser nicht v\u00f6llig klar, wer nun eigentlich der Jesus war, der auf der Erde lebte und woher dieser kam. Zudem muss man fragen, ob sein Ansatz, denkt man ihn konsequent weiter, nicht ebenfalls zu einem Jesus exemplum f\u00fchrt, dessen Leben Gottes Best\u00e4tigung in der Auferweckung erf\u00e4hrt und der damit zum Vorbild wird, das der Mensch nach seiner Befreiung von Blindheit nachahmt? Das f\u00fchrt zum gr\u00f6\u00dften Einwand, n\u00e4mlich der Frage nach der zugrunde liegenden S\u00fcnden- und Erl\u00f6sungstheologie. Bei Dalferth liegt die S\u00fcnde in der Ablehnung der Gesch\u00f6pflichkeit des Menschen. Die Folge ist das unmenschliche Leben, aus dem das menschliche Leben Jesu herausf\u00fchrt. Das ist innerhalb von Dalferths System schl\u00fcssig, ob es jedoch mit einem biblisch gezeichneten Bild von S\u00fcnde und Erl\u00f6sung in Einklang steht, erscheint fraglich.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p><em>Henrik Homrighausen, Oberstdorf, Doktorand an der STH Basel<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ingolf Dalferth: Auferweckung. 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