{"id":226,"date":"2017-05-01T17:13:58","date_gmt":"2017-05-01T17:13:58","guid":{"rendered":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=226"},"modified":"2017-05-02T07:40:12","modified_gmt":"2017-05-02T07:40:12","slug":"daniela-kohler-nathanael","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=226","title":{"rendered":"Daniela Kohler: Nathana\u00e9l"},"content":{"rendered":"<p>Daniela Kohler: <em>Nathana\u00e9l. Johann Caspar Lavater im poetischen Gespr\u00e4ch mit Goethe \u00fcber das wahre Christentum<\/em>, Z\u00fcrich: Theologischer Verlag, 2016, Pb., 351\u00a0S., \u20ac\u00a053,\u2013, <a href=\"http:\/\/www.tvz-verlag.ch\/index.php?id=94&amp;tx_commerce_pi1%5BshowUid%5D=160668&amp;tx_commerce_pi1%5BcatUid%5D=\">ISBN 978-3-290-17856-7<\/a><br \/>\n<a href=\"https:\/\/rezensionen.afet.de\/wp-content\/uploads\/2017\/05\/Kohler_Nathanael.pdf\"><\/p>\n<div class=\"dwnldbtn\">Download PDF<\/div>\n<p><\/a><\/p>\n<hr \/>\n<p>\u201eAuf den ersten Blick erscheint Johann Caspar Lavaters <em>Nathana\u00e9l<\/em> wenig mehr zu sein als eine weit ausholende, erm\u00fcdend repetitive Aneinanderreihung von paraphrasierten biblischen Texten. Dass die Schrift vom Geist und von der Sprache der \u201aEmpfindsamkeit\u2018 bzw. des \u201aSturm und Drang\u2018 des sp\u00e4ten 18.\u00a0Jahrhunderts zutiefst durchdrungen ist, tr\u00e4gt nicht unbedingt zu ihrer Attraktivit\u00e4t f\u00fcr eine heutige Leserschaft bei\u201c (3). Mit diesen Worten beginnt Peter Opitz, Professor f\u00fcr Kirchen- und Dogmengeschichte an der Universit\u00e4t Z\u00fcrich und Lavater-Kenner, das Vorwort zur hier vorgestellten Edition, nicht ohne sogleich hinzuzuf\u00fcgen, dass diese ein Desiderat der Lavater-Forschung aufgreife und \u201edar\u00fcber hinaus ein Beitrag zum Verst\u00e4ndnis der gesamten Christentumsdiskurse der Goethezeit\u201c (4) sei. Beidem ist zuzustimmen! Die Germanistin Daniela Kohler (Universit\u00e4t Bern) legt hier nach ihrer Studie zur <em>Eschatologie und Soteriologie in der Dichtung. Johann Caspar Lavater im Wettstreit mit Klopstock und Herder<\/em> (2015) eine im Rahmen eines SNF-Projekts entstandene Edition des <em>Nathana\u00e9l<\/em> vor. Diese Schrift ver\u00f6ffentlichte der Z\u00fcrcher Theologe und Schriftsteller Johann Caspar Lavater (1741\u20131801) im Jahr 1786; eine zweite Auflage hat das Werk nicht erfahren und, da sich auch Lavater in seiner sp\u00e4teren Korrespondenz kaum noch auf die Schrift bezog, geh\u00f6rt der <em>Nathana\u00e9l<\/em> zu seinen wenig beachteten Schriften. Es ist daher das Verdienst von Daniela Kohler, diese Schrift nicht nur durch eine Neuedition wieder leicht zug\u00e4nglich zu machen, sondern vor allem auch erstmals \u2013 und das ausgezeichnet \u2013 zu kommentieren und in die zeitgen\u00f6ssischen theologischen und literarischen Diskurse einzuordnen.<\/p>\n<p>Der inhaltliche Kommentar (7\u201370) sowie editorische Hinweise (71\u201373), das Literaturverzeichnis (329\u2013339) und Register der Personen, biblischen Gestalten und Bibelstellen (341\u2013351) rahmen die, der ersten und einzig vollst\u00e4ndigen Ver\u00f6ffentlichung von 1786 folgende, Edition der Schrift <em>Nathana\u00e9l. Oder, die eben so gewisse, als unerweisliche G\u00f6ttlichkeit des Christentums. F\u00fcr Nathana\u00e9le. Das ist, F\u00fcr Menschen mit geradem, gesundem, ruhigem, Truglosen Wahrheitssinne<\/em>. Die Editorin erl\u00e4utert in Fu\u00dfnoten schwerverst\u00e4ndliche Begriffe, vor allem aber erg\u00e4nzt sie sorgf\u00e4ltig die Bibelstellen, die Lavater direkt oder indirekt zitiert.<\/p>\n<p>Denn Lavater stellt hier in 52 Kapiteln (mit Vor- und Nachwort sowie Anh\u00e4ngen) biblische Personen vor, zuerst den biblischen Nathanael (nach Joh 1,45-51) und dann in alphabetischer Anordnung im Neuen Testament erw\u00e4hnte Personen von Agabus bis Zach\u00e4us. Lavater zitiert w\u00f6rtlich oder paraphrasiert die biblischen Verse zur jeweiligen Person und erg\u00e4nzt diese durch pers\u00f6nliche Bemerkungen, wie diese Person seinen Glauben gef\u00f6rdert habe, durch Gebetsrufe an Gott etc.. So beginnt er seine Ausf\u00fchrungen zu Titus mit den folgenden Worten (von ihm bewusst um Akzente zur Betonung erg\u00e4nzt): \u201eWenn ich auch keinen Ze\u00fcgen der evangelischen Wahrheit h\u00e4tte, als dich [&#8230;] Wie sehr sollt\u055a ich glauben? Wie tief sollt\u055a ich Wahrheit f\u00fchlen oder erkennen, oder unmittelbar wahrnehmen? Wie durch Intuiti\u00f3n, geistiges Anschauen, gewi\u00df seyn, da\u00df der Glaube der Christen nicht Wahn, der T\u00f3d und die Auferstehung des Herrn kein Traum\u201c (281). Hier ist das Anliegen von Lavaters Bibelparaphrase ausgesprochen: Die Schrift bzw. konkret die im Neuen Testament erw\u00e4hnten Personen sind f\u00fcr Lavater Zeugen f\u00fcr Christus und zwar \u2013 christologisch \u2013 in seiner G\u00f6ttlichkeit und \u2013 soteriologisch \u2013 als Heiland. Wie der biblische Nathanael Jesus, im Johannesevangelium als erster, als \u201eSohn Gottes\u201c (Joh 1,49) erkannte, so sollen die Leser dies durch das Zeugnis der biblischen Personen tun. M\u00f6glich ist ihnen dies, so Lavater, da jeder Mensch die Wahrheit durch die ihm innewohnende Intuition erkennen k\u00f6nne, wof\u00fcr er den Begriff \u201eNathanaelismus\u201c pr\u00e4gt. \u201eNur Intuition, inniges, einfaches, wenn Ihr wollt, abstrahiertes, ich glaube gr\u00f6\u00dftentheils, unabstrahiertes, Wahrempfinden macht gewi\u00df, froh, lebendig \u2013 Und Gewi\u00dfheit, die froh macht, und Frohheit, die lebendig macht, [&#8230;] \u2013 <em>Das<\/em> wollen wir?\u201c (87).<\/p>\n<p>Mit der G\u00f6ttlichkeit Christi und dem menschlichen Wahrheitssinn, wie sie Lavater bereits im Titel nennt sowie dem Axiom der Selbstevidenz der Wahrheit in der Heiligen Schrift sind die Schlagw\u00f6rter genannt, mit denen Lavater sich im zeitgen\u00f6ssischen Diskurs um den christlichen Wahrheitsanspruch und ein aufgekl\u00e4rtes Christentum positioniert, insbesondere gegen\u00fcber seinem Korrespondenzpartner Johann Wolfgang Goethe (1749\u20131832), der als (ungenannter) Adressat des <em>Nathana\u00e9l<\/em> gilt.<\/p>\n<p>Der <em>Nathana\u00e9l<\/em> beendete 1786 nicht nur den Austausch zwischen Goethe und Lavater \u00fcber den christlichen Glauben und markierte den Abbruch ihrer Freundschaft, sondern war auch innerhalb von Lavaters Werk sein letzter gro\u00dfer Versuch, den Christusglauben durch Bibelparaphrase einem breiteren Lesepublikum zu vermitteln und zugleich theologisch die G\u00f6ttlichkeit Christi zu bezeugen und einsichtig zu machen. Es ist das Verdienst der Editorin, die Stellung Lavaters in den zeitgen\u00f6ssischen Diskursen ausf\u00fchrlich erl\u00e4utert zu haben. Exemplarisch sei an dieser Stelle Lavaters Position innerhalb der Aufkl\u00e4rungstheologie skizziert: In Auseinandersetzung u.\u00a0a. mit seinem Mentor Johann Joachim Spalding (1714\u20131804) hielt Lavater daran fest, dass Jesus nicht nur Religionsstifter und vorbildlicher Lehrer gewesen sei, sondern dass er als Sohn Gottes und einziger Mittler zwischen Gott und Mensch (an)erkannt werden m\u00fcsse, wie ihn die Schrift bezeuge. Zugleich teilt Lavater die anthropologischen \u00dcberzeugungen der Aufkl\u00e4rungszeit und geht von der M\u00f6glichkeit einer inneren, auch affektiven Erkenntnis der christlichen Wahrheit aus \u2013 durch die Intuition als \u201eschlagartiges Erfassen des ganzen Erkenntnisgegenstandes\u201c (47). Die Intuition als individuelle, dem Menschen inh\u00e4rente und in der Empfindung verankerte Urteilskraft l\u00e4uft der Vernunft nicht zuwider und erm\u00f6glicht, so Lavater, auch dem aufgekl\u00e4rten, gebildeten Menschen den Zugang zum Christusglauben. Wer sich hier an Friedrich Schleiermachers <em>Reden \u00fcber die Religion<\/em> erinnert f\u00fchlt, findet in Lavaters <em>Nathana\u00e9l <\/em>vorausweisende Gedanken.<\/p>\n<p>\u00dcber den engeren Kreis der literarisch an Goethe und der Sturm-und-Drang-Literatur oder theologisch an der Aufkl\u00e4rungstheologie des 18.\u00a0Jahrhunderts Interessierten hinaus empfiehlt sich die kundig kommentierte Edition auch dem systematisch-theologisch Interessierten: Als ein Versuch, ein \u201esolus Christus\u201c und \u201esola scriptura\u201c in einer dem Vernunftpostulat unterworfenen Zeit zu vermitteln, gewinnt Lavaters <em>Nathana\u00e9l<\/em> an Relevanz und Attraktivit\u00e4t f\u00fcr den heutigen Leser \u2013 eben auf den zweiten Blick.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>Dr. Ulrike Treusch, Professorin f\u00fcr Historische Theologie an der Freien Theologischen Hochschule Gie\u00dfen<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/creativecommons.org\/licenses\/by-nd\/4.0\/\" rel=\"license\"><img decoding=\"async\" style=\"border-width: 0;\" src=\"https:\/\/i.creativecommons.org\/l\/by-nd\/4.0\/88x31.png\" alt=\"Creative Commons Lizenzvertrag\" \/><\/a><br \/>\nDieses Werk ist lizenziert unter einer <a href=\"http:\/\/creativecommons.org\/licenses\/by-nd\/4.0\/\" rel=\"license\">Creative Commons Namensnennung &#8211; Keine Bearbeitungen 4.0 International Lizenz<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Daniela Kohler: Nathana\u00e9l. 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