{"id":2261,"date":"2024-04-30T16:17:39","date_gmt":"2024-04-30T16:17:39","guid":{"rendered":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=2261"},"modified":"2024-04-30T16:17:40","modified_gmt":"2024-04-30T16:17:40","slug":"kristian-fechtner-mild-religioes-erkundungen-spaetmoderner-froemmigkeit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=2261","title":{"rendered":"Kristian Fechtner: Mild religi\u00f6s. Erkundungen sp\u00e4tmoderner Fr\u00f6mmigkeit"},"content":{"rendered":"\n<p>Kristian Fechtner: <em>Mild religi\u00f6s. Erkundungen sp\u00e4tmoderner Fr\u00f6mmigkeit<\/em>, Stuttgart: Kohlhammer, 2023, Pb., 283\u00a0S.,\u00a0\u20ac\u00a029,\u2013, ISBN <a href=\"https:\/\/shop.kohlhammer.de\/mild-religios-40054.html#147=19\" data-type=\"link\" data-id=\"https:\/\/shop.kohlhammer.de\/mild-religios-40054.html#147=19\">978-3-17-040054-2<\/a><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p>Die S\u00e4kularisierung bleibt eine Herausforderung f\u00fcr die Kirche, doch l\u00e4sst sie Religion und Religiosit\u00e4t nicht einfach verschwinden. In <em>Mild religi\u00f6s<\/em> geht Kristian Fechtner, Professor f\u00fcr Praktische Theologie und Universit\u00e4tsprediger an der Johannes Gutenberg-Universit\u00e4t Mainz, einer sporadisch, eher beil\u00e4ufig gelebten Religion n\u00e4her auf den Grund.<\/p>\n\n\n\n<p>Der erste Teil des Buches dient als Einstimmung, bei der Fechtner sieben Alltagsszenarien auswertet, in denen Menschen auf den christlichen Traditionsbestand zur\u00fcckgreifen oder ihn f\u00fcr sich adaptieren. Was sich \u201eals subjektiv praktizierte Religiosit\u00e4t und als sp\u00e4tmoderne Fr\u00f6mmigkeit\u201c (22) darstellt, deutet er als <em>unscheinbares Christentum<\/em>. Der zweite Teil macht das Themenfeld aus praktisch-theologischer und sozialwissenschaftlicher Sicht methodisch greifbar. Dazu er\u00f6rtert Fechtner die Begriffe der Traditionsfr\u00f6mmigkeit, der sp\u00e4tmodernen Spiritualit\u00e4t sowie der popularen Religiosit\u00e4t, bevor er das Gebet als repr\u00e4sentatives Fr\u00f6mmigkeitsparadigma behandelt. Zudem diskutiert er die Konzepte der <em>Selbstformung<\/em>, des <em>Resonanzgeschehens<\/em> und der <em>Ensembles von Praktiken<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Ausf\u00fchrlicher beschreibt der Autor im dritten Teil konkrete Erscheinungen einer alltagsrelevanten Fr\u00f6mmigkeit in Deutschland \u2013 seien sie eher <em>gegenst\u00e4ndlich<\/em> (Engelfiguren, Kerzen, Unfallkreuze), <em>zeit- und ortsgebunden<\/em> (Kirchenjahr, Weihnachtsfr\u00f6mmigkeit, \u00f6sterliche Traditionen, Auszeiten und Andersorte), <em>k\u00f6rperlich<\/em> (Pilgern, Fasten, Yoga) oder <em>klanghaft<\/em> vermittelt (Religiosit\u00e4t des Musikh\u00f6rens und der Stimmnutzung).<\/p>\n\n\n\n<p>Abschlie\u00dfend l\u00e4sst der Autor im vierten Teil seine Ergebnisse Revue passieren und zeigt: (1.) Spirituelle Handlungen sind heute nicht exklusiv religi\u00f6s motiviert. (2.) G\u00e4ngige Praktiken einer sp\u00e4tmodernen Fr\u00f6mmigkeit sind \u201ekulturell verankert und plausibilisiert\u201c (157). Sie haben einen hybriden Charakter, sind mehrdeutig und mit der eigenen Lebenswelt bedeutungsvoll verwoben. (3.) Die Praktiken sind optional und stets dem individuellen Ermessen \u00fcberlassen.<\/p>\n\n\n\n<p>Was hei\u00dft das f\u00fcr die Gemeindearbeit? Der Autor empfiehlt, die Kirche wahrhaft volkskirchlich auszurichten. Sie solle als Kommunikatorin einer institutionalisierten Religion Anregungen geben, um Menschen zu inspirieren und deren milder Religiosit\u00e4t Ausdruck und Geltung zu verschaffen. Gerade im Resonanzraum kirchlicher Praxis k\u00f6nnten sie eigenst\u00e4ndig religi\u00f6se Erfahrungen machen, religi\u00f6sen Sinn finden und gestalten.<\/p>\n\n\n\n<p>Was bedeutet das f\u00fcr die Theologie? Sie habe vor allem eine hermeneutische Aufgabe, um \u201edie Sinngehalte christlicher \u00dcberlieferung\u201c (161) auf die Erlebnisse der Menschen zu beziehen und entsprechend zu deuten. Indem sich die Kirche weitherzig auf die heutigen Fr\u00f6mmigkeitsformen einlasse, entlaste und befreie sie sich von unerf\u00fcllbaren Anspr\u00fcchen im Kontext der Sp\u00e4tmoderne. Allerdings sei eine so verstandene Fr\u00f6mmigkeitspflege nur eine von vielen Aufgaben, mit denen die Kirche \u00f6ffentlich relevant bleiben k\u00f6nne.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit <em>Mild religi\u00f6s<\/em> bietet Professor Fechtner eine kompakte und tiefgehende Auseinandersetzung mit einer spannenden Thematik. Zwar ist die volkskirchliche Perspektive religionssoziologisch nicht \u00fcberall anwendbar, ph\u00e4nomenologisch gesehen ist sie im vorliegenden Fall aber absolut hilfreich. Seine Methodik ist beispielgebend, die Fallbeispiele sind griffig, der Schreibstil lesefreundlich. So sensibilisiert der Autor seine Leser mit Ernst und Neugierde f\u00fcr ihre kirchenfernen Mitmenschen in ihrer gelebten Religiosit\u00e4t, mit ihren jeweiligen Werten und Vorstellungen. Gleichzeitig l\u00e4dt er zu einem aufrichtigen Ringen ein und zu einem konstruktiven kirchlichen Umgang mit der gesellschaftlichen Realit\u00e4t.<\/p>\n\n\n\n<p>Problematisch sind nicht so sehr einzelne Seitenhiebe auf Christen aus der evangelikalen Tradition oder mit pietistischem Herzschlag, daf\u00fcr aber die Deutungen und Impulse in den finalen Kapiteln. Bei normativen Fragen bleibt das Buch eher einseitig bei einer kulturaffirmativen Denkrichtung im Sinne Schleiermachers stehen. Auch wirken Leitbegriffe wie Evangelium, \u201echristliches Wirklichkeitsverst\u00e4ndnis und eine christliche Daseinsorientierung\u201c (161) inhaltlich recht unbestimmt und bleiben unter ihrem Potential f\u00fcr den Diskurs. Nichtdestotrotz legt der Autor einen wichtigen, wertvollen und wegweisenden Titel vor, der zum kritisch-konstruktiven Weiterdenken in Theologie und Praxis einl\u00e4dt.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p><em>Daniel Vullriede, M.A., Dozent am Bibelseminar Bonn und IBEI Rom<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kristian Fechtner: Mild religi\u00f6s. 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