{"id":2280,"date":"2024-10-16T13:14:43","date_gmt":"2024-10-16T13:14:43","guid":{"rendered":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=2280"},"modified":"2024-10-16T13:14:43","modified_gmt":"2024-10-16T13:14:43","slug":"tobias-haener-ironie-und-ambiguitaet-im-ijobbuch","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=2280","title":{"rendered":"Tobias H\u00e4ner: Ironie und Ambiguit\u00e4t im Ijobbuch"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Tobias H\u00e4ner: <em>Ironie und Ambiguit\u00e4t im Ijobbuch<\/em>, FAT 179, T\u00fcbingen: Mohr Siebeck, 2024, Pb., XVI+473\u00a0S., \u20ac\u00a0159,\u2013, ISBN <a href=\"https:\/\/www.mohrsiebeck.com\/buch\/ironie-und-ambiguitaet-im-ijobbuch-9783161624025\/\" data-type=\"link\" data-id=\"https:\/\/www.mohrsiebeck.com\/buch\/ironie-und-ambiguitaet-im-ijobbuch-9783161624025\/\">978-3-16-162402-5<\/a><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Mit seiner Monografie (als leicht \u00fcberarbeitete und aktualisierte Fassung der Habilitationsschrift) untersucht H\u00e4ner das Buch Hiob in der thematischen Blickrichtung auf die poetischen Stilmittel <em>Ironie<\/em> und <em>Ambiguit\u00e4t<\/em>. Denkvoraussetzend legt er eine kanonisch intertextuelle Herangehensweise zugrunde, literaturwissenschaftlich hermeneutisch einen rezeptions\u00e4sthetisch wirkungs\u00e4sthetischen Ansatz.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In alle dem setzt H\u00e4ner die \u201etextgenetischen Schichten\u201c als <em>Polyfonie<\/em> \u201eeinzelner Stimmen im Buch\u201c (17) voraus. So sollen einerseits die <em>Ironie<\/em> \u201eals Modus der Infragestellung\u201c (17) von Stimmen durch andere Stimmen, andererseits die <em>Ambiguit\u00e4t (Mehrdeutigkeit)<\/em> als Sichtbarmachung nebeneinander verlaufender kontrastierender Stimmen erkenntnisleitende Mittel der Texterschlie\u00dfung sein. Auf linguistischer Ebene n\u00e4hert sich H\u00e4ner neben anderem einem sprechakttheoretischen Ansatz.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Als Ergebnis formuliert H\u00e4ner vier Grundmerkmale des Ironiebegriffs (83\u201384): 1. <em>Verdecktheit<\/em> (Ironie h\u00e4lt im Gesagten das Gemeinte verdeckt), 2. <em>Wertung<\/em> (Das Gemeinte impliziert ein (meist kritisches) Werturteil.), 3. <em>Gewichtung<\/em> (das Gewicht der Botschaft liegt mehr auf dem Gemeinten), 4. <em>Intentionalit\u00e4t<\/em> (die Intention des Textes strebt auf das Gemeinte hin). Davon abgeleitet schl\u00e4gt H\u00e4ner f\u00fcr die Texte des Alten Testaments drei Kategorien vor (84\u201389, 111\u2013125): 1. <em>rhetorische Ironie<\/em> (unterteilt in <em>Antiphrase<\/em> und <em>simulierte<\/em>, auch <em>pragmatische Unaufrichtigkeit<\/em>), 2. <em>Anspielungsironie<\/em>, 3. <em>dramatische Ironie<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">F\u00fcr die <em>Ambiguit\u00e4t<\/em> bringt H\u00e4ner die folgenden Grundmerkmale in Anschlag (109\u2013111): 1. <em>Unterscheidbarkeit<\/em> (von zwei oder mehr Bedeutungen eines Abschnitts oder Begriffs), 2. <em>Unvereinbarkeit<\/em> (der unterschiedlichen Bedeutungen), 3. <em>Unentscheidbarkeit<\/em> (f\u00fcr eine bestimmte Bedeutung), 4. <em>Intendiertheit<\/em> (die Mehrdeutigkeit ist bewusst gesetzt). Am Ende (111\u2013125) formuliert H\u00e4ner eine Methodik zur Ergr\u00fcndung von Ironien und Ambiguit\u00e4ten in biblischen Texten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Als eindr\u00fccklich begegnen (mit Kapitel 3) die Darlegungen \u00fcber die mehrf\u00e4ltig (aber nicht beliebig) m\u00f6gliche Positionierung des Buches Hiob innerhalb des j\u00fcdischen und christlichen kanonischen Gef\u00fcges. Darin vermag sich das Angelegtsein des Buches auf Vielstimmigkeit und Ambiguit\u00e4t zu erweisen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Mit Kapitel 4 beginnt die eigentliche N\u00e4herung an das Buch, beginnend mit dem Prolog Hi 1\u20132. Mit Blick auf die Eingangsszene (Hi 1,1\u20135) geht H\u00e4ner mit anderen davon aus, dass die Charakterisierung der Einzigartigkeit Hiobs als Merkmal der <em>pragmatischen Unaufrichtigkeit<\/em> eine \u00dcbertreibung abbildet. Insgesamt arbeitet H\u00e4ner heraus, dass der Prolog vom gleichzeitigen Lauf unvereinbarer Ambiguit\u00e4ten gepr\u00e4gt ist.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die mit Kapitel 5 erfolgende Untersuchung des Dialogteils (einschlie\u00dflich der Reden Elihus) geschieht desgleichen in Unterscheidung der intradiegetischen (Hiobs erwidernde Ironien auf die Worte der Freunde) und der extradiegetischen (intertextuellen) Ebene. Im Einzelnen wird zun\u00e4chst die Einleitungsklage Hi 3 intradiegetisch als \u00fcbersteigerte Klage gelesen. Extradiegetisch wird der (ironisch umkehrende) Bezug zum Sch\u00f6pfungsbericht Gen 1,1\u20132,4a gesehen, wobei etwa das <em>es werde Licht<\/em> von Gen 1 zum <em>es werde Finsternis<\/em> von Hi 3 verkehrt wird usw.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Entsprechend dem Zugrunde-Gelegten erweisen exemplarisch die Redeer\u00f6ffnungen Hiobs <em>ironische Zuspitzungen<\/em> und <em>Stichwortverkn\u00fcpfungen<\/em> und erweisen die Redeer\u00f6ffnungen im Allgemeinen ironisch polemische <em>Paraphrasen<\/em> (252\u2013257). Gleich Elihu begegnen betreffende <em>Paraphrasen<\/em> in Hi 4\u201331 auch an vielen weiteren Stellen (257\u2013277).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Auch die vier Reden Elihus, die einer m\u00f6glichen, das gesamte Buch Hiob kommentierenden Retardation dienen und die \u201eden Sprecher auf Augenh\u00f6he mit Ijob argumentieren\u201c (322) lassen, scheinen im Letzten einen <em>epistemologischen Vorbehalt<\/em> zu spiegeln \u2013 und dies im Besonderen durch das ambig semantische Oszillieren \u201ezwischen w\u00f6rtlicher und ironischer Sinnebene\u201c. (317\u2013322)<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Bereits Hi 38,1 als Einleitung in die Gottesreden (Kapitel 6) transportiert ein m\u00f6gliches ironisches Anspiel an den Ironiker Hiob und dessen Weisheit, der Gottes Intention zur Antwort (zumindest auch) bestritt. Mit Hi 38,2.3 wird die Reihe antiphrastischer Ironien von insgesamt rund 60 rhetorischen Fragen er\u00f6ffnet.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Hi 38,2 als \u201eVorwurf, Ijob habe ohne Kenntnis gesprochen\u201c und Hi 38,3b als die \u201edazu im Widerspruch stehende Aufforderung zur Belehrung\u201c geben \u201edie vorrangige Zielrichtung der rhetorischen Ironien\u201c \u2013 und dem aufruhend der Ambiguit\u00e4ten \u2013 in der gesamten ersten Rede Gottes vor: Hiobs Mangel an Erkenntnis (aus erster Hand) und an F\u00e4higkeiten mit Blick auf JHWH und die Sch\u00f6pfungsordnung (359\u2013360).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die zweite Rede reagiert, ausgehend von der zentralen Stelle Hi 40,8 und deren Rechtsbegriffen, in leichter Akzentverschiebung vornehmlich auf den \u201ein 9,15\u201324 und 27,2\u20136 ge\u00e4u\u00dferten Vorwurf, dass Gott die gerechte Vergeltung nicht zur Durchsetzung bringe und gegen ihn \u2013 Ijob \u2013 Unrecht ver\u00fcbe\u201c (378). Vor allem aber wird Hiob \u2013 und dem Menschen im Allgemeinen \u2013 vermittelt, dass er nicht \u201eangemessen \u00fcber JHWHs Vergeltungshandeln und Weltenlenkung\u201c bzw. \u201eRechtsaus\u00fcbung\u201c (40,8) zu urteilen vermag (378\u2013380, 395). Diese Botschaft wird mittels der kontrastiv anmutenden Ambiguit\u00e4ten der beiden Wesenheiten <em>Behemot<\/em> (potentielle Gef\u00e4hrlichkeit und Friedfertigkeit) und <em>Leviatan<\/em> (potentielle Gef\u00e4hrlichkeit und Bewunderungsw\u00fcrdigkeit) unterstrichen (379\u2013380). JHWHs <em>creatio<\/em> (\u05e2\u05e6\u05d4, 38,2, erste Rede) und <em>gubernatio<\/em> (\u201eLenkung\u201c, \u05de\u05e9\u05e4\u05d8, 40,8) stellen sich der begrenzten Erkenntnisf\u00e4higkeit des Menschen als \u201eunhintergehbar widerspr\u00fcchlich\u201c (380) und damit als niemals zur G\u00e4nze erschlie\u00dfbar dar.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Epilog (Hi 42,7\u201317) best\u00e4tigt die innere Verflochtenheit des Buches Hiob, indem er deutliche R\u00fcckbez\u00fcge auf Prolog und Dialog, auf Hiob und die Freunde, erkennen l\u00e4sst \u2013 und dies mehrfach in anspielend ironischer Unterlegung und ambigem Charakter. So erweist der Epilog die Wirkung von Opfer und Gebet Hiobs, das im Prolog mit Blick auf die zehn Kinder Hiobs im Zuge der Vereinbarung mit Satan pl\u00f6tzlich nicht wirkte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In der theologischen Selbstreflexion (Kapitel 8) sieht H\u00e4ner allerdings nicht, dass das Buch Hiob mit Blick auf <em>Ironie<\/em> und <em>Ambiguit\u00e4t<\/em> allein auf dem Weg einer <em>negativen Theologie<\/em> erfasst werden kann, indem man dort endigt, dass man \u00fcber Gott im letzten nicht sprechen, sondern lediglich <em>zu ihm<\/em> sprechen kann. Vielmehr gewahrt H\u00e4ner die M\u00f6glichkeit einer <em>privativen Theologie<\/em>, einer \u201epersonalen Begegnung\u201c mit Gott, die (im Gegensatz zu notierbarem propositionalem Wissen) nichtpropositionales Wissen als <em>Teilhabe<\/em> an <em>einer (wirkungs\u00e4sthetischen) Erfahrung<\/em> ausl\u00f6st.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Arbeit zeichnet sich des Weiteren darin aus, dass sie auf der ersten <em>und<\/em> zweiten Kapitelebene je zusammenfassend ausblickend erkl\u00e4rt, was im Folgenden er\u00f6rtert wird. Ferner bietet jedes Hauptkapitel zu Beginn ein Zitat aus der (Fach-)Literatur, passend zu Kapitel\u00fcberschrift und Inhalt. Desgleichen gew\u00e4hrleisten die durchg\u00e4ngig begegnenden Fazits und die beschlie\u00dfende Konklusion die Wahrung des \u00dcberblicks.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Insgesamt er\u00f6ffnet H\u00e4ners Monografie eine neue Perspektive des Buches Hiob in seiner (m\u00f6glichen) Vielstimmigkeit und intra- und extradiegetischen Verwobenheit. Dies unterstreicht die Integrit\u00e4t des gesamten Buches. Desgleichen erhalten die Leser neben der umfassenden Beantwortung der Forschungsfrage eine umfassende Schau der nicht allein aktuellen Forschungsdebatte zum Buch. Im Einzelnen bleibt es aber den Lesern und Leserinnen selbst \u00fcberlassen, ob sie den abgeleiteten konkreten Zuordnungen folgen, oder nicht.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Dr. Jakob B\u00f6ckle, Akademie f\u00fcr Kirche und Gesellschaft, Wien, Research Associate am Department of Old Testament and Hebrew Scriptures, University of Pretoria<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Tobias H\u00e4ner: Ironie und Ambiguit\u00e4t im Ijobbuch, FAT 179, T\u00fcbingen: Mohr Siebeck, 2024, Pb., XVI+473\u00a0S., \u20ac\u00a0159,\u2013, ISBN 978-3-16-162402-5 Mit seiner<\/p>\n","protected":false},"author":139,"featured_media":2281,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"colormag_page_container_layout":"default_layout","colormag_page_sidebar_layout":"default_layout","inline_featured_image":false,"footnotes":""},"categories":[4],"tags":[],"class_list":["post-2280","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-altes-testament"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2280","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/139"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=2280"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2280\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2282,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2280\/revisions\/2282"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/2281"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=2280"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=2280"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=2280"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}