{"id":229,"date":"2017-05-01T17:20:26","date_gmt":"2017-05-01T17:20:26","guid":{"rendered":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=229"},"modified":"2017-05-02T07:40:32","modified_gmt":"2017-05-02T07:40:32","slug":"sven-grosse-ich-glaube-an-die-eine-kirche","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=229","title":{"rendered":"Sven Grosse: Ich glaube an die Eine Kirche"},"content":{"rendered":"<p>Sven Grosse: <em>Ich glaube an die Eine Kirche. Eine \u00f6kumenische Ekklesiologie<\/em>, Paderborn: Ferdinand Sch\u00f6ningh, 2015, geb., 284 S., \u20ac 34,90, <a href=\"https:\/\/www.schoeningh.de\/katalog\/titel\/978-3-506-78297-7.html\">ISBN 978-3-506-78297-7<\/a><br \/>\n<a href=\"https:\/\/rezensionen.afet.de\/wp-content\/uploads\/2017\/05\/Grosse_IchGlaube.pdf\"><\/p>\n<div class=\"dwnldbtn\">Download PDF<\/div>\n<p><\/a><\/p>\n<hr \/>\n<p>Der Titel klingt spannend: <em>Eine<\/em> Kirche und eine <em>\u00f6kumenische<\/em> Ekklesiologie \u2013 eine beachtliche Aufgabe, da gerade Unterschiede in der Ekklesiologie schon als \u201eGrunddifferenz\u201c zwischen den Kirchen markiert wurden. Grosse schreibt ausdr\u00fccklich als Glied und Amtstr\u00e4ger der evangelisch-lutherischen Kirche, wobei er sich im Gespr\u00e4ch mit r\u00f6misch-katholischer und reformierter Ekklesiologie befindet und in einem Unterkapitel auch auf die Freikirchen eingeht. Die orthodoxe Kirche behandelt er in gelegentlichen Hinweisen. Das Buch enth\u00e4lt drei Hauptteile: 1) Das Wesen der Kirche, 2) Amt und \u00c4mter in der Kirche, und 3) Die Gef\u00e4hrdungen der Kirche und ihre \u00dcberwindung. Am Schluss werden ein Literaturverzeichnis sowie ein Personen- und Sachregister geboten. Lateinische Zitate werden h\u00e4ufig in den Fu\u00dfnoten \u00fcbersetzt. Im Folgenden kann das an Themen sehr reichhaltige Werk nur in Auswahl dargestellt werden, wobei ich der Sicht der Freikirchen besondere Aufmerksamkeit widme.<\/p>\n<p>Im ersten Hauptteil legt Grosse das Wesen der Kirche entlang der ekklesiologischen Hauptfragen dar: Kirche ist die heilige Gemeinschaft von Gl\u00e4ubigen, von Christus zusammengef\u00fcgt durch Wort und Sakrament. Die Kirche ist als <em>Leib Christi<\/em> mit ihm verbunden, analog zur Verbindung der g\u00f6ttlichen und menschlichen Natur in Christus. Wegen dieser Einheit mit Christus ist es m\u00f6glich, von der Kirche als einer Kollektivperson zu reden. Die universale Kirche bildet eine umfassende <em>Einheit und Ganzheit,<\/em> die \u00fcber der Verschiedenheit der Lokalgemeinden steht.<\/p>\n<p>Dem Thema \u201eAmt\u201c widmet Grosse den ganzen zweiten Hauptteil<em>.<\/em> Der Amtstr\u00e4ger handelt Christus gegen\u00fcber als Stellvertreter der Kirche und der Kirche gegen\u00fcber als Stellvertreter Christi. Besonders damit begr\u00fcndet Grosse die Ablehnung der Frauenordination: Die Repr\u00e4sentation Christi kann nur durch einen Mann geschehen. F\u00fcr das rechte Handeln im Amt braucht der Amtstr\u00e4ger eine besondere Gnadengabe mit lebenslanger G\u00fcltigkeit (\u00e4hnlich dem <em>character indelebilis)<\/em>. Eine zentrale Leitung der Kirche durch eine Person (Papsttum) kann Grosse als au\u00dferordentliche M\u00f6glichkeit sehen, nicht aber als verbindliche Ordnung.<\/p>\n<p>Der dritte Hauptteil ist den Gef\u00e4hrdungen der Kirche und ihrer \u00dcberwindung gewidmet. Grosse sieht im Wesentlichen deren drei: 1)\u00a0Die Verweltlichung der Kirche, 2)\u00a0die Tyrannei in der Kirche und 3)\u00a0die Spaltungen in der Kirche. W\u00e4hrend die Tyrannei heute nicht vorherrschend ist, sind die beiden anderen Gef\u00e4hrdungen aktuell. Der S\u00e4kularisierungsprozess bewirkt, dass die Kirche immer mehr Menschen beinhaltet, deren Prinzipien und Auffassungen nicht mehr dem Glauben entsprechen. Die von Grosse favorisierte Antwort darauf w\u00e4re, \u201e&#8230; die Gliedschaft in einer Kirche, die zum gr\u00f6\u00dften Teil s\u00e4kularisiert ist, als volksmissionarische Aufgabe aufzufassen &#8230;\u201c (216). Sind die Leitenden selbst s\u00e4kularisiert, kann eine Situation der Tyrannei entstehen. Dann w\u00e4re ihnen der Gehorsam aufzuk\u00fcnden, wenn auch die Kirche noch besteht. Ein Verlassen der Kirchenstruktur wird dann unausweichlich, wenn kein Evangelium mehr gepredigt wird, die Sakramente missbraucht werden und \u201ekeine Aussicht besteht, dass dies in nicht allzu ferner Zeit anders wird\u201c (217).<\/p>\n<p>An dieser Stelle taucht die Frage nach der Freikirche auf. Hier wird die Taufe h\u00e4ufig an die Bekehrung gebunden. Zu kl\u00e4ren ist also die Bedeutung von Bekehrung und Taufe. Grosse m\u00f6chte von drei Typen von Bekehrung reden: 1) Die Hinwendung eines von Gott abgewandten Menschen zum Evangelium, 2) Die R\u00fcckkehr eines Menschen, der sich vom Glauben abgewendet hat, und 3) Die Kontinuit\u00e4t des Glaubens bei einem Menschen, der in eine Glaubenstradition hineingeboren wird \u2013 der von einer \u201esubjekt\u00fcbergreifenden Bekehrung\u201c her lebt (221). Nun ist f\u00fcr die Kirche eine Bekehrung des Typs 3 der Regelfall. Bei kleinen Kindern tritt deshalb der Glaube der Kirche an die Stelle des fehlenden pers\u00f6nlichen Glaubens, der im weiteren Lebensverlauf entstehen soll. Fruchtbar k\u00f6nnen sich Freikirchen nach Grosse dann auswirken, wenn sie sich als <em>ecclesiolae in ecclesia<\/em> verstehen, also akzeptieren, dass ihre \u201egr\u00f6\u00dfere Konzentration an Glaubensernst\u201c der Gesamtkirche nutzt, welche einen weiteren Umfang als sie hat. Ferner sollten sie die S\u00e4uglingstaufe der Kirche anerkennen, statt Eintrittswillige erneut zu taufen, sowie eine gemeinsame Leitung der gesamten Kirche, gegen\u00fcber der auch Lehre und Sakramentsspendung zu verantworten w\u00e4ren.<\/p>\n<p>Schlie\u00dflich kommt Grosse direkt zum \u00f6kumenischen Anliegen seines Buches: die \u00dcberwindung von Spaltungen. Das Ringen um die sichtbare Einheit der Kirche beginnt mit dem\u00fctiger Bu\u00dfe f\u00fcr die Schuld der Vergangenheit. Lehrgespr\u00e4che kl\u00e4ren und zeigen auf, dass die zentralen Lehr-Konsense (Trinit\u00e4t und Menschwerdung) wichtiger sind als problematische Lehren, die einzelne Kirchen hinzugef\u00fcgt haben k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Grosses Werk ist in der Tat eine \u00f6kumenische Ekklesiologie, insofern, als er sich h\u00e4ufig im Gespr\u00e4ch mit katholischen Positionen befindet und die M\u00f6glichkeit eines Konsenses auslotet (Herleitung der Kirche als Kollektivperson und ihre Einheit, Stellung zum Papsttum, Amtsverst\u00e4ndnis, Begr\u00fcndung der Ablehnung der Frauenordination usw.). Als Freikirchler wird man freilich des \u00d6fteren empfinden, dass man bei diesem Gespr\u00e4ch etwas \u201enebendran\u201c steht, auch weil Positionen, die f\u00fcr freikirchliche Ekklesiologie vielfach von Bedeutung sind, eindeutig zur\u00fcckgewiesen werden (Kongregationalismus, Taufverst\u00e4ndnis). Es scheint etwas d\u00fcrftig zu sein, wenn \u00d6kumene f\u00fcr Freikirchen bedeutet, dass sie als <em>ecclesiolae in ecclesia<\/em> zu landeskirchlichen Gemeinschaften werden! Weitere Anfragen von freikirchlicher Seite w\u00e4ren: 1) Zum Verst\u00e4ndnis der Kirche als Subjekt \u2013 als Kollektivperson, die sich durch Kontinuit\u00e4t ausweist<em> \u2013 <\/em>welches die reale Einheit der Kirche theologisch begr\u00fcndet<em>:<\/em> Das Subjektsein der Kirche ist bei Grosse christologisch abgeleitet (Inkarnation als Analogie zur Verbindung Christus-Kirche), m. E. die Ursache f\u00fcr die empfundene N\u00e4he seines Entwurfes zur katholischen Theologie. Demgegen\u00fcber: Ist nicht die Einwohnung des Geistes in den Gl\u00e4ubigen der kirchenbegr\u00fcndende Vorgang (vgl. 1Kor 12,13), so dass die Verbindung Kirche-Christus durch den Geist geschaffen wird; und bestehen dann nicht wichtige Strukturunterschiede zwischen der Einwohnung des Geistes und der Inkarnation? Eine pneumatologische Begr\u00fcndung der Kirche f\u00fchrt zu einer anderen Fassung des Verh\u00e4ltnisses Gesamt- und Lokalkirche, sowie des Amts- und des Sakramentsverst\u00e4ndnisses. 2) Zur Taufe und ihrem Verh\u00e4ltnis zur Bekehrung<em>:<\/em> Ist eine Taufe \u201eauf Hoffnung hin\u201c (wie die S\u00e4uglingstaufe) denn im Neuen Testament bezeugt? Ist sie nicht ein Vorgriff ins Unverf\u00fcgbare? Auch wer im Prozess einer Bekehrung 3. Typs aufw\u00e4chst, steht irgendwann vor dem bewussten Glaubensschritt, dem die Taufe dann folgen kann.<\/p>\n<p>3) Zur Sammlung einer ecclesiola in ecclesia<em> innerhalb der Kirche:<\/em> Das Konzept des <em>corpus permixtum<\/em> wird hier vorausgesetzt, erscheint mir jedoch vom Neuen Testament her fraglich. Es l\u00e4sst sich sicher nicht ausschlie\u00dfen, dass sich in der Kirche Ungl\u00e4ubige befinden, aber kann dies zum ekklesiologischen Prinzip gemacht werden?<\/p>\n<p>Grosse hat ein ekklesiologisches Werk vorgelegt, welches in fast alle m\u00f6glichen Richtungen gr\u00fcndlich durchdacht ist. F\u00fcr die Herausforderung und Diskussionsgrundlage ist ihm zu danken.<\/p>\n<p><em>\u00a0<\/em><\/p>\n<p><em>Dr. Andreas Hahn, Pastor, CH-6280 Hochdorf<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/creativecommons.org\/licenses\/by-nd\/4.0\/\" rel=\"license\"><img decoding=\"async\" style=\"border-width: 0;\" src=\"https:\/\/i.creativecommons.org\/l\/by-nd\/4.0\/88x31.png\" alt=\"Creative Commons Lizenzvertrag\" \/><\/a><br \/>\nDieses Werk ist lizenziert unter einer <a href=\"http:\/\/creativecommons.org\/licenses\/by-nd\/4.0\/\" rel=\"license\">Creative Commons Namensnennung &#8211; Keine Bearbeitungen 4.0 International Lizenz<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sven Grosse: Ich glaube an die Eine Kirche. 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