{"id":2292,"date":"2024-10-16T13:28:06","date_gmt":"2024-10-16T13:28:06","guid":{"rendered":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=2292"},"modified":"2024-10-16T13:28:07","modified_gmt":"2024-10-16T13:28:07","slug":"rachel-b-griffith-julie-ooms-rachel-m-de-smith-roberts-deep-reading","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=2292","title":{"rendered":"Rachel B. Griffith \/ Julie Ooms \/ Rachel M. De Smith Roberts: Deep Reading"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Rachel B. Griffith \/ Julie Ooms \/ Rachel M. De Smith Roberts: <em>Deep Reading. Practices to Subvert the Vices of Our Distracted, Hostile, and Consumeristic Age<\/em>, Grand Rapids\/MI: Baker Academic, 2024, Pb., 230\u00a0S., $\u00a024,99, ISBN <a href=\"http:\/\/bakerpublishinggroup.com\/books\/deep-reading\/417390\" data-type=\"link\" data-id=\"http:\/\/bakerpublishinggroup.com\/books\/deep-reading\/417390\">978-1-54-096695-7<\/a><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eA book for all readers who desire to read deeply and to live deeply\u201c ist der claim auf der Buchr\u00fcckseite \u2013 und er trifft zu. Verfasst von drei Englisch-Professorinnen, die sich wohl w\u00e4hrend ihrer gemeinsamen Ph.D.-Studien an der Baylor University anfreundeten, zeigt sich hier ein gut lesbares B\u00fcchlein, das all denen aus dem Herzen und ins Herz spricht, die sich nach einer anderen (besseren?) Lesekultur bei sich und anderen sehnen. Dass dies in unseren westlichen Gesellschaften immer schwieriger geworden ist, liegt auf der Hand. Wie wir jedoch dorthin zur\u00fcckkommen oder besser: dort hingelangen, wird in <em>Deep Reading<\/em> angedacht und praktisch exemplifiziert. Zu hoch gegriffen scheint jedoch der Anspruch, es sei ebenso wichtig, \u201edeep reading practices\u201c zu kennen \u201eas much as what they read\u201c (2).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das Ziel des Buches ist es, mit einleuchtenden Praktiken gegen die aktuellen negativen Trends von \u201edistraction, hostility, and consumerism\u201c (6\u20137 u.&nbsp;\u00f6.), das Lesen zu einem transformationalen Geschehen werden zu lassen bzw. es als solches wiederzubeleben. Das Ziel desselben entspricht in etwa James K.&nbsp;A. Smiths und Karen Swallow Priors Vorstellungen von einer charakterlichen Ver\u00e4nderung hin zum \u201aguten Leben\u2018 durch <em>habituelle<\/em> Lekt\u00fcre und Internalisation von \u201aguten\u2018 B\u00fcchern. \u201eOur research and experience points to the conclusion that deep reading itself [\u2026] trains us in the practices necessary to eschew the vices and develop a virtuous disposition\u201c (7).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Aufgeteilt in die erw\u00e4hnten drei Bereiche \u201eDistraction\u201c (25\u201377), \u201eHostility\u201c (81\u2013139) und \u201eConsumerism\u201c (143\u2013202) ergr\u00fcnden die Autorinnen zentrale Erw\u00e4gungen im Bereich des Lesens. Dabei steht aber, anders als man im Untertitel (Stichwort \u201ePractices\u201c) und ersten Kapitel erwarten w\u00fcrde, weniger die Verzahnung von <em>Dos<\/em> und <em>Don\u2019ts<\/em> im Zentrum, sondern das solit\u00e4re und kommunale Leseereignis im Seminarraum oder in anderen Gruppen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Durchgehend bemerkt man die Sensibilit\u00e4t der Autorinnen f\u00fcr Settings, f\u00fcr tendenzi\u00f6se Vorannahmen und einseitige Leselisten. Viel \u00f6fter als wirkliche Vorschl\u00e4ge f\u00fcr den eigenen Leseprozess liest sich das Buch als Kritik westlich-akademischer Lesegewohnheiten mit dem Ziel, diese zu transformieren. Ein gewisser Aktivismus, in jeglicher Hinsicht inklusivere Autoren, Leser und Lesegemeinschaften zu bilden und sich der eigenen Voreinstellungen und blinken Flecken bewusst zu sein, l\u00e4sst sich durchweg erkennen. So leitet das Buch nicht schlicht in einen oder mehrere andere Lesemodi ein bzw. dazu an, sondern will vielmehr das eigene und das gemeinschaftliche Lesen zu einem ganzheitlich-ver\u00e4ndernden Prozess machen. Insgesamt ist der Ansatz des Buches stark von James K.&nbsp;A. Smiths <em>habitueller<\/em> Moralvorstellung gepr\u00e4gt (<em>You are what you love<\/em> [2016]), das in seiner Triologie zu den <em>Cultural Liturgies<\/em> (2009, 2013, 2017) differenzierter entfaltet und reflektiert wird. Ob dieser jedoch mit dem weltanschaulichen Ziel des Buches \u00fcbereinstimmen w\u00fcrde, bleibt fraglich.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Didaktisch angenehm finden sich hilfreiche Zusammenfassungen am Ende jedes Kapitels, die einerseits gute Erinnerungsst\u00fctzen f\u00fcr die umzusetzenden praktischen \u00dcbungen bieten, andererseits aber auch weiterf\u00fchrende Fragen zu pers\u00f6nlichen oder gruppengebundenden Reflexion bieten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der genannte Aktivismus f\u00fcr mehr Inklusion, Gleichberechtigung und Sensibilit\u00e4t, wie sie heutzutage die gro\u00dfe Mehrzahl der English-Literature-Abteilungen in den Humanities-Fakult\u00e4ten vertreten, wird zwar wiederkehrend wohlwollend und nachdr\u00fccklich thematisiert, eine eigentliche Argumentationsgrundlage f\u00fcr diese durchaus diversen Themen finden sich aber nicht. Teil dieser sehr sensiblen Herangehensweise an den akademischen Unterricht in den Geisteswissenschaften, der hier vertreten wird, ist auch die wiederkehrende Distanzierung von Klassikern wie <em>How to Read a Book<\/em> von Adler\/Van Doren. Obwohl freilich die Autoren in einer anderen Zeit und f\u00fcr einen anderen Zweck schrieben, scheint gerade die Abgrenzung davon, identit\u00e4tsstiftende Z\u00fcge anzunehmen (vgl. bspw. 11\u201312, gegen das \u201econsumeristic reading mindset of Adler and Van Doren\u201c). In der Einleitung schreiben sie gegen die empfohlene Leseliste von Adler\/Van Doren: \u201ewe seek here to explore not the correct content for careful reading but rather the habits and practices that lead deep and formative reading\u201c (1). Doch gerade das tun Adler\/Van Doren in ihrem nach wie vor hervorragenden (S. 11 dagegen: \u201einfamous\u201c) Buch, mittlerweile in vielfacher Auflage. Ihre Leseliste ist ebenso wie in vergleichbaren Werken seitdem nur ein Appendix von Vorschl\u00e4gen. Man meint, diese Einleitung antizipiere schon, f\u00fcr eine normative, absichtlich westlich (jedoch nicht ausschlie\u00dflich!) orientierte Leseliste \u201egecancelt\u201c zu werden (auch deutlich auf S.2!) und distanziert sich (unn\u00f6tigerweise) von den Schultern, auf denen das Buch steht.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Als Konsequenz daraus vermisste der Rezensent an mehreren Orten eine st\u00e4rke Orientierung auf das selbst gesetzte Thema des \u201eDeep Reading\u201c, das zwar immer wieder mitschwingt, aber was genau mit \u201edeep\u201c gemeint ist, welche Anleihen und Differenzen etwa zum \u201eDeep Work\u201c-Ansatz von Cal Newport (2016) bestehen usw., bleibt bis zuletzt unklar. Es wirkt, als sei dieses Ziel \u00fcber die Kapitel hinweg immer wieder etwas aus den Augen geraten. Erst gegen Ende, wenn etwa \u201eLearning to Read for Enjoyment\u201c (175\u2013201) thematisiert wird, kommt man dem Ziel einer neuen Lesekultur wieder n\u00e4her.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Etwas langatmig ist das Buch nicht nur wegen seines mancherorts wenig erkennbaren roten Fadens, sondern auch aufgrund des repetitiven Stils. Ein einfacher Punkt, etwa der Nutzen lauten Lesens, wird in einem Zweizeiler konstatiert und anschlie\u00dfend auf gut zwei Seiten voll spezifischer Beispiele wieder und wieder exemplifiziert (48\u201350).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Summa: Deep Reading geht m.\u00a0E. korrekt davon aus, dass die digitale Revolution auch das Lesen ver\u00e4ndert hat und das gr\u00f6\u00dftenteils nicht zum Guten. Dagegen votieren die Autorinnen f\u00fcr eine neue Herangehensweise, die sensibler, inklusiver und konversationaler mit geschriebenen und gesprochenen Worten der Vergangenheit und Gegenwart umgehen will. Diversit\u00e4t und Selbstreflexion nehmen hierf\u00fcr eine zentrale Stellung im Buch ein. Daneben kommen auch die im Untertitel angek\u00fcndigten Umsetzungshilfen f\u00fcr das Deep Reading immer wieder in den Blick. Andersherum gewichtet h\u00e4tte man wom\u00f6glich mehr Ertrag erreicht. Wer sich ein Manual f\u00fcr eine ver\u00e4nderte Lesekultur erhofft hat, wird hier nur bedingt f\u00fcndig. Wer ein stark im nordamerikanisch-akademischen Raum angesiedeltes Pl\u00e4doyer f\u00fcr ver\u00e4nderte, diversere und reflektiertere Leseerlebnisse und -r\u00e4ume mit einigen Umsetzungstipps gesucht hat, wird hier f\u00fcndig werden.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Magnus Rabel, M.Th., Doktorand bei Prof. Dr. J\u00f6rg Frey am Lehrstuhl f\u00fcr neutestamentliche Wissenschaft an der Universit\u00e4t Z\u00fcrich<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Rachel B. Griffith \/ Julie Ooms \/ Rachel M. De Smith Roberts: Deep Reading. Practices to Subvert the Vices of<\/p>\n","protected":false},"author":101,"featured_media":2293,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"colormag_page_container_layout":"default_layout","colormag_page_sidebar_layout":"default_layout","inline_featured_image":false,"footnotes":""},"categories":[4],"tags":[],"class_list":["post-2292","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-altes-testament"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2292","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/101"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=2292"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2292\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2294,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2292\/revisions\/2294"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/2293"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=2292"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=2292"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=2292"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}