{"id":2295,"date":"2024-10-16T13:30:08","date_gmt":"2024-10-16T13:30:08","guid":{"rendered":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=2295"},"modified":"2024-10-16T13:30:08","modified_gmt":"2024-10-16T13:30:08","slug":"bernd-janowski-biblischer-schoepfungsglaube","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=2295","title":{"rendered":"Bernd Janowski: Biblischer Sch\u00f6pfungsglaube"},"content":{"rendered":"\n<p>Bernd Janowski: <em>Biblischer Sch\u00f6pfungsglaube. Religionsgeschichte \u2013 Theologie \u2013 Ethik<\/em>,T\u00fcbingen: Mohr Siebeck, 2023, 775\u00a0S., \u20ac\u00a049,\u2013, ISBN <a href=\"https:\/\/www.mohrsiebeck.com\/buch\/biblischer-schoepfungsglaube-9783161593260\/\" data-type=\"link\" data-id=\"https:\/\/www.mohrsiebeck.com\/buch\/biblischer-schoepfungsglaube-9783161593260\/\">978-3-16-159326-0<\/a><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p>Der 1943 in Stettin geborene und 2012 in T\u00fcbingen nach siebzehn Jahren als Alttestamentler emeritierte Bernd Janowski legt mit diesem Buch eine weitere thematische Arbeit aus seinem umfangreichen Wirken vor. Es geht ihm um den Sch\u00f6pfungsglauben, der sich f\u00fcr Christen aller Konfessionen im Apostolikum als erster Glaubensartikel findet. Dies sei jedoch erst in Reaktion auf Marcion so formuliert, in \u00e4lteren christlichen Bekenntnissen sei die Sch\u00f6pfung noch nicht so thematisiert. Angesichts der F\u00fclle der mit dem Sch\u00f6pfungsthema verbundenen Aspekte und Sichtweisen ist es dem Autor schwergefallen, die Vielfalt zu einem gro\u00dfen Entwurf mit klarer Linie zu b\u00fcndeln. Er versteht seine Bearbeitung deshalb eher als eine Zusammenstellung exegetischer, theologiegeschichtlicher und religionsgeschichtlicher Materialien wie in einer Ausstellung, in der man von einem Themenraum zum n\u00e4chsten geht und jeweils die Exponate in beliebiger Reihenfolge auf sich wirken lassen kann (38).<\/p>\n\n\n\n<p>Das Buch gliedert sich in vier Kapitel. Im ersten (1\u201340) geht es ihm um eine Einf\u00fchrung in das Thema. Gleich eingangs wird dabei nicht \u00fcber Gott reflektiert, sondern \u00fcber Evolution und Darwin. Dem Kreationismus und der Theorie des Intelligent Design wird kategorisch vorgeworfen, die Aussageintention der biblischen Sch\u00f6pfungstexte gr\u00fcndlich misszuverstehen (5, 45, 84). Eine diese Position vertretende Arbeit wird jedoch nicht erw\u00e4hnt, geschweige denn sachgerecht diskutiert. Kap. 2 (41\u2013127) widmet sich der Urgeschichte in der Genesis. Ausgangspunkt f\u00fcr die Reflektion ist bei Janowski allerdings nicht der gegebene biblische Text, sondern die in der Tradition der Literarkritik des 19. Jahrhunderts konstruierten Textkollagen P bzw. P-Grundschrift sowie Nicht-P-Texte. Eine Kenntnis davon, dass es f\u00fcr solche hypothetischen literarkritischen Konstruktionen seit Jahrzehnten keinen Konsens mehr gibt, ist auf den 775 Seiten nirgends auch nur im Ansatz erkennbar (z.&nbsp;B. R. Rendtorff: <em>Das \u00dcberlieferungsgeschichtliche Problem des Pentateuchs<\/em>, 1976). Angesichts der seit einem halben Jahrhundert auch in Deutschland diskutierten \u201eKrise der Pentateuchkritik\u201c wirkt die trotzige Ignorierung dieser Anfragen wenig \u00fcberzeugend. Dass sich sp\u00e4testens seit den 1970er Jahren innerhalb der internationalen Theologie zudem ein Paradigmenwechsel vollzogen hat in Richtung literaturwissenschaftlicher und kanonischer Wahrnehmung und Interpretation der biblischen B\u00fccher und Themen, scheint in dieser Arbeit gar nicht erkannt und ist nicht diskutiert. Dass solche synchronen Zug\u00e4nge zu den biblischen Texten sich besser an die 2000-j\u00e4hrigen j\u00fcdischen und kirchlichen Traditionen anzuschlie\u00dfen verm\u00f6gen als die im Historismus und Rationalismus des 19. Jahrhunderts generierten fiktiven Hypothesenwelten der Literarkritik, ist andernorts l\u00e4ngst beobachtet (vgl. u.&nbsp;a. B.&nbsp;S. Childs: <em>Biblical Theology in Crisis<\/em>, 1970; L.&nbsp;G. Perdue: <em>The Collaps of History<\/em>, 1994\/2005). Mit seiner unkritischen Fixierung auf die alte Literarkritik offenbart sich die Schw\u00e4che des Buches. Die Ausarbeitung geht nicht von der Bibel aus wie sie jeder lesen kann, sondern von aus biblischen Textfragmenten rekonstruierten fiktiven Quellenschichten, deren Umfang und Ausrichtung nur innerhalb von Denkschulen \u00fcberhaupt diskutabel sind und dar\u00fcber hinaus wenig Relevanz zeigen. Es geht auch nicht um ein theologisches Bekenntnis zu Gott als dem Sch\u00f6pfer, sondern um die hypothetische Entwicklung von religionsgeschichtlichen Vorstellungen von der Entstehung des Kosmos in nah\u00f6stlichen alten Kulturen.<\/p>\n\n\n\n<p>In Kap. 3 (129\u2013450) werden ausgehend von diesem literarkritischen Ansatz Themenfelder angesprochen, die einen Bezug zur Sch\u00f6pfung haben. Vor allem poetische Texte in Psalmen, Weisheit und Propheten werden ausgewertet. Gespr\u00e4chspartner bei allen Themen sind religionsgeschichtlichen Quellen der Umwelt. Unter Punkt 1 wird \u201eSch\u00f6pfung und nat\u00fcrliche Lebenswelt\u201c behandelt sowie \u201eSch\u00f6pfung und Menschenbild\u201c und \u201eSch\u00f6pfung und Tierwelt\u201c. Punkt 2 diskutiert unter der \u00dcberschrift \u201eAspekte der geschichtlich-sozialen Welt\u201c die Beziehung von \u201eSch\u00f6pfung und K\u00f6nigtum\u201c sowie \u201eSch\u00f6pfung und Geschichte\u201c. Der Punkt 3 sammelt als \u201eAspekte des religi\u00f6sen Symbolsystems\u201c Materialien zu den Themen \u201eSch\u00f6pfung und Tempel\u201c, \u201eSch\u00f6pfung und Chaos\u201c und \u201eSch\u00f6pfung und Weisheit\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Kap. 4 (451\u2013481) b\u00fcndelt die bisherigen \u00dcberlegungen zu einem Res\u00fcmee. Es beginnt mit der postulierten geschichtlichen Entwicklung, die von fr\u00fcheren Sch\u00f6pfungsaussagen in der \u00e4lteren Spruchweisheit ausgeht, die wichtigsten und zentralen Texte seien jedoch exilisch-nachexilisch zu verorten. Der Gedanke von der Gr\u00fcndung der Erde verdanke sich m\u00f6glicherweise mesopotamischen oder \u00e4gyptischen Vorstellungen (460). Der Leser erf\u00e4hrt, dass das Motiv vom Himmel als Wohnort Jhwhs erst exilisch \u00fcberhaupt bekannt sei. Theologisch sei bedeutsam, die Erde als Lebensraum nicht nur f\u00fcr den Menschen, sondern auch f\u00fcr Pflanzen und Tiere wahrzunehmen und sie zu bewahren. Angesichts der Herausforderungen des Anthropoz\u00e4ns gelte es, eine Ethik der Mitgesch\u00f6pflichkeit zu entwickeln.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Buch bietet ferner drei Anh\u00e4nge mit Quellenmaterial. Im ersten (485\u2013505) werden zentrale Texte aus dem AT in eigener \u00dcbersetzung zug\u00e4nglich gemacht, versehen mit knappen Anmerkungen. Sie sind gegliedert nach Pentateuch, Propheten und Psalmen\/Weisheit. Der Anhang II (507\u2013651) dokumentiert eine F\u00fclle nichtbiblischer Quellen zur Kosmologie und Sch\u00f6pfungstheologie aus der Umwelt: \u00c4gypten, Mesopotamien, Kleinasien, Ugarit\/Nordsyrien, Iran, Pal\u00e4stina\/Israel, Griechenland, Rom, Antikes und Rabbinisches Judentum, Neues Testament und Antikes Judentum, Koran. Im Anhang III sind Texte zur Tier- und Umweltethik zusammengestellt (653\u2013669).<\/p>\n\n\n\n<p>Die Literaturliste umfasst 74 Seiten. \u00dcberraschend auff\u00e4llig ist, dass unter den angegebenen Kommentaren bei Janowski ausschlie\u00dflich deutschsprachige der Erw\u00e4hnung Wert geachtet worden sind. Und in der Rubrik \u201eMonographien, Aufs\u00e4tze, Lexikonartikel\u201c sind ca. 1500 Titel gelistet, nur knapp hundert davon \u2013 also prozentual im einstelligen Bereich \u2013 nicht in deutscher Sprache. Diese hier sichtbare sprachliche Provinzialit\u00e4t in einem wissenschaftlichen Werk steht parallel zu der eingangs angesprochen Engf\u00fchrung des Denkrahmens in den ausgetretenen Spurenrillen der literarkritischen Sondierungen deutscher Provenienz des 19. Jahrhunderts, die heute nicht nur dem Rezensenten als theologische Sackgasse erscheint. Es h\u00e4tte der Arbeit sicher gutgetan, w\u00e4ren j\u00fcdische und synchron arbeitende Werke zum Thema konsultiert worden. So bleibt die F\u00fclle der verarbeiteten Quellenmaterialien beeindruckend, der theologische Ertrag jedoch deutlich hinter den M\u00f6glichkeiten zur\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p><em>Dr. Herbert H. Klement, Prof. em. f\u00fcr Altes Testament an der STH Basel und der ETF Leuven<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bernd Janowski: Biblischer Sch\u00f6pfungsglaube. 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