{"id":2307,"date":"2024-10-16T13:49:14","date_gmt":"2024-10-16T13:49:14","guid":{"rendered":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=2307"},"modified":"2024-10-16T13:49:15","modified_gmt":"2024-10-16T13:49:15","slug":"stefan-beyerle-hg-apokalyptik","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=2307","title":{"rendered":"Stefan Beyerle (Hg.): Apokalyptik"},"content":{"rendered":"\n<p>Stefan Beyerle (Hg.): <em>Apokalyptik<\/em>, Themen der Theologie 15, T\u00fcbingen: Mohr Siebeck (UTB), 2024, 300\u00a0S., \u20ac\u00a024,90, ISBN <a href=\"https:\/\/www.mohrsiebeck.com\/buch\/apokalyptik-9783825262587\/\" data-type=\"link\" data-id=\"https:\/\/www.mohrsiebeck.com\/buch\/apokalyptik-9783825262587\/\">978-3-8252-6258-7<\/a><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p>Im 15. Band der Reihe \u201eThemen der Theologie\u201c liefert Stefan Beyerle, Professor f\u00fcr Altes Testament\/Hebr\u00e4ische Bibel an der Theologischen Fakult\u00e4t der Universit\u00e4t Greifswald und Herausgeber des vorliegenden Werkes, eine gesamttheologische Einf\u00fchrung zum Themenfeld der Apokalyptik. Gemeinsam mit f\u00fcnf anderen Kollegen (M. Frenschkowski, M. Basse, U. H. J. K\u00f6rtner, D. Pezzoli-Obligati und J. Schneider) soll das Themenfeld aus bibelwissenschaftlicher, systematischer sowie religionswissenschaftlicher und praktisch-theologischer Perspektive er\u00f6rtert werden. Ganz im Sinne der Reihe \u201eThemen der Theologie\u201c sollen \u00dcberschneidungen innerhalb der verschiedenen Betrachtungsweisen deutlich werden und zum Schluss eine Zusammenschau (255\u2013266) erm\u00f6glichen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Einf\u00fchrung von Stefan Beyerle bietet einen \u00dcberblick \u00fcber die religi\u00f6sen, politischen, kulturellen und theologischen Dimensionen der Apokalyptik. Dabei wird besonders herausgestellt, dass die Apokalyptik nicht auf ein literarisches Genre als solches beschr\u00e4nkt werden k\u00f6nne, sondern ein komplexes System von Symbolen und Vorstellungen sei, das sich durch verschiedene Epochen und Kulturen zieht. Ausgehend von den unterschiedlichen Dimensionen der Apokalyptik wird das Ph\u00e4nomen zun\u00e4chst bibelwissenschaftlich untersucht.<\/p>\n\n\n\n<p>Stefan Beyerle untersucht im ersten Abschnitt des Bandes die Entwicklung der Apokalyptik im antiken Judentum (29\u201367). Nach einer hilfreichen Differenzierung zwischen der literarischen Gattung der \u201eApokalypse\u201c und dem weiter gefassten Ph\u00e4nomen der \u201eApokalyptik\u201c (29\u201333) wird kurz auf die Tr\u00e4gerkreise eingegangen (33\u201335). Anschlie\u00dfend beschreibt Beyerle die Urspr\u00fcnge apokalyptischer Vorstellungen und wie diese sich in den verschiedenen historischen Epochen entwickelt haben (36\u201345). Beginnend in der Perserzeit und sich fortsetzend bis ins erste und zweite Jahrhundert nach Christus werden verschiedene Aspekte der Apokalyptik nachgezeichnet. Dabei f\u00e4llt auf, dass apokalyptische Ideen in diesen Jahrhunderten besonders in Zeiten politischer und sozialer Unsicherheit gedeihen, wenn traditionelle Machtstrukturen zusammenbrechen oder bedroht sind. Die apokalyptische Literatur dieser Zeit spiegelt die Hoffnungen und \u00c4ngste einer Gemeinschaft wider, die sich in einer \u00dcbergangsphase befindet und nach einem neuen Sinn und einer neuen Ordnung sucht.<\/p>\n\n\n\n<p>Marco Frenschkowski analysiert die Apokalyptik im Neuen Testament und im fr\u00fchen Christentum (74\u2013110). Er legt dar, wie apokalyptische Themen in die grundlegende Verk\u00fcndigung des Christentums eingeflossen sind und wie diese Ideen von den fr\u00fchen Christen interpretiert wurden. In der Untersuchung zeichnet sich dabei nicht nur die Vielfalt der apokalyptischen Literatur von der Verk\u00fcndigung Jesu bis hin zur Johannesoffenbarung ab. Vielmehr werden die historischen Implikationen in den Blick genommen. Im Kontext des fr\u00fchen Christentums werde dabei apokalyptisches Denken nicht als \u201enegative Weltsicht\u201c verstanden, sondern als massive Zivilisations-, Gesellschafts- und Sittenkritik beschrieben, verpackt in eine Zukunftsvision.<\/p>\n\n\n\n<p>Michael Basse widmet sich der Rolle der Apokalyptik in der Kirchengeschichte (117\u2013144). Er zeigt, dass apokalyptische Vorstellungen zu allen Zeiten in der Geschichte des Christentums pr\u00e4sent waren, wenn auch in unterschiedlicher Intensit\u00e4t und mit verschiedenen Auspr\u00e4gungen. In der Alten Kirche diente die Apokalyptik als Mittel zur Selbstvergewisserung in Zeiten der Christenverfolgungen. In sp\u00e4teren Jahrhunderten wurden apokalyptische Ideen oft mit sozialen und politischen Bewegungen verkn\u00fcpft, die nach einer radikalen Ver\u00e4nderung der bestehenden Ordnung strebten. Basse macht deutlich, dass die Apokalyptik immer wieder als Werkzeug genutzt wurde, um die Gegenwart zu deuten und die Zukunft zu gestalten.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Themenfeld der systematischen Theologie bespricht Ulrich H. J. K\u00f6rtner (157\u2013177). Dabei besch\u00e4ftigt er sich zun\u00e4chst mit der Beziehung zwischen Apokalyptik und Eschatologie. In der christlichen Tradition wird das Ende der Welt oft mit der Wiederkunft Christi und dem J\u00fcngsten Gericht verbunden. Die Apokalyptik, eine spezielle Form der Eschatologie, betont katastrophale Ereignisse und das endg\u00fcltige Gericht. Anschlie\u00dfend werden verschiedene Entw\u00fcrfe zur Apokalyptik (Pannenberg, Moltmann, Sauter, Metz) zusammengefasst (160\u2013169). Abschlie\u00dfend findet eine Gesamtbetrachtung unter den Perspektiven von Angst und christlichem Glauben statt: K\u00f6rtner beschreibt apokalyptisches Denken als Reaktion auf tiefe \u00c4ngste, insbesondere die Angst vor der Endlichkeit der Welt. Apokalyptik biete in dieser Hinsicht Trost, indem sie g\u00f6ttliches Eingreifen und einen Neuanfang nach dem Weltuntergang verspricht. Im Gegensatz zur Prophetie, die Umkehr fordert, tr\u00f6stet Apokalyptik durch die Aussicht auf Rettung in der Endzeit. Sie kann jedoch auch zu Eskapismus f\u00fchren, der Ver\u00e4nderungen verhindert (174). Der christliche Glaube transformiert diese Sicht, indem er die Welt trotz ihrer Gebrechlichkeit bejaht und Hoffnung in Gottes Liebe setzt.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Kapitel von D. Pezzoli-Obligati er\u00f6ffnet die religionsgeschichtliche Perspektive (181\u2013210). Die Rezeption apokalyptischer Motive, insbesondere aus der Offenbarung des Johannes, in verschiedenen kulturellen Kontexten steht im Vordergrund. Insofern ergibt sich hier eine spannende Rezeptionsgeschichte der Neuzeit. Auffallend ist: Der Begriff \u201eApokalypse\u201c hat dabei eine breitere Bedeutung angenommen, die \u00fcber die urspr\u00fcngliche Idee einer Enth\u00fcllung hinausgeht. Im Fokus des Kapitels stehen Kommunikationsprozesse in der Religion, die umfassende Weltbilder vermitteln, die oft apokalyptische Elemente beinhalten.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Themenband wird mit einer Zusammenschau von Stefan Beyerle abgeschlossen. Die grundlegende Tendenz sei, dass die Unterscheidung zwischen \u201eZentrum\u201c und \u201ePeripherie\u201c in der Apokalyptik unscharf werde, da apokalyptische Motive sowohl zentrale als auch periphere Rollen in Theologie, Kultur und Philosophie spielen w\u00fcrden. Kanonisch-biblisch sind apokalyptische Texte wie die Johannesoffenbarung und das Danielbuch oft am Rand positioniert, was sich in ihrer marginalen Rolle in Liturgie und Religionsunterricht widerspiegelt.<\/p>\n\n\n\n<p>Historisch betrachtet werden Apokalypsen oft als Reaktion auf Krisen verstanden, deren Bedeutung im Laufe der Zeit schwankt. Die Forschung zeigt, dass Apokalypsen sowohl kosmische Katastrophen als auch literarische Reaktionen darauf umfassen. Krisen, die einst apokalyptische Reaktionen hervorriefen, verlieren mit der Zeit ihre zentrale Bedeutung, wie etwa die religi\u00f6sen Verfolgungen der Antike oder das Erdbeben in Lissabon (1755). Allerdings kehren Apokalypsen in bestimmten \u201eErinnerungsr\u00e4umen\u201c immer wieder ins Zentrum zur\u00fcck, wie bei politischen Konflikten des 20. Jahrhunderts oder ideologischen Bewegungen, etwa in Spenglers \u201eUntergang des Abendlandes\u201c oder der Fin-de-Si\u00e8cle-Literatur.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Sammelwerk liefert einen spannenden Rundflug durch die theologischen Disziplinen. Leider wirken die einzelnen Kapitel selten aufeinander bezogen. Dementsprechend wirkt auch die Zusammenschau angesichts des geringen Bezugs der einzelnen Beitr\u00e4ge recht abgel\u00f6st. Insofern findet sich hier meines Erachtens keine Synthese der bisherigen Perspektiven, sondern lediglich eine Bezugnahme auf den Beginn mit Blick auf weitere Dimensionen der Apokalyptik.<\/p>\n\n\n\n<p>Der vorliegende Band schafft es dennoch, in erstaunlicher K\u00fcrze den Facettenreichtum der Apokalyptik deutlich zu machen. Von den fr\u00fchen Anf\u00e4ngen und Deutungen im Vorderen Orient bis zur heutigen Rezeption und Rolle der Apokalyptik bekommt der Leser einen differenzierten Einblick in ein komplexes Themenfeld. Gerade im Zuge der aktuellen Krisen(-besprechungen) kann dieses Werk sowohl f\u00fcr Studierende als auch f\u00fcr Laien als hilfreiche Einf\u00fchrung dienen.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p><em>Simeon Redinger (M.A.) Pastor und wissenschaftliche Hilfskraft bei Jun.-Prof. Dr. Jan R\u00fcggemeier an der Evangelisch-Theologischen Fakult\u00e4t der Universit\u00e4t Bonn<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Stefan Beyerle (Hg.): Apokalyptik, Themen der Theologie 15, T\u00fcbingen: Mohr Siebeck (UTB), 2024, 300\u00a0S., \u20ac\u00a024,90, ISBN 978-3-8252-6258-7 Im 15. Band<\/p>\n","protected":false},"author":130,"featured_media":2308,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"colormag_page_container_layout":"default_layout","colormag_page_sidebar_layout":"default_layout","inline_featured_image":false,"footnotes":""},"categories":[3],"tags":[],"class_list":["post-2307","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-neues-testament"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2307","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/130"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=2307"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2307\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2309,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2307\/revisions\/2309"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/2308"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=2307"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=2307"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=2307"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}