{"id":2322,"date":"2024-10-16T14:02:22","date_gmt":"2024-10-16T14:02:22","guid":{"rendered":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=2322"},"modified":"2024-10-16T14:02:23","modified_gmt":"2024-10-16T14:02:23","slug":"eduard-ferderer-beduerfnis-nach-verstaendigung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=2322","title":{"rendered":"Eduard Ferderer: Bed\u00fcrfnis nach Verst\u00e4ndigung"},"content":{"rendered":"\n<p>Eduard Ferderer:<em> Bed\u00fcrfnis nach Verst\u00e4ndigung. Die Vermittlungsbem\u00fchungen des Eisenacher Bundes zwischen Kirche und Gemeinschaftsbewegung<\/em>, Pietas et Scientia 1, Darmstadt: WBG Academic; Freiburg: Herder, 2022, geb., 311 S., \u20ac 48,\u2013, ISBN <a href=\"https:\/\/www.herder.de\/wissen\/shop\/p8\/87002-beduerfnis-nach-verstaendigung-gebundene-ausgabe\/\">978-3-534-40647-0<\/a><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p>Der Eisenacher Bund und die Gnadauer Gemeinschaftsbewegung: Der Versuch, zwischen konservativen Theologieprofessoren und dem fr\u00fchen deutschen Gemeinschaftspietismus zu vermitteln, zeigt in nuce Fragestellungen und Probleme, die noch heute f\u00fcr die beiden Gruppen in ihrem Verh\u00e4ltnis zueinander bewegen.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Tabor-Absolvent und Gemeinschaftspastor Eduard Ferderer, heute Wissenschaftlicher Mitarbeiter im Fachbereich Kirchengeschichte an der Internationalen Hochschule Liebenzell, hat mit der vorliegenden Osnabr\u00fccker Dissertation einen wichtigen Beitrag zur Aufarbeitung der Beziehung zwischen Universit\u00e4tstheologie und Gemeinschaftsfr\u00f6mmigkeit geleistet.<\/p>\n\n\n\n<p>In der Einleitung (Teil 1, 11\u201322) kl\u00e4rt Ferderer den Stand der Forschung, Zielsetzung, Methodik und Quellen des darzustellenden Bereichs evangelischer Fr\u00f6mmigkeitsgeschichte. Besonders auf Konferenzen und in Zeitschriften spiegeln sich die Themen, die Gnadauer Gemeinschaftskreise in der Phase zunehmender Entfremdung von den Landeskirchen am Anfang des 20. Jahrhunderts besch\u00e4ftigten. Als historischen Kontext (Teil 2, 23\u201332) benennt Ferderer die wachsende S\u00e4kularisierung und die Kirchenaustrittsbewegung dieser Zeit. Beidem konnten die Landeskirchen mit der evangelistischen Arbeit der Inneren Mission und der sozialmissionarischen Arbeit der Diakonie keinen Einhalt gebieten. Freikirchen hatten zwar wachsenden Zulauf, waren aber dennoch gesellschaftlich eher unbedeutend.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Entfremdung zwischen der Gnadauer Gemeinschaftsbewegung und den Landeskirchen in den Jahren 1890 bis 1900 (Teil 3, 33\u201387) wurde von der Evangelischen Allianz, von der Evangelisations- und der Heiligungsbewegung beeinflusst. Ferderer zeichnet die vielf\u00e4ltigen personellen Verbindungen zwischen den verschiedenen Kreisen nach; er nimmt aber auch die Unterschiede ernst, die sich besonders in der Ekklesiologie, in der Zuordnung von Rechtfertigung und Heiligung sowie in der vom englischsprachigen Raum gepr\u00e4gten Fr\u00f6mmigkeitsliteratur und Hymnologie zeigen. Treibende Kraft der zunehmenden Kirchenferne war der Blankenburger Fl\u00fcgel der Evangelischen Allianz (85 u.&nbsp;\u00f6.).<\/p>\n\n\n\n<p>Die Vermittlungsversuche der Eisenacher Konferenzen von 1902 bis 1904 zwischen Landeskirchen, positiven Theologen und den Gnadauer Gemeinschaftskreisen sind Inhalt des Hauptteils von Ferderers Dissertation (Teil 4, 89\u2013181). Als Initiatoren sind besonders Johannes Lepsius und Samuel Keller zu nennen. W\u00e4hrend das Andenken von Lepsius gepflegt und erforscht wird, ist die monographische Aufarbeitung von Samuel Kellers Lebenswerk bis heute ein Desiderat. \u2013 Im \u201eWiedergeburtsstreit\u201c (101\u2013104) zwischen Lepsius und der Gemeinschaftsbewegung wurde diskutiert, ob die Bekehrung eine wesenhafte \u00c4nderung des Menschen bewirke (101, Neuauflage einer Diskussion in der vorkonkordistischen Phase des sp\u00e4treformatorischen Luthertums). Folglich bewegte dieses Thema die fast 400 Teilnehmer der ersten Konferenz in Eisenach vom 26. bis 28. Mai 1902. Adolf Schlatter und Hermann Cremer referierten \u00fcber das Verst\u00e4ndnis von Bekehrung und Heiligung. Aus dem Treffen ergaben sich Ann\u00e4herungen zwischen Gemeinschaften und den Universit\u00e4tslehrern. \u201ePastorale Gemeinschaftskonferenzen\u201c nahmen die Themen auf (134f). Johannes Lepsius bewegte besonders die \u201emoderne Theologie\u201c von A. Ritschl und A. von Harnack, vor der er warnen wollte (136). Auch wenn die Mehrheit der Gemeinschaftsleute kein Verst\u00e4ndnis f\u00fcr akademische Theologie hatte (142), verteidigten doch Theologen wie Otto Stockmayer und Ernst Modersohn die schliche theologische Arbeit in Gemeinschaftskreisen.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf der zweiten Eisenacher Konferenz vom 8. bis 10. Juni 1903 wurde intensiv \u00fcber das Verh\u00e4ltnis von Rechtfertigung und Heiligung bei Theodor Jellinghaus diskutiert (150\u2013152). Dieser widerrief einige Jahre sp\u00e4ter (1912) seine \u201eoberfl\u00e4chlichen biblischen Auffassungen\u201c zentraler theologischer Begriffe (150). Auf die bleibende Verschiedenheit der Lehren von Eisenachern und Gemeinschaftstheologen wies Friedrich Zeller, Schwager von Johannes Lepsius, mit der Aussage hin, dass die Verbalinspirationslehre nicht annehmbar sei (154). \u2013 Die dritte Eisenacher Konferenz (25. bis 27. Mai 1904) scheiterte schlie\u00dflich an der auch schon auf der Gnadauer Gemeinschaftskonferenz (24. bis 26. Mai 1904) umstrittenen Heiligungslehre von Jonathan Paul (157ff). Seine Vorstellung von Heiligungsstufen, Geistempfang und von der \u00dcberwindbarkeit der (Erb-)S\u00fcnde f\u00fchrte sp\u00e4ter zur Trennung der pfingstkirchlich orientierten Kreise von Gnadau. Nach der 3. Konferenz gr\u00fcndeten \u201eEisenacher\u201c einen Verband (1905: Bund) f\u00fcr innerkirchliche Evangelisation und Gemeinschaftspflege (vgl. 183), weil die F\u00f6rderung dieses Anliegens durch die Blankenburger \u201edarbystisch\u201c orientierten Allianzkreise nicht mehr gew\u00e4hrleistet zu sein schien. Ein Vermittlungsversuch Friedrichs von Bodelschwingh d.&nbsp;\u00c4. scheiterte. Dieser gr\u00fcndete darauf 1905 die positiv ausgerichtete Theologische Schule Bethel (170\u2013173). Die landeskirchlichen Beh\u00f6rden misstrauten weiterhin der Gemeinschaftsbewegung; die unabh\u00e4ngige innerkirchliche Evangelisationsbewegung kam zum Erliegen (173\u2013177).<\/p>\n\n\n\n<p>Im Eisenacher Bund sammelten sich von 1905 bis 1914 die Kr\u00e4fte, die f\u00fcr innerkirchliche Evangelisation und Gemeinschaftspflege standen (Teil 5, 183\u2013241). Da man Teile der Gemeinschaftsbewegung als Bedrohung der Stabilit\u00e4t der Landeskirchen empfand, wandte sich der \u201eBund\u201c nicht nur gegen \u201emoderne Theologie\u201c, sondern auch gegen das \u201eAllianzchristentum\u201c (188). Das Leitungsgremium des Eisenacher Bundes war \u00fcberwiegend deckungsgleich mit dem Vorstand der Deutschen Orient-Mission. Der Schwerpunkt der Hauptkonferenzen \u00e4nderte sich von 1906 bis 1914. Erbaulich-missionarische Veranstaltungen traten in den Hintergrund, die Themenauswahl war deutlich durch akademische Herausforderungen gepr\u00e4gt (197f). 1908 trat der vorwiegend evangelistisch arbeitende Samuel Keller aus (198). Die Treffen hatten zunehmend den Charakter kirchlicher Pastoralkonferenzen (200).<\/p>\n\n\n\n<p>Die in dieser Zeit zunehmend auftretenden pfingstlerisch-enthusiastischen Ph\u00e4nomene f\u00fchrten die Gnadauer Gemeinschaftsbewegung in eine Krise. Durch die Berliner Erkl\u00e4rung von 1909 trennten sich die Pfingstkreise von Gnadau, eine Neuausrichtung des Verbandes, auch in theologischer Hinsicht, wurde m\u00f6glich (227).<\/p>\n\n\n\n<p>Mit dem Ersten Weltkrieg endete die Arbeit der Eisenacher Konferenz nach sechzehn Tagungen (236). Doch blieben die Bem\u00fchungen der \u201eEisenacher\u201c nicht wirkungslos (Teil 6, 243\u2013261). Ferderer z\u00e4hlt dazu nicht nur die neue Ausrichtung der Gemeinschaftsbewegung, sondern auch ihre Ann\u00e4herung an den Eisenacher Bund und Distanzierung von der Blankenburger Allianz (245). 1913 entstand der Pastorengebetsbund (247, sp\u00e4ter \u201ePfarrergebetsbruderschaft\u201c). Auch die Gr\u00fcndung des Bethelkreises und der sp\u00e4teren Bekenntnisbewegung \u201eKein anderes Evangelium\u201c sind in diesem Umfeld erkl\u00e4rbar. Nicht zuletzt k\u00f6nnen theologische Str\u00f6mungen der heutigen Gnadauer Ausbildungsst\u00e4tten als Fortsetzung der universit\u00e4ren positiven und der sog. Bibeltheologen verstanden werden (260f).<\/p>\n\n\n\n<p>Im Fazit (Teil 7, 263\u2013270) fasst der Autor zusammen, weshalb die Eisenacher Konferenzen mit ihrem Anliegen innerkirchlicher Evangelisation scheitern mussten. Immer wieder weist Ferderer darauf hin, dass es zu wichtigen Str\u00f6mungen und Ereignissen wie den Gnadauer und den Blankenburger Konferenzen keine wissenschaftliche Sekund\u00e4rliteratur gibt. Das kann man ebenso feststellen, wenn man Ver\u00f6ffentlichungen zu Leben und Werk f\u00fchrender Pers\u00f6nlichkeiten wie Theodor Jellinghaus, Ernst Modersohn, Anna von Weling, Dora Rappard, Otto Stockmayer, Otto Funke und Theophil Krawielitzki sucht \u2013 um nur einige zu nennen. Bemerkenswert ist ebenso, dass es nach dem Ende der Eisenacher Konferenzen heute auch so gut wie kein lutherisches Gemeinschaftschristentum und entsprechendes Schrifttum mehr zu geben scheint.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Quellen- und Literaturverzeichnis (Teil 8, 271\u2013285) zeigt, was f\u00fcr eine gro\u00dfe Zahl von Zeitschriften, Protokollen und weiteren Ver\u00f6ffentlichungen Ferderer f\u00fcr die Dissertation ausgewertet hat. Als Anhang (Teil 9, 287\u2013311) findet man Originale abgedruckt: Die Einladung zur ersten Eisenacher Konferenz 1902, das Programm und die Satzung des Eisenacher Bundes 1905, die Berliner Erkl\u00e4rung von 1909 ohne Namen der Unterzeichner, eine tabellarische \u00dcbersicht zu den Vortr\u00e4gen der Eisenacher Konferenzen von 1902 bis 1914 und eine tabellarische Aufstellung von Biogrammen zu den wichtigsten genannten Pers\u00f6nlichkeiten, \u201ePersonenregister\u201c genannt (296\u2013311). Ein richtiges Personenregister w\u00e4re sinnvoll gewesen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Hochschulschrift von Eduard Ferderer bildet als erster Band der neuen Tabor-Reihe \u201ePietas et Scientia\u201c einen w\u00fcrdigen Auftakt f\u00fcr diese neuen Reihe. Die Arbeit zeigt deutlich ein Grundproblem theologischer Gespr\u00e4che jeder Art und mit Gespr\u00e4chspartnern unterschiedlicher kirchlicher Herkunft auf: Unn\u00f6tige Differenzen und Trennungen sind vorprogrammiert, wenn der Kenntnisstand von Theologie und dogmengeschichtlichen Auseinandersetzungen nicht ann\u00e4hernd gleich ist. Und weiter: Nat\u00fcrlich kommen im geistlich lebendigen Teil der Landeskirchen theologische Verst\u00e4ndnisfragen auf, die man sich in den abgestorbenen Teilen \u00fcberkommener Kircht\u00fcmer nicht zu stellen pflegt. Doch andererseits ist es unbegreiflich, dass sich die betreffenden aktiven Kreise nicht mehr mit ihrer eigenen Geschichte besch\u00e4ftigen.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p><em>Pfarrer Dr. Jochen Eber, Schriesheim<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eduard Ferderer: Bed\u00fcrfnis nach Verst\u00e4ndigung. 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