{"id":2325,"date":"2024-10-16T14:05:59","date_gmt":"2024-10-16T14:05:59","guid":{"rendered":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=2325"},"modified":"2024-10-16T14:06:00","modified_gmt":"2024-10-16T14:06:00","slug":"johann-arndt-vier-buecher-von-wahrem-christentum-1610","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=2325","title":{"rendered":"Johann Arndt: Vier B\u00fccher von wahrem Christentum (1610)"},"content":{"rendered":"\n<p>Johann Arndt: <em>Vier B\u00fccher von wahrem Christentum (1610). Buch 4<\/em>. Kritisch herausgegeben und kommentiert von Johann Anselm Steiger unter Mitwirkung von Ralf Schuster, Sarah Lehmann und Anika Zimmer, <em>Philipp Jakob Spener, Schriften, hg. von Erich Beyreuther (+) u. Dietrich Blaufu\u00df, Sonderreihe Texte \u2013 Hilfsmittel \u2013 Untersuchungen, Bd. VII.4; Johann-Arndt-Archiv, hg. von Johann Anselm Steiger, Bd. IV.4<\/em>, Hildesheim, Z\u00fcrich, New York: Georg Olms, 2023, \u20ac 248,\u2013, ISBN <a href=\"https:\/\/www.nomos-shop.de\/de\/p\/philipp-jakob-spener-schriften-gr-978-3-487-15896-9\" data-type=\"link\" data-id=\"https:\/\/www.nomos-shop.de\/de\/p\/philipp-jakob-spener-schriften-gr-978-3-487-15896-9\">978-3-487-15896-9<\/a><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p>Mit dem vorliegenden Band ist die historisch-kritische Ausgabe von Arndts \u201eVier B\u00fccher von wahrem Christentum\u201c abgeschlossen. Der in der Rezension zu Bd. 1 (<a href=\"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=1224\">https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=1224<\/a>) und Bd. 2 u. 3 (<a href=\"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=1719\">https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=1719<\/a> ) dieser Ausgabe ge\u00e4u\u00dferte Wunsch, diese Edition m\u00f6ge \u201ein absehbarem Zeitraum\u201c vollendet werden k\u00f6nnen, ist somit erfreulicherweise in Erf\u00fcllung gegangen.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch wenn sich die Rezension eigentlich nicht mit dem hier edierten Arndtschen Text selbst befassen muss, mag an dieser Stelle dennoch auf die Sonderfunktion des vierten Buches des WChr hingewiesen und einige inhaltliche Gedanken dargelegt werden. Arndt selbst spricht in der Vorrede von den beiden B\u00fcchern, die auf Gott und Christus hinweisen, n\u00e4mlich den <em>liber scripturae<\/em> (Heilige Schrift) und den <em>liber naturae<\/em> (Buch der Natur). Im vierten Buch wird nun die Natur als Zeuge bzw. als \u201eHandleiter\u201c (11) zu Gott und Christus aufgerufen. Freilich wird damit nicht darauf verzichtet, auf die Bibel als schriftliche Offenbarung Gottes zu verweisen. W\u00e4re das Buch nicht schon zu Beginn des 17. Jahrhunderts entstanden, l\u00e4se es sich vielmehr wie eine naturtheologische Apologetik der biblischen Wahrheiten. Vor allem im ersten Teil von Buch 4 wird in besonderer Weise deutlich, wie sehr sich Arndt mit der paracelsischen Denktradition besch\u00e4ftigt, also mit Paracelsus und dem italienischen Renaissanceplatoniker Marsilio Ficino (1433\u20131499). Selbst wer den Text mit seinen Anmerkungen nicht vollst\u00e4ndig liest, erkennt dies in dem auf S. 555\u2013565 gebotenen \u201eGesamtregister der Personen\u201c aller vier B\u00e4nde. Erscheinen die Namen dieser beiden Genannten in den B\u00fcchern 1 bis 3 nur ganz selten, so werden sie im ersten Teil von Buch 4 geradezu zu Hauptzeugen der Ausf\u00fchrungen Arndts, auch wenn Paracelsus selbst namentlich kaum erw\u00e4hnt wird. In der Arndtforschung ist dies nicht unbekannt. Doch durch die Edition werden die Ankl\u00e4nge und (teilweise) w\u00f6rtlichen Zitate leicht greifbar. Teil 1 ist \u00fcber die dargebotene \u201etheologia naturalis\u201c hinaus damit ein imposantes Zeugnis f\u00fcr die \u201ewissenschaftliche\u201c Natur- und Weltlehre damaliger Zeit, indem Arndt offensichtlich seine Lesefr\u00fcchte (vornehmlich, aber nicht nur des \u201evortrefflichen Teutschen Philosophi Paracelsi\u201c [79]) aus diesen Disziplinen mit dem Ziel zusammentr\u00e4gt, wie alle Beobachtung der \u201egro\u00dfen und kleinen Welt\u201c (S. 9) (Sch\u00f6pfung als \u201eMakrokosmus\u201c und Mensch als geistlich analoger \u201eMikrokosmos\u201c) zu Gott und Christus f\u00fchren. Als Beispiele sei verwiesen auf das Referat damaliger \u201ewissenschaftlicher Erkenntnis\u201c \u00fcber die Gr\u00f6\u00dfe der Sonne und deren Entfernung zu Erde (75, 77, 102), der st\u00e4rkeren Wirkung von Heilkr\u00e4utern auf hohen Bergen, weil sie dem Himmel n\u00e4her seien (53f), der Entstehung von Wind, Tau, Mineralien (91f) und anderes mehr. Alles wird dann auch geistlich gedeutet. Exemplarisch mag hier Arndts Abhandlung \u00fcber das Meer dienen, in der er sich auch mit der Schifffahrt besch\u00e4ftigt, die sich mit Hilfe des magnetischen Kompasses orientieren kann. Dieser \u201eMagnet\u201c als Wegweiser wird von Arndt auf Christus bezogen: \u201eAlso ist vnser Magnet Christus Jesus vnser Herr\u201c (134). Auf diese Weise ist der \u201eliber naturae\u201c nicht nur ein \u201eHandleiter\u201c zu dem weisen Sch\u00f6pfer, sondern immer auch ein Bild f\u00fcr den Erl\u00f6ser und verweist auf \u201eGott und Christus\u201c (10).<\/p>\n\n\n\n<p>Der zweite Teil des Buches, so weisen die Herausgeber mit Hilfe einer ausf\u00fchrlichen synoptischen Darstellung (Anhang I, 251\u2013420) nach, ist eng an Raimund von Sabundes (1385\u20131436) Werk \u201eTheologia naturalis\u201c angelehnt, in dem die \u00dcbereinstimmung von Natur und Bibel betont und ein ontologischer Gottesbeweis gef\u00fchrt wird. Dieser Teil, der wie eine \u201eAusdifferenzierung und Erweiterung des sechsten Kapitels des ersten Hauptteils\u201c (477) verstanden werden kann, ist \u201eassoziativ, kreisend, Themen variierend und neu aufnehmend\u201c (Hermann Geyer, Libri Dei. Die Buchmetaphorik von Johann Arndts \u201aVier B\u00fcchern von wahrem Christentum\u2018 als theosophisch-theologisches Programm, in: Hans Otte\/ Hans Schneider [Hg.], <em>Fr\u00f6mmigkeit und Theologie. Johann Arndt und die \u201eVier B\u00fccher vom wahren Christentum\u201c<\/em>, G\u00f6ttingen 2007, 132). Damit wirkt der Text h\u00e4ufig sehr redundant. Dass er \u2013 weil in zeitlicher N\u00e4he zu Arndts \u201ePsalterpredigten\u201c entstanden \u2013 reichlich (und teilweise w\u00f6rtlich) diese im ersten Teil von WChr&nbsp;4 (aber noch h\u00e4ufiger in WChr&nbsp;2) aufnimmt, wird in einer Tabelle (Anhang IV, 506-509, mit Einf\u00fchrung auf S.&nbsp;501\u2013506) belegt.<\/p>\n\n\n\n<p>Schaut man sich die vorliegende Edition an, ist ihre Textkonstituierung und -darbietung schon in den bisher vorliegenden B\u00e4nden (mit den dazu geh\u00f6renden Rezensionen, s.&nbsp;o.) beschrieben worden (vgl. die Hinweise auf S.&nbsp;451). Auch dieses Mal f\u00e4llt bei der Lekt\u00fcre auf, mit welch gro\u00dfer Sorgfalt die Varianten der verwendeten Auflage dokumentiert sind. Im historischen Kommentar sind vor allem die Worterkl\u00e4rungen nicht immer konsistent vorgenommen worden. Dass Begriffe erkl\u00e4rt werden, die f\u00fcr Leser, die an die Sprache des 17. Jahrhunderts nicht gewohnt sind, regelm\u00e4\u00dfig und meist mit einem Verweis auf das \u201eGrimmsche W\u00f6rterbuch\u201c erkl\u00e4rt werden, ist hilfreich. Dabei geschieht es aber gelegentlich, dass leichtverst\u00e4ndliche Wortvarianten eine Anmerkung erhalten (z.&nbsp;B. \u201esonderes\u201c f\u00fcr \u201ebesonderes\u201c u.&nbsp;\u00e4. [137, 153 u.&nbsp;\u00f6.]; \u201eempfahen\u201c f\u00fcr \u201eempfangen\u201c [42, 96]; unerl\u00e4utert bleibt dagegen die \u00e4hnlich verst\u00e4ndliche Form \u201ebeschleussen\u201c f\u00fcr \u201ebeschlie\u00dfen\u201c; 75), w\u00e4hrend andere, die einer Erl\u00e4uterung eher bedurft h\u00e4tten, unkommentiert bleiben (z.&nbsp;B. \u201eDreyeling\u201c, 37, oder \u201eim Mittel\u201c f\u00fcr \u201ein der Mitte\u201c, 44).<\/p>\n\n\n\n<p>In dem 565 Seiten starken Werk ben\u00f6tigt \u201eBuch 4\u201c des WChr nur 248 Seiten. Dazu kommen neben den schon genannten Synopsen in Anhang II eine Auflistung der in der Ausgabe verwendeten Drucke (423f), ein Verzeichnis der Emendationen (425\u2013429; dazu s. die Rezension zu Bd. 1), ein ausf\u00fchrliches \u201eQuellen- und Literaturverzeichnis\u201c zur gesamten Edition (431\u2013449), ein \u201eEditorischer Bericht\u201c (451f) und ein Nachwort (453\u2013484), das sich mit der Entstehung von Buch IV (453\u2013466), dem \u201eAufbau und traditionsgeschichtlichen Physiognome\u201c (467\u2013478) und \u201eArndts Adaptation von Pr\u00e4texten aus der \u201aTheologia naturalis\u2018 des Raimund von Sabunde\u201c besch\u00e4ftigt. Selbstverst\u00e4ndlich finden sich ein Bibelstellen- und Personenregister (487\u2013496) und ein Abk\u00fcrzungsverzeichnis (497). Schlie\u00dflich ist auf die zweisprachige Edition eines Briefs von Johann Arndt an Johann Gerhard vom 29.1.1608 zu verweisen, der aus dem Autograph ediert und ins Deutsche \u00fcbersetzt wurde (513\u2013523). Es handelt sich um ein Begleitschreiben der Sendung des zweiten bis vierten Buches als Manuskript \u201ezum Privatgebrauch\u201c (513f). Darin spiegeln sich die kritischen Reaktionen auf das erste Buch (514). Arndt reagiert darauf mit der nachdr\u00fccklichen Betonung seiner Rechtgl\u00e4ubigkeit (519) und definiert die von ihm anvisierte Zielgruppe als die \u201eChristen, bei denen die Bekehrung ihre t\u00e4glichen Fortschritte und Stufen machen und haben muss, durch welche [\u2026] [das Herz] dem Br\u00e4utigam Christus durch den Heiligen Geist und die t\u00e4glichen \u00dcbungen der Fr\u00f6mmigkeit und Bu\u00dfe mehr und mehr ge\u00f6ffnet [wird] und der innere Mensch von Tag zu Tag zur Teilhabe am gr\u00f6\u00dferen Licht und an den Gaben des Heiligen Geistes erneuert wird\u201c (515). Der Skopus eines jeden der vier B\u00fccher wird von ihm skizziert (518). Bemerkenswert ist Arndts Bekenntnis, \u201ebesonders im dritten Buch, das durchgehend vom inneren Menschen handelt\u201c noch nicht alles begriffen zu haben, \u201ebesonders die \u00e4u\u00dferst verborgenen Dinge nicht, die einige Theosophen und Gottesgelehrte vom innersten R\u00fcckzugsort der Seele auseinandersetzen\u201c (522). Ausdr\u00fccklich wird in diesem Zusammenhang Johann Tauler erw\u00e4hnt.<\/p>\n\n\n\n<p>Besonders hervorgehoben sei das Ende des Bandes dargebotene \u201eGesamtregister\u201c der Bibelstellen und Personen zu der gesamten Edition des WChr. Damit ist eine schnelle Orientierung vor allem zu Personen und Quellentexten, auf die sich Arndt bezog, m\u00f6glich.<\/p>\n\n\n\n<p>Dass das WChr eines der meistaufgelegten Erbauungsb\u00fccher ist, ist bekannt. Es ist deswegen \u00fcberaus hilfreich, dass der Text nun wissenschaftlich eingef\u00fchrt, konstituiert und kommentiert vorliegt. Trotz einer umfangreichen Forschungsliteratur zu Arndt sind noch zahlreiche Fragen der Rezeption offen. Viele der von Arndt verwendeten \u201eQuellen\u201c sind im Zuge der Arbeit an der Edition entdeckt worden und nun ordentlich dokumentiert. Die Rezeption dieses bedeutsamen Werkes \u201einnerhalb oder au\u00dferhalb des rechtgl\u00e4ubigen Luthertums\u201c (477) gilt es weiterhin zu erforschen. Nicht zuletzt gilt dies f\u00fcr die Bedeutung des WChr in den erwecklichen Bewegungen des Pietismus und der ihm folgenden Fr\u00f6mmigkeitsauspr\u00e4gungen. Dazu vermag die vorliegende Edition einen kr\u00e4ftigen Vorschub leisten.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p><em>Klaus vom Orde<\/em>, Halle (Saale)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Johann Arndt: Vier B\u00fccher von wahrem Christentum (1610). Buch 4. 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