{"id":2328,"date":"2024-10-16T14:20:02","date_gmt":"2024-10-16T14:20:02","guid":{"rendered":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=2328"},"modified":"2024-10-16T14:20:04","modified_gmt":"2024-10-16T14:20:04","slug":"dagmar-konrad-missionskinder","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=2328","title":{"rendered":"Dagmar Konrad: Missionskinder"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dagmar Konrad: <em>Missionskinder.<\/em> <em>Migration und Trennung in Missionarsfamilien der Basler Mission des 19. Jahrhunderts<\/em>, M\u00fcnster: Waxmann, 2023, Pb., 368\u00a0S., \u20ac\u00a039,90, ISBN <a href=\"https:\/\/www.waxmann.com\/waxmann-buecher\/?no_cache=1&amp;tx_p2waxmann_pi2%5Bbuch%5D=BUC128600&amp;tx_p2waxmann_pi2%5Baction%5D=show&amp;tx_p2waxmann_pi2%5Bcontroller%5D=Buch&amp;cHash=b194788d5f8947ac005f151ad66ba3db\" data-type=\"link\" data-id=\"https:\/\/www.waxmann.com\/waxmann-buecher\/?no_cache=1&amp;tx_p2waxmann_pi2%5Bbuch%5D=BUC128600&amp;tx_p2waxmann_pi2%5Baction%5D=show&amp;tx_p2waxmann_pi2%5Bcontroller%5D=Buch&amp;cHash=b194788d5f8947ac005f151ad66ba3db\">978-3-8309-4698-4<\/a><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dagmar Konrad hat 2001 ihre weithin bekannte Dissertation \u00fcber pietistische Missionsbr\u00e4ute der Basler Mission im 19. Jahrhundert ver\u00f6ffentlicht. Die Monographie traf auf gro\u00dfes Interesse, so dass im Jahr 2013 eine vierte, bearbeitete Auflage erscheinen konnte. Hat die Autorin in ihrer Hochschulschrift den Weg der Frauen von der europ\u00e4ischen Heimat in die neue \u00fcberseeische Heimat nachgezeichnet, folgt sie in der vorliegenden Studie dem Weg der Missionskinder in umgekehrter Richtung: aus der Ferne in die Heimat ihrer Eltern (5).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Familie des Missionars ist eher ein Nebenthema \u2013 wenn \u00fcberhaupt \u2013 der klassischen Missionsgeschichtsschreibung. Traditionelle Missionsgeschichte besch\u00e4ftigt sich mit der Ausbreitung des Christentums seit seinen Anf\u00e4ngen, mit V\u00f6lkern, L\u00e4ndern, Missionsmethoden und Hindernissen, Bekehrtenzahlen und entstandenen einheimischen Kirchen als Missionsziel. Missionarsfamilien sind dagegen in der \u00e4lteren Literatur Gegenstand erbaulicher oder familiengeschichtlicher Darstellungen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die <em>Kinder <\/em>von Missionsfamilien sind ein wichtiges, aber bisher nur wenig wissenschaftlich erforschtes Thema. In den letzten Jahren erschienen zwei Ver\u00f6ffentlichungen, die sich mit dem Thema besch\u00e4ftigen: Hans-Beat Motel:<em> Mama, mein Herz geht kaputt! Das Schicksal der Herrnhuter Missionskinder<\/em> (Herrnhut: Comenius-Buchhandlung, 2013, 2. Aufl. 2021, 184 S., \u20ac 14,90, ISBN 978-3-9814838-4-0) und Annemarie T\u00f6pperwien: <em>Heimgeschickt. Ein Bericht \u00fcber Kinder von Missionaren der Rheinischen Mission<\/em> (Mission und Gegenwart, Bd. 1, K\u00f6ln: Verlag R\u00fcdiger K\u00f6ppe, 2008, Pb., 144 S., \u20ac 24,80, ISBN-13 978-3-89645-751-6). Auch heute noch verlassen Missionare aus verschiedenen L\u00e4ndern und von verschiedenen Kontinenten ihre Heimat f\u00fcr einen transkulturellen Dienst in anderen Regionen der Welt. Das Stichwort <em>Third Culture Kids<\/em> hat sich zu einem eigenen Thema entwickelt, das interkulturelle Erfahrungen und Probleme von Missionskindern und Expat-Kindern zusammenschlie\u00dft (vgl. Konrad, 314, 421, 340\u2013344). David Pollock hat gemeinsam mit Ruth Van Reeken und Georg Pfl\u00fcger im Buch <em>Third Culture Kids. Aufwachsen in mehreren Kulturen<\/em> (Marburg: Francke-Buch, 2003, Pb., 400&nbsp;S., \u20ac&nbsp;14,95, ISBN 978-3-86122-632-1) das Thema vor \u00fcber zwanzig Jahren auch in Deutschland bekannt gemacht (engl. EA 1999).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dagmar Konrad besch\u00e4ftigt sich mit dem Thema \u201eMissionskinder\u201c in historischer Perspektive. Ihre Untersuchung verleiht der gegenw\u00e4rtigen Diskussion geschichtlichen Tiefgang. Viele Fragestellungen sind nicht erst in den letzten Jahrzehnten entstanden. \u201eMigration und Trennung\u201c ist der besondere Untersuchungsgegenstand von Konrad: \u201eIm Zentrum des Interesses dieser Studie steht das Missionspaar mit seinen Kindern, die nach Europa gesandt werden m\u00fcssen, also getrennte Familien\u201c (Einleitung, 12).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Sie teilt ihre Darstellung in drei Hauptthemen, die der Chronologie der Abl\u00e4ufe folgen (21): \u201eI. im Missionsfeld\u201c (29\u2013108), \u201eII. Abschied und Trennung\u201c (109\u2013160), \u201eIII. Neues Leben in Europa\u201c (161\u2013340). In der Einleitung stellt die Verfasserin den Zusammenhang ihres Themas mit anderen Forschungskontexten dar (11\u201318), au\u00dferdem die ausgewerteten Quellen, Methoden, den Aufbau der Arbeit (18\u201324), und wie es dazu kam, dass die Basler Mission nach der Geburt der ersten Missionskinder 1851 im Jahr 1859 begann, ein Knaben- und ein M\u00e4dchenhaus zu errichten (24\u201328).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Im ersten Teil stellt Konrad den Kreis der Themen zusammen, die sich mit dem Missionspaar, das Familie wird, besch\u00e4ftigen (29\u2013108). Das Missionspaar hat auf dem Missionsfeld geheiratet; bei Schwangerschaft und Geburt fehlt das begleitende Netzwerk, das der werdenden Mutter in der Heimat eigentlich geholfen h\u00e4tte (36). Die Missionarsfamilie soll Vorbild des gelebten Christentums in einer nicht-christlichen Umwelt sein (29). Missionskinder schlagen interkulturelle Br\u00fccken zum Hauspersonal, Kinderm\u00e4dchen und Einheimischen (40, 43). Im Gegensatz zur Lebensweise der Kolonialbeamten geht die Missionsfamilie nicht auf Distanz zu den Einheimischen und ihren Kindern (54\u201356, 58).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Stationen und Ereignisse im Leben des Kindes behandelt Konrad unter den Themen \u201e,Das Z\u00f6rnle kriegen\u2018 \u2013 Das b\u00f6se Kind\u201c, \u201e,Ein K\u00fcssle geben\u2018\u2013 Das liebe Kind\u201c und weiter \u00fcber das kranke, das sterbende \/ tote und das fromme Kind (62\u201389). Ausf\u00fchrlich wird der Kontakt zwischen den Kulturen am Beispiel des Kinderm\u00e4dchens behandelt (89\u2013108).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Abschied und Trennung der Missionseltern von ihren Kindern ist das zweite gro\u00dfe Thema der Untersuchung (109\u2013160). Diese \u00dcbergangssituation wird als eine Art Glaubenspr\u00fcfung verstanden, sie st\u00fcrzt in Abw\u00e4gungen zwischen Glaube und Vernunft, in Zweifel, N\u00f6te und \u00c4ngste (110\u2013114). Verschiedene Phasen folgen aufeinander, wobei die wochen- und monatelange Seereise zur eindr\u00fccklichen Metapher f\u00fcr die Lebensreise wird (131). Als \u201eTrostkind\u201c wird das j\u00fcngste Kind der Missionarsfamilie bezeichnet, das den Eltern im Missionsland bleibt, w\u00e4hrend die Geschwister zur Ausbildung in der fremden europ\u00e4ischen Heimat weilen (134, 146\u2013148). Zu den \u201epietistischen Abschiedsritualen\u201c geh\u00f6ren Beten und Bibellesen, Psalmen sprechen, Herzen [Umarmen, Liebkosen] und K\u00fcssen, Winken und Weinen (159).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die H\u00e4lfte des Buchs nimmt das neue Leben der Missionskinder in Europa in den Blick (161\u2013340). Der Briefwechsel dokumentiert oft das ganze Leben der Missionsfamilie wie ein Tagebuch (161). Hilfsvereine, engagierte Pfarrfamilien, Adoptionsinteressierte, alleinstehende Frauen und besonders auch Frauen aus gro\u00dfb\u00fcrgerlichen Basler Familien engagieren sich f\u00fcr das Wohl der Kinder (173\u2013186).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Hermann Hesse, der selber einer Missionsfamilie entstammt, schildert pr\u00e4gnant das Leben im christlichen Umfeld des Basler Missionskinderhauses (187). Das M\u00e4dchenhaus wurde von einer Vorsteherin geleitet, das Knabenhaus von einem Hauselternehepaar. Der interkulturelle Wissens- und Erfahrungsvorsprung der gr\u00f6\u00dferen Missionskinder wurde unter dem Thema vermeintlicher Arroganz oft behandelt (193). Die Erziehung unterschied sich in ihrer Strenge nicht von der damaligen P\u00e4dagogik (228). Ausz\u00fcge aus w\u00f6chentlichen Berichten und Monatsberichten der Vorsteherin Scholz (200\u2013212) schildern die christliche Gemeinschaft. Besonders spannend ist der Abschnitt \u00fcber Fotografien, die N\u00e4he zwischen Eltern und Kindern herstellen sollten, aber Fremdheit in der tats\u00e4chlichen Begegnung nicht verhindern konnten (244\u2013255). Oft wurden auf den Aufnahmen Familien- und Geschlechterstereotypen inszeniert (251).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Eine wichtige Funktion im Leben der Kinder, die im Missionskinderhaus und nicht bei Verwandten aufwuchsen, hatte die Konfirmation (263). Mit der Konfirmation wurden Kindheit und Erwachsensein voneinander getrennt. F\u00fcr die Jungen, die das Missionshaus verlie\u00dfen, hie\u00df das, eine mehrj\u00e4hrige Lehre anzutreten. M\u00e4dchen hatten zum Teil sehr bewegte Lebensl\u00e4ufe mit vielen Ver\u00e4nderungen der Lebensorte- und aufgaben. Konrad schildert dies eindr\u00fccklich an den drei Fallbeispielen der Missionskinder Emilie Hasenwandel, Gustav Beierbach und Rosine (R\u00f6sle) Widmann (274\u2013326).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In abschlie\u00dfenden \u00dcberlegungen zum Thema Heimat, R\u00fcckkehr und Entfremdung (326\u2013344) geht die Verfasserin auf Parallelen zur heutigen Diskussion \u00fcber Third Culture Kids ein (siehe oben). Es gibt durchaus Entsprechungen zwischen der Situation von Missionsehepaaren und den Menschen, die wir heute als \u201eArbeitsmigranten\u201c bezeichnen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dagmar Konrad hat mit ihrer Monografie eine bedeutende Quellenstudie vorgelegt, die auch durch umfangreiche Kenntnis der Sekund\u00e4rliteratur verschiedener Forschungsbereiche imponiert. Die Lekt\u00fcre erschlie\u00dft nicht nur familien- und missionsgeschichtlich Neuland, sondern ist in vielen Teilen sehr bewegend zu lesen und geht wie ein Roman ans Herz des Lesenden. Zugleich ist das Werk auch ein St\u00fcck Basler Lokalgeschichte, die das christlich-soziale Engagement \u00f6rtlicher Eliten \u2013 aus denen sich auch das Missionskomitee rekrutierte \u2013 geb\u00fchrend beleuchtet. Was an einigen Stellen als \u201epietistisch\u201c eingeordnet wird, ist allerdings manchmal eher evangelisches oder christliches, vielleicht sogar \u201eweltlich-\u201c zeitbedingtes Allgemeingut, nur dass lebenspraktische Maximen und Handlungsweisen in pietistischen Kreisen gewohnheitsgem\u00e4\u00df christlich-biblisch hergeleitet wurden. Die 48 Abbildungen stellen eine gute Erg\u00e4nzung zum Text dar. Weitere kann man online auf der Seite bmarchives.org finden. Konrads wichtige Studie fordert geradezu weitere Untersuchungen zur Fr\u00f6mmigkeit und Herkunft der Basler Missionarsfamilien. <\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Pfarrer Dr. Jochen Eber, Schriesheim<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dagmar Konrad: Missionskinder. Migration und Trennung in Missionarsfamilien der Basler Mission des 19. 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