{"id":2331,"date":"2024-10-16T14:22:08","date_gmt":"2024-10-16T14:22:08","guid":{"rendered":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=2331"},"modified":"2024-10-16T14:22:09","modified_gmt":"2024-10-16T14:22:09","slug":"peter-schaefer-kurze-geschichte-des-antisemitismus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=2331","title":{"rendered":"Peter Sch\u00e4fer: Kurze Geschichte des Antisemitismus"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Peter Sch\u00e4fer: <em>Kurze Geschichte des Antisemitismus<\/em>, M\u00fcnchen: Piper Verlag, 2022 (Nachdruck; Original bei C.H.\u00a0Beck, 2020), Pb., 335\u00a0S., \u20ac\u00a014,\u2013, ISBN <a href=\"https:\/\/www.piper.de\/buecher\/kurze-geschichte-des-antisemitismus-isbn-978-3-492-31143-4\" data-type=\"link\" data-id=\"https:\/\/www.piper.de\/buecher\/kurze-geschichte-des-antisemitismus-isbn-978-3-492-31143-4\">978-3-492-31143-4<\/a><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Peter Sch\u00e4fer war Professor an mehreren Universit\u00e4ten sowie Direktor des <em>J\u00fcdischen Museums Berlin<\/em>. Sein Forschungsschwerpunkt ist das antike Judentum. Den Begriff \u201eAntisemitismus\u201c verwendet Sch\u00e4fer \u201ef\u00fcr alle ausgepr\u00e4gten Formen von Judenhass und Judenfeindschaft\u201c (9). Auf eine konsequente Unterscheidung zwischen \u201eantijudaistisch\u201c und \u201eantisemitisch\u201c verzichtet Sch\u00e4fer ausdr\u00fccklich, er spricht also auch beim Christentum meistens von \u201eAntisemitismus\u201c. Sch\u00e4fer wirft folgende zentrale Frage auf: \u201eWann wird innerj\u00fcdische Polemik antij\u00fcdisch und schl\u00e4gt in Antijudaismus um \u2026?\u201c (45). Eine grunds\u00e4tzliche Kl\u00e4rung dieser Frage versucht er jedoch nicht, er urteilt dann also spontan im Einzelfall.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Laut Sch\u00e4fer ist der Antisemitismus \u201eso alt wie die j\u00fcdische Diaspora selbst\u201c (9), ist also nichts spezifisch Christliches. Dass viele Juden in der Diaspora leben mussten, sei vor allem eine Folge j\u00fcdischer Aufst\u00e4nde.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Im Hinblick auf die Geschichte des Antisemitismus wird von Sch\u00e4fer \u201eder Religion bzw. christlichen Theologie insgesamt ein viel gr\u00f6\u00dferes Gewicht einger\u00e4umt\u201c, als \u201echristliche&nbsp; Theologen \u2026 ihr zugestehen wollen\u201c (13f). Man beachte das Wort \u201ewollen\u201c \u2013 eine von seiner eigenen abweichende Sichtweise kann sich Sch\u00e4fer also nur erkl\u00e4ren, indem er Andersdenkenden unsachliche Motive unterstellt. Er behauptet, dass \u201eTheologen immer noch und allzu oft daran gelegen ist, die Bedeutung der christlichen Manifestationen des Antisemitismus herunterzuspielen und die Kirchen damit zu exkulpieren\u201c (14). Was die Kirchen im deutschen Sprachraum betrifft, habe ich den gegenteiligen Eindruck, dass sie n\u00e4mlich h\u00e4ufig und pauschal Selbstkritik am Verhalten der gesamten Christenheit gegen\u00fcber \u201eden Juden\u201c \u00fcben \u2013 siehe z. B. eine Stellungnahme aus der EKD (266f). Demgegen\u00fcber pl\u00e4diere ich f\u00fcr eine differenzierte Betrachtung geschichtlicher Vorg\u00e4nge, denn diese sind oft komplex.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das Christentum vor Augen meint Sch\u00e4fer, dass \u201edie religi\u00f6se Wurzel des Antisemitismus\u201c, die \u201eVerankerung in der Religion\u201c, \u201evon der modernen Antisemitismusforschung lange vernachl\u00e4ssigt wurde\u201c (295). Das mag ein Indiz daf\u00fcr sein, dass Sch\u00e4fers starke Fixierung auf eine christliche Judenfeindschaft von seinen Kollegen nicht geteilt wurde (und wird?).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Sein Kapitel \u00fcber das Neue Testament (43\u201366) beginnt mit folgendem Satz: \u201eDie Geschichte des Christentums und damit auch der christlichen Judenfeindschaft beginnt mit dem Neuen Testament.\u201c Das klingt so, als w\u00e4re Judenfeindschaft ein wesentlicher Teil des Christentums. Hier ist zu bedenken, dass am von Sch\u00e4fer hier angesprochenen Beginn des Christentums die Judenchristen stehen, was sich auch darin zeigt, dass die Autoren der neutestamentlichen Schriften \u201ein der Mehrzahl geb\u00fcrtige Juden\u201c waren (44). Dass diese geb\u00fcrtigen Juden einen grunds\u00e4tzlichen Judenhass gehabt h\u00e4tten, ist von vornherein unwahrscheinlich. Eine unparteiische Geschichtsbetrachtung sollte auch erw\u00e4hnen, dass die Bewegung der Jesusanh\u00e4nger anfangs durch Juden bek\u00e4mpft wurde. Dass Paulus die junge Bewegung bek\u00e4mpfte, erw\u00e4hnt Sch\u00e4fer (44). Aber das konnte Paulus nicht als Einzelk\u00e4mpfer tun, sondern mit Unterst\u00fctzung durch f\u00fchrende Juden. Ein weiteres Indiz f\u00fcr die gewaltsame Bek\u00e4mpfung der Jesusbewegung liegt in der Steinigung des Jakobus, des Bruders Jesu, nach einem Beschluss des Hohen Rats, wie Flavius Josephus berichtet (in <em>J\u00fcdische Altert\u00fcmer<\/em>, Buch XX). Das erw\u00e4hnt Sch\u00e4fer nicht. Die anf\u00e4ngliche Christenfeindschaft von Juden ist ein wesentlicher Faktor f\u00fcr die tragische Entfremdung zwischen Juden und (Juden-)Christen. Wer die Schuld f\u00fcr diese Entfremdung einseitig nur bei Christen sucht, blendet einen Teil der historischen Realit\u00e4t aus.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Sch\u00e4fer meint, die Paulusbriefe \u201esind alle keine theologischen Abhandlungen, sondern Gelegenheitsschriften\u201c (45). Das ist ein unrealistischer Gegensatz: Zwar werden Briefe nat\u00fcrlich aus konkreten Anl\u00e4ssen (\u201eGelegenheiten\u201c) geschrieben, aber sie k\u00f6nnen dennoch in gro\u00dfen Teilen theologische Abhandlungen enthalten (das gilt vor allem f\u00fcr den <em>R\u00f6merbrief<\/em>).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das Matth\u00e4us-Evangelium berichtet eine Reihe von Ausspr\u00fcchen Jesu mit scharfer Kritik an Pharis\u00e4ern (\u201eHeuchler\u201c). Diese Ausspr\u00fcche ordnet Sch\u00e4fer aber nicht als \u201eantij\u00fcdisch\u201c ein, sondern er differenziert: \u201eBei aller bisher ungeh\u00f6rten Sch\u00e4rfe bleiben sie im Rahmen einer innerj\u00fcdischen Polemik.\u201c (54) Diese Worte kann man \u201eleicht als die ureigene und authentische Stimme Jesu verstehen\u201c (55). Aber im weiteren Verlauf der Geschichte werden \u201esie ihre verh\u00e4ngnisvolle Wirkung entfalten\u201c (55). Besonders problematisch findet Sch\u00e4fer den Passionsbericht, dessen Gesamtaussage er folgenderma\u00dfen deutet: Es war \u201edas Volk der Juden in seiner Gesamtheit\u201c, das den Tod Jesu verlangte, und: \u201eDie Juden sind dem Matth\u00e4usevangelium zufolge schuld am Kreuzestod Jesu\u201c (57). Sch\u00e4fer sieht Bilder \u201evom kollektiven Hass des ganzen j\u00fcdischen Volkes auf Jesus im Matth\u00e4usevangelium\u201c (65). Aber auch wenn Sch\u00e4fer die Wirkungsgeschichte des Matth\u00e4usevangeliums betont, f\u00fchrt er bei der Darstellung der weiteren Jahrhunderte nie eine konkrete Mt-Stelle an \u2013 Gleiches gilt f\u00fcr das JohEv. Waren also doch keine konkreten Aussagen der Evangelien an bestimmten Judenverfolgungen so stark beteiligt, dass sie bei der Darstellung dieser Verfolgung erw\u00e4hnenswert w\u00e4ren?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Am Ende des Buches stehen Endnoten; es gibt also keine Fu\u00dfnoten, daher ist das Nachschlagen m\u00fchsam. Danach kommen ein Literaturverzeichnis sowie ein sehr wertvolles <em>Personen- und Ortsregister<\/em>. Darin kann man auch nach <em>Matth\u00e4us (Evangelist)<\/em> suchen, und findet alle im Buch erw\u00e4hnten Matth\u00e4us-Stellen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Im JohEv meint Sch\u00e4fer die st\u00e4rkste Judenfeindschaft innerhalb des NT zu erkennen. Er \u00fcberschreibt das betreffende Kapitel mit \u201eDas Johannesevangelium: Die Juden als S\u00f6hne der Finsternis\u201c (58-66). Diese \u00dcberschrift ist verfehlt. Das l\u00e4sst sich bereits an Jesu Aussage: \u201eDas Heil kommt von den Juden\u201c (Joh 4,22) erkennen. Denn gem\u00e4\u00df Sch\u00e4fers Gleichsetzung w\u00fcrde sich hier ergeben, dass das Heil von den \u201eS\u00f6hnen der Finsternis\u201c kommt \u2013 was bestimmt nicht die Aussage des JohEv ist. Sch\u00e4fer zitiert viele Abschnitte aus dem JohEv, u.&nbsp;a. aus Kap. 3 und 5 \u2013 aber aus Kap. 4 f\u00fchrt er nichts an. Ist ihm der von mir genannte Vers nicht aufgefallen?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die von Sch\u00e4fer konstruierte Verkn\u00fcpfung von \u201eFinsternis\u201c und \u201eJuden\u201c gibt es im JohEv nicht. Der Prolog bezieht sich auf die Menschheit insgesamt: Das \u201eLicht der Menschen\u201c (Joh 1,4) kam in den <em>Kosmos<\/em> (Joh 1,10). Diese Linie wird beibehalten, z.B. in Joh 3,19: \u201eDie Menschen <em>[also nicht speziell die Juden!]<\/em> liebten die Finsternis mehr als das Licht\u201c. Aber Sch\u00e4fer deutet den Prolog so, als w\u00e4ren mit der Finsternis speziell die Juden gemeint.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wir w\u00fcnschen uns heute eine st\u00e4rker differenzierende Ausdrucksweise, als wir sie in Texten der Antike \u2013 und so auch in der Bibel \u2013 finden. Sch\u00e4fer verweist darauf, dass im JohEv die Gegner Jesu \u201eoft und generalisierend schlicht \u201adie Juden\u2018 genannt\u201c werden. Damit k\u00f6nnte bei oberfl\u00e4chlicher Betrachtung der Eindruck entstehen, dass hier die Gesamtheit der Juden als Gegner Jesu hingestellt wird. Bei genauerem Hinsehen kl\u00e4rt sich ein solches Missverst\u00e4ndnis auf, denn auch Johannes der T\u00e4ufer, Jesus selbst sowie seine ersten Anh\u00e4nger waren Juden, so dass klar ist, dass das JohEv nicht pauschal alle Juden als Gegner Jesu hinstellen will. Und bei einer Aussage wie \u201eDie Juden hoben Steine auf, um Jesus zu steinigen\u201c (Joh 8,31) ist von vornherein klar, dass es nicht das gesamte Volk war, das Steine aufhob; das taten wohl blo\u00df einige jener Juden, die mit Jesus stritten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u00dcbrigens finden wir pauschale Beschuldigungen auch oft bei den Propheten des AT, z. B. in Jes 1,3f: \u201eIsrael hat keine Erkenntnis, mein Volk hat keine Einsicht.\u2002Wehe der s\u00fcndigen Nation, dem schuldbeladenen Volk, der Brut von \u00dcbelt\u00e4tern, den S\u00f6hnen, die Verderben bringen! Sie haben den HERRN verlassen, den Heiligen Israels verschm\u00e4ht und ihm den R\u00fccken zugekehrt.\u201c Wenn solche generalisierenden S\u00e4tze im NT stehen w\u00fcrden, st\u00fcnden sie wohl auch unter Antisemitismus-Verdacht. Aber da sie im AT stehen, bezeichnet sie niemand als \u201eantisemitisch\u201c. Das zeigt, dass manche Antisemitismus-Historiker gegen\u00fcber dem NT besonders argw\u00f6hnisch sind \u2013 und dann rasch S\u00e4tze zu finden meinen, die ihre Vorurteile best\u00e4tigen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Unter der von vorgeblichen Juden gebildeten \u201eSynagoge des Satans\u201c in Apk 2,9 und 3,9 versteht Sch\u00e4fer j\u00fcdische Synagogen: \u201eDie Juden haben demnach Satan zum Vater, \u2026, und ihre angeblich j\u00fcdische Synagoge ist keine Synagoge, sondern die Versammlungsst\u00e4tte der Abk\u00f6mmlinge Satans.\u201c (65). Aber das griechische Wort \u201eSynagoge\u201c bedeutet einfach \u201eVersammlung\u201c. Wenn im NT au\u00dferhalb von Galil\u00e4a eine \u201eSynagoge der Juden\u201c gemeint ist, wird das mitunter entsprechend pr\u00e4zisiert (so in Thessalonich, Apg 17,1). Und dass den Juden pauschal ihr Jude-Sein abgesprochen wird, w\u00e4re im ganzen NT einzigartig. Sch\u00e4fers Deutung ist also von vornherein unwahrscheinlich.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Sch\u00e4fer klammert \u201edie j\u00fcdische Auseinandersetzung mit dem Christentum im Mittelalter\u201c aus (14). Das betrachte ich als Mangel, denn wenn zwei Seiten gegenseitig polemisieren, und blo\u00df die Polemik der einen Seite dargestellt wird, entsteht ein einseitiges, schiefes Bild von der Vergangenheit. Sch\u00e4fer k\u00fcndigt an, ausnahmsweise \u201edie j\u00fcdische polemische Streitschrift <em>Toledot Jeschu<\/em> (\u201aLebensgeschichte Jesu\u2018)\u201c irgendwo im Buch darzustellen (14); diese bespricht er dann knapp (134\u2013137), versteckt im mit \u201eAngst vor selbstbewussten Juden\u201c \u00fcberschriebenen Kapitel (132f). \u201eDiese Schrift \u2026 entstand im sp\u00e4tantiken Judentum\u201c (134f). \u00c4hnliche Inhalte finden sich auch in einem Werk des heidnischen Philosophen Celsus, der sich auf den Bericht eines Juden st\u00fctzte, der angeblich mit Jesus selbst Kontakt hatte. Viele Zitate daraus bringt Origenes in seiner Schrift \u201eContra Celsum\u201c. Zu den Behauptungen dieses Juden geh\u00f6rte, dass Jesus in \u00c4gypten Zauberei gelernt hatte und deshalb Wunder tun konnte, und dass der Verlobte seiner Mutter die Verlobung aufl\u00f6ste, weil sie angeblich eine intime Beziehung mit einem Soldaten namens Panthera hatte, woraus der uneheliche Sohn Jesus hervorging. Das bezeichnet Sch\u00e4fer, im Kap. \u201eJ\u00fcdische Polemik gegen das Christentum\u201c (81\u201383), als die \u201eboshafteste Zuspitzung dieser j\u00fcdischen Umkehrung der Geburtsgeschichte\u201c. Aber Sch\u00e4fer hat Verst\u00e4ndnis daf\u00fcr; nach ihm sei diese \u201epolemische Umdeutung \u2026. ein Indiz daf\u00fcr, dass die Juden [!] den virulenten christlichen Antijudaismus nicht kampflos hinnahmen\u201c. Allerdings richtete sich diese Polemik gegen keinen Antijudaismus; die Behauptung etwa, dass Jesus von einer Jungfrau geboren wurde, ist nicht antijudaistisch, und auch nicht die Behauptung, dass Jesus Wunder tat.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Hier schreibt Sch\u00e4fer pauschal \u201edie Juden\u201c, obwohl vermutlich nur ein Teil der Juden auf diese Art polemisierte. Beim JohEv kritisiert Sch\u00e4fer eine \u00e4hnliche pauschale Ausdrucksweise &#8230; Wegen solcher mangelnden Differenzierung sollten wir Modernen also weniger streng sein gegen\u00fcber Texten der Antike!<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Bei Augustinus differenziert Sch\u00e4fer: Neben scharfen Aussagen \u00fcber Juden sieht er bei ihm eine in der Kirche einflussreiche Bibelauslegung, welche \u201evielen Juden das Leben retten\u201c sollte (92\u201395).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Einflussreich war auch Papst Gregor der Gro\u00dfe, welcher Juden sch\u00fctzen wollte und sich 598 in einem Brief \u201egegen die Zwangstaufe von Juden\u201c aussprach (122). Auf seiner Linie lagen sp\u00e4tere P\u00e4pste, ebenso die wichtige, <em>Decretales<\/em> genannte Sammlung kirchenrechtlicher Texte von 1234 (123).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Sch\u00e4fer beschreibt Gewaltexzesse im Hochmittelalter, \u201ewie sie bis dahin unbekannt und undenkbar waren\u201c (137), und beginnt mit dem Ersten Kreuzzug ab 1096. Daraus ergibt sich indirekt auch, dass es etwa ein Jahrtausend (!) lang derartige Gewaltexzesse gegen Juden nicht gab. Diese positive Einsicht wird von Antisemitismus-Historikern kaum beachtet, so dass sie oft f\u00e4lschlich das Bild einer st\u00e4ndigen Bek\u00e4mpfung der Juden durch die Kirche vermitteln. Auch Sch\u00e4fer meint eine kontinuierliche Entwicklung \u201ezunehmend und unaufhaltsam in Richtung auf die rigorose Vertreibung\u201c zu sehen (121).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dieses Jahrtausend relativer Ruhe legt eine weitere Einsicht nahe: Die im NT enthaltene Kritik an Juden f\u00fchrte bei Christen nicht dazu, Juden zu bek\u00e4mpfen. W\u00e4re eine solche Tendenz im NT angelegt, h\u00e4tte sie sich schon fr\u00fcher ausgewirkt. Und umgekehrt ist nicht plausibel, dass es ausgerechnet um 1100 in der Bev\u00f6lkerung Mitteleuropas eine so intensive Besch\u00e4ftigung mit dem (lateinischen!) NT gegeben h\u00e4tte, so dass darin die Ursache f\u00fcr Gewaltexzesse zu sehen w\u00e4re. Sch\u00e4fer versucht allerdings spekulativ, eine Verbindung vom JohEv zu Judenverfolgungen im Hochmittelalter herzustellen, gibt daf\u00fcr aber keine Belege an. Und er behauptet sogar, dass die Bev\u00f6lkerung den p\u00e4pstlichen Aufruf zum Kreuzzug gegen Muslime im Heiligen Land von \u201evon Anfang an auch als einen Aufruf gegen die Juden im eigenen Land\u201c verstanden h\u00e4tte (138). Auch diese Behauptung belegt er nicht weiter. Die Bisch\u00f6fe verstanden den Aufruf des Papstes anscheinend nicht so, denn sie versuchten die Juden zu sch\u00fctzen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Fazit: Peter Sch\u00e4fer behandelt in seiner mehr als 300-seitigen <em>Kurzen Geschichte des Antisemitismus<\/em> das Schicksal von au\u00dferhalb Israels lebenden Juden vom Altertum bis zur Gegenwart. Als Gemeinschaft mit eigenen Regeln inmitten einer andersgl\u00e4ubigen Bev\u00f6lkerung zu leben, war stets mit einer Gef\u00e4hrdung verbunden. Umso bemerkenswerter ist es, dass Juden im christianisierten Europa bis etwa 1100 n.Chr. zwar oft eingeschr\u00e4nkt wurden, aber relativ friedlich leben konnten. Das spricht daf\u00fcr, dass sich aus der Lekt\u00fcre der neutestamentlichen Schriften keine Gefahr f\u00fcr Juden ergab. Dennoch meint Sch\u00e4fer in diesen Schriften, insbesondere im Johannes-Evangelium, einen starken Antisemitismus zu finden, und er behauptet eine negative Nachwirkung dieser Schriften, ohne diese Behauptung zu begr\u00fcnden. Der Wert von Sch\u00e4fers Buch wird durch solche spekulativen Behauptungen getr\u00fcbt, au\u00dferdem durch seine \u00dcbertreibungen und Einseitigkeiten, insbesondere bei der Auslegung des Neuen Testaments. In meinem Bekanntenkreis kenne ich niemanden, der durch intensives Bibellesen zu einer negativen Haltung gegen\u00fcber Juden gekommen w\u00e4re; aber ich kenne viele, die dadurch eine grunds\u00e4tzlich (teilweise sogar \u00fcberschw\u00e4nglich) positive Haltung zu Juden entwickelten. Darin sehe ich ein starkes Indiz daf\u00fcr, dass das NT bei sorgf\u00e4ltiger Lekt\u00fcre keinen Antisemitismus zeigt.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Dr. Franz Graf-Stuhlhofer, BSc, Lehrbeauftragter an der KPH Wien\/Krems f\u00fcr Kirchengeschichte und Dogmatik<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Peter Sch\u00e4fer: Kurze Geschichte des Antisemitismus, M\u00fcnchen: Piper Verlag, 2022 (Nachdruck; Original bei C.H.\u00a0Beck, 2020), Pb., 335\u00a0S., \u20ac\u00a014,\u2013, ISBN 978-3-492-31143-4<\/p>\n","protected":false},"author":15,"featured_media":2332,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"colormag_page_container_layout":"default_layout","colormag_page_sidebar_layout":"default_layout","inline_featured_image":false,"footnotes":""},"categories":[7],"tags":[],"class_list":["post-2331","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-historische-theologie"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2331","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/15"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=2331"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2331\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2333,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2331\/revisions\/2333"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/2332"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=2331"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=2331"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=2331"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}