{"id":2334,"date":"2024-10-16T14:23:49","date_gmt":"2024-10-16T14:23:49","guid":{"rendered":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=2334"},"modified":"2024-10-16T14:23:49","modified_gmt":"2024-10-16T14:23:49","slug":"irene-dingel-hg-der-osiandrische-streit-1550-1570","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=2334","title":{"rendered":"Irene Dingel (Hg.): Der Osiandrische Streit (1550\u20131570)"},"content":{"rendered":"\n<p>Irene Dingel (Hg.): <em>Der Osiandrische Streit (1550\u20131570)<\/em>, bearb. von Jan Martin Lies, Hans-Otto Schneider, Controversia et Confessio 7, G\u00f6ttingen: Vandenhoeck &amp; Ruprecht, 2023, Ln., 1023\u00a0S., \u20ac\u00a0150,\u2013, ISBN <a href=\"https:\/\/www.vandenhoeck-ruprecht-verlage.com\/themen-entdecken\/theologie-und-religion\/kirchengeschichte\/58315\/der-osiandrische-streit-1550-1570?number=1005249\" data-type=\"link\" data-id=\"https:\/\/www.vandenhoeck-ruprecht-verlage.com\/themen-entdecken\/theologie-und-religion\/kirchengeschichte\/58315\/der-osiandrische-streit-1550-1570?number=1005249\">978-3-525-50014-9<\/a><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p>Als letzter Textband der Reihe <em>Controversia et Confessio<\/em> (C&amp;C) erschien mit Band 7 im April 2023 die Auseinandersetzung \u00fcber Andreas Osianders Lehre. Der in der Z\u00e4hlung folgende achte Band <em>Die Debatte um die Wittenberger Abendmahlslehre und Christologie (1570\u20131574)<\/em> ist schon 2008 als erster Band** schienen. An vierter Stelle wurde 2013 die Sammlung <em>Antitrinitarische Streitigkeiten: Die tritheistische Phase (1560\u20131568) ver\u00f6ffentlicht<\/em>; sie nimmt in der Reihenfolge der Textb\u00e4nde den neunten und damit den letzten Platz ein.<\/p>\n\n\n\n<p>Der zum Priester geweihte Andreas Osiander (1498\u20131552) aus Gunzenhausen wirkte ab 1520 als evangelischer Theologe in N\u00fcrnberg und K\u00f6nigsberg. Der nach ihm benannte \u201eOsiandrische\u201c Streit k\u00f6nnte auch Streit \u00fcber die Rechtfertigungslehre hei\u00dfen, denn seine zweite K\u00f6nigsberger Disputation <em>De iustificatione<\/em> (24. Oktober 1550) war Ausgangspunkt der oft hitzig gef\u00fchrten Lehrdiskussionen \u00fcber dieses Thema. Sie dauerten \u00fcber Osianders Tod am 17. Oktober 1552 hinaus an und wurden auch Gegenstand von Lehrentscheidungen des 3. Artikels der 1577 ver\u00f6ffentlichten Konkordienformel (BSELK FC, Ep III, S. 1234\u20131241, vgl. ebd. Anm. 69; SD III, S. 1388\u20131415). Allerdings fand Osianders Verst\u00e4ndnis des Rechtfertigungsgeschehens nur sehr begrenzt Zustimmung; die in anderen Fragen durchaus verschieden urteilenden Gnesiolutheraner, Philippisten und eher calvinistisch orientierten Theologen waren einhellig der Meinung, dass die Auffassung des K\u00f6nigsberger Theologen abzulehnen sei (vgl. 10f). So kann mit Recht von einem \u201eOsiandrischen\u201c Streit gesprochen werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit der Rechtfertigungslehre wird das zentrale Thema des Reformators Martin Luther aufgenommen, das auch mit dem Majoristischen, dem Synergistischen und dem Antinomistischen Streit (C&amp;C B\u00e4nde 3, 4 und 5) ber\u00fchrt worden war. Osiander gibt dem Fachgespr\u00e4ch aber eine neue Wendung, weil er seine Christologie von der Trinit\u00e4tslehre her begr\u00fcndet: \u201eGott ist ein einziges, vollkommenes, unzertrennliches Wesen\u201c (7). Die einhellig im evangelischen Lager vertretene Imputationslehre ist ihm zu wenig. F\u00fcr Osiander muss die g\u00f6ttliche Natur Christi im Menschen wohnen. Damit ist die ganze Gottheit im Menschen gegenw\u00e4rtig (8). \u2013 Seine theologischen Gegner bleiben dagegen Luthers Erbe treu; sie bem\u00e4ngeln mit Recht: Die durch Leiden und Sterben Christi erworbene S\u00fcndenvergebung wird der Einwohnungslehre untergeordnet (9).<\/p>\n\n\n\n<p>Osianders Disputation in lateinischer (1550) und deutscher (1551) Sprache er\u00f6ffnet als erstes und wichtigstes Dokument der Auseinandersetzung den vorliegenden Band (18\u201351). Ebenfalls aus seiner Feder stammt die <em>Rechte, wahre und christliche Auslegung \u00fcber die Worte des Herrn Johannis 16,10<\/em> (130\u2013145). Weitere von ihm noch vor seinem Tod im Oktober 1552 herausgegebene Schriften wurden nicht in C&amp;C 7 aufgenommen, weil sie schon in der Osiander-Gesamtausgabe ediert sind. Irene Dingel nennt in der Historischen Einleitung zu C&amp;C 7<em> An filius Dei fuerit incarnandus, si peccatum non introivisset in mundum. Item de imagine Dei, quid sit<\/em> (1550), des weiteren <em>Von dem einigen Mitler Jhesu Christo und Rechtfertigung des Glaubens. Bekantnus<\/em> (1551) sowie die Schrift mit dem heute kurios anmutenden Titel <em>Schmeckbier <\/em>(1552). Auf den 62 Seiten dieser Brosch\u00fcre zitiert Osiander wesentliche Argumente der Ver\u00f6ffentlichungen seiner Gegner Joachim M\u00f6rlin, Michael Roting, den \u201eN\u00fcrnbergischen Uhu\u201c (Autor: M. Roting), Justus Menius, Matthias Flacius und Nikolaus Gallus, Johannes Pollicarius, Alexander (H)Alesius, Nikolaus Amsdorff und Johannes Knipstro. <em>Schmeckbier<\/em>, also \u201eBierprobe\u201c (vgl. Art. \u201eSchmeckebier\u201c in: Grimm Bd. 15, Sp. 961, Z. 36ff), lautet die Schrift, weil der Leser aus den Originalzitaten \u201eleichtlich Iren Gaist, Glauben vnd Kunst kan pruefen, Gleich wie man aus einem Trunck, was im Fa\u00df fur Bier ist, kan schmecken\u201c (<em>Schmeckbier<\/em> Titelblatt S. 1, unpag., vgl. ebd. 3\u20136).<\/p>\n\n\n\n<p>Herzog Albrecht von Brandenburg-Preu\u00dfen versucht, den theologischen Streit zwischen Osiander und seinen Kollege zu schlichten. Er bekundet seine Absicht in einem \u201eAusschreiben\u201c, das den Streit um Osianders Lehre und Albrechts Ausgleichsbem\u00fchungen dokumentiert und zu synodalen Pastoralkonventen \u00fcber die Lehre auffordert (1551, Dok. 4, bes. 127f.). Mit dem \u201eAbschied\u201c von 1554, \u201edarnach sich alle vnnd jedere jhrer D. G. F\u00fcrstenthumbs Pfarherrn vnwegerlich halten sollen\u201c (821, Titelbl.), will der Herzog den lutherischen Lehrkonsens und den parochialen Frieden auf den Kanzeln und in den Gemeinden wieder herstellen (Dok. 15). \u2013 Au\u00dfer Herzog Albrecht stellte sich auch der K\u00f6nigsberger Pfarrer und Berater des Herzogs Johannes Funck auf die Seite Osianders (Dok. 2, 1551 und 13, 1553) sowie der sp\u00e4tere K\u00f6nigsberger Domprediger und Professor Matth\u00e4us Vogel, der ausf\u00fchrlich gegen Joachim M\u00f6rlin polemisiert (Dok. 17). \u00dcber K\u00f6nigsberg hinaus gab es nur zwei von Johannes Brenz beeinflusste w\u00fcrttembergische Gutachten, die vermittelnd ausgerichtet waren und von Herzog Albrecht als zustimmend gedeutet wurden (14).<\/p>\n\n\n\n<p>Die lutherische Opposition gegen Osiander wird von hochkar\u00e4tigen Theologen wie Joachim M\u00f6rlin (K\u00f6nigsberg, Domprediger u. Professor), Martin Chemnitz (K\u00f6nigsberg, Hofbibliothekar), Matthias Flacius (Magdeburg), Melanchthon (Wittenberg) und Johannes Brenz (W\u00fcrttemberg, Stuttgart) angef\u00fchrt. Der schreibfreudige Flacius ist mit vier Ver\u00f6ffentlichungen vertreten (Dok. 8, 12, 14 und 16). Seine <em>Verlegung des Bekenntnisses Osiandri von der Rechtfertigung<\/em> (232\u2013420, lat.\/ dt.) ist eine der ersten gr\u00fcndlichen Auseinandersetzungen mit Osianders Bekenntnis von 1551, mit einer zustimmenden <em>Subscriptio<\/em> seines Magdeburger Kollegen Nikolaus Gallus (411\u2013418) und einem zusammenfassenden Appendix versehen (418\u2013420).<\/p>\n\n\n\n<p>Aus der Feder von Joachim M\u00f6rlin stammt die umfangreichste Entgegnung des Sammelbandes <em>Controversia et Confessio <\/em>7, zudem die erste gedruckte und zugleich in hoher Auflage ver\u00f6ffentlichte Reaktion der K\u00f6nigsberger Kollegen auf Andreas Osiander, <em>Von der Rechtfertigung des Glaubens. Gr\u00fcndlicher, wahrhaftiger Bericht aus Gottes Wort<\/em> [&#8230;], \u201eWider die newe verf\u00fcrische vnd Antichristische Lehr. Andreae Osiandri [&#8230;]\u201c (Dok. 11, Zit. S. 513, Titelbl.) Sie wurde \u201evermutlich nicht in nennenswertem Umfang\u201c (520) von dem K\u00f6nigsberger Theologieprofessor Georg von Venediger und vom Domprediger und a.o. Professor Petrus Hegemon unterst\u00fctzt.<\/p>\n\n\n\n<p>Melanchthon beanstandet in seiner <em>Antwort auf Osianders Schrift \u00fcber die Rechtfertigung<\/em>, dass dessen Gerechtigkeitsbegriff ohne Verweis auf die S\u00fcndenvergebung auskommt (Dok. 7). Mit vielen Schriftbelegen und einem dokumentierten Lehrgespr\u00e4ch mit Luther (226\u2013230) belegt er die reformatorische Soteriologie, der auch Johannes Bugenhagen und Johannes Forster in einer pers\u00f6nlichen Erkl\u00e4rung zustimmen (224\u2013226). \u2013 Zu den dreizehn Autoren der achtzehn in C&amp;C 7 edierten Schriften geh\u00f6ren der immer wieder vertriebene Erasmus Alber (Dok. 6 <em>Widder das Lesterbuch des hochfliehenden Osiandri \/ darinnen er das Gerechte Blut vnsers Herrn Jesu Christi verwirfft als vnt\u00fcchtig zu vnser Gerechtigkeit etc.<\/em>, 1552), der N\u00fcrnberger Gymnasialprofessor und -Rektor Michael Roting (Dok. 3, <em>Testimonium contra falsam Osiandi sententiam<\/em>, 1551) und zwei scharfe anonyme Schm\u00e4hschriften unter dem Decknamen \u201ePasquillus\u201c, die vielleicht ebenfalls von einem N\u00fcrnberger Autor stammen (Dok. 9 und 10).<\/p>\n\n\n\n<p>Der Osiandrische Streit endet erst mit der Einf\u00fchrung des <em>Corpus Doctrinae Prutenicum <\/em>1567 (auch: <em>Repetitio corporis doctrinae ecclesiasticae<\/em>), herausgegeben von Martin Chemnitz und Joachim M\u00f6rlin, und dann mit der <em>Formula Concordiae<\/em> 1577 und dem Konkordienbuch von 1580 (ediert: BSELK).<\/p>\n\n\n\n<p>Wer noch mit der alten Ausgabe der <em>Bekenntnisschriften der Evangelisch-Lutherischen Kirche<\/em> von 1930 (zuletzt in 13. Auflage 2010 nachgedruckt) gearbeitet hat, der wei\u00df, dass der Studierende nach der Lekt\u00fcre des Textes und der Anmerkungen zur Entstehung des Konkordienbuchs nur zu oft mit offenen Fragen alleingelassen wurde. Ein vertieftes Verst\u00e4ndnis des Prozesses, der zur Endform der konfessionellen Textcorpora gef\u00fchrt hat, war nicht m\u00f6glich. Es ist das Verdienst von Irene Dingel und ihrer zahlreichen Mitarbeiter, dass sie mit den beiden Erg\u00e4nzungsb\u00e4nden <em>Die Bekenntnisschriften der Evangelisch-Lutherischen Kirche. Quellen und Materialien, Bd. 1: Von den altkirchlichen Symbolen bis zu den Katechismen Martin Luthers; Quellen und Materialien, Bd. 2: Die Konkordienformel<\/em> und mit den zehn B\u00e4nden der Reihe <em>Controversia et Confessio<\/em> die Quellen der lutherischen Bekenntnisbildung f\u00fcr Studierende und Forschende in gleicher Weise gut zug\u00e4nglich gemacht und in musterg\u00fcltiger Weise ediert haben. Der kirchenpolitische und theologische Streit in der nachreformatorischen Epoche wird mit den edierten Quellen zwar nicht ersch\u00f6pfend, aber doch in seiner Breite verst\u00e4ndlich gemacht. Vielleicht ist <em>Controversia et Confessio<\/em> die letzte \u201egro\u00dfe\u201c Ausgabe theologischer Quellen des 16. Jahrhunderts, die in gedruckter (und zugleich in digitaler) Form erscheint? Der wissenschaftlich aufgearbeitete Briefwechsel des Matthias Flacius soll anscheinend nur noch in digitaler Form publiziert werden (<a href=\"https:\/\/www.adwmainz.de\/projekte\/flacius-briefwechsel-digital\/beschreibung.html\">https:\/\/www.adwmainz.de\/projekte\/flacius-briefwechsel-digital\/beschreibung.html<\/a>\u00a0 Stand: 20.9.2024).<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p><em>Pfarrer Dr. Jochen Eber, Schriesheim<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Irene Dingel (Hg.): Der Osiandrische Streit (1550\u20131570), bearb. von Jan Martin Lies, Hans-Otto Schneider, Controversia et Confessio 7, G\u00f6ttingen: Vandenhoeck<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":2335,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"colormag_page_container_layout":"default_layout","colormag_page_sidebar_layout":"default_layout","inline_featured_image":false,"footnotes":""},"categories":[7],"tags":[],"class_list":["post-2334","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-historische-theologie"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2334","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=2334"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2334\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2336,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2334\/revisions\/2336"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/2335"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=2334"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=2334"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=2334"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}