{"id":2346,"date":"2024-10-16T14:36:31","date_gmt":"2024-10-16T14:36:31","guid":{"rendered":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=2346"},"modified":"2025-10-06T09:21:57","modified_gmt":"2025-10-06T09:21:57","slug":"justin-brierley-the-surprising-rebirth-of-belief-in-god","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=2346","title":{"rendered":"Justin Brierley: The Surprising Rebirth of Belief in God"},"content":{"rendered":"\n<p>Justin Brierley: <em>The Surprising Rebirth of Belief in God. Why New Atheism Grew Old and Secular Thinkers are Considering Christianity Again<\/em>, Carol Stream: Tyndale Elevate, 2023, kt., xv+249\u00a0S., US\u00a0$ 17,99, ISBN <a href=\"https:\/\/www.tyndale.com\/p\/the-surprising-rebirth-of-belief-in-god\/9781496466778\" data-type=\"link\" data-id=\"https:\/\/www.tyndale.com\/p\/the-surprising-rebirth-of-belief-in-god\/9781496466778\">978-1-4964-6677-8<\/a><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p>\u201eThank God for Richard Dawkins\u201c (28) \u2013 Dass Justin Brierley selbst den bekanntesten Vertreter des Neuen Atheismus als Geschenk Gottes sieht, deutet die Ausrichtung des Buchs an als ein Hoffnungslicht inmitten von Kulturpessimismus und Untergangsstimmung des westlichen Christentums. Als Herausgeber des \u201ePremier Christian Magazine\u201c (2014\u20132018) und Gastgeber von \u201eUnbelievable?\u201c (bis 2023), einer Radio- bzw. Podcast-Sendung des britischen christlichen Senders <em>Premier<\/em>, moderierte er zahlreichen Debatten zwischen Christen, prominenten Intellektuellen, Skeptikern und Atheisten. Seine Erfahrungen reflektierte er in <em>Unbelievable? Why After Ten Years of Talking with Atheists, I&#8217;m Still a Christian<\/em>, London: SPCK, 2017 (Neuauflage 2025 mit neuem Titel). Der Titel des vorliegenden Werks ist inspiriert von Matthew Arnolds Gedicht \u201eDover Beach\u201c (1867): Das \u201eMeer des Glaubens\u201c ist in unserer Kultur weit zur\u00fcck gedr\u00e4ngt worden; doch auf die Ebbe folgt die Flut \u2013 vielleicht noch in unserer Generation, denn erste Vorzeichen der R\u00fcckkehr sind bereits erkennbar (4, 191).<\/p>\n\n\n\n<p>Der \u201eNeue Atheismus\u201c ist seit etwa 2011 (Elevatorgate-Kontroverse) in sich zusammengefallen und tief gespalten worden durch die nun popul\u00e4re postmodernistische <em>social justice<\/em>-Bewegung (kultureller Marxismus, Identit\u00e4tspolitik, Intersektionalit\u00e4t, <em>wokeness,<\/em> Michael Foucault, Judith Butler, LGBT+, 37, 44f). Geblieben ist aus dieser Zeit der Wahrheitssuche und intellektuellen Debatten \u00fcber Gott (2000\u20132010) eine neue Generation christlicher Apologeten, die mutig auf Augenh\u00f6he mitdiskutieren. Daf\u00fcr: Gott sei Dank. Doch die Gefahr liegt darin, dass der kulturelle Diskurs fortschreitet, w\u00e4hrend Christen weiterhin die Fragen von gestern beantworten (33).<\/p>\n\n\n\n<p>Denn der Wind hat sich gedreht: an die Stelle von Vernunft und Wahrheit treten heute pers\u00f6nliche Erfahrungen von Unterdr\u00fcckung und Macht. Wenn gemeinsame Wahrheitssuche abgeschafft wird, bleibt dem Individuum nur das abgeschottete Ich. Die aufgezwungene Suche nach dem wahren Selbst in sich selbst (\u201eexpressiver Individualismus\u201c, Robert Bellah, Charles Taylor, 46) hat die Jugend in eine tiefe Identit\u00e4ts- und Sinnkrise gest\u00fcrzt (46f, 169f, 191\u2013194). Gerade junge M\u00e4nner suchen neu nach Halt und Orientierung. Symptomatisch ist hier der gro\u00dfe Zulauf der Kulturkritik am vorherrschenden <em>social justice-<\/em>Paradigma durch den klinischen Psychologen Jordan Peterson auf YouTube seit 2016, der \u201eeinflussreichste \u00f6ffentliche Intellektuelle in der westlichen Welt im Moment\u201c (36, <em>New York Times, <\/em>25.1.2018). Dieser ging selbst durch tiefe Krisen und fand seinen Halt in den tiefen Wahrheiten der Bibel, wenngleich er sich nicht als Christ bezeichnet.<\/p>\n\n\n\n<p>Brierley stellt dar, wie sich einzelne Intellektuelle der Bibel zuwenden und dort Sinn und Hoffnung finden, sich jedoch nicht im klassischen Sinn \u201ebekehren\u201c. Der Journalist und Agnostiker Douglas Murray lernt angesichts der moralischen Verwirrung der Gegenwart die Werte und Tugenden des Christentums neu sch\u00e4tzen (53, 110, 223). Der Historiker Tom Holland entdeckt beim Schreiben von <em>Herrschaft. Die Entstehung des Westens<\/em>, Stuttgart: Klett-Cotta, 2021 (engl. 2019), dass der Westen seine gr\u00f6\u00dften moralischen Errungenschaften nicht der griechisch-r\u00f6mischen Antike, sondern dem Christentum verdankt (65\u201395). Andere erleben im Erwachsenenalter eine tats\u00e4chliche Bekehrung, wie Francis Spufford (210f), Paul Kingsnorth (198\u2013202), James Orr (113f, 125f), David Suchet (97f) oder Francis Collins (158f). Die Endnoten bieten eine Anthologie verschiedenster hochinteressanter B\u00fccher, Posts und Videos, welche die aktuelle Debatte abbilden.<\/p>\n\n\n\n<p>Zwei apologetische Schwerpunkte im alten Stil (Wahrheitssuche) setzt Brierley in der zweiten H\u00e4lfte des Buchs. In dem Kapitel \u201eThe Alternative Story of Science\u201c ordnet er die Idee eines Kampfes zwischen Wissenschaft und Glaube ein als modernen Mythos, eine Erfindung des 19. Jh. (John Draper, Andrew D. White). Der Konflikt besteht vielmehr zwischen Naturalismus und Theismus (139). Er geht auf den Ursprung des Lebens, DNA, Feinabstimmung, Urknall und mathematische Gesetze ein. Den Satz mit dem \u201eersten Schluck\u201c schreibt er leider wie viele andere f\u00e4lschlicherweise Heisenberg zu (163). Grunds\u00e4tzlich orientiert sich Brierley theologisch und auch im naturwissenschaftlichen Bereich an N.&nbsp;T. Wright (theistische Evolution), mit dem er den <em>Premier <\/em>Podcast \u201eAsk NT Wright Anything\u201c initiierte.<\/p>\n\n\n\n<p>In dem Kapitel \u201eMind, Meaning, and the Materialists\u201d legt Brierley einen weiteren Schwerpunkt auf die Auseinandersetzung mit dem deterministischen Weltbild des Materialismus: ist das Gehirn nur ein Uhrwerk, ein freies \u201eIch\u201c nur eine Illusion? In Ian McGilchrist sieht er einen Anwalt f\u00fcr die Erkenntnis, dass das Bewusstsein eines Menschen zu real ist, um geleugnet zu werden (182\u2013189).<\/p>\n\n\n\n<p>Das Buch endet mit der Aufforderung an die Kirche, sich vorzubereiten auf das \u201eMeer des Glaubens\u201c, wenn es wie die Flut nach der Ebbe in unsere Kultur zur\u00fcckkehrt (220\u2013227): <em>(1)<\/em>&nbsp;<em>Ergreife beides, Vernunft und Phantasie:<\/em> C.&nbsp;S. Lewis war ein hervorragender Apologet, aber als Geschichtenerz\u00e4hler ver\u00e4nderte er seine Kultur. <em>(2)<\/em>&nbsp;<em>Lass das Christentum seltsam <\/em>(weird) <em>bleiben: <\/em>die politisch korrekte Anpassung an die Gegenwartskultur beraubt das Christentum seiner Kraft. Nur als \u201eseltsame\u201c, aneckende Gegenkultur kann es einen Zufluchtsort bieten f\u00fcr alle, die aus der frustrierenden ideologischen Korrektheit fliehen m\u00f6chten. <em>(3)<\/em> <em>Schaffe eine Gemeinschaft, die der <\/em>Cancel Culture<em> entgegentritt: <\/em>ein Ort, an dem man hinterfragen darf, ohne mundtot gemacht zu werden, ein Ort der Gnade, Vergebung und Liebe.<\/p>\n\n\n\n<p>Trifft das Bild von Ebbe und Flut unsere Situation? Anekdotische Evidenz klingt \u00fcberzeugend, hat jedoch nur bedingte Beweiskraft. Am Ende von \u201eThe Alternative Story of Science\u201c etwa nennt Brierley drei Personen, Rosalind Picard, Francis Collins und Alister McGrath, welche den Weg vom Atheismus zum Christentum fanden. Was ist jedoch mit den Millionen, welche sich im Rahmen eines naturalistisch gepr\u00e4gten Studiums gleichzeitig in die andere Richtung bewegen? Andererseits haben viele der genannten Intellektuellen eine gro\u00dfe Reichweite (Jordan Peterson hat 8 Millionen Abonnenten). Zudem setzt sich die gezeichnete Entwicklung auch nach Ver\u00f6ffentlichung des Buchs fort, etwa mit der Bekehrung von Ayaan Hirsi Ali im November 2023, eine der gro\u00dfen Hoffnungstr\u00e4ger der Neuen Atheisten. Es bleibt die Erkenntnis: gebildete Nichtchristen sind heute (a) oft keine klassischen Atheisten und (b) als zutiefst religi\u00f6s veranlagte Menschen (48\u201351) oft entt\u00e4uscht, ersch\u00f6pft oder in einer Sinnkrise angesichts des mageren Angebots unserer Kultur. Es bleibt spannend, wer in Zukunft den Weg zum Christentum finden wird, zumal unsere Generation trotz aller digitaler Zug\u00e4nge weniger Bibelkenntnis hat als alle Generationen der letzten Jahrhunderte (126). Es ist keine \u00dcberraschung, dass Brierley sein Buch mit einer gleichnamigen Podcastserie mit interessanten Interviews und aktuellen Berichten begleitet (<a href=\"https:\/\/justinbrierley.com\/surprisingrebirth\/\">justinbrierley.com\/ surprisingrebirth<\/a>).<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p><em>Dr. Siegbert Riecker ist Lehrer an der Bibelschule Kirchberg und Affiliated Researcher an der Evangelischen Theologischen Faculteit in Leuven.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Justin Brierley: The Surprising Rebirth of Belief in God. 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