{"id":2349,"date":"2024-10-16T18:28:14","date_gmt":"2024-10-16T18:28:14","guid":{"rendered":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=2349"},"modified":"2024-10-16T18:28:15","modified_gmt":"2024-10-16T18:28:15","slug":"chris-haufe-do-the-humanities-create-knowledge","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=2349","title":{"rendered":"Chris Haufe: Do the Humanities Create Knowledge?"},"content":{"rendered":"\n<p>Chris Haufe: <em>Do the Humanities Create Knowledge?<\/em>, Cambridge: Cambridge University Press, 2023, geb., XII+249\u00a0S., \u20ac\u00a038,\u2013, ISBN <a href=\"https:\/\/www.cambridge.org\/core\/books\/do-the-humanities-create-knowledge\/5101FBA4909ED1777C45F646EC79F501\" data-type=\"link\" data-id=\"https:\/\/www.cambridge.org\/core\/books\/do-the-humanities-create-knowledge\/5101FBA4909ED1777C45F646EC79F501\">978-1-316-51250-0<\/a><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p>Seit dem 19. Jh. und z.&nbsp;T. bis heute findet ein Wissenschaftsverst\u00e4ndnis weite Verbreitung, f\u00fcr das die Naturwissenschaften und ihre Methoden als Ma\u00dfstab f\u00fcr Wissenschaftlichkeit gelten. Geisteswissenschaften kann nach dieser Auffassung nur dann der Titel \u201eWissenschaft\u201c zuerkannt werden, wenn sie sich an diesem Vorbild orientierten. Im englischen Sprachraum hat dies dazu gef\u00fchrt, dass nur die Naturwissenschaften als \u201esciences\u201c gelten, w\u00e4hrend die Wissenschaften, die sich mit den geistigen Hervorbringungen des Menschen befassen, als \u201ehumanities\u201c bezeichnet werden. Theologie arbeitet mit geisteswissenschaftlichen Methoden, die Diskussionen \u00fcber die Wissenschaftlichkeit der Geisteswissenschaften k\u00f6nnen ihr daher nicht gleichg\u00fcltig sein.<\/p>\n\n\n\n<p>Chris Haufe, Professor of the Humanities and Chair of Philosophy an der Case Western Reserve University in Cleveland, ist davon \u00fcberzeugt, dass es keinen <em>grunds\u00e4tzlichen<\/em> Unterschied zwischen den \u201ehumanities\u201c und den \u201esciences\u201c gibt und dass auch die \u201ehumantities\u201c Wissen schaffen k\u00f6nnen. Er sieht allerdings ernsthafte Defizite in der heute \u00fcblichen Praxis der Geisteswissenschaften.<\/p>\n\n\n\n<p>Seine Argumentation st\u00fctzt sich u.&nbsp;a. auf Einsichten, die bereits Michael Polanyi (1958) und Thomas Kuhn (1962) formuliert haben, die aber bis heute nach Einsch\u00e4tzung Haufes nur unzureichend ber\u00fccksichtigt werden. Stattdessen werde h\u00e4ufig eine Karikatur der wissenschaftlichen Methode propagiert: Man beobachte die Natur, formuliere dann eine Hypothese, aus der man eine Vorhersage ableite, die dann im Experiment best\u00e4tigt oder widerlegt werde. Die Wirklichkeit wissenschaftlicher Forschung sei aber sehr viel komplexer. Polanyi hatte betont, dass wir mehr wissen, als uns bewusst ist, ja dass wir manches von dem, was wir wissen, vielleicht gar nicht in Worte fassen k\u00f6nnen (\u201etacit knowledge\u201c). Kuhn hatte in der Geschichte der Naturwissenschaften beobachtet, dass Forscher in der \u201eNormalwissenschaft\u201c innerhalb eines Paradigmas arbeiten, das viele unbewusste oder nicht reflektierte \u00dcberzeugungen, Motivationen und Verfahrensweisen enth\u00e4lt. Die notwendige Existenz eines solchen Rahmens von teilweise unbewussten Hintergrundannahmen und Praktiken f\u00fchre dazu, so die These des vorliegenden Buches, dass \u201esciences\u201c und \u201ehumanities\u201c \u00e4hnlich arbeiten. \u201e[B]oth domains participate in the general cultural form picked about by the term <em>disciplinary inquiry<\/em>\u201c (34).<\/p>\n\n\n\n<p>&nbsp;\u201cDisciplinary knowledge\u201c sei das Fachwissen einer bestimmten wissenschaftlichen Disziplin (Kap. 2). Dieses Wissen werde vor allem durch den weitgehenden Konsens der Gemeinschaft der Fachgelehrten hergestellt (Kap. 3). Der Konsens diene dazu, so etwas wie eine gemeinsame Sprache innerhalb der Disziplin herzustellen. Eine wichtige Rolle bei der Einf\u00fchrung neuer Adepten in eine Wissenschaft spielten \u201eexemplars\u201c. So werden Studierende der Naturwissenschaften nach wie vor anhand von Newtons Mechanik mit den Methoden der Physik vertraut gemacht, obwohl diese eigentlich \u201e\u00fcberholt\u201c sei. Eine \u00e4hnliche Rolle \u00fcbern\u00e4hmen in den Geisteswissenschaften kanonische Texte wie z.&nbsp;B. \u201eLeviathan\u201c von Thomas Hobbes oder John Rawls \u201eA Theory of Justice\u201c. Nur wer tief in die Kultur der jeweiligen Fachdisziplin eingetaucht ist, erwerbe sich die erforderlichen (oft unbewussten) Kenntnisse, um fruchtbar an der Weiterentwicklung dieser Wissenschaft mitarbeiten zu k\u00f6nnen (Kap. 4). Dies f\u00fchrt in Kap. 5 zur zentralen These des Buches: \u201e[K]nowledge of what matters manifests itself in the form of how things seem [to experts]\u201c (109). Diese zentrale Rolle der \u201cscientific community\u201d gilt f\u00fcr Natur- und Geisteswissenschaften. Der besondere Beitrag der letztgenannten bestehe darin, zu \u201eknowledge of what matters <em>to us<\/em>\u201c zu f\u00fchren. Dabei gehe es nicht nur darum, sozusagen empirisch festzustellen, was uns wertvoll ist, sondern um die Frage, was uns wertvoll <em>sein sollte<\/em> (Kap. 6).<\/p>\n\n\n\n<p>Vor diesem Hintergrund \u00fcbt Haufe Kritik am heutigen Zustand der \u201ehumanities\u201c (Kap. 7\u20139). Es werde zu wenig Wert gelegt auf die normative Rolle, die der Gemeinschaft der Fachgelehrten eigentlich zukomme. Jeder arbeite und forsche, wie es ihm oder ihr gut d\u00fcnke, und anerkannte G\u00fctekriterien f\u00fcr wissenschaftliche Arbeiten fehlten weitgehend. Damit korrespondiere die Tatsache, dass in mehreren aufsehenerregenden F\u00e4llen Aufs\u00e4tze mit bewusst unsinnigem Inhalt trotz \u201epeer review\u201c in geisteswissenschaftlichen Journalen publiziert wurden. Haufe pl\u00e4diert f\u00fcr eine R\u00fcckkehr zur Strenge und intellektueller Ernsthaftigkeit, welche die \u201ehumanities\u201c \u00fcber viele Jahrhunderte ausgezeichnet habe.<\/p>\n\n\n\n<p>Haufe untermauert seine Argumente mit vielen \u00fcberzeugenden Beispielen, die Lekt\u00fcre des Buches ist gut geeignet zu einem vertieften Verst\u00e4ndnis davon, wie Wissenschaft in der Geschichte gearbeitet hat und auch in Zukunft fruchtbar arbeiten kann. Seine These, dass Natur- und Geisteswissenschaften viele Gemeinsamkeiten haben und beide zu Wissen f\u00fchren k\u00f6nnen, scheint mir gut begr\u00fcndet. Die Kritik an manchen Erscheinungen im Bereich der \u201ehumanities\u201c ist sehr gut nachvollziehbar, auch wenn manche Disziplinen wie z.\u00a0B. die Geschichtswissenschaft m.\u00a0E. von dieser Kritik nicht betroffen sind. Eine R\u00fcckkehr zu Strenge und intellektueller Ernsthaftigkeit in den Geisteswissenschaften (und auch in der Theologie) w\u00e4re zweifellos zu begr\u00fc\u00dfen. Unklar bleibt allerdings, wie Haufe sich einen solchen Umschwung vorstellt. Sollte es wirklich gen\u00fcgen, dass die \u201escientific community\u201c der einzelnen Fachdisziplinen sich auf das Ideal einer gemeinsamen Kultur besinnt und dann wie von selbst wieder zu einer gemeinsamen Kultur findet? Wahrscheinlich ist es zu viel verlangt, von Haufe eine Antwort auf diese Frage zu erwarten, er sieht seinen Beitrag vermutlich darin, hier \u00fcberhaupt einen Denkprozess in Gang zu setzen. Aber ist nicht ein wesentlicher Teil des Problems, dass es in etlichen Fachdisziplinen gerade kein allgemein anerkanntes Paradigma mehr gibt, an dem sich alle orientieren k\u00f6nnten? Es d\u00fcrfte ja wohl nicht <em>nur<\/em> Gedankenlosigkeit sein, dass es zahllose intellektuelle Subkulturen in den \u201ehumanities\u201c und auch etliche \u201eTheologien\u201c gibt, die weitgehend in ihrer eigenen Welt leben und kaum Bezug aufeinander nehmen. Was ist zu tun, wenn \u2013 wie es ja tats\u00e4chlich der Fall ist \u2013 verschiedene Paradigmen innerhalb einer Wissenschaft miteinander konkurrieren? Hier m\u00fcsste m.\u00a0E. eine argumentative Auseinandersetzung mit den (zun\u00e4chst bewusst zu formulierenden) Denkvoraussetzungen der einzelnen Paradigmen stattfinden. Und solange diese Auseinandersetzung nicht zu einem weitgehenden Konsens gef\u00fchrt hat, sollten, wie schon Paul Feyerabend (1976) vorgeschlagen hat, die verschiedenen Forschungsgemeinschaften innerhalb ihrer jeweiligen Paradigmen arbeiten. In einem solchen Rahmen w\u00e4re auch eine R\u00fcckkehr zu Strenge und intellektueller Ernsthaftigkeit m\u00f6glich.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p><em>Dr. Ralf-Thomas Klein, Lehrbeauftragter f\u00fcr Wissenschaftstheorie und Lateinische Quellentexte an der FTH Gie\u00dfen<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Chris Haufe: Do the Humanities Create Knowledge?, Cambridge: Cambridge University Press, 2023, geb., XII+249\u00a0S., \u20ac\u00a038,\u2013, ISBN 978-1-316-51250-0 Seit dem 19.<\/p>\n","protected":false},"author":70,"featured_media":2350,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"colormag_page_container_layout":"default_layout","colormag_page_sidebar_layout":"default_layout","inline_featured_image":false,"footnotes":""},"categories":[5],"tags":[],"class_list":["post-2349","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-systematische-theologie"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2349","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/70"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=2349"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2349\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2351,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2349\/revisions\/2351"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/2350"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=2349"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=2349"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=2349"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}