{"id":235,"date":"2017-05-01T19:25:33","date_gmt":"2017-05-01T19:25:33","guid":{"rendered":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=235"},"modified":"2017-05-02T07:40:57","modified_gmt":"2017-05-02T07:40:57","slug":"sabine-schmidtke-schleiermachers-lehre-von-wiedergeburt-und-heiligung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=235","title":{"rendered":"Sabine Schmidtke: Schleiermachers Lehre von Wiedergeburt und Heiligung"},"content":{"rendered":"<p>Sabine Schmidtke: <em>Schleiermachers Lehre von Wiedergeburt und Heiligung. \u201eLebendige Empf\u00e4nglichkeit\u201c als soteriologische Schl\u00fcsselfigur der \u201eGlaubenslehre\u201c<\/em>, Dogmatik in der Moderne 11, T\u00fcbingen: Mohr Siebeck, 2015, IX+376 S., br., \u20ac 69,\u2013, <a href=\"https:\/\/www.mohr.de\/buch\/schleiermachers-lehre-von-wiedergeburt-und-heiligung-9783161537806\">ISBN 978-3-16-153780-6<\/a><br \/>\n<a href=\"https:\/\/rezensionen.afet.de\/wp-content\/uploads\/2017\/05\/Schmidtke_Schleiermacher.pdf\"><\/p>\n<div class=\"dwnldbtn\">Download PDF<\/div>\n<p><\/a><\/p>\n<hr \/>\n<p>Ihre \u201eangestrebte Vorgehensweise\u201c charakterisiert die Verfasserin in dem Sinn, dass sie \u201edie Validit\u00e4t des Schleiermacherschen Entwurfs anhand der in ihm selbst gesetzten Ziele zu ermessen\u201c sucht (39). Nahegelegt ist damit eine nur immanente Kritik, die die Berechtigung des Schleiermacherschen Ansatzes von vorneherein nicht in Frage stellt. \u00dcber diesen systematisch bescheidenen Anspruch geht die Verfasserin auch faktisch nicht hinaus. Insofern handelt es sich bei der Monographie weitgehend um Doxographie und Paraphrase. Auch die ideen- und philosophiegeschichtlichen Pr\u00e4missen Schleiermachers, die Abh\u00e4ngigkeit von Kant und Fichte, werden in dieser Arbeit nicht aufgehellt. Daraus ergibt sich ein schon im intellektuellen und forschungsstrategischen Sinn sehr bescheidenes Format, hinter dem die \u00dcberzeugung stehen mag, dass man hinter Schleiermachers nachaufkl\u00e4rerische Pr\u00e4missen nicht zur\u00fcck- oder an ihnen vorbeidenken k\u00f6nne oder d\u00fcrfe. Eine weitere fundamentale Weichenstellung der Schleiermacherschen Glaubenslehre kommt hier unproblematisiert ins Spiel: Lehrst\u00fccke werden nur in dem Umfang und in der Gestalt aufgenommen, in denen sie f\u00fcr den gegenw\u00e4rtigen Bestand von Kirche und Kirchenleitung von Belang sind. Sowohl die zeit\u00fcbergreifenden Dimensionen von Schrift und Bekenntnis als auch die umfassendere Katholizit\u00e4t des \u201eMagnus Consensus\u201c fallen damit aus dem im engeren Sinn normativen Lehrbestand.<\/p>\n<p>Rein immanent f\u00e4llt die Skizze des \u201eKontexts\u201c von Wiedergeburts- und Heiligungslehre Schleiermachers aus (Glaubenslehre \u00a7\u00a7 32-85). Fruchtbar zu machen sind hier aus der Studie nur die immanent tektonischen Einblicke in die Bauform der Schleiermacherschen \u201eGlaubenslehre\u201c. Die Verfasserin zeigt, wie sich der Gedanke \u201eschlechthinniger Abh\u00e4ngigkeit\u201c in Schleiermachers Topologie der Sch\u00f6pfung, im Sinn einer schlechthinnigen Urs\u00e4chlichkeit, manifestiert. Sie fragt aber an keiner Stelle, ob der biblische Gott \u2013 der mit dem Menschen eine Bundesgemeinschaft eingeht, der sich in Jesus Christus selbst offenbart hat, der im Heiligen Geist bis an das Ende der Tage pr\u00e4sent ist \u2013 mit dem subjektivit\u00e4tstheoretischen Epitheton \u00fcberhaupt erfasst ist. Schlechthinnig kann jene Abh\u00e4ngigkeit nur nach der Seite des Menschen sein, der sich von Gott entfernt wei\u00df, letztlich nach der Seite des Gesetzes. Wenn ihm die Schrift aber auch als Evangelium begegnet, ist die Schleiermachersche Denkfigur bereits in Frage gestellt.<\/p>\n<p>Dahinter zeigt sich eine noch fundamentalere Defizitanzeige: Die Verfasserin fragt sich an keiner Stelle ihrer Monographie, wo die Bruchlinie bzw. der notwendige \u00dcbergang von einem Sein Gottes \u201ein intellectu\u201c zu einem Sein \u201ein re\u201c verl\u00e4uft. Deshalb ist auch nur von Erl\u00f6sungs<em>bewusstsein<\/em> im Verh\u00e4ltnis zum S\u00fcndenbewusstsein die Rede. Sowohl bezogen auf die philosophische Frage, ob ein Bewusstsein des nicht-endlichen Geistes im endlichen \u00fcberhaupt generiert werden kann, als auch auf die dogmatischen Inhalte schwebt diese \u00dcberlegung im luftleeren Raum. Wie w\u00e4re es, wenn sich S\u00fcnde gar nicht innersubjektivistisch fassen lie\u00dfe, weil sie die Geschlossenheit des Subjektivit\u00e4tsrahmens <em>ad absurdum<\/em> f\u00fchrt? Danach fragt Schmidtke in den einschl\u00e4gigen Passagen nicht (104ff). Ebenso wenig fragt sie sch\u00f6pfungstheologisch nach dem m\u00f6glichen Eingreifen Gottes in die Kausalit\u00e4tszusammenh\u00e4nge der Welt. Vielmehr geht sie implizit von der Unm\u00f6glichkeit von Wundern und damit von der Unbefragtheit des Schleiermacherschen Weltbildes aus (60ff), was wesentliche Erw\u00e4gungen neuerer analytischer Religionsphilosophie unber\u00fccksichtigt l\u00e4sst (Plantinga, von Wachter). Dreh- und Angelpunkt der Erl\u00f6sungslehre ist damit die \u201elebendige Empf\u00e4nglichkeit\u201c. Schleiermacherimmanent zeigt sie durchaus zutreffend die M\u00f6glichkeit einer s\u00fcndlosen Entwicklung an (117). Die Crux ist dann, dass das Sein des Erl\u00f6sers nicht schlechterdings \u201e\u00fcbernat\u00fcrlich\u201c aufgefasst werde. Droht bei einer solchen Sicht auf die Dinge aber nicht umgekehrt die Unterscheidung zwischen Sch\u00f6pfer und Gesch\u00f6pf, zu erl\u00f6sendem Menschen und erl\u00f6sendem Gott abgeschliffen und letztlich au\u00dfer Kraft gesetzt zu werden?<\/p>\n<p>Im Blick auf das Gnadenbewusstsein wird die subjektivit\u00e4tsbezogene Engf\u00fchrung noch einmal variiert und in ihrer Gesamtstruktur best\u00e4tigt: Je st\u00e4rker das Bewusstsein der Erl\u00f6sungsbed\u00fcrftigkeit gestaltet sei, \u201eum desto h\u00f6her steigt der Wert der Erl\u00f6sung\u201c (121), einer Erl\u00f6sung \u201evon anderswoher\u201c, nicht aus der eigenen Bewusstseinsstruktur. Die vage Richtungsanzeige ist zu beachten, die letztlich die Eigenmacht des <em>verbum externum<\/em> nicht zur vollen Entfaltung kommen l\u00e4sst. Der Grundbegriff der \u201elebendigen Empf\u00e4nglichkeit\u201c bleibt deshalb bei Schleiermacher in seinem Recht belassen. Er wird zwischen 1. und 2. Auflage der <em>Glaubenslehre<\/em> sogar gest\u00e4rkt und wie zu einer Art \u201eDeus ex machina\u201c ausgeweitet. Dieser Begriff h\u00e4lt selbst zwischen Passivit\u00e4t und Aktivit\u00e4t seine Mitte. Er beschreibt von hier her auch im allgemeinen Leben und Lebendigkeit, und keineswegs nur das Leben des Menschen vor Gott.<\/p>\n<p>Zu Recht bemerkt Schmidtke, dass Christologie und die Lehre von Wiedergeburt und Heiligung gleichsam zyklisch-konzentrisch auf einander bezogen seien. Auch die Aussagen zu Geschichtlichkeit und Person Jesu Christi werden allerdings, wie Schmidtke immanent paraphrasiert, bei Schleiermacher nur symbolisch als Manifestationen frommen Selbstbewusstseins aufgenommen. Der Faktizit\u00e4t der Erl\u00f6sung wird wiederum die Subjektivit\u00e4tsstruktur \u201elebendiger Empf\u00e4nglichkeit\u201c als Schl\u00fcssel vorangestellt. Bei diesem entscheidenden Punkt legt sich nahe, dass Schleiermachers Glaubenslehre eher Apologetik f\u00fcr die nachaufkl\u00e4rerische Epoche ist als begr\u00fcndete dogmatische Lehre. Die pneumatologische Ausblendung in Schleiermachers Erl\u00f6sungslehre wird von Schmidtke umst\u00e4ndlich gerechtfertigt: \u201eDie Entfaltung der Wiedergeburt als Vorstellung vom Anfang einer neuen, frommen Pers\u00f6nlichkeit [\u2026] kann daher im Sinne Schleiermachers nicht nur, sie muss sogar vom Geist zun\u00e4chst absehen. Dies ist allerdings nur m\u00f6glich und legitim, sofern der Fokus hier auf dem Individuum liegt\u201c (210). Umgekehrt bem\u00fcht sie immer wieder den Hinweis, dass es bei Schleiermacher eben nicht um das atomisierte Individuum gehe, sondern dass er dessen Fr\u00f6mmigkeitsgeschichte im Zusammenhang der Gemeinde sehe. Die Darlegungen \u00fcber Bekehrung, die Gewinnung einer neuen Lebensform lassen dabei Zweifel aufkommen.<\/p>\n<p>Die Verfasserin konfrontiert Schleiermacher in einem eigenen abschlie\u00dfenden Kapitel mit Melanchthon als Vertreter der klassischen Lehrst\u00fccke. Sie konstatiert dabei, was schon an fr\u00fcherer Stelle in ihren Darlegungen deutlich hervortritt, dass die Formulierung der Lehrs\u00e4tze klassisch anmute, die Erl\u00e4uterung allerdings in Distanz zu dieser klassischen Form gerate. Diese Diskrepanz wird von Schmidtke zwar notiert, ebenso wie die gro\u00dfe Varianz von Glaubensbegriffen bei Schleiermacher (245), sie wird aber nicht kritisch fruchtbar gemacht. Konstatiert wird vielmehr, dass es durch den Begriff \u201elebendiger Empf\u00e4nglichkeit\u201c, also selbst ein subjektivit\u00e4tstheoretisches Interpretament, gelinge, den Zusammenhang von Bekehrung und Heiligung transparent zu machen. Im abschlie\u00dfenden Fazit l\u00f6st sich Schmidtke zwar etwas von der rein immanent doxographischen Perspektive. Sie betont, dass die gesamte Darstellung bei Schleiermacher an der Annahme \u201eeiner urspr\u00fcnglichen Offenbarung Gottes an den Menschen oder in dem Menschen\u201c h\u00e4nge ( 350) und macht daran zumindest eine zweifache Problemanzeige fest: Es stelle sich die Frage, ob die biblischen Begriffe, etwa \u201emetanoia\u201c, in der Schleiermacherschen symbolischen Terminologie \u00fcberhaupt ad\u00e4quat wiedergegeben gegeben werden k\u00f6nnen. Ebenso erhebe sich das Problem, wie weit die Verkn\u00fcpfung \u201evon Theologie und Psychologie\u201c trage.<\/p>\n<p>Insgesamt kann sich die Verfasserin allerdings nur zu einer postmodern polyperspektivischen kritischen Lesart durchringen: \u201eGef\u00e4hrlich wird es dort, wo man meint, aus einer perspektivischen Beschreibung des Ph\u00e4nomens der Glaubenskonstitution eine allgemeing\u00fcltige Anleitung zur Konstitution von Glaube ablesen zu k\u00f6nnen\u201c (352). Dass eine heutigem Common sense ohne allzu viel Reflexion verhaftete Studie so schlie\u00dft, ist nicht \u00fcberraschend. N\u00f6tig w\u00e4re jedoch eine Aufarbeitung des ambivalenten Schleiermacherschen Erbes, die seinen Denkrahmen zu \u00fcberschreiten und damit seine Verbindung zu Schrift und Bekenntnis zu \u00fcberpr\u00fcfen vermag. Dazu fehlen bei Schmidtke alle Ans\u00e4tze.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>Prof. Dr. Harald Seubert, Professor f\u00fcr Philosophie und Religionswissenschaft an der Staatsunabh\u00e4ngigen Theologischen Hochschule Basel<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/creativecommons.org\/licenses\/by-nd\/4.0\/\" rel=\"license\"><img decoding=\"async\" style=\"border-width: 0;\" src=\"https:\/\/i.creativecommons.org\/l\/by-nd\/4.0\/88x31.png\" alt=\"Creative Commons Lizenzvertrag\" \/><\/a><br \/>\nDieses Werk ist lizenziert unter einer <a href=\"http:\/\/creativecommons.org\/licenses\/by-nd\/4.0\/\" rel=\"license\">Creative Commons Namensnennung &#8211; Keine Bearbeitungen 4.0 International Lizenz<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sabine Schmidtke: Schleiermachers Lehre von Wiedergeburt und Heiligung. \u201eLebendige Empf\u00e4nglichkeit\u201c als soteriologische Schl\u00fcsselfigur der \u201eGlaubenslehre\u201c, Dogmatik in der Moderne 11,<\/p>\n","protected":false},"author":24,"featured_media":236,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"colormag_page_container_layout":"default_layout","colormag_page_sidebar_layout":"default_layout","inline_featured_image":false,"footnotes":""},"categories":[5],"tags":[],"class_list":["post-235","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-systematische-theologie"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/235","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/24"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=235"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/235\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":237,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/235\/revisions\/237"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/236"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=235"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=235"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=235"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}