{"id":2352,"date":"2024-10-16T18:31:51","date_gmt":"2024-10-16T18:31:51","guid":{"rendered":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=2352"},"modified":"2025-10-06T09:22:12","modified_gmt":"2025-10-06T09:22:12","slug":"bernd-stegemann-identitaetspolitik","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=2352","title":{"rendered":"Bernd Stegemann: Identit\u00e4tspolitik"},"content":{"rendered":"\n<p>Bernd Stegemann: <em>Identit\u00e4tspolitik<\/em>, Fr\u00f6hliche Wissenschaft 227, Berlin: Matthes &amp; Seitz, 2023, Klappenbroschur, 110\u00a0S.,\u00a0\u20ac\u00a012,\u2013, ISBN <a href=\"https:\/\/www.matthes-seitz-berlin.de\/buch\/identitaetspolitik.html\" data-type=\"link\" data-id=\"https:\/\/www.matthes-seitz-berlin.de\/buch\/identitaetspolitik.html\">978-3-7518-3002-7<\/a><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p>Die Frage der Identit\u00e4t beeinflusst mittlerweile zahlreiche Debatten \u2013 sei es auf philosophischer oder politischer, auf sozialer oder auch auf kirchlicher Ebene. Bernd Stegemann ist Professor an der staatlichen Hochschule f\u00fcr Schauspielkunst Ernst Busch in Berlin und bietet als Kultursoziologe eine kompakte, kritische Einf\u00fchrung in besagte Thematik. In der Einleitung skizziert Stegemann das grunds\u00e4tzliche Anliegen und die Problematik von Identit\u00e4tspolitik, wobei er darin vor allem \u201eeine Stressreaktion auf die Zersplitterung der Gesellschaft\u201c (10) sieht.<\/p>\n\n\n\n<p>In Kapitel 1 stellt er die These auf, dass in der Betonung der Identit\u00e4t historisch gesehen die \u00e4lteste Form von Politik angewandt wird: Die Sehnsucht nach Anerkennung des Einzelnen, die St\u00e4rkung des Gemeinschaftsgef\u00fchls, die Einteilung der Welt in bestimmte Kategorien sowie die Legitimation der eigenen Anliegen sind nur einige identit\u00e4tspolitische Charakteristika, die sich sowohl in antik-archaischen Kulturen als auch in eher sp\u00e4tmodernen Gesellschaften finden lassen. Dem wiederum stellt der Autor universalistische Ans\u00e4tze im Sinne von Habermas und Luhmann entgegen, bei denen man Interessen neutraler formuliert und auf das gemeinsame Aushandeln von Entscheidungen durch Argumente abzielt.<\/p>\n\n\n\n<p>Ab Kapitel 2 untersucht der Autor die Denkweise neuerer Identit\u00e4tspolitik sowie deren Ringen um soziale Anerkennung, sei es in rechter oder linker Couleur. Widerspr\u00fcchlich scheint ihm die Hervorhebung bestimmter ultimativer Identit\u00e4tsmerkmale, gepaart mit der oft emp\u00f6rten Forderung nach Gleichheit, die sich bei kontinuierlicher Betonung und Thematisierung eben dieser identit\u00e4tsbildenden Diskriminierungserlebnisse dann logischerweise schwerlich umsetzen l\u00e4sst. Dabei diagnostiziert Stegemann der neuen Identit\u00e4tspolitik in Kapitel 3 vor allem zwei Hypotheken: Erstens ist da die Nutzung eines \u201astrategischen Essentialismus\u2018, der (im Sinne postkolonialer Befreiungsbem\u00fchungen) die Ungleichheit einer unterdr\u00fcckten Identit\u00e4tsgruppe betont, um durch den eigenen Einfluss die Ungleichheit schlie\u00dflich abzuschaffen, wobei die jeweilige Gruppe dann wieder besondere Regeln und Privilegien f\u00fcr sich beansprucht. Dies st\u00e4rke \u201ein der politischen Praxis die Seite des rechten Essentialismus\u201c (29). Zweitens ist da eine problematische Allianz mit einem progressiven Neoliberalismus, der genuin soziale Fragen kaum bis gar nicht ber\u00fccksichtigt.<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00e4hrend der Autor in Kapitel 4 die F\u00e4higkeit intersektionaler Ans\u00e4tze dahingehend hinterfragt, dass sie echte Gerechtigkeit im Sinne fr\u00fcherer Klassenpolitik f\u00f6rdern k\u00f6nnten, dekonstruiert er in Kapitel 5 die identit\u00e4tspolitische Kritik am Universalismus. Mit dem Verweis auf historische Ungleichheiten und dem Missbrauch universalistischer Sichtweisen seien diese noch l\u00e4ngst nicht widerlegt und obsolet; auch werde durch die Betonung eines Partikularismus letztlich der Gleichheit aller Menschen der Boden entzogen, so Stegemanns \u00dcberzeugung.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine weitere Auff\u00e4lligkeit sind die doppelten Standards, auf die der Autor in Kapitel 6 zu sprechen kommt, bevor er im darauffolgenden Kapitel besondere Kipp-Punkte der Identit\u00e4tspolitik herausarbeitet, die eine kernige Kritik durchaus rechtfertigen. Die Kapitel 8 und 9 nennen konkrete Beispiele, in denen sich die Denkweise als ideologische Sackgasse erwiesen hat. Zus\u00e4tzlich skizziert der Autor darin, inwiefern hier eine problematische Machpolitik erkennbar wird, bei der die \u201eUnterwanderung von zivilisatorischen Standards als fortschrittliche Bewegung gilt\u201c (92).<\/p>\n\n\n\n<p>In Kapitel 10 ringt Stegemann noch einmal mit seinen Lesern und liefert ein ernstes Pl\u00e4doyer f\u00fcr die menschenfreundliche, regulative Idee der universellen Gleichheit als Kern einer demokratischen Gesellschaft, bevor er in seinem Nachwort einen eher pessimistischen Ton anschl\u00e4gt. Mit Blick auf die Zukunft lautet die Mahnung des Professors: \u201eDer Universalismus stirbt so wie die Demokratie nicht an ihren Gegnern, sondern an der Mutlosigkeit ihrer Verteidiger\u201c (101).<\/p>\n\n\n\n<p>Als Kultursoziologe n\u00e4hert sich der Autor einem komplexen wie kontroversen Thema, das intellektuell herausfordert und zugleich Konsequenzen f\u00fcr das reale Leben hat. Sein Ansatz ist im Kern ideengeschichtlich. Er schreibt nicht neutral-deskriptiv, sondern eher essayistisch, dennoch ist er um Transparenz und Differenzierungen bem\u00fcht. Zwar wendet Stegemann seine Analysen und Anfragen auf alle Arten der Identit\u00e4tspolitik entlang des politischen Spektrums an, doch richtet sich seine Kritik vor allem an linkspolitische Ausw\u00fcchse \u2013 wohl, weil sie aus seiner Sicht klassisch sozialdemokratische Axiome untergraben. Weiterf\u00fchrende \u00dcberlegungen zum rechten Populismus w\u00e4ren hier sicherlich noch zus\u00e4tzlich interessant und relevant gewesen.<\/p>\n\n\n\n<p>Eindr\u00fccklich ist, wie sehr sich Stegemann den Idealen und Errungenschaften der europ\u00e4ischen Aufkl\u00e4rung und Demokratie verpflichtet f\u00fchlt und davon ausgehend ideologische Irrwege und Extreme kritisiert. Manche seiner Gedankeng\u00e4nge erinnern an die Arbeit von Omri Boehm. Grunds\u00e4tzlich ist Stegemann eher religionskritisch eingestellt und \u00fcbergeht leider komplett den fundamentalen Beitrag des Christentums zu dem Ideen- und Wertekontinuum von Demokratie, Freiheit, Gerechtigkeit und Menschenrechten in Europa. W\u00e4hrend die ethische Sto\u00dfkraft seiner Kritik und L\u00f6sungsvorschl\u00e4ge deutlich erkennbar ist (z.&nbsp;B. zur Machtkommunikation oder zum Thema interpersoneller Empathie), bleibt die ontologische Grundlage seines Universalismus jedoch ungekl\u00e4rt und verharrt auf einer universalanthropologischen Ebene.<\/p>\n\n\n\n<p>Letztlich pr\u00e4sentiert Stegemann eine kompakte, pointierte Auseinandersetzung mit den Dynamiken und Denkwegen der zeitgen\u00f6ssischen Identit\u00e4tspolitik. Mit Blick auf den Inhalt und die Form bietet sich das Buch vor allem als anregende Einf\u00fchrung an, die zum intensiven Weiterdenken einl\u00e4dt. Es lie\u00dfe sich dar\u00fcber hinaus als apologetische Ressource nutzen, ebenso als Impulsgeber in Lehrveranstaltungen, z.\u00a0B. zur theologischen Anthropologie, zur politischen Ethik, f\u00fcr die praktisch-theologische Kulturanalyse und sogar mit Blick auf Fragen von Ekklesiologie und Gemeindearbeit.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p><em>Daniel Vullriede, M.A., Dozent am Bibelseminar Bonn und IBEI Rom<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bernd Stegemann: Identit\u00e4tspolitik, Fr\u00f6hliche Wissenschaft 227, Berlin: Matthes &amp; Seitz, 2023, Klappenbroschur, 110\u00a0S.,\u00a0\u20ac\u00a012,\u2013, ISBN 978-3-7518-3002-7 Die Frage der Identit\u00e4t beeinflusst<\/p>\n","protected":false},"author":84,"featured_media":2353,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"colormag_page_container_layout":"default_layout","colormag_page_sidebar_layout":"default_layout","inline_featured_image":false,"footnotes":""},"categories":[23],"tags":[],"class_list":["post-2352","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-populaeres-und-zeitgeschehen"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2352","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/84"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=2352"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2352\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2354,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2352\/revisions\/2354"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/2353"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=2352"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=2352"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=2352"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}