{"id":2361,"date":"2024-10-16T19:43:58","date_gmt":"2024-10-16T19:43:58","guid":{"rendered":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=2361"},"modified":"2024-10-16T19:43:59","modified_gmt":"2024-10-16T19:43:59","slug":"j-winfried-luecke-religion-und-denken","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=2361","title":{"rendered":"J. Winfried L\u00fccke: Religion und Denken"},"content":{"rendered":"\n<p>J. Winfried L\u00fccke: <em>Religion und Denken. Die Epistemologie religi\u00f6ser \u00dcberzeugungen im Sp\u00e4twerk G.W.F. Hegels<\/em>, Collegium Metaphysicum 31, T\u00fcbingen: Mohr Siebeck, 2023, geb., XVI+605\u00a0S., \u20ac\u00a0129,\u2013, ISBN <a href=\"https:\/\/www.mohrsiebeck.com\/buch\/religion-und-denken-9783161623356\/\" data-type=\"link\" data-id=\"https:\/\/www.mohrsiebeck.com\/buch\/religion-und-denken-9783161623356\/\">978-3-16-162335-6<\/a><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p>Die Philosophie Hegels ist zwar seit seinem Tod immer wieder als \u201e\u00fcberholt\u201c oder \u201eerledigt\u201c bezeichnet worden und phasenweise war diese Beurteilung die Mehrheitsmeinung, aber es hat auch immer wieder Hegel-Renaissancen gegeben und es ist wohl nicht \u00fcbertrieben zu behaupten, dass wir seit \u00fcber zwanzig Jahren eine solche erleben. Hegel geh\u00f6rt offenbar zu denjenigen Philosophen, die man nicht einfach ignorieren kann \u2013 was nat\u00fcrlich nicht hei\u00dft, dass man ihm zustimmen muss. Dabei hat Hegels Denken von Anbeginn auch ein starkes Echo in der Theologie gefunden. Die Faszination, die sein Ansatz auf das theologische Denken aus\u00fcbt, ist wohl vor allem darin begr\u00fcndet, dass er das Christentum zur vollendeten Religion erkl\u00e4rt und den Anspruch erhebt, die wesentlichen Gehalte des christlichen Glaubens in Wissen \u00fcberf\u00fchren zu k\u00f6nnen. Inwieweit er diesem Anspruch gerecht werden kann, ist eine Frage, die f\u00fcr die Theologie von erheblichem Interesse ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist daher zu begr\u00fc\u00dfen, dass J. Winfried L\u00fccke eine sehr gr\u00fcndliche Arbeit zur Epistemologie religi\u00f6ser \u00dcberzeugungen im Sp\u00e4twerk G.&nbsp;W.&nbsp;F. Hegels vorgelegt hat. Die Arbeit, die 2022 von der Philosophischen Fakult\u00e4t der Eberhard Karls Universit\u00e4t T\u00fcbingen als Dissertation angenommen wurde, ber\u00fccksichtigt vor allem Hegels Vorlesungen zur Philosophie der Religion und zu den Gottesbeweisen. Die Vorlesungen wurden zu Lebzeiten Hegels nicht ver\u00f6ffentlicht, liegen aber in einem Manuskript von 1821 und Nachschriften von Studenten aus den Jahren 1824\u20131831 vor und sind inzwischen ediert worden. L\u00fccke zieht dar\u00fcber hinaus auch andere relevante Ausf\u00fchrungen aus dem Gesamtwerk Hegels heran, um ein umfassendes Gesamtbild zu zeichnen. Dabei setzt er sich nicht nur mit der einschl\u00e4gigen Literatur zur Hegel-Interpretation auseinander, er bringt dessen Denken auch in Verbindung mit gegenw\u00e4rtigen Diskussionen.<\/p>\n\n\n\n<p>In Teil I seines Werkes (29\u2013137) spannt er den Horizont der Ausgangsfragestellung auf, ob und unter welchen Bedingungen religi\u00f6se oder im engeren Sinne theistische \u00dcberzeugungen gerechtfertigt sein k\u00f6nnen. Dabei greift er den so genannten evidentialistischen Einwand auf, dass der Glaube an Gott nur gerechtfertigt sei, wenn er durch Argumente ausreichend gest\u00fctzt werde. Als m\u00f6gliche Antworten auf diesen Einwand stellt er die Ans\u00e4tze von Friedrich Heinrich Jacobi, einem Zeitgenossen Hegels, und von Alvin Plantinga dar, einem der einflussreichsten aktuellen Religionsphilosophen. In beiden F\u00e4llen h\u00e4lt er allerdings Hegels Ansatz f\u00fcr erfolgversprechender.<\/p>\n\n\n\n<p>Den Schwerpunkt der Arbeit bildet Teil II (139\u2013400), der sich mit Hegels Interpretation der Gottesbeweise besch\u00e4ftigt. L\u00fccke stellt jeweils zun\u00e4chst Kants Rekonstruktion und Ablehnung des kosmologischen, teleologischen und ontologischen Arguments dar, um dann Hegels Kritik an Kant und seine eigene Version der Gottesbeweise zu entfalten. Dabei legt L\u00fccke nicht nur eine plausible Interpretation Hegels vor, er bedenkt auch m\u00f6gliche Einw\u00e4nde und \u00fcberlegt Antwortm\u00f6glichkeiten aus einem hegelschen Ansatz heraus. Die Ausf\u00fchrungen sind oft ausgesprochen erhellend, k\u00f6nnen hier aber nat\u00fcrlich nicht im Einzelnen referiert werden. Es muss hier gen\u00fcgen, den Grundgedanken zu skizzieren, der nach L\u00fcckes Verst\u00e4ndnis in Hegels Ausf\u00fchrungen zu den Gottesbeweisen deutlich wird: Menschen verpflichten sich in ihren ganz nat\u00fcrlichen Erkenntnisprozessen immer schon implizit auf die Anerkennung der Existenz Gottes. Aufgabe der Gottesbeweise sei es lediglich, diese implizite Anerkennung explizit zu machen. Dabei verwendet Hegel die Worte \u201eGott\u201c, \u201edas Absolute\u201c, \u201eder absolute Geist\u201c, \u201edas Unendliche\u201c, \u201eder Begriff\u201c, \u201edie Idee\u201c als Synonyme. Der Kern etwa des kosmologischen Argumentes sei, dass jeder, der sich auf Endliches beziehe \u2013 und dies geschieht ja in allen mentalen Akten von Menschen \u2013 dies nicht tun k\u00f6nne, ohne sich implizit auf das Unendliche zu beziehen. Damit habe man sich auf die Anerkennung von dessen Existenz verpflichtet. In \u00e4hnlicher Weise kn\u00fcpfe das ontologische Argument, das f\u00fcr Hegel die zentrale Stellung innehat, an ein nat\u00fcrliches Ph\u00e4nomen unserer Erkenntnisprozesse an: Jeder Mensch erhebe mit jedem Aussagesatz einen Wahrheitsanspruch. Wer Wahrheitsanspr\u00fcche erhebe, der verpflichte sich damit auf die Anerkennung des absoluten Wahren, des absoluten Geistes. Wer dessen Existenz leugne, verwickle sich in einen Selbstwiderspruch, da er den Anspruch auf Wahrheit erhebe und gleichzeitig die Existenz der Wahrheit und deren Erkennbarkeit bestreite.<\/p>\n\n\n\n<p>Diese \u00dcberlegungen sind zwar faszinierend, aber keineswegs zwingend. Pirmin Stekeler-Weithofer, ein renommierter Hegel-Interpret, zieht aus den gleichen Beobachtungen ganz andere Schl\u00fcsse: F\u00fcr ihn ist Hegels \u201eGott\u201c nur eine personifizierte Ausdrucksweise f\u00fcr den Standpunkt der philosophischen Spekulation. Wir m\u00fcssen zwar davon ausgehen, dass die Wirklichkeit im Prinzip erkennbar ist, aber wir k\u00f6nnen diesen Standpunkt nicht realiter einnehmen, von dem aus wir die Wirklichkeit vollst\u00e4ndig und zutreffend erkennen k\u00f6nnten. \u201eGemeint ist nur: Wir k\u00f6nnen mit der Fiktion eines solchen Standpunktes sinnvoll operieren.\u201c (Pirmin Stekeler-Weithofer, <em>Hegels Analytische Philosophie. Die Wissenschaft der Logik als kritische Theorie der Bedeutung<\/em>, Paderborn: Sch\u00f6ningh, 1992, 422). Nun hat mich zwar die Lekt\u00fcre des vorliegenden Werkes davon \u00fcberzeugt, dass Hegel sich vermutlich von L\u00fccke besser verstanden f\u00fchlen w\u00fcrde als von Stekeler-Weithofer. Dessen Ausf\u00fchrungen machen aber deutlich, dass es keineswegs zwingend ist, dass wir uns mit unseren ganz allt\u00e4glichen kognitiven Prozessen auf die Existenz Gottes verpflichten.<\/p>\n\n\n\n<p>Der dritte und letzte Teil des Werkes (401\u2013570) wendet sich Hegels Verst\u00e4ndnis von Religion im engeren Sinne zu. Religion und Philosophie haben aus seiner Sicht denselben Gegenstand, n\u00e4mlich das Absolute. Die Religion hat diesen Gegenstand in der Form der Vorstellung, die Philosophie im Denken, im Begriff. L\u00fccke zeigt zwar, dass Hegel die Trennung von Vorstellen und Denken nicht vollst\u00e4ndig durchf\u00fchren kann, es bleibt aber bei einer klaren \u00dcberordnung der Philosophie: Sie hat (zumindest in ihrer vollendeten Gestalt) einen klaren Begriff des Absoluten, w\u00e4hrend die Religion dieses vor allem in metaphorischer Form beschreibt. Dennoch spielt Religion f\u00fcr Hegel eine wichtige Rolle in der Entwicklung des menschlichen Geistes. Wie oben dargestellt beziehen sich Menschen nach seiner Auffassung bereits in ihren elementaren kognitiven Akten implizit auf das Absolute. Dieser Bezug ist zun\u00e4chst aber v\u00f6llig unbewusst und die Religionen sind sozusagen ein Stadium in der Menschheitsentwicklung, in der das Absolute zumindest in bildhafter Form ins Bewusstsein tritt. Hegel sieht eine historische Aufw\u00e4rtsentwicklung in den einzelnen Religionsformen, die schlie\u00dflich im Christentum als der vollendeten Religion gipfelt. Allerdings hat auch das Christentum die Wahrheit nur in metaphorischer Form, die Aufgabe der hegelschen Philosophie ist es nun, diese Wahrheit auf den Begriff zu bringen. L\u00fccke stellt zu Recht fest, dass die (Um-)Deutungen christlicher Glaubensinhalte, die in diesem Prozess geleistet werden, es f\u00fcr manche Interpreten zweifelhaft sein lassen, \u201eob sich Hegel, wenn er von Gott spricht, tats\u00e4chlich auf dasselbe bezieht wie christliche Gemeinschaften\u201c (499). Und wer L\u00fcckes Darstellung der hegelschen Interpretation der Selbstbeziehung des Absoluten in der Trinit\u00e4t, der Sch\u00f6pfungsvorstellung und des S\u00fcndenfalls (445\u2013449) liest, wird sich vermutlich in diesen Zweifeln best\u00e4tigt sehen. L\u00fccke kann zwar Parallelen zwischen Hegels Gottesbegriff und manchen \u00c4u\u00dferungen etwa eines Thomas von Aquin aufzeigen, er vertritt auch im Gegensatz zum Mainstream der Hegelforschung mit nachvollziehbaren Argumenten die These, dass Hegel das Absolute als Person verstanden hat. Aber diese \u201ePerson\u201c unterscheidet sich doch wesentlich von dem, was die meisten Christen meinen, wenn sie von Gott sprechen: Bei Hegel ist das Absolute kein Gegen\u00fcber, kein \u201eDu\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Arbeit L\u00fcckes bietet eine umfassende, exegetisch \u00fcberzeugende Darstellung von Hegels reifer Erkenntnistheorie religi\u00f6ser \u00dcberzeugungen. Es ist zu erwarten, dass dieses Buch ein wichtiges Referenzwerk zu diesem Thema wird.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p><em>Dr. Ralf-Thomas Klein, Lehrbeauftragter f\u00fcr Wissenschaftstheorie und Lateinische Quellentexte an der FTH Gie\u00dfen<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>J. Winfried L\u00fccke: Religion und Denken. Die Epistemologie religi\u00f6ser \u00dcberzeugungen im Sp\u00e4twerk G.W.F. 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