{"id":2367,"date":"2024-10-16T19:48:40","date_gmt":"2024-10-16T19:48:40","guid":{"rendered":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=2367"},"modified":"2024-10-16T19:48:41","modified_gmt":"2024-10-16T19:48:41","slug":"christian-herrmann-hg-heimat-im-himmel-und-auf-erden","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=2367","title":{"rendered":"Christian Herrmann (Hg.): Heimat im Himmel und auf Erden"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Christian Herrmann (Hg.): <em>Heimat im Himmel und auf Erden. Theologisch-philosophische Aspekte der Heimatliebe<\/em>, N\u00fcrnberg: VTR, 2022, Pb., 360\u00a0S., \u20ac\u00a030,\u2013, ISBN <a href=\"https:\/\/www.buchhandel.de\/buch\/Heimat-im-Himmel-und-auf-Erden-9783957761569\" data-type=\"link\" data-id=\"https:\/\/www.buchhandel.de\/buch\/Heimat-im-Himmel-und-auf-Erden-9783957761569\">978-3-95776-156-9<\/a><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Heimat \u2013 das Wort kann sehr verschiedene Gef\u00fchle ausl\u00f6sen: Gedanken an eine unbeschwerte Kindheit \u2013 aber auch die Vertreibung durch Krieg und Not. Nicht zuletzt \u00fcberkommt wohl jeden ab und an, wenn wir freiwillig oder unfreiwillig unterwegs sind, die Sehnsucht nach der Heimat, das \u201eHeimweh\u201c. Interessant ist, dass \u201eHeimweh\u201c im <em>Historischen W\u00f6rterbuch der Philosophie<\/em> keinen eigenen Eintrag bekommen hat. Heimweh wird vielmehr unter dem Wort \u201eNostalgie\u201c abgehandelt (HWPh 6,934\u2013935). Nostalgie bedeutet ein Gef\u00fchl der R\u00fcckwendung zur Heimat, die durch selektive Erinnerung den Charakter einer heilen Welt bekommt, aber auch eine konstruierte Vermittlung des Gestern im Heute darstellt, um im immerw\u00e4hrenden Strom der Zeit wenigstens <em>einen <\/em>geschichtlichen Anker auszuwerfen. \u2013 Im Gegensatz zu diesen positiven Konnotationen ist der Heimatbegriff im 21. Jahrhundert eher problematisiert worden; er soll angeblich das Trennende betonen und somit eine Ursache von Gewalt zwischen sozialen Gruppenidentit\u00e4ten darstellen (5, Vorwort).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Theologe und Stuttgarter Bibliotheksdirektor Dr. Christian Herrmann hat die gesellschaftliche und kirchliche Diskussion aufgenommen und einen umfangreichen Aufsatzband \u00fcber das Thema \u201eHeimat\u201c bzw. \u201eHeimatliebe\u201c herausgebracht. Ersch\u00f6pfend kann das Thema \u201eHeimat\u201c gewiss nicht behandelt werden; im vorliegenden Aufsatzband \u00fcberwiegt die systematisch-theologische bzw. philosophische Herangehensweise (6).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Sammlung enth\u00e4lt zwanzig Beitr\u00e4ge von siebzehn Autoren. Herausgeber Herrmann steuert zwei Aufs\u00e4tze bei: \u201eDank, Bu\u00dfe und Verantwortung. Einf\u00fchrende Beobachtungen zur theologischen Begr\u00fcndung und Begrenzung von Heimatliebe\u201c (7\u201340) und \u201eHeimatliebe und Heimatsehnsucht. Beispiele der theologie- und buchgeschichtlichen Artikulation einer existenziellen Grundspannung\u201c (142\u2013174). Im ersten Essay erarbeitet Herrmann biblisch-theologische Grundgedanken zur Bedeutung von \u201eHeimat\u201c (H.) und Vaterland am Beispiel verschiedener Ethik-Lehrb\u00fccher. Ausgew\u00e4hlte konservative Philosophen werden zum Thema \u201ePatriotismus\u201c und \u201eVaterland\u201c gleicherma\u00dfen zitiert wie einige wenige Chor\u00e4le (27f, 35, 37 Anm. 130) H. ist eine \u201eheilsgeschichtliche Zwischenexistenz\u201c, f\u00fcr die Christen dankbar und verantwortlich sein sollen, die in ihrer Sinnhaftigkeit aber nicht die zuk\u00fcnftige himmlische H. ersetzt (169, 174).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wichtigen Aspekten des Themas widmen sich die drei Beitr\u00e4ge des belgischen Theologen Raymond R. Hausoul, der als Pastor in Kortrijk amtiert und als Gastdozent an der Evangelisch-Theologischen Fakult\u00e4t Leuven unterrichtet. Sein erster Beitrag widmet sich \u201eGottes Vaterlandsliebe. Sein Wunsch nach einem Zuhause auf Erden\u201c (41\u201352). Das Paradies bzw. der Garten Gottes deutet auf Gottes Willen, bei dem Menschen zu wohnen (47). Die zeitliche Heimat zeigt auf die vollendete Heimat mit dem Ziel der Verherrlichung Gottes durch sein Bild im Menschen (\u201eHeimat in Zeit und Ewigkeit\u201c, 339\u2013350, hier 350). Besonders die Architektur mittelalterlicher Kirchen weist auf die himmlische Heimat hin (191\u2013204).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Biblisch-theologische und -ethische Themen er\u00f6rtern die Aufs\u00e4tze von Alex Weidmann, \u201eDie Kirche als wanderndes Gottesvolk\u201c (88\u201398), Berthold Schwarz, \u201eChristliche Heimat in der Spannung zwischen irdischem Ort der Geborgenheit und der Pilgerschaft zum Himmel bei Gott\u201c (99\u2013120), Armin Wenz, \u201eEhe und Familie als Heimat\u201c (205\u2013219) und Friedemann Fritsch, \u201eBeheimatung und Mission. Zwei Merkmale des christlichen Glaubens im Kontext geschlossener Gesellschaften und ein Aufruf zum Handeln\u201c (247\u2013254). Spezifisch kirchengeschichtlich ist die Ausrichtung des Beitrags von Edith D\u00fcsing, \u201eOtto W. Hahn: Das \u201aHeimweh\u2018 von Jung-Stilling\u201c (175\u2013190).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die philosophisch-soziologische Fragestellung dominiert bei Heinzpeter Hempelmann, der ausgehend von einem Nietzsche-Zitat (\u201eWeh dem, der keine Heimat hat\u201c) das H.-Problem im Rahmen der Mindset-Theorie anhand der zehn Sinus-Milieus diskutiert (235\u2013246). Harald Seubert fragt in seinem Aufsatz \u00fcber \u201eSubsidiarit\u00e4t, Gemeinschaft und Kosmopolitismus\u201c, wie der Mensch \u201ein der globalen Welt zuhause sein kann\u201c (267\u2013283). Ebenfalls im Kontext des Globalismus der Gegenwart stehen die \u00dcberlegungen der Aufs\u00e4tze von Rolf Hille (284\u2013294, \u201eHeimat im globalen Dorf\u201c), Helmut de Craigher (295\u2013329, \u201eEntfremdung oder Heil in der globalen Heimat\u201c) und Bernd Villhauer (330\u2013338, \u201eWeltethos und Heimatf\u00e4higkeit\u201c).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Weitere Beitr\u00e4ge k\u00f6nnen nur erw\u00e4hnt werden. Sie behandeln Fragestellungen von Kirche, Christentum, Gesellschaft und Heimat: Elmar Nass, \u201eDas Paradoxon christlicher Kreuz- und Heimatskepsis. Ausdruck einer Identit\u00e4t(skrise)?\u201c (53\u201371); Friedemann Richert, \u201eEin gutes Leben braucht Heimat\u201c (72\u201387); Athanasios Vletsis, \u201eSynodalit\u00e4t und Autokephalie: ein unm\u00f6glicher Spagat? [..]\u201c (121\u2013141); Stefan Felber, \u201e\u201aDeine Sprache verr\u00e4t dich\u2018 (Mt 26,73). Muttersprache und Vaterland\u201c (220\u2013234); Christo J. S. Lombaard, \u201eNo Heimat is Heimat? Afrikaners in South Africa \u2013 The Lamb and the Wolf\u201c (255\u2013266).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Sammelband stellt eine Anthologie zum Thema H. \/ Heimatliebe mit teils weit auseinanderliegenden Schwerpunkten dar. Zwar wird besonders mit Alfred de Quervains Ethik und den zitierten Kirchenliedern zu H. \/ Vaterland im ersten Aufsatz von Christian Herrmann der christlich-praktische Aspekt der Spiritualit\u00e4t erw\u00e4hnt. Ein ausf\u00fchrlicher Beitrag \u00fcber Jung-Stilling hinaus w\u00e4re jedoch dringend notwendig gewesen. Der bayerische Landesbischof Hermann Bezzel, der unabh\u00e4ngig arbeitende Evangelist Samuel Keller, der Publizist und bedeutende Leiter des Evangelischen Allianz-Hauses in Bad Blankenburg Ernst Modersohn sowie der geistliche Schriftsteller und theologische Lehrer der Basler Mission und der Pilgermission Erich Schick: nicht nur sie, aber gerade auch diese stark rezipierten christlichen Autoren haben \u00fcber \u201eHeimat\u201c geschrieben. Drei Textproben sollen die Relevanz dieser Texte verdeutlichen:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das Leben als Reise von der irdischen zur ersehnten himmlischen Heimat ist vornehmlich Inhalt der evangelischen <em>Sterbelieder<\/em> wie in Paul Gerhardts \u201eIch bin ein Gast auf Erden \/ und hab hier keinen Stand; \/ der Himmel soll mir werden, \/ da ist mein Vaterland. \/ Hier reis\u2019 ich bis zum Grabe, \/ dort in der ewgen Ruh \/ ist Gottes Gnadengabe, \/ die schlie\u00dft all Arbeit zu. \/\/ Mein Heimat ist dort droben, da aller Engel Schar \/ den gro\u00dfen Herrscher loben &#8230;\u201c (EG 529, 1.7)<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ein im letzten Jahrhundert sehr bekanntes Beispiel war das Gedicht \u201eHeimat f\u00fcr Heimatlose\u201c des prominenten konservativen Berliner Theologen Rudolf K\u00f6gel. Es ist das Motto des historischen <em>Friedhofs der Heimatlosen<\/em>, der an den K\u00fcsten von Sylt tot aufgefundenen schiffbr\u00fcchigen Seefahrer. Der Friedhof wurde 1854 in Westerland angelegt. Die letzte Strophe des Gedichtes lautet: Wir sind ein Volk vom Strom der Zeit \/ gesp\u00fclt zum Erdeneiland, \/ voll Unfall und voll Herzeleid \/ bis heim uns holt der Heiland. \/ Das Vaterhaus ist immer nah, \/ wie wechselnd auch die Lose. \/ Es ist das Kreuz von Golgatha \/ Heimat f\u00fcr Heimatlose.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Eindr\u00fccklich hat sich der ebenfalls im 20. Jahrhundert viel gelesene Neuendettelsauer Diakonissenhaus-Leiter und sp\u00e4tere bayerische Landesbischof Hermann Bezzel zum Heimweh ge\u00e4u\u00dfert: \u201eHeimweh ist ein eigent\u00fcmlich Ding. Warum bekommt man\u2019s mehr, je \u00e4lter man wird? Der Mensch wei\u00df, sein Vaterhaus hat sich l\u00e4ngst geschlossen, das Heimatdorf hat auch ein anderes Gesicht bekommen \u2013 wo B\u00e4ume standen, sind jetzt \u00c4cker, und wo \u00c4cker waren, sind jetzt Wiesen, und die Gegend hat sich auch ver\u00e4ndert. Er geht durchs Dorf, niemand kennt ihn mehr; er kommt zur Kirche, niemand kennt er mehr; ein neues Geschlecht ist herangewachsen, nur er, meint er, sei der alte geblieben. Er besucht den Gottesacker, da sind die, mit denen er als Kind spielte und die ihm als Kind manche Freude bereiteten, die Ehrenfesten, die ihm einst die erste G\u00fcte erzeigten, der alte Lehrer, der alte Pfarrherr. Es ist alles vor\u00fcber und das Heimweh ist gewaltig.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Je \u00e4lter er wird, desto heimwehkr\u00e4nker wird der Mensch. Wenn er in eiliger Fahrt den Kirchturm seiner Heimat sieht, meint er, hier w\u00e4re er gl\u00fccklich. Tor, immer wo du nicht bist, ist dein Gl\u00fcck! Aber diese Heimwehkrankheit, die den alternden Menschen mit einer unentrinnbaren Gewalt umfasst, [..] weist \u00fcber sich hinaus: \u201aweit \u00fcber Berg und Tale, weit \u00fcber blaches Feld \/ schwingt es sich \u00fcber alle und eilt aus dieser Welt.\u2018 Ich merke ja, dass diese Heimwehkrankheit vor\u00fcbergeht an der Erdenheimat, die mir l\u00e4ngst sich schloss, um auf das Jerusalem hinauszuweisen, das droben ist. Je \u00e4lter der Mensch wird, desto leerer wird ihm die Erde, desto unbekannter seine Umgebung. [..] Aber umso gr\u00f6\u00dfer wird sein Verlangen: da will ich ewig wohnen und nicht nur als ein Gast! Das ist es, man wird heimat\u00e4rmer auf der Erde, damit die Sterne mehr leuchten. [..] Gott der Herr ist Sonne und Schild und der Herr Christus ist der Morgenstern, der nimmermehr untergeht! Lasst uns des Herrn Tod verk\u00fcndigen, bis er kommt!\u201c (Beichtreden, Neuendettelsau, 2. Aufl. 1925, 53f).<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Pfarrer Dr. Jochen Eber, Schriesheim<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Christian Herrmann (Hg.): Heimat im Himmel und auf Erden. 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