{"id":2379,"date":"2024-10-16T19:57:36","date_gmt":"2024-10-16T19:57:36","guid":{"rendered":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=2379"},"modified":"2024-10-16T19:57:37","modified_gmt":"2024-10-16T19:57:37","slug":"elke-hemminger-bildung-im-digitalen-wandel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=2379","title":{"rendered":"Elke Hemminger: Bildung im digitalen Wandel"},"content":{"rendered":"\n<p>Elke Hemminger: <em>Bildung im digitalen Wandel. Soziologische Perspektiven<\/em>, Stuttgart: Kohlhammer, 2023, Pb., 112\u00a0S.,\u00a0\u20ac\u00a027,\u2013, ISBN <a href=\"https:\/\/shop.kohlhammer.de\/bildung-im-digitalen-wandel-39560.html#147=19\" data-type=\"link\" data-id=\"https:\/\/shop.kohlhammer.de\/bildung-im-digitalen-wandel-39560.html#147=19\">978-3-17-039560-2<\/a><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p>Mit der fortschreitenden Digitalisierung tauchen neuartige Fragestellungen auf, zeitgleich versch\u00e4rfen sich altbekannte Herausforderungen. Elke Hemminger arbeitet als Professorin f\u00fcr Soziologie an der Evangelischen Hochschule Rheinland-Westfalen-Lippe im Fachbereich Soziale Arbeit, Bildung und Diakonie. Mit dem vorliegenden Titel bietet sie eine grundlegende Reflexion dar\u00fcber, wie der digitale Wandel das Verst\u00e4ndnis und die Praxis von Bildung ver\u00e4ndert.<\/p>\n\n\n\n<p>Zu Anfang schildert Hemminger in Kapitel 1 die prek\u00e4re Lage, in der sich viele Bildungsinstitutionen und -akteure in den letzten Jahren befanden. Im Kontrast zu g\u00e4ngigen Annahmen unterstreicht sie: (1.) Online-Lehre muss nicht blo\u00df die zweitbeste L\u00f6sung sein. (2.) Auch in digitalen R\u00e4umen sind soziale Interaktion und Bindungen m\u00f6glich. (3.) Digitalisierung hat nicht automatisch etwas mit Bildung zu tun. (4.) Medienbildung sollte Reflexionskompetenz statt marktorientiertes Wissen voranbringen. (5.) Lehrende w\u00fcnschen sich mehr inhaltliche, statt technische Unterst\u00fctzung. (6.) Bildung ist kein Allheilmittel im Umgang mit digitalen Medien.<\/p>\n\n\n\n<p>In Kapitel 2 definiert die Autorin das gesellschaftspr\u00e4gende Ph\u00e4nomen der Digitalisierung mit Blick auf Bildung als ein \u201awicked problem\u2018, f\u00fcr das es weder simple L\u00f6sungen noch Pr\u00e4zedenzf\u00e4lle gibt. W\u00e4hrend <em>Technik<\/em> urspr\u00fcnglich alltagstaugliche F\u00e4higkeiten oder ein Handwerk meinte, ist die heutige Gesellschaft massiv auf <em>Technologie<\/em> angewiesen. Technische Innovationen und gesellschaftlichen Wandel sieht Hemminger in einem zirkul\u00e4ren, wechselseitigen Verh\u00e4ltnis. Zugleich warnt sie vor drohender sozialer Ungleichheit, die im Fahrwasser neuer globaler, technologischer M\u00f6glichkeiten lauert.<\/p>\n\n\n\n<p>Erg\u00e4nzend dazu bietet Kapitel 3 Reflexionen zum <em>Bildungsbegriff<\/em>, der sich unterschiedlich f\u00fcllen l\u00e4sst. Zwar verweist der Terminus auf K\u00f6nnen und Wissen, doch sollte man ihn weder darauf begrenzen noch idealistisch \u00fcberh\u00f6hen. Die Autorin erinnert hierbei kritisch an die Bildungsideen der Aufkl\u00e4rungszeit, insbesondere Humboldts. Vor allem das \u201eLernen in Freiheit im Sinne der Aufkl\u00e4rung\u201c (37) k\u00f6nne inmitten sozialer, politischer und kultureller Umbr\u00fcche neue Bildungsprozesse beg\u00fcnstigen, die Gesellschaft stabilisieren und angemessen hinterfragen.<\/p>\n\n\n\n<p>Kapitel 4 kl\u00e4rt weitere Konzepte: <em>Digitalisierung<\/em> ist als Begriff ambivalent und oszilliert \u201ezwischen technischer Eindeutigkeit und der Vielf\u00e4ltigkeit sozio-kultureller Dimensionen\u201c (44). Damit verbunden ist die <em>digitale Transformation<\/em>, die an die neuzeitliche Betonung technischer Leistungskraft anschlie\u00dft. Mittlerweile sind digitale R\u00e4ume in die Infrastrukturen der Menschen \u201anat\u00fcrlich\u2018 integriert, als Erweiterung allt\u00e4glicher Erfahrungsr\u00e4ume. Im Anschluss an F. Stalder l\u00e4sst sich von einer <em>Kultur der Digitalit\u00e4t<\/em> sprechen: Gepr\u00e4gt von einer starken Referentialit\u00e4t, Gemeinschaftlichkeit und Algorithmizit\u00e4t produzieren Menschen verschiedenster \u00dcberzeugungen und Identit\u00e4ten unterschiedlichste Inhalte mit sozialer Bedeutung. So \u201ek\u00f6nnen zahlreiche Alternativen Anspr\u00fcche auf G\u00fcltigkeit und Legitimation erheben und \u00f6ffentlich um Anerkennung werben\u201c (50).<\/p>\n\n\n\n<p>Darauf aufbauend fragt Hemminger in Kapitel 5 nach der Zukunft von Lehren und Lernen. Hierbei geht sie auf die Perspektiven des Hagener Manifests zum <em>New Learning<\/em> ein und bespricht die Ergebnisse aktueller Bildungsstudien nach Corona. Diese wiederum vergleicht sie mit dem Konzept der Bildungstrends von O.-A. Burow und den <em>21st Century Skills<\/em> nach Robinson.<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00e4hrend die Autorin in Kapitel 6 exemplarisch und kritisch auf die schulischen Vorgaben zur Medienbildung in Baden-W\u00fcrttemberg eingeht, geht es in Kapitel 7 um n\u00e4chste Schritte. Anstatt die Digitalisierung als unaufhaltsame Naturgewalt zu sehen, der man sich still anpasst, betont Hemminger die M\u00f6glichkeit und Verpflichtung zur Mitgestaltung der Zukunft. Besonders zentral scheint ihr dabei die akademische Inter- und Transdisziplinarit\u00e4t, ebenso eine wachsende <em>Science and Technology Awareness<\/em> in der breiteren Gesellschaft und in der Hochschullehre.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit Blick auf die Bildungskultur in Deutschland (Tradition), auf aktuelle Defizite (Investition) sowie auf zuk\u00fcnftige M\u00f6glichkeiten (Innovation) wirbt Hemminger in Kapitel 8 f\u00fcr ein erweitertes Bildungssystem \u201ein Erg\u00e4nzung zu den traditionellen Strukturen\u201c (97). Gut ausgestattete <em>Bildungsoasen<\/em> k\u00f6nnten Lebens- und Erfahrungsr\u00e4ume bieten, in denen Menschen jeglicher Herkunft mithilfe von Bildungslotsen ein freies Lehren und Lernen zur M\u00fcndigkeit verfolgen. \u00dcberlegungen zur weiteren Umsetzung des Szenarios, Gedanken zum gesellschaftlichen Diskurs, zum Wesen demokratischer Toleranz und ein Literaturverzeichnis runden den Titel ab.<\/p>\n\n\n\n<p>Indem sie neben kulturellen Ph\u00e4nomenen auch gesellschaftliche Folgen und ethische Grundfragen diskutiert, pr\u00e4sentiert Elke Hemminger eine gelungene Einf\u00fchrung in ein wachsendes Forschungsfeld (vgl. A\u00dfmann\/ Ricken (Hg.): <em>Bildung und Digitalit\u00e4t<\/em>, Wiesbaden: Springer VS, 2023). Dabei skizziert sie griffig die Herausforderungen und potenziellen Handlungsfelder von Bildung in Deutschland und l\u00e4dt zu einem kritisch-strategischen Nachdenken \u00fcber den digitalen Wandel ein. Dies geschieht nicht immer linear stringent, daf\u00fcr aber thematisch logisch. Indirekt sensibilisiert die Autorin zudem f\u00fcr die Spannungen einer wachsenden Metamoderne. Somit bieten sich zahlreiche Anschlussm\u00f6glichkeiten f\u00fcr praktisch-theologische und gemeindep\u00e4dagogische \u00dcberlegungen.<\/p>\n\n\n\n<p>Theologisches Lehrpersonal und christliche P\u00e4dagogen werden sich von den Grundfragen und dem Potenzial der Studie zum Weiterdenken anregen lassen: Was kann und sollte christliche Bildung in einer Kultur der Digitalit\u00e4t umfassen? In welchem Ma\u00dfe und auf welchem Wege k\u00f6nnten sich Kirchen und Ausbildungsst\u00e4tten zu alternativen, wahrhaft christlichen Bildungsoasen entwickeln?<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p><em>Daniel Vullriede, M.A., Dozent am Bibelseminar Bonn und IBEI Rom<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Elke Hemminger: Bildung im digitalen Wandel. Soziologische Perspektiven, Stuttgart: Kohlhammer, 2023, Pb., 112\u00a0S.,\u00a0\u20ac\u00a027,\u2013, ISBN 978-3-17-039560-2 Mit der fortschreitenden Digitalisierung tauchen<\/p>\n","protected":false},"author":84,"featured_media":2380,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"colormag_page_container_layout":"default_layout","colormag_page_sidebar_layout":"default_layout","inline_featured_image":false,"footnotes":""},"categories":[6],"tags":[],"class_list":["post-2379","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-praktische-theologie"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2379","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/84"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=2379"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2379\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2381,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2379\/revisions\/2381"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/2380"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=2379"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=2379"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=2379"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}